Jugend&Kultur&Religion

Gymnasium  Bad Essen


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Madonna - Heilige oder Heuchler?

 

 

Verfasserin: Christine Gardemann 

 

Betreuende Lehrkraft: Michael Strunk

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Einfluss der Stars – theoretische Grundlagen

2.1. Theodor W. Adorno: "Resumée über Kulturindustrie"

2.2. Weiterführung und Erweiterung des Modells der Massenkommunikation

3. Madonna – die "Heilige Hure"

3.1. "Express yourself"- ein konzipiertes Image?

3.2. Madonna – "Like a Prayer"

3.3. Madonna- die "Heilige Mutter der Popmusik"

4. Das Madonna- Phänomen

4.1. Britney Spears und Xavier Naidoo

4.2. "Is God a DJ?" – mit Gott in die Charts

5. Der Einfluss der Stars – die Realität

5.1 Umfrageerläuterung und -ergebnisse

5.2 Auswertung der Ergebnisse

5.3 Beurteilung der Ergebnisse

6. Schlussbetrachtung

Bibliographie

 

 

1. Einleitung:

Als Teilnehmerin der "Deutschen Schülerakademie 2000-1" in Braunschweig belegte ich den Kurs "A Star is born". Hier vermittelten uns zwei Kursleiterinnen Grundlagen der Staranalyse und Imageforschung.

Als theoretische Modelle dienten uns Texte u.a. von Theodor W. Adorno, John Fiske und Hans-Otto Hügel, die uns zunächst einen Einblick in die Materie boten und uns dann als Grundlage dienten für die genauere Analyse von Videoclips, Filmausschnitten, Zeitungsartikeln und sonstigem –von der Presse geliefertem- Bildmaterial.

Die Gründe für meine Auswahl eben dieser theoretischen Texte für meine Arbeit finden sich in den Inhalten der jeweiligen Ausarbeitungen.

So ist Theodor W. Adorno historisch gesehen der erste deutsche Schriftsteller des letzten Jahrhunderts, der sich mit der Unterhaltungsliteratur beschäftigte, eigene Thesen entwickelte und somit eine eigene Schule der Kommunikationswissenschaften begründete (genauere Erläuterung im Kapitel 2.1).

John Fiske bezieht dabei die genaue dialektische Gegenposition im Vergleich zu Adorno:

In seiner Ausarbeitung ist der Konsument populärer Kultur im Besitz der "Macht" und auch bereit, diese auszuüben (vgl. Kapitel 2.2).

In dieser Hinsicht sind Adorno und Fiske die historische Grundlagen für Hans- Otto Hügel, der wohl die am tragfähigsten und vor allem die momentan aktuellste (aus dem Jahre 2000) Erarbeitung dieses Themenkomplexes bietet (vgl. Kapitel 2.2).

In meiner Arbeit möchte ich zunächst versuchen, einen Eindruck des "Stars" Madonna zu vermitteln- insbesondere im Bezug auf ihr "Bekenntnis" zur christlichen Religion und ihre Umsetzung desselbigen, um im Folgenden ausweitend heutige "Bekenntnisse" und ihre eventuelle Parallelität zu Madonna zu untersuchen.

Als Beispiele sollen hier vor allem Britney Spears und Xavier Naidoo dienen, daneben aber auch die deutschen Bands "Aquagen" und "Der Verfall", die im Jahre 1999 mit skandalträchtigen Videos und religiösen Texten Aufsehen erregten. Im Weiteren spielen andere Stars wie die "Band ohne Namen", Max Herre und Puff Daddy eine eher untergeordnete Rolle.

Da dieses Themengebiet in seiner praktischen Umsetzung kaum seriöses Textmaterial bietet, muss in dieser Arbeit außerhalb der theoretischen Grundlagen im Bezug auf Zitate und Inhalt vor allem Jugendzeitschriften wie der BRAVO, der "YAM!", der "Popcorn" usw. Glauben geschenkt werden.

 

 

2. Der Einfluss der Stars – theoretische Grundlagen

2.1 Theodor W. Adorno: "Resumée über Kulturindustrie"

Welchen Einfluss hat ein "Star"? Kann er Einstellungen und Verhalten seiner "Fans" wirklich entscheidend prägen oder verändern? Oder ist ein Star letztlich völlig ohne Vorbildscharakter?

Zur Beantwortung dieser Fragen nach dem Stareinfluss bieten verschiedene Modelle der Kommunikationstheorie einen jeweils unterschiedlichen Zugang.

Theodor W. Adorno beschreibt den Star in seinem "Resumée über Kulturindustrie" ( 1967) als "Mittel zum Zweck".

Die von Adorno so bezeichnete "Kulturindustrie", eine blockartige Gruppe von mächtigen Produzenten, deren Ziel die Manipulation der Massen ist, benutzt Stars als standardisierte Waren, um die Menschen in ihrem Interesse zu beeinflussen. Auch oder gerade weil Adornos These stark von seiner Biographie geprägt ist (Adorno erlebte die Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten und bezeichnete die umgangssprachlichen "Massenmedien" im Weiteren als demokratiefeindlich) wandten sich spätere Kommunikationswissenschaftler gegen seine Ausführungen, die den manipulativen Charakter der Kulturindustrie im Hinblick auf die zunehmende Verdummung der Massen in den Mittelpunkt stellten.

Zur Verdeutlichung für den nur scheinbar harmlosen Einfluss der Kulturindustrie nennt Adorno als Beispiel den Astrologen, der den Lesern einer Zeitschrift rät, heute vorsichtig Auto zu fahren. Diese Tatsache an sich schade noch niemandem, doch auf diese Weise werde zunehmend die Verdummung der Rezipienten gefördert; da "steter Tropfen den Stein höhlt." (S.345)

Adorno vergleicht den Gesamteffekt der Kulturindustrie mit dem einer Anti- Aufklärung und stellt dem kategorischen Imperativ Immanuel Kants (die Verantwortlichkeit des Menschens gegenüber seinem eigenen Tun) dem der Kulturindustrie entgegen: "Du sollst Dich fügen, ohne Angabe worein, fügen in das, was ohnehin ist, und in das, was, als Reflex auf dessen Macht und Allgegenwart alle ohnehin denken." (S.343)

In Adornos Kommunikationsmodell steht der Block der Produzenten an der Spitze; der Rezipient, der nach Adorno die ihm vorgesetzten, gefilterten Informationen in keinster Weise kritisch zu hinterfragen in der Lage ist, am unteren Ende des Modells.

Adornos Theorie ist zu kritisieren oder zu erweitern: Sie stellt die Kulturindustrie als einen quasi geschlossenen "Block" dar, die Produzenten seien sich untereinander einig- es handle sich um ein "lückenloses System" (S.337).

Indem Adorno Unterhaltungsprozesse als Massenbetrug auf die Formel bringt, dass "steter Tropfen" den "Stein höhlt", impliziert er ein Modell von Massenkommunikation und Medienkonsum: Ein Sender verschickt eine Botschaft (und zwar den Tropfen), die vom Empfänger (dem Stein) passiv aufgenommen wird und die diesen vollends bestimmt.

Die große Anzahl von "Flops" in der modernen Kulturindustrie lässt sich mit seinem Modell jedoch nicht erklären. In der Logik Adornos dürfte so etwas gar nicht vorkommen, da hier der Rezipient nicht in der Lage ist, auszuwählen, sondern lediglich akzeptiert, was ihm vorgesetzt wurde.

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass Adorno die Maschinerie der Kulturindustrie durchweg kritisch betrachtet und für machtvoller und gefährlicher hält, als sie auf den ersten Blick scheint; was wohl mit seiner Erfahrung des Nationalsozialismus und dessen Propagandamaschinerie zusammenhängt.

Doch auch unter Berücksichtigung dieses Aspektes bleibt eine Kernaussage festzuhalten:

Der Konsument populärer Kultur ist dem Einfluss der Kulturindustrie unterlegen.

Jedoch besteht kein Anlass, Adornos Theorie völlig zu verwerfen: In ihren Ansätzen zeigt sich der Versuch einer Sensibilisierung der Rezipienten für Macht- und Abhängigkeits- verhältnisse in der modernen Kulturgesellschaft.

 

 

2.2 Weiterführung und Erweiterung des Modells der Massenkommunikation

Der englische Soziologe John Fiske der Schule der "Cultural Studies" billigt dem Rezipienten die Macht zu, im Gebrauch letztlich zu entscheiden, welche Ware des von ihm als "Power-Block" bezeichneten Blockes der Kulturindustriellen zu populärer Kultur wird- der Rezipient ist also die Instanz, die über "Tops" und "Flops" entscheidet.

Obwohl Fiske von einem "Power-Block" spricht, ist dieser Begriff vielleicht etwas missverständlich:

Fiske sieht im Gegensatz zu Adorno keineswegs eine bestimmte Person oder Vereinigung in diesem "Block", sondern fasst hier alle Vertreter der dominanten Ideologie zusammen, die von Konkurrenz und Wettbewerb zerstreut sind.

Laut Fiske werden die "Waren" –also zum Beispiel ein Star, eine Platte, ein Film- erst dann zu populärer Kultur, wenn der Rezipient ihnen im Gebrauch Bedeutung zumisst.

Noch einen Schritt weiter geht Hans-Otto Hügel: Er sieht die Unterhaltung wertneutral als eine eigenständige Sparte an und bringt sie in einen Zusammenhang:

Hügel siedelt die Unterhaltung in der Mitte zwischen Kunst und Zerstreuung an. Wichtig für den "Erfolg" der Unterhaltung ist dann, ihre Position in der "goldenen Mitte" zu wahren.

Fällt sie –egal in welcher Richtung- aus diesem vorgegeben Rahmen, wird der Rezipient entweder intellektuell zu stark gefordert oder zu sehr unterfordert.

Als Beispiel führt Hügel den Zauberer an: Obwohl die Zuschauer wüssten, dass er keinesfalls in der Lage ist, z.B. ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, gingen sie eine stillschweigende Vereinbarung mit ihm ein und besuchten seine Vorstellung.

Ist die Vorstellung "zu gut" – geht der Zuschauer also davon aus, der Zauberer sei wirklich in der Lage, seine Assistentin zu zersägen- bekommt er es mit der Angst zu tun; sind die Tricks allerdings zu offensichtlich und durchschaubar, wird ihn die Vorstellung langweilen.

 

 

3. Madonna – die "Heilige Hure"

3.1 "Express yourself" – ein konzipiertes Image ?

"Meine Madonna"

Leicht bekleidet,

roter Mund,

oft beneidet,

Brüste rund.

Von kühl erotisch

elegant,

bis heiß und feurig

provokant.

Von billig verrucht

bis asiatisch betucht,

von preußisch korrekt

bis italienisch kokett.

Durch Tabulosigkeit erschreckend

und ihre mütterlichen Instinkte entdeckend

mit dem Kopf durch die Wand

so ist sie mir bekannt.

Dieses Gedicht von Beatrix Reisch (Teilnehmerin "Deutsche Schülerakademie 2000-1") verdeutlicht eigentlich schon alles, was Madonna als "Star" ausmacht: ihre Vieldeutigkeit.

Doch um mit einer wissenschaftlichen Analyse Madonnas im Sinne der "Cultural Studies" beginnen zu können, muss man sich vor Augen führen, wie diese überhaupt abläuft.

Die Grundlage ist hier das Verständnis des Stars als Medienfigur. Keineswegs darf man von der Analyse des Stars auf die dahinterstehende Person schließen: Die reale Person Madonna, Britney, Xavier hat mit der in den Medien vertretenen Figur nichts zu tun!

Über diese, "reale" Person gewinnt man nur Erkenntnisse bei einem persönlichen Treffen- was (leider) nur in den seltensten Fällen Realität wird.

Das Image eines Stars setzt sich dabei aus drei verschiedenen Bereichen zusammen, die bei einer Analyse zu gleichen Teilen berücksichtigt werden müssen.

Dazu gehören zum einen die Formulierung des Images durch den Star selbst bei seinen öffentlichen Auftritten, zum zweiten die Darstellung des Stars durch Texte und Bilder in den Medien und natürlich auch die Bedeutungszumessung der Rezipienten.

Den Star macht zu einem großen Teil seine Polysemie, seine Bedeutungsvielfalt aus, welche auch ein Grund dafür ist, dass manche Medienfiguren "echte" Stars und andere nur "bekannte Persönlichkeiten" sind (u.a. weil der Rezipient sich "langweilt").

Die Bedeutungspotentiale lassen sich in dem vom "Text", d.h. der "Ware" gegebenen Rahmen durch den Rezipienten frei interpretieren (Ist die Glatze von Fußballstar Carsten Jancker vom FC Bayern München ein Zeichen für die besondere Härte seines Spiels oder lediglich eine "praktische" Frisur?).

Diese Tatsache spielt im Verlauf der vorliegenden Arbeit besonders im Hinblick auf die Interpretation von Bildern und Videoclips eine entscheidende Rolle.

 

 

3.2 Madonna- "Like A Prayer"

Madonnas Werk setzt sich zusammen aus vielen verschiedenen Sparten der populären Kultur: Sie singt, tanzt, schauspielert, posiert für Fotobände und tritt in Fernsehsendungen und Zeitschriften (z.B. in Interviews) auf. Heute muss in erster Linie wohl die Musik als ihr Werk betrachtet werden.

Besonders im Videoclip zur Singleauskopplung "Like A Prayer" aus dem Jahre 1989 zeigt sich ein bewusstes Spiel mit der Frage nach Madonna´s Glauben oder Nicht- Glauben.

Dieser Videoclip ist vollständig durchgeplant; aufgrund von Madonnas "Vorgeschichte" ist davon auszugehen, dass keine Szene, kein Bild, keine Kameraeinstellung zufällig gewählt ist- in Anbetracht der Tatsache, dass sowohl Madonna selbst als auch den Produzenten und Regisseuren dieses Clips klar gewesen sein muss, welches Aufsehen er bei seiner Veröffentlichung erregen würde.

Im Videoclip spielt Madonna eine Frau, die einen rassistischen Überfall auf einen jungen Schwarzen beobachtet, zunächst wegläuft, sich dann aber besinnt, den Überfall meldet und somit zur Aufklärung des "Falls" beiträgt.

Offensichtlich soll hier Zivilcourage thematisiert werden- eigentlich ein von Kirchenseite her lobenswertes Ziel, doch die Umsetzung dieser Botschaft stieß dort keineswegs auf Zustimmung.

So verwendet Madonna zum Beispiel im Clip häufig das Symbol des Kreuzes:

Sie trägt eine Halskette mit eben diesem als Schmuck und tanzt in einer Einzelszene vor brennenden schwarzen Holzkreuzen.

Besonders letztere Szene hat dabei für den Rezipienten eine Doppelfunktion: Natürlich soll hier Madonnas tänzerisches Können gezeigt und vorgeführt werden- andererseits könnte diese Szene auch interpretiert werden als eine bildliche Umsetzung von Madonnas Einstellung zur Kirche.

Ebenso riefen viele kleinere Details die Kirchenoberen zum Protest auf: So werden alle Heiligenfiguren in der Kirche, in der Madonna Zuflucht sucht, von schwarzen Schauspielern dargestellt. Der Höhepunkt findet sich schließlich in der Verkörperung Gottes als schwarze Frau (während der Textzeile "Oh God, help me, I´m falling").

Jedoch zeigen sich bei genauerer Betrachtung des Clips auch vollkommen gegensätzliche Symbole. Madonna, auf ihrer Flucht vor der Verantwortung, stürzt auf einem Hügel und singt dabei im Bezug auf das Leben im Allgemeinen: "Life is a mistery- everyone must stand alone". Sie findet Zuflucht in einer katholischen Kirche, die nicht zufällig auf ihrem Weg erscheint, sondern die sie bewusst(!) aufsucht- während sie die Kirchentür hinter sich schließt, singt sie: "...and I feel like home".

Die Kirche als Ort des Schutzes und des Zuhauses bringt sie nach einem Gebet (Madonna kniet, ihre Kreuzhalskette in der Hand, vor den schwarzen Heiligenfiguren) zu der Erkenntnis, helfen zu müssen und den Vorfall bei der Polizei zur Anzeige zu bringen.

Mag diese Symbolik vielleicht noch dazu beigetragen haben, zumindest einigen Vertretern der katholischen Kirche ein wertneutraleres Urteil nahezulegen, "verscherzte" sich Madonna dieses eventuelle Verständnis für eine öffentlichkeitswirksame Umsetzung mit der Einwilligung, den Videoclip als Grundlage für ihre Werbekampagne des US- Softdrink- Unternehmens "Pepsi" zu verwenden (Quelle: 3sat- Portrait "Madonna", ohne Datum).

 

 

3.3 Madonna- die "Heilige Mutter der Popmusik"

Sowohl vor als auch nach der Veröffentlichung von "Like a Prayer" hatte Madonna stets mit ihrem Image als "Heilige Hure" kokettiert: Mal stellte sie in Interviews ihre streng katholische Erziehung in der Vordergrund und betonte, wie sehr eben diese ihr geholfen habe, den richtigen Weg einzuschlagen (vgl. 3sat- Portrait: "Madonna", ohne Datum) - dann wieder tanzte sie offenherzig in Strapsen und Lederlook auf der Bühne ("Girlie-Tour"), veröffentlichte einen Erotik- Fotoband ("Sex") und drehte anstößige Videos wie zum Beispiel auch "Justify my love" (1990), das offen Madonnas (scheinbare) sexuelle Vorlieben präsentierte.

Trotz vieler Eskapaden lässt sich Madonnas enormer Erfolg in den 80er Jahren erklären:

Madonna "passt" in die erfolgsbejahende Gesellschaft der 80er – und auch heute noch steht sie da als eine Frau, die es "geschafft hat": Nicht umsonst ziert sie das Titelblatt der Oktober-Ausgabe 2000 der Frauenzeitschrift AMICA mit der Bildunterschrift: "DU SCHAFFST ES! – Motivation, Karriere, Glück".

Doch wie sieht es aus mit Madonnas Einfluss auf ihre Fans? Die Zeitschrift "AMICA" sieht diesen als erwiesen an: "Und wie immer gilt: Heute an ihr, morgen als gut gemachter Luxusfake bei H&M, C&A, P&C" (AMICA 10/00, S. 72).

In der gleichen Ausgabe stellt die AMICA fest, Madonna liefere "Millionen Girlies die Ausrede, warum Kreuze an den Hals gehören" (a.a.O., S. 72).

Aber dieses sind modische Phänomene und wahrscheinlich ist dieser Einfluss auch wirklich kaum zu leugnen; doch diese Auswirkungen hat nicht ausschließlich Madonna: Genauso stehen heute Britney Spears für den nabelfreien Look und Christina Aguilera für falsche Schlangenprints. Dankbar nimmt die Modebranche diese Trends auf (siehe oben) und nutzt eine augenblickliche Begeisterung, um ausgefallene, edle oder "schlampige" Kleidung an das insbesondere junge und vielberufen beeinflussbare Zielpublikum zu bringen.

Doch inwiefern lassen sich diese Auswirkungen im modischen und somit ständig wechselnden Image vergleichen mit Auswirkungen auf Einstellungen und das Verhalten der Fans? Besonders im Zusammenhang mit Madonna ist diese Frage wahrscheinlich schwieriger zu beantworten als bei jedem anderen Star, an dem sich ein bestimmtes, d.h. "festes" Image feststellen lässt. Madonna und ihr Team erkannten jeweils früh die gerne als "Zeichen der Zeit" umschriebenen Trends und Verhaltensweisen, um sich optimal darzustellen und zu verkaufen.

Wie bereits erwähnt, ist dies auch oder insbesondere auf Madonnas öffentlich dargestellte Meinung zu Kirche und Religion zu übertragen. Vielleicht kann man von Fans noch erwarten, jeden modischen Trend ihres Idols "mitzumachen" (oder gesteht ein Fan vielleicht auch einen modischen Fehltritt seines Stars ein?), doch wenn der Star Meinungen "überzieht" wie andere Kleidungsstücke, können diese dann für glaubwürdig und ehrlich befunden werden?

 

 

4. Das "Madonna- Phänomen"

4.1 Britney Spears und Xavier Naidoo

Britney Spears:

"Zuallererst und vor allem danke ich Gott für das unglaubliche Abenteuer, für die Wünsche und Träume, die sich erfüllt haben. Gelobt seist Du, Herr!"

(Dankworte Britney Spears im Booklet ihres aktuellen Albums "Oops! - I did it again")

Xavier Naidoo:

"Es sind seine Strassen von jeher.

Seine Strassen von den Bergen bis ans Meer.

Seine Wege, und der Herr führt sein Heer

doch eure schlecht gebauten Pfade machen es dem Thronwagen schwer!"

(Singleauskopplung "Seine Strassen", 2000)

Nur zwei Beispiele von "Bekenntnissen" aus der heutigen Musikszene- beide völlig unterschiedlich: Während Xavier Naidoo auch in seiner Musik, d.h. seinen Texten direkt seine scheinbare Meinung offenbart, hält Britney Spears sich auf diesem Gebiet zurück und verlagert ihr "Bekenntnis" in einen anderen, die Printmedien betreffenden Bereich.

Xavier scheint in jeder Form öffentlich zu seinem christlichen Glauben zu stehen, nutzt diesen jedoch auch, um sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Auftritte wie bei Preisverleihungen, wenn Xavier sich weigert, den Award entgegenzunehmen bzw. ihn nur mit seinem Jackett als "Schutz" in die Hand nimmt; die Ablehnung von Autogrammwünschen mit der Begründung, nicht als Götze verehrt werden zu wollen, riefen Beobachter auf den Plan, die –wie z.B. die Jugendzeitschrift BRAVO- fragten "Xavier Naidoo: Gläubig oder durchgeknallt?"

Leider war zu diesen Vorfällen weder von Xavier Naidoos Plattenfirma oder seinem Fanclub trotz schriftlicher Bitte keine offizielle Erklärung für diese Einstellungen zu bekommen.

Die BRAVO verweist in der Novemberausgabe (Titelblatt: "Xavier mobbt seine Fans!") in ihrem Bericht auf verärgerte Fans hin, die angeblich aufgrund dieser Auftritte anfingen, an der Ehrlichkeit Naidoos im Hinblick auf die "Glaubensfrage" zu zweifeln.

Aber: Im Dezember musste die BRAVO diesen (Einzel-) Vorwurf zurückziehen. Unter der Überschrift "Fans stehen zu Xavier- Wir glauben an dich!" (50/1999) veröffentlichte die BRAVO hier Leserbriefe, die die Redaktion nach dem ("Anklage"-) Artikel erreichten. Neben dem Vorwurf der "arroganten Macken" in einem der Briefe zeigte sich, dass die meisten Fans Xavier seine Einstellung nicht übel nehmen. So schrieb z.B. Madeleine Link aus Schwabach: "Ich muss Euch sagen, dass ich das sehr gut finde, was Xavier Naidoo macht. Ich persönlich finde nämlich, dass aus dem Starkult fast schon ein Götzenkult geworden ist. Und da ich selbst gläubige Christin bin, finde ich Xaviers Einstellung supergenial!" (vgl. BRAVO 50/1999, S. 20).

Doch handelt es sich hier um engagierte Einzelmeinungen oder um das Bild, das in der breiten Öffentlichkeit von Xavier Naidoo präsent ist?

Im Gegensatz dazu scheint Britney Spears zu versuchen, auf eine ähnliche Art und Weise wie Madonna in den 80er Jahren, mit der Glaubensfrage zu kokettieren.

Mal begeistert sie mit Interviewaussagen wie dem Jungfräulichkeitsversprechen amerikanische "Moralhüter"- dann wiederum provoziert sie mit knappen Bühnenoutfits, offenherzigen Fotos à la "Lolita" und seit neustem erotischem Videoclip zu ihrer aktuellen Single "Don´t let me be the last to know".

Sowohl Britney als auch Xavier präsentieren ihren christlichen Glauben in der Öffentlichkeit- als Teil ihres Images, als Teil einer öffentlichen Werbekampagne.

Schenkt man Jugendzeitschriften wie der BRAVO oder "Yam!" Glauben, so scheint es jedoch bei einer zu übertriebenen Darstellung (Xavier Naidoo) oder zu widersprüchlichen Aussagen/ Auftritten (Britney Spears) an der Überzeugungskraft auf Publikumsseite zu mangeln. Selbst der ehemals kritikfreien Britney Spears scheinen einige Fans in der Zwischenzeit vorzuwerfen, sie präsentiere sich zu freizügig und sexy.

Auch die, die das Bekenntnis zur Jungfräulichkeit begrüßen, wurden immer wieder auf eine harte Probe gestellt. "Ist Britney zu sexy?" fragte die BRAVO bereits nach dem ersten Hit der damals 17- jährigen (BRAVO 16/1999, S. 4f.). Die Umwandlung der konservativen Schuluniform durch Overknees und geknotete Bluse ging damals bereits einigen amerikanischen "Jugend- und Tugendwächter[n]" (a.a.O., S.5) zu weit.

Unterstützt wurde der Eindruck der unmoralischen Minderjährigen durch eine Fotoserie des US- Musikmagazins "Rolling Stone", das Britneys Lolita- Image 1999 mit Fotos von ihr im Push-up-BH im rosa dekorierten Kinderzimmer vor einem Puppenschrank zusätzlich anheizte.

Auch im Jahre 2000 litt das "Sauberfrau"- Image: Paparazzi "erwischten"

die 19- jährige völlig betrunken mit verrutschtem Minirock nach einer Nacht in der Leipziger Disco "Moritzbastei" – die POPCORN versuchte, diesen "Ausrutscher" in der Februar- Ausgabe 2001 ins rechte Lichte zu rücken und begründete den Vorfall mit Britneys Sehnsucht nach ihrem Freund Justin (POPCORN 2/2001, S. 4f.).

Ebenso schockierten im Jahre 2000 diverse andere Bilder von Britney die Öffentlichkeit: Britney zeigt einem Paparazzo den "Stinkefinger", trägt ein T- Shirt mit der Botschaft "Fuck you!" und sonnt sich halbnackt auf einer Yacht.

Diese "Serie" setzte sich im Jahre 2001 fort: Britney provozierte bei den MTV- Awards mit einem Striptease auf der Bühne während ihres Auftritts.

Nach der BRAVO diskutiert nun auch die POPCORN (im Mai 2001) über die Frage "Dürfen Stars so sexy sein?" – weniger vor dem religiösen Hintergrund, doch aufmerksam im Bezug auf teilweise exhibitionistische Auftritte wie den der "deutschen Britney" Jeanette Biedermann bei "The Dome" (März 2001), als diese sich auf der Bühne vor johlenden Fans umzog. Bezeichnenderweise stellte die POPCORN am Ende ihres Reportes die Frage, ob Sex die Karriere wirklich langfristig fördere und wie weit diese Masche noch führen werde (Quelle: POPCORN 5/2001, S. 4-7).

Fraglich ist, inwieweit Britney und Xavier so ihre Images aufrechterhalten können- nach der "Autogrammaffäre" wurde es zunächst still um Xavier; Britney jedoch legt es auch nach Kampagnen wie die der "Yam!" gewollt auf öffentliche Provokation an, betont den Unterschied zwischen ihren Bühnenauftritten und ihr als Privatperson und posiert lächelnd mit Dauerfreund Justin Timberlake (der offiziell im Bezug auf Religion und Moral die gleiche Einstellung hat) für alle erdenklichen Boulevardblätter.

Insbesondere ihre Betonung der Jungfräulichkeit begeistert Organisationen wie "Wahre Liebe wartet", die in der Öffentlichkeit eben dieses Versprechen populär machen wollen und denen "Bekenntnisse" von öffentlichkeitswirksamen und anerkannten Stars wie z.B. Britney Spears gelegen kommen, um ein junges Zielpublikum zu erreichen.

Scheinbar scheint besonders der amerikanischen Mutterorganisation eben dieses dank Stars wie z.B. Jessica Simpson und Toni Braxton als Leitfiguren auch gelungen zu sein und immer noch zu gelingen. "Mehr als 2,5 Millionen" Jugendliche legten das folgende Gelübde bereits in den USA ab, rund 10.000 Jugendliche in Deutschland, Österreich und der Schweiz folgten:

"Hiermit verpflichte ich mich vor Gott, mir selbst, meiner Familie, meinen Freunden und meinem zukünftigen Ehepartner, bis zum Tage meiner Heirat sexuell rein zu bleiben!"

(Quelle: POPCORN 4/2001, S. 72f.)

Doch beeinflussen solche Einzelmeinungen auch die breite Masse der Fans?

 

 

4.2 "Is God a DJ ?" – mit Gott in die Charts

Nach Madonna, die man wohl zurecht als "Vorreiterin" ansehen kann, wenn es darum geht, die Glaubensfrage öffentlichkeitswirksam als Werbemittel für sich zu nutzen, Britney Spears und Xavier Naidoo ließen es sich in jüngster Zeit auch andere (z.T. deutsche) Acts nicht nehmen, das Thema "Gott" planmäßig zu benutzen, um in der Öffentlichkeit Aufsehen zu erregen.

So drehte die Gruppe "Die Allianz" (heute: "Band ohne Namen") zu ihrer Single "Boys" das dazugehörige Video in einem katholischen Nonnenkloster und bezog dieses auch in die Handlung mit ein. Im Clip, der auf das Keuschheitsgelübde der Nonnen anspielt, hält sich eine junge Schwester gerade nicht an eben jenes; ihrem Liebhaber –der vom Sänger der Band dargestellt wird- gelingt es nackt (!) jedoch, die Äbtissin zu versöhnen.

Der Sänger selbst verteidigte das skandalträchtige Video mit den Worten: "Wir wollen damit niemandem in seinem Glauben verletzen."

Nachdem im Jahre 1998 bereits die Gruppe "Faithless" (bezeichnenderweise zu deutsch: "glaubenslos") mit ihrem Techno-Trance- Stück "God is a DJ" einen Hit landete, gelang dieses 1999 auch deutschen und österreichischen Techno-Acts wie "E Nomine", "Aquagen", "Der Verfall" sowie "DJ Taylor and Flow", die mit Textpassagen wie "...und Gott tanzte" (DJ Taylor and Flow"), "... am vierten Tag erschuf Gott den Club- und die Menschen tanzten" ("Aquagen") und dem vertonten "Vater Unser" ("E Nomine"/ "Der Verfall") aufschreckten und provozierten.

Alle Acts äußerten sich jedoch unterschiedlich zu den Motiven ihrer Texte. Während "E Nomine" einen religiösen Hintergrund betonten und erklärten, sie wollten Jugendliche dem Gebet wieder näher bringen, umschrieben "DJ Taylor and Flow" den Tanzritus vieler Religionen als maßgeblich für die Beurteilung des Gehalts ihrer Texte.

Das Duo "Aquagen" erklärte ihre Botschaft als missverstanden: "In unserem Text geht es nicht um die Kirche oder den Glauben- sondern um einen Aufruf zum Feiern! Gott hat bestimmt nichts gegen tanzende Fans!" (alle Zitate aus der BRAVO 43/1999, S.6)

Aber haben diese Texte wirklich Einfluss auf die Haltung der Jugendlichen zu Kirche und Religion ?

 

 

5. Der Einfluss der Stars- die Realität

5.1 Umfrageerläuterung und -ergebnisse

In der Juli - Ausgabe der Jugendzeitschrift "Popcorn" (2000) bekennt Pop- Sternchen Britney Spears freimütig: "Ich hoffe, ich mache keinen Fehler und schaffe es, bis zur Ehe Jungfrau zu bleiben", um gleich darauf als Grund für ihre Entscheidung anzuführen: "Ich bin Christin, ich bete täglich und gehe in die Kirche".

Sicherlich "passt" diese Aussage perfekt in das Bild des netten Mädchens von nebenan aus dem konservativen Louisiana/ USA - ein im Vergleich zu Madonna gegensätzliches Image?

Doch wie groß ist der Anteil Wahrheit in dieser Aussage- und wie viel davon ist bloße Imagepflege, um einen weiteren Glanzpunkt auf das "saubere" Gesicht des werbeträchtigen Teeniestars zu projizieren?

Auch ein weiterer Aspekt ergibt sich bei der Betrachtung dieses Statements: hat solch eine Aussage heute Auswirkungen auf Hörer und potentielle CD- Käufer?

Indes die Zeiten, in denen ein Udo Jürgens mit seinem "Griechischer Wein" den Umsatz von eben diesem um 30% steigerte, vorbei sind, ist ein Einfluss des Stars auf seine Fans wohl nicht zu leugnen- in welchem Maße dieser besteht, dürfte zu untersuchen sein; doch interessant ist in diesem speziellen Fall auch, inwieweit Stars wie Britney Spears, die Backstreet Boys oder Madonna wirklich die Meinung zum christlichen Glauben beeinflussen können oder eventuell auch wollen. Sind alle "regelmäßigen" Hörer von Sängern wie zum Beispiel Xavier Naidoo, dessen "Seine Strassen" es bis fast an die Spitze der Deutschen Singlecharts schaffte, gläubig und leben ihren Glauben in der Form ihres Idols aus? Oder ist es heutzutage mittlerweile einfach nur "chic", sich zum christlichen Glauben zu bekennen, um einen neuen Akzent zu setzen im "Haifischbecken" der aktuellen Musikszene, um sich ganz einfach "abzuheben" von der breiten Masse der mehr oder minder talentierten Stars und Sternchen?

Um zumindest einen kleinen Einblick in diesen Themenkomplex zu gewinnen, führte ich an unserer Schule (Gymnasium Bad Essen) eine dementsprechende Umfrage in den Jahrgängen 7-11 durch. Dabei wählte ich aus den jeweiligen Jahrgängen zufällig eine Klasse aus, die dann den angeführten Fragebogen zu beantworten hatte.

Um die Umfrage repräsentativer zu gestalten, bat ich die Jahrgänge 9 und 10 (jeweils eine Klasse) der Realschule Bad Essen ebenso um das Ausfüllen meines Fragebogens.

Ich habe mich entschlossen, die Darstellung der Umfrageergebnisse an dieser Stelle in meinen Artikel einzubauen und nicht –wie eigentlich üblich- im Anhang zu platzieren, so dass mir die Möglichkeit bleibt, mich im Text selbst direkt auf einzelne Zahlen berufen zu können.

Die in den nachfolgenden Tabellen aufgeführten Ergebnisse in % sind aufgerundet, die eventuell zu 100% fehlenden Prozentanteile sind die Enthaltungen zu den jeweiligen Fragen.

Auch wenn einige wenige die Umfrage zu mehr oder minder kreativen Blödsinnigkeiten nutzten, kann die Umfrage in ihrer Gesamtheit als Querschnitt durch die Meinung der Jugendlichen im Moment gewertet werden:

Das Gymnasium Bad Essen ist ein ländliches Gymnasium und hat somit einen Einzugsbereich von etwa 20-25 km im Umkreis der Gemeinde Bad Essen.

Die Realschule Bad Essen besuchen Schüler aus einem Umkreis von etwa 15-20 km.

 

 

M1. Fragebogen :

- Gibt es einen Star, den du als dein persönliches Vorbild bezeichnen würdest?

- Gibt es einen Star, den du als Vorbild für andere bezeichnen würdest?

- Findest du Britney Spears´ Aussage, sie möchte bis zur Ehe Jungfrau bleiben, glaubwürdig?

- Glaubst du, Xavier Naidoo ist in Wirklichkeit genauso gläubig, wie er vorgibt zu sein?

- Findest du es "richtig" von Britney, Xavier & Co., dass sie ihren Glauben so öffentlich "vermarkten"?

Anmerkung zu den Fragestellungen:

Ich wählte bewusst Fragen, die auf die von mir untersuchten Stars (Britney Spears, Xavier Naidoo) hinwiesen, um besonders für diese entsprechende Zahlen als Grundlage verarbeiten zu können. Bei den letzten drei (Entscheidungs-) Fragen bat ich die Schüler zusätzlich um eine kurze Begründung ihrer Meinung, bei den ersten beiden Fragen sollten sie bei einer Zustimmung einen oder mehrere Stars benennen (eventuell auch hier mit einer kurzen Begründung).

 

 

M2. Gymnasium Bad Essen – Jahrgangs-/ Geschlechterspezifische Auswertung:

Tabelle 2.1

 

 

Tabelle 2.2

Gymnasium Bad Essen: Gesamtzahlen)

Frage:

Ja (%)

Nein (%)

Persönliches Vorbild?

31,6

63,2

Vorbild für andere?

42,7

51,3

Britney glaubwürdig?

9

88

Xavier glaubwürdig?

35

48,7

Verhalten richtig?

47,8

32,5

 

Tabelle 2.3

Gymnasium Bad Essen: Gesamtzahlen (geschlechterspezifisch

Frage:

Schüler (%)

Schülerinnen(%)

 

ja

nein

ja

nein

Persönliches Vorbild?

38,9

28

25,4

73

Vorbild für andere?

29,6

61,1

54

42,9

Britney glaubwürdig?

14,8

81,5

4

93,7

Xavier glaubwürdig?

24,1

59,3

30,2

39,7

Verhalten richtig?

46,3

31,5

49,2

33,3

 

M3. Vergleich: Gymnasium Bad Essen <-> Realschule Bad Essen (Jahrgänge 9 und 10)

Tabelle 3.1

Gymnasium Bad Essen: Klasse 9 und 10 gesamt)

Frage:

ja

nein

Persönliches Vorbild?

37,3

58,8

Vorbild für andere?

55

41,1

Britney glaubwürdig?

9,58

86,3

Xavier glaubwürdig?

37,3

45

Verhalten richtig?

58,8

17,6

 

Tabelle 3.2

Gymnasium Bad Essen: Klasse 9 und 10 (geschlechterspezifisch

Frage:

Schüler (%)

Schülerinnen (%)

 

ja

nein

ja

nein

Persönliches Vorbild?

50

42,3

24

76

Vorbild für andere?

42,3

53,8

68

28

Britney glaubwürdig?

19,2

76,9

0

96

Xavier glaubwürdig?

19,2

57,7

56

32

Verhalten richtig?

50

19,2

68

16

 

Tabelle 3.3

Realschule Bad Essen: Klasse 9 und 10 gesamt)

Frage:

ja

nein

Persönliches Vorbild?

23,7

76,3

Vorbild für andere?

26,3

71,1

Britney glaubwürdig?

13,2

76,3

Xavier glaubwürdig?

31,6

47,4

Verhalten richtig?

31,6

50

 

Tabelle 3.4

Realschule Bad Essen: Klassen 9 und 10 (geschlechterspezifisch

Frage:

Schüler (%)

Schülerinnen(%)

 

ja

nein

ja

nein

Persönliches Vorbild?

50

50

11,5

88,5

Vorbild für andere?

33,3

66,7

23,1

73,1

Britney glaubwürdig?

16,7

83,3

11,5

73,1

Xavier glaubwürdig?

33,3

41,7

30,8

50

Verhalten richtig?

50

41,7

23,1

53,8

 

 

5.2 Auswertung der Ergebnisse

Insgesamt haben die befragten Jugendlichen nur zu einem geringen Teil (knapp ein Drittel) ein wirkliches Vorbild im Bereich der populären Kultur; ein wesentlich geringerer Prozentsatz als wohl von den meisten angenommen wird.

Zur Bezeichnung eines Stars als "Vorbild für andere" konnten sich nur wenige mehr entschließen (42,7% der Befragten).

Doch lässt sich aus diesem Durchschnittsergebnis nicht auf einen Mangel an Vorbildern schließen: Hier zeigen sich deutliche Unterschiede in den verschiedenen Altersstufen.

Während der Jahrgang 7, Schülerinnen und Schüler im Alter von 12- 13 Jahren, denen man als Jüngsten im Allgemeinen die größte Beeinflussbarkeit unterstellt, überraschenderweise nur zu einem Sechstel einen Star als persönliches Vorbild angibt, sind dies im Jahrgang 8 (13-14 Jahre) und 9 (14-15 Jahre) für diese Umfrage überdurchschnittliche 54,4 bzw. 45 Prozent.

Dabei werden im Jahrgang 7 hauptsächlich Schauspieler als Vorbilder bezeichnet ( u.a. Kevin Costner, Julia Roberts und Tom Cruise), im Jahrgang 8 und insbesondere 9 dagegen Musiker wie Eminem, Samy Deluxe ("Dynamite Deluxe"), Marilyn Manson und Ville Valo ("HIM") oder Sportler wie Thommy Haas (Tennis) und Michael Zorc (Fussball).

Im Jahrgang 10 (15-16 Jahre), der prozentual im Durchschnitt liegt, werden ebenso wie besonders im Jahrgang 9 Musiker und Sportler genannt, wobei hier die Sportler den weitaus größeren Teil ausmachen. Die Schülerinnen und Schüler benannten neben den oben aufgeführten Sportlern zusätzlich Kobe Bryant (Basketball), Jürgen Klinsmann, Claudio Pizarro und David Beckham (Fussball).

Im Jahrgang 11 (16-17 Jahre) sprachen ähnlich wie im Jahrgang 7 nur wenige (15%) von persönlichen Vorbildern; hier waren die Schülerinnen und Schüler allerdings deutlich "schreibfauler" als ihre jüngeren Mitschüler und benannten lediglich einige Musikstars wie Noel Gallagher ("Oasis"), Madonna, Jennifer Lopez und Will Smith als ihre Vorbilder.

Im Bezug auf die Frage nach einem Vorbild für andere hielten sich die Jahrgänge 8- 11 im Durchschnittsbereich auf, lediglich der Jahrgang 7 billigte diesen Vorbildcharakter wie oben erwähnt nur wenigen Stars zu. Bezeichnenderweise wurde an dieser Stelle vermehrt auf das soziale oder politische Engagement einiger Stars hingewiesen; besonders die Jahrgänge 10 und 11 nannten an dieser Stelle einige Namen, darunter Sir Peter Ustinov, die irische Band "U2", Mutter Theresa und Lady Diana.

Besonders eindeutig fiel das Ergebnis zur dritten Frage nach der Glaubwürdigkeit des Jungfräulichkeitsversprechens von Britney Spears aus.

Auch wenn die Jahrgänge 8 und 10 den Durchschnitt etwas nach oben verlagerten, spricht der Anteil von lediglich 9% aller befragten Schüler deutlich gegen die Glaubwürdigkeit von Britney Spears. In allen Jahrgängen wurden hier ähnliche Begründungen für die Entscheidung dagegen angegeben: Sie sei "dafür nicht der Typ", wolle sich "wichtig machen", es passe nicht zu ihrer "sonstigen Selbstdarstellung" insbesondere im Bezug auf ihre Kleidung und überhaupt sei diese Einstellung "unrealistisch" und "nicht zeitgemäß" (Zitate aus ausgewählten Antworten).

Ganz anders präsentieren sich die Antworten im Bezug auf Xavier Naidoos vermeintliche Einstellung zum christlichen Glauben. Immerhin 35% der befragten Schülerinnen und Schüler geben an, dass sie Xavier glaubten, er sei wirklich so gläubig wie er vorgibt; wobei es hier (bis auf den Jahrgang 11) kaum Abweichungen vom Durchschnittswert in den verschiedenen Klassenstufen gab.

Während bei Britney viele Antworten immer wieder auf die "Imagepflege" hinwiesen, war bei Xavier an mehreren Stellen über jeden Jahrgang verteilt zu lesen, es müsse nicht "zwanghaft eine Strategie sein", schließlich könne er "nicht ständig lügen" und vor allem "Weshalb sollte er das erfinden?".

Auch wenn einige bemerkten, Xavier übertreibe es manchmal mit seiner Darstellung in der Öffentlichkeit ("Jeder nimmt Preise an!", Jahrgang 9), kommen doch viele zu dem Schluss, es könne "gut sein".

Überraschend viele Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums beurteilen das Verhalten von Britney, Xavier und anderen Stars als "richtig", wenn es darum geht, aus ihrem scheinbaren Glauben Profit zu ziehen. Immerhin 47,8% gaben an, dass Stars sich "halt irgendwie verkaufen" müssten, fast die Hälfte dieser tendierte in ihrer Begründung jedoch eher zu den Ansicht, Stars könnten ihre Fans "sowieso nicht so beeinflussen" als dass man es ihnen verbieten könnte, ihren Glauben derart zu propagieren. Und schließlich, so eine Schülerin des Jahrgangs 8, sei dies ja "eine gute Einstellung", somit also wert, an die Öffentlichkeit zu gelangen.

Doch zeigen sich bei der Beantwortung der Fragen nicht nur jahrgangs-, sondern auch geschlechtsspezifisch teilweise deutliche Unterschiede.

Während sich bei der Frage nach der Richtigkeit des Verhalten des Vermarktung ein eher ausgeglichenes Bild präsentiert (46,3% bei den Schülern im Vergleich zu 49,2% der Schülerinnen), trauen die Schülerinnen des Gymnasiums deutlich mehreren Stars einen Vorbildcharakter zu- jedoch nicht als eigenes, persönliches Vorbild (hier sind es nur 25,4%), wohl aber als Vorbild für andere (54% im Vergleich zu 29,6% der Schüler).

Besonders deutlich unterscheiden sich die Geschlechter im Bezug auf die Beantwortung der Frage nach der Glaubwürdigkeit Britney Spears´.

Während insgesamt immerhin 14,8% der Schüler davon ausgehen, dass in dieser Hinsicht eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht (bezeichnenderweise fallen die Begründungen für diese Entscheidung in den Bereich des bloßen Vertrauens, so z.B. "...weil sie es sagt", Jahrgang 10), sind die Schülerinnen deutlich (93,7%) davon überzeugt, bei dieser Aussage handle es sich um "Wichtigtuerei", sie bringe "Publicity"- lediglich 4% halten diese Einstellung bei Britney Spears überhaupt nur für möglich.

Besonders "schlecht" kommt Britney in den Jahrgängen 9-11 davon: Kein einziges (!) Mädchen dieser Jahrgänge nimmt Britney ihre Jungfräulichkeit ab (0,0%!). In den jüngeren Jahrgängen sind es immerhin noch 10 bzw. 12,5% der befragten Schülerinnen.

Fast gegensätzlich, jedoch wesentlich weniger stark ausgeprägt, stellt sich das Ergebnis zu Xavier Naidoo dar:

Während hier die Schüler zu einem Großteil (59,3%) davon überzeugt sind, Xaviers Einstellung sei "nur Show", hält die Richtigkeit dieser Aussage noch fast ein Drittel (30,2%) der Schülerinnen für möglich. Besonders die Schülerinnen des Jahrgangs 10 stechen hier mit 69,2% deutlich aus den sonstigen Durchschnittswerten hervor, im Jahrgang 11 sind es nur noch 10%.

Ein ähnliches Gesamtbild vermitteln die Umfrageergebnisse der Realschule Bad Essen, jedoch ist hier aufgrund der Durchführung der Umfrage lediglich in den Jahrgängen 9 und 10 nur ein Vergleich mit eben diesen Jahrgängen des Gymnasiums Bad Essen möglich (siehe Tabellen 3.1 bis 3.4).

Auf der Realschule ist die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die Vorbilder benennen, deutlich geringer als auf dem Gymnasium. Von den 23,7% mit persönlichem Vorbild und den 26,3%, die Stars als Vorbilder für andere benannten, zählten die meisten hier –ähnlich wie auf dem Gymnasium- Sportler und Musiker auf; hier rangierten Pete Sampras (Tennis), Markus Pelzer (Angeln) und "Dido" (Sängerin) zu den am meisten genannten Antworten.

Genauso wie auf dem Gymnasium in den Jahrgängen 9 und 10 rangen sich auch auf der Realschule im Jahrgang 10 weniger Schülerinnen und Schüler zur Benennung eines Vorbildes durch als im Jahrgang 9.

Im Gegensatz zu den Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums hielten die Schülerinnen und Schüler der Realschule die Aussage Britney Spears´, sie sei Jungfrau aus Überzeugung, zu einem größeren Prozentsatz als die Gymnasiasten für glaubwürdig (13,2% im Vergleich zu

9,8%); jedoch ist der Großteil der Befragten auch hier eher skeptisch (76,3%).

Bei der Beurteilung Xavier Naidoos gab es insgesamt fast keine Unterschiede zwischen Gymnasium und Realschule (31,6% RS im Vergleich zu 37,3% GY).

Doch auch auf der Realschule gibt es geschlechterbedingte Unterschiede.

Während 50% der Schüler ein persönliches Vorbild angaben, konnten sich dazu nur 11,5% der Schülerinnen durchringen; als Ursachen für ihre Entscheidung nannten die Mädchen beider Jahrgänge ähnliche Beweggründe: Sie halten "es nicht für nötig", ein Vorbild zu haben, verwirklichen "eigene Ziele" und "ich bin ich" sind nur einige Auszüge aus den Antworten.

Auf dem Gymnasium glaubten die Mädchen eher Xavier, die Jungs im Vergleich eher Britney. Bei Britney stellt sich bei der Betrachtung der beiden Geschlechter auf der Realschule ein ähnliches Bild dar (Schüler: 16,7%; Schülerinnen:11,5%); bei Xavier hingegen sind die Meinungen über eine eventuelle Glaubwürdigkeit seiner Aussagen geschlechterspezifisch hier kaum unterschiedlich (Schüler:33,3%; Schülerinnen: 30,8%).

Ein deutlicher Unterschied im Vergleich des Gymnasiums zur Realschule Bad Essen zeigt sich bei der Beantwortung der letzten Frage nach der Richtigkeit der Vermarktung des Glaubens: Während die Gymnasiasten der Klassen 9 und 10 sich mit mehr als der Hälfte ihrer Stimmen (58,8%) dafür aussprachen, entschlossen sich die Schüler der Realschule nur zu einem knappen Drittel (31,6%) für die gleiche Antwort.

 

 

5.3. Beurteilung der Ergebnisse

Was lässt sich aber nun aus diesen Ergebnissen schließen?

Vielleicht, dass die Gymnasiasten einfach "praktischer", "kapitalistischer" denken als die Realschüler (im Bezug auf die Frage nach der Vermarktung)?

Dass die Mädchen der Realschule insgesamt "vernünftiger" sind als die Jungs ("ich bin ich")?

Dass die "junge Generation" (z.B. der Jahrgang 7 des Gymnasiums) keine Vorbilder, welcher Art auch immer, mehr hat?

Oder vielleicht, dass die Realschüler im Bezug auf die Frage nach der Glaubwürdigkeit Britney Spears´ "naiver" sind als die Gymnasiasten?

Oder vielleicht sogar, dass die Gymnasiasten (und hier insbesondere die Mädchen) eher bereit sind, "ernsthafteren" Musikern wie Xavier Naidoo Glauben zu schenken als die Realschüler?

Mit Sicherheit nicht! Auch wenn bei dieser Umfrage insgesamt immerhin 155 Stimmzettel ausgewertet wurden, kann dies natürlich nur ein Meinungsquerschnitt sein, in dem, wie bei jeder größeren Umfrage, keineswegs allgemeine Bewertungen und Beurteilungen getroffen werden dürfen wie die obigen.

Doch lässt man dieses außer Acht, so ergibt sich doch ein generelles Bild, das zumindest einen kleinen Einblick in den wirklichen Einfluss der Stars bietet.

Insgesamt sind die Jugendlichen doch wohl eher weniger beeinflussbar als im Allgemeinen angenommen wird- ein Aspekt, der an und für sich positiv zu bewerten ist.

Was sich jedoch durchaus lohnt festzuhalten, ist die Tatsache, dass es scheinbar nicht nur darauf ankommt, wie sich ein Star äußert, sondern auch, inwiefern er seine Äußerungen glaubhaft vertreten kann.

"Passen" Aussagen und Handeln nicht zueinander, so wird beides unglaubwürdig- wie einem jeder gute Rhetoriker bestätigen wird.

An dieser Stelle bietet sich ein Abgleich mit den in den Anfangskapiteln behandelten theoretischen Grundlagen an.

Diese Umfrage zeigt deutlich, dass die Massenkommunikation nicht so abläuft, wie Theodor W. Adorno es in seinem "Resumée über Kulturindustrie" (1967) beschreibt: die Konsumenten populärer Kultur sind durchaus in der Lage, die ihnen vorgesetzte "Ware Star" kritisch zu hinterfragen (nach Adorno wäre weder Britney Spears´ Jungfräulichkeit noch Xavier Naidoos Christlichkeit in irgendeiner Form zu in Frage zu stellen).

Die Machtzubilligung von John Fiske an den Rezipienten scheint hier eher zu greifen:

Die Konsumenten populärer Kultur entscheiden über "Tops" und "Flops", die einen glauben Britney Spears, die anderen nicht- genauso wie bei Xavier Naidoo.

Wenn ich bereits in meiner Einleitung die These aufgestellt habe, das Massen-kommunikationsmodell Hans- Otto Hügels sei das am tragfähigsten, so bestätigt sich diese Annahme in Betracht der obigen Umfrageergebnisse.

Obwohl sich ein verhältnismäßig "riesiger" Teil der befragten Schülerinnen und Schüler deutlich gegen die Glaubwürdigkeit Britney Spears´ aussprach (immerhin 85,2% aller Befragten), wobei davon auszugehen ist, dass dieses Ergebnis so ähnlich auf ganz Deutschland zu übertragen ist, rangiert Britney Spears bisher sowohl mit einzelnen Singleauskopplungen als auch mit ihren bisherigen Alben immer an der Spitze der Charts, ihre Videos laufen auf Musikvideosendern wie VIVA und MTV tagtäglich ein ums andere Mal, ihre Konzerte in aller Welt sind innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft.

Und auch wenn der Stimmenanteil für die Glaubwürdigkeit von Xavier Naidoo ihn persönlich wohl auch nicht gerade froh stimmen könnte, verkauft sich sein neustes Projekt ("Söhne Mannheims") mit den gleichen religiösen Botschaften wie seine Solosingles zuvor (Auszug: "Sie ist nicht von dieser Welt, die Liebe die mich am Leben hält...") ausgesprochen gut.

Ein eindeutiges Indiz für die Thesen Hans- Otto Hügels: Wir als Konsumenten populärer Kultur gehen mit dem Künstler eine stillschweigende Vereinbarung ein.

Obwohl wir zu einem großen Teil sicher sind, dass Britney Spears keineswegs mehr Jungfrau ist und wir mit dieser Feststellung eigentlich auch sämtliche anderen Aussagen für zweifelhaft erklären müssten, sind wir bereit, uns auf ihr Spiel zwischen Jungfrau und "Bühnenvamp" einzulassen, diskutieren sogar in unseren Printmedien angeregt über Wahrheit oder Unwahrheit- Britney selbst oder ihre Produzenten haben damit ihr Ziel erreicht, mit neuen Bildern und Auftritten wird die öffentliche Diskussion in regelmäßigen Abständen wieder und wieder entfacht, um für die Konsumenten interessant zu bleiben und die Polysemie immer wieder aufs Neue zu betonen.

Obwohl wir nicht ganz sicher sind, ob Xavier Naidoo wirklich so gläubig ist, wie er vorgibt zu sein und obwohl damit eigentlich sämtliche Texte, die in diese Richtung abzielen, an Realitätsbezug verlieren, sind wir bereit, weiterhin seine CDs zu kaufen, seine Konzerte zu besuchen und seine gefühlvollen Balladen zu nutzen, um in der Alltagshektik vielleicht einmal nachzudenken über "Wichtigeres".

Würden beide jedoch auf einmal aus ihrem intertextuellen Rahmen herausfallen, ergäbe sich eine andere Situation:

Man stelle sich vor, Britney Spears gestehe morgen ein, sie habe ihr "erstes Mal" bereits erlebt; Xavier Naidoo erklärte, eigentlich glaube er nicht wirklich an Gott, aber es hätte sich gut verkauft, wie würden die "Fans" darauf reagieren?

Hält man sich an Hügels Theorien, so ergäbe dies schon ein mehr oder minder großes Chaos, früher oder später aber hätten sich die Rezipienten an die neue Situation gewöhnt und gingen wieder auf "ihre" Stars ein.

Nach einer groß angelegten "Schock"- Aktion einiger Jugendzeitschriften ergäbe sich passend zum heutigen Ruf nach "Credibility" wahrscheinlich eine Ermutigung von Seiten der Britney- Fans ( z.B.:"Endlich steht sie dazu!"), Erleichterung von Seiten der Xavier- Anhänger (z.B.: "Wenigstens ist er jetzt ehrlich und spielt seinen Fans nichts mehr vor!").

Tatsächlich lässt sich dieses Phänomen bereits an einigen aktuellen Beispielen belegen:

Bedenkt man die Hysterie einiger Boygroup- Fans im letzten Jahr, als ihre "Lieblinge", die Backstreet Boys, sich auf einmal zu ihren festen Freundinnen bekannten, und vergleicht man die aktuellen Verkaufzahlen mit denen vor dem "Outing", so bestätigt dies eben jenen Ruf nach Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit.

Insgesamt sind wir wohl fast alle bereit, in irgendeinem Bereich nicht auf genauen Tatsachen zu bestehen, sondern einen Teil ruhig um Dunkeln zu lassen, über den dann in der Öffentlichkeit munter diskutiert werden darf- schließlich wollen wir im wahrsten Sinne der Wortes "unterhalten" werden.

 

 

6. Schlussbetrachtung

In meiner Arbeit habe ich versucht, einen kleinen Einblick zu schaffen in die Welt der Massenkommunikation.

Besonders interessant gestaltete sich für mich der Abgleich der theoretischen Modelle, die teilweise (Adorno: 1967) schon eine lange Zeit zurückliegen, aber keineswegs an Bedeutung verloren haben mit der Realität.

Indirekt stellte ich fest, dass mein Bild vom "Funktionieren" der Massenmedien bereits vor meiner Auseinandersetzung mit Adornos Theorien gerade von eben diesen geprägt war- zwar nicht im Bezug auf eine eventuelle Demokratiefeindlichkeit und eine Massenmanipulation im Sinne der Nationalsozialisten, sondern ganz allgemein im Bezug auf die von Plattenfirmen, Produzenten und den Stars selbst gewollte Beeinflussung des Zielpublikums nach ihrem Interesse.

Als ich mich anfangs für das Thema "Heilige oder Heuchler?" entschied, bezweifelte ich, ob ich außerhalb des mir bekannten Phänomens Madonna noch genügend andere Stars finden könnte, die sich ebenfalls zum christlichen Glauben bekennen und die Auseinandersetzung mit diesem auch für sich nutzen.

Doch letztlich war ich erstaunt, wie viele völlig verschiedene Stars aus unterschiedlichsten Sparten der populären Kultur eben dieses praktizieren; sei es ein bewusstes Bekenntnis zum Glauben oder eine kritische Auseinandersetzung mit ihm.

In meiner Arbeit konzentrierte ich mich somit aufgrund meiner Anfangsidee von der Präsentation Madonnas auf Britney Spears und Xavier Naidoo, die ebenfalls Musiker sind.

Im Verlauf meiner Recherchearbeiten stieß ich in Zeitschriften, dem Internet und mündlichen Quellen überraschenderweise auf viele Zitate zur christlichen Religion besonders im momentanen Trendbereich HipHop, der schließlich den Begriff der "Credibility" (= Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit) prägte.

So betitelte die BRAVO vom 5. August 1999 ihre Reportage über den "Freundeskreis"- Frontmann Max Herre mit "Der Jesus von Benztown" (BRAVO 32/1999, S. 8f.), verglich befreundete Rapgruppen und Fans mit "Jüngern" oder "Pilgern".

In der gleichen Ausgabe erklärte der US- HipHop- Star "Puff Daddy": "Gott ist für mich der einzig wirkliche Star" (a.a.O., S. 24f.).

Bei einer von mir erstandenen CD der Hamburger Hip Hopper "Fettes Brot" stieß ich auf eine Strophe, die ich zunächst als Scherz betrachtete, die nach Austausch mit anderen "Fans" aber an Bedeutung gewinnt: der Leadrapper dieses Stückes steht eher dem Buddhismus nahe:

"Ich sitz grad´ beim Mittagessen eß´n leckeres Gericht. Es klingelt an der Tür und ich erschrecke mich. Mittagessen in den Augen, richtig sehen kann ich nicht, mach die Tür auf, jemand drückt mir eine Bibel ins Gesicht: "Hallo, mein Sohn. Ich wollte mit dir über Gott sprechen!" Und an dieser Stelle wollt´ ich das Gespräch abbrechen, doch der Typ redet weiter über Sein, über Schein, die Mundwinkel voll Schleim. Oh nein! Er kommt rein! "Sex vor der Ehe, das ist Sünde mein Sohn. Du sollst deine Unschuld bis zur Hochzeitsnacht schonen!" Er zeigt mir Bücher, bunte Bilder mit bibeltreuen Brüdern. Und er sagt zu mir: "Mein Sohn, willst du überleben, musst du mir etwas geben und Gebete reden." Er redet über Engel, über Himmel, über Erde. Er redet über Frieden und wie ich erlöst werde. Er lächelt mich an und sagt, wie glücklich er ist, und mir wird klar: der Typ heißt Schmidt und ist Christ! [...] Er redet und ich werde ohnmächtig – Baby, red´ mir eine Frikadelle ans Ohr!"

( Quelle: Fettes Brot - "Fettes Brot für die Welt": "Frikadelle am Ohr" [selber herausgehört])

Besonders im Bereich HipHop verwunderten mich Erklärungen wie diese: Die Frage ist, ob sich diese Stars schon zuvor Gedanken um Gott gemacht haben, oder ob dies auch nur eine "Masche" ist, um den Trend HipHop an ein möglichst breites Zielpublikum zu bringen.

Auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel dem Sport (US- Tennisstar Andre Agassi ist nur ein Beispiel für sich zum Christentum bekennende Sportler) oder dem Film ( US- Schau-spieler Mark Wahlberg bezeichnet sich selbst als gottesgläubig) tauchen immer öfter Menschen auf, die sich zum christlichen Glauben bekennen.

Ich stehe dabei zur Frage der Vermarktung des Glaubens eher kritisch: Ich denke zwar, dass es eine vernünftige Einstellung ist, zu seinem Glauben zu stehen und diesen auch in seiner Form zu leben; jedoch bin ich davon überzeugt, dass eine solche "Sache" wie der christliche Glaube eines Stars nicht in die breite Öffentlichkeit gehört, wenn der Star selbst nicht völlig dahintersteht und nur versucht, damit ein konzipiertes Image hervorzurufen.

Leider ist es aufgrund des Verständnisses der Stars als Medienfigur nicht möglich, diesen letzten Aspekt zu überprüfen, dafür wäre ein persönliches Treffen/ Gespräch vonnöten, das in den seltensten Fällen Realität wird.

Insgesamt würde ich jedem raten, dem Starkult eher kritisch gegenüberzustehen, selbstständig das Auftreten eines Stars in der Öffentlichkeit zu hinterfragen, um sich eine ganz eigene Meinung zu bilden.

Keineswegs sollte man sich in dieser Einschätzung von den Medien oder Freunden beeinflussen lassen; inwieweit man Stars tatsächlich Glauben schenkt, ist eine persönliche Einstellung und hängt mit der generellen Vorstellung der Starkonzeption eines jeden einzelnen zusammen.

Meiner Meinung nach bleibt es jedem selbst überlassen, wie er zu Bekenntnissen solcher Art steht, ob er Britney, Xavier, Puff Daddy und den diversen anderen Stars, die in Vertretung vieler anderer in der vorliegenden Arbeit eine Rolle spielten, Glauben schenkt und ihnen ihre "Outings" im wahrsten Sinne des Wortes "abkauft".

Ich persönlich möchte mir an dieser Stelle nicht anmaßen, über die Glaubwürdigkeit einiger Stars zu urteilen, Fakt ist für mich jedoch zumindest eine angebrachte Unsicherheit bei Widersprüchen oder Übertreibungen.

Deshalb kann ich mich im Zusammenhang mit Fragen dieser Art nur einer Schülerin des Jahrgangs 10 anschließen, die im Bezug auf die Richtigkeit dieses Verhaltens schrieb: "Ich glaube solchen Personen sowieso sehr wenig!"

Eine meiner Meinung nach "gesunde" Einstellung zum Startum, die verhindert, dass hier teilweise fast schon "Götzenkult" betrieben wird.

 

 

Bibliographie:

Schriftliche Arbeiten:

- Adorno, Theodor W. (1967): Resümee über die Massenkultur. In: Ohne Leitbild. Parva Aesthetica. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S.60-70

- Fiske, John (2000): Lesarten des Populären. Wien: Turia und Kant. Erstveröffentlichung: 1989

- Günther, Matthias (1993): Der Profi. Leitbild und Figur der Unterhaltung seit 1980. Hildesheim: unveröffentlichte Diplomarbeit

- Hügel, Hans- Otto (1993): Die ästhetische Zweideutigkeit der Unterhaltung. In: Montage a/v, Heft 2/1, S.119-141

- Hügel, Hans-Otto (2000): Sind Stars Personen oder Mythen? Begriff und Beziehung - von Star und Fan. Hildesheim: unveröffentlichtes Manuskript

Zankl, Hans Ludwig (1971): Image und Wirklichkeit. Osnabrück: A. Fromm

Zeitschriften:

- AMICA 10/2000 , Verlagsgruppe Milchstraße, Hamburg

- BRAVO 16/1999, 32/1999, 43/1999, 50/1999, 45/2000, 47/2000,

- POPCORN 8/1999, 7/2000, 12/2000, 2/2001, 4/2001, 5/2001

Bilder der Titelseite:

- http://www.3p.f2s.com (Bild Xavier Naidoo aus der "Harald- Schmidt-Show")

- http://www.madonnaextreme.com/style70.html (großes Bild Madonna)

- http://www.madonnaextreme.com/erotica/sex8.html (kleines Bild Madonna)

- http://www.geocities.com/britweb2000/brit192.jpg (Bild Britney Spears von den "MTV- Awards")

sonstige Quellen:

- CD "Fettes Brot für die Welt" (Fettes Brot 2000)

- Fernsehsender "3sat" : "Madonna - ein Portrait" (Videoaufnahme ohne Datum)

- Gedicht von Beatrix Reisch (Teilnehmerin "Deutsche Schülerakademie 2000-1")

- "Oops – I did it again" (Albumbooklet zu Britney Spears´ CD 2000)

- "Seine Straßen" (Singleauskopplung Xavier Naidoo, selber herausgehört)

- Umfrageergebnisse durch Auswertung der durchgeführten Befragung von 155 Schülern des Gymnasiums und der Realschule Bad Essen

 

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