Jugend&Kultur&Religion

Gymnasium Alfeldl


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Jugendliche entdecken den Kirchenraum
Untersuchung am Beispiel des Kunstprojektes Conversio

 

Verfasser: Benjamin Simon

 

Betreuende Lehrkraft: Karin Breuninger

 

 

Inhaltsverzeichnis

 

 

 

Einleitung: Themenfindung und Aufbau der Arbeit

Beschreibung von Conversio

A - Wie haben Jugendliche Conversio erlebt?

1. Die Befragung

1.1. Ziel der Befragung

1.2. Durchführung

2. Auswertung

2.1 Abschnitt A: Kirchliche Bindung der Jugendlichen

2.2 Abschnitt B: Bewertung von Einzelaspekten des

2.3 Kunstprojektes

2.4 Abschnitt C: Gesamtbewertung des Kunstprojektes

Gesamtbild der Teilbereiche

B - Das Potential des Sakralraumes Kirche

1. Hintergrund

1.1. Die Bedeutung des ‚Gebäudes Kirche’

1.2  Kirchenpädagogik als Möglichkeit den Kirchenraum zu erschließen

1.3 "Stellenwert der Kirchenpädagogik", Interview mit Dr. Thomas Klie, Göttingen

2. Konkretisierung am Beispiel Conversio

2.1 Betrachtung von Conversio unter Berücksichtigung von 1.1 und 1.2

 

Anhang

1.1. "Jugendliche bei Conversio", Interviews mit
- Superintendent W. Pohlmann, Alfeld
- StR’. K. Breuninger, Alfeld

1.2. "Kirchenpädagogik bei Conversio und Perspektiven von Kirchenpädagogik über Conversio hinaus", Interviews mit
- Superintendent W. Pohlmann, Alfeld
- StR’. K. Breuninger, Alfeld

II. Literaturverzeichnis

III. Fragebogen

IV. Offizielle Projekt-Auswertung von Conversio (W. Pohlmann)

V. Versicherung der selbstständigen Erarbeitung

VI. Danksagung

 

Einleitung

1. Themenfindung

Jugend & Kultur & Religion – am Beginn meiner Arbeit stand die Suche nach einem Thema, das möglichst exakt diesen drei Anforderungsbereichen entsprach.

Ich stieß auf ein regionales Expo-Projekt der Hannoverschen Landeskirche, die Lichtinstallation "Conversio" in der Alfelder St. Nicolai-Kirche. Unterschiedliche Texte wurden mit Hilfe modernster Lasertechnik in verschiedene Teile des Kirchenraumes projiziert und ließen so den Kirchenraum im wahrsten Sinne des Wortes "in einem anderen Licht erscheinen".

Conversio bot die Möglichkeit, alle drei Bereiche des Wettbewerbs abzudecken: Mehrere Schülergruppen der Orientierungsstufe, der BBS und des Gymnasiums in Alfeld hatten das Projekt besucht (Jugend), es handelte sich um eine Arbeit einer international renommierten Künstlerin (Kultur), und es fand in einer Kirche statt bzw. wurde vom Kirchenkreis Alfeld veranstaltet (Religion).

2. Aufbau der Arbeit

Nach einer knappen Beschreibung des Kunstprojektes Conversio folgt der erste Hauptteil meiner Arbeit. Mit Hilfe eines Fragebogens habe ich untersucht, wie Jugendliche Conversio erlebt haben, was sie positiv oder auch negativ bewerten.

Im zweiten Hauptteil meiner Arbeit habe ich versucht zu benennen, wo die Ursachen für die im ersten Teil gefundenen Bewertungen der Jugendlichen lagen. Dabei nahm der Kirchenraum zunehmend größere Bedeutung ein, und beim Umsehen nach entsprechender Literatur zum Thema Sakralraum stieß ich sehr bald auf den Begriff der Kirchenpädagogik. Dieses wurden dann die beiden wesentlichen Punkte des zweiten Teiles meiner Arbeit: Die Bedeutung des Gebäudes Kirche, und Kirchenpädagogik als Möglichkeit, eben diesen Kirchenraum zu erschließen.

An das Kapitel über die Kirchenpädagogik schließt sich ein Interview mit Pastor Dr. Thomas Klie aus Göttingen an, der Herausgeber eines Buches zum Thema Kirchenpädagogik ist und sich in seiner Zeit am Religionspädagogischen Institut in Loccum auf dem Feld der Kirchenpädagogik profiliert hat.

Den Abschluss der Arbeit bildet schließlich wieder Conversio. Die in den vorangegangenen Kapiteln herausgearbeiteten Erkenntnisse über den Kirchenraum und die Kirchenpädagogik habe ich versucht, bei Conversio wiederzufinden.

Beschreibung des Kunstprojektes Conversio von Magdalena Jetelová in der St. Nicolai-Kirche zu Alfeld

Die Alfelder St. Nicolai-Kirche, in der Nähe des Alfelder Marktplatzes gelegen, ist eine spätgotische Hallenkirche, deren romanische Vorläufer im 13. Jahrhundert liegen. Charakteristisch für St. Nicolai ist die Doppelturmfassade, wie auch das aus dem 16. Jahrhundert stammende Satteldach der Kirche. Von der einstmaligen Zweigeschossigkeit der Kirche blieb nach zwei Restaurierungen des Innenraums, 1888-92 und 1977/78, nur noch der Kapellenraum über der Sakristei erhalten. Mit der Restaurierung ab 1970 wurde der Innenraum stärker strukturiert, so dass die Gewölbegurte, Rippen und Schlusssteine deutlich hervortreten.

"Conversio", ein regionales Expo-Projekt der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, machte sich die oben erwähnte Strukturierung des Kirchenraumes unter dem Leitthema ‚Zeit-Zukunft-Hoffnung’ zunutze.

Die international renommierte Künstlerin Magdalena Jetelova inszenierte dort in der Zeit vom 01.10. bis zum 15.10.2000 mit Hilfe der Lasertechnik dynamisch bewegte Wortbilder aus Licht, Farbe und Schatten auf dem Ostchor im Hauptschiff, der Stirnseite des südlichen Seitenschiffs mit dem darüber gelegenen Kapellenraum sowie im Gewölbe und auf den Pfeilern der Kirche.

Die projizierten Texte, die in Abstimmung mit der Künstlerin von einer Gruppe vor Ort ausgewählt wurden, entstammten sowohl dem theologischen wie auch philosophischen und literarischen Textfeldern. Die projizierten Texte sind im Anhang enthalten.

Sowohl die Texte als auch die Art der Projektion wurde an jedem Wochentag anders gestaltet, wobei nach einer Woche das Programm wiederholt wurde. Die Laserprojektionen fanden meist am späteren Abend, in der Regel ab 19.00 Uhr, statt, und dauerten bis zu eineinhalb Stunden, wobei in dieser Zeit die Inszenierung mehrmals wiederholt wurde. Begleitet wurde Conversio von einem umfangreichen Rahmenprogramm, das aus Konzerten, einer Tanzvorführung, einer Feuershow vor der Kirche, aber auch aus Vorträgen und Gesprächsangeboten zu Conversio bestand.

Parallel zur Inszenierung in der Kirche wurde an jedem Abend auch ein Schriftzug in Laufschrift von einem der Türme der Nicolaikirche aus auf den 150 m hohen Schornstein der Sappi-Fabrik am Rande der Alfelder Altstadt projiziert, so dass Conversio also nicht nur in der Kirche stattfand, sondern auch den säkularen Raum der umgebenden Stadt mit einbezog.

Der Titel "Conversio" mag zunächst verwirren, doch ist er nach Ansicht der Künstlerin ausdrücklich nicht in seiner theologischen Bedeutung, also der der "Bekehrung" gedacht.

Der Kurator des Kunstprojektes, Dr. Udo Liebelt aus Karlsruhe, beschreibt den Titel im seinem Eröffnungsvortrag zu Conversio wie folgt: "Magdalena Jetelova hat ihrem für St. Nicolai in Alfeld geschaffenen Kunstraum den Namen Conversio verliehen. Das hat mit unserem konfessionellen Verständnis von Konversion [....] nichts zu tun. Vielmehr zielt der Titel auf die Umwandlung des Kirchenraumes in einen, wie die Künstlerin es [....] nennt, zivilen Raum ab. Die Raumkonstruktion besteht in der wechselseitigen Durchdringung, in der Verschränkung zwischen Innen und Außen von St. Nicolai. [....] Von daher war es eine wichtige Entscheidung, der Lichtinstallation im Innenraum von St. Nicolai eine nach außen, auf den Schornstein der Papierfabrik gerichtete Lichtinstallation korrespondieren zu lassen. ‚St. Nicolai, der Ort’ und ‚Kirche in der Stadt’, wie Wolfhard Pohlmann [....] seinen Katalogbeitrag überschreibt, bezieht sich auf diese Grundidee von Conversio."

Die hier verwandten Bilder stellen logischerweise nur eine Auswahl aus den zwei Wochen der Ausstellung dar. Eine umfassendere bildliche Dokumentation, der auch die hier abgebildeten Aufnahmen entnommen sind, ist sowohl im Katalog zu Conversio sowie auf einer CD-ROM zum gleichen Thema erschienen. Die offizielle Auswertung durch den Veranstalter, die auch Auskunft gibt über die Besucherzahlen sowie die Finanzierung - die Gesamtkosten liegen bei weit über 100.000 DM -, ist im Anhang enthalten.

 

A Wie haben Jugendliche Conversio erlebt?

1.   Die Befragung

1.1 Ziel der Befragung

Die im folgenden dokumentierte Befragung hatte zum Ziel, zu erforschen, wie das Kunstprojekt "Conversio" in der Alfelder St. Nicolai-Kirche von den jugendlichen Besuchern gesehen bzw. bewertet wurde. Schülergruppen des Gymnasiums, der BBS und der OS Alfeld besuchten die Lichtinstallation an verschiedenen Tagen in der Zeit vom 01. bis zum 15. Oktober 2000.

Untersucht werden sollten drei Hauptpunkte:

  1. Wie beurteilen die Schülerinnen und Schüler Conversio, das ein "besonderes" kirchliches Angebot darstellt?
  2. Hängt die Beurteilung von Conversio durch die Schülerinnen und Schüler damit zusammen, ob diese ein enges oder eher distanziertes Verhältnis zur Kirche haben?
  3. Gibt es Teilaspekte von Conversio, die von den Schülerinnen und Schülern besonders positiv oder negativ erlebt wurden?

       

2.   Durchführung

Die Befragung wurde anhand von Fragebögen unter 68 Jugendlichen zwischen 15 und 21 Jahren im Rahmen des Religionsunterrichts durchgeführt. Aus technischen Gründen wurden lediglich Schülerinnen und Schüler des Alfelder Gymnasiums und der BBS Alfeld befragt. Die Befragung fand erst vier Wochen nach Ende des Projektes statt. Dieses schien zunächst ein Nachteil zu sein. Allerdings zeigte sich während der Auswertung, dass die Eindrücke der Befragten von Conversio sehr detailliert waren. Daraus lässt sich ableiten, dass man bei "Conversio" durchaus von einer Langzeitwirkung sprechen kann.

Der Fragebogen war in drei Abschnitte unterteilt. In Abschnitt A sollten Daten wie Alter, Schulform, Konfession und Nähe zur Kirche des oder der Ausfüllenden ermittelt werden. Abschnitt B bezog sich dann direkt auf die Eindrücke von Conversio. Einzelaspekte sollten mit Schulnoten bewertet werden. Weiter war zu sehen, wie sehr die Textinhalte bzw. die Darstellung der Texte, gerade auch angesichts des Zeitraums, der zwischen Besuch und Fragebogen lag, noch im Gedächtnis geblieben waren. Schließlich war es in diesem Abschnitt möglich, die ganz individuellen Erinnerungen an Conversio mit eigenen Worten wiederzugeben.

Abschnitt C hatte dann eine Wertung des gesamten Projektes Conversio zum Ziel, verbunden auch mit der Frage, ob der oder die Ausfüllende wieder ähnliche Veranstaltungen besuchen würden.

     

1. Auswertung

Es wurden, wie bereits erwähnt, 68 Schülerinnen und Schüler befragt, wobei der überwiegende Teil aus dem Alfelder Gymnasium kam. Im Folgenden werden die Ergebnisse beider Schulformen jeweils zusammengefasst, da sich keine entscheidenden Unterschiede zwischen BBS und Gymnasium feststellen ließen. Gleiches gilt für das Alter der Befragten.

2.1 Abschnitt A: Kirchliche Bindung der Jugendlichen

79% der Schülerinnen und Schüler gehörten der evangelischen Kirche an, 9% waren katholisch, 12% entweder Mitglied der Neuapostolischen Kirche, des Islam oder ohne Bekenntnis. 78% der Befragten gaben an, dass sie selten oder nie kirchliche Veranstaltungen besuchen, 22% nannten ihren Besuch kirchlicher Veranstaltungen ‚häufig’ oder ‚regelmäßig’. Ein ähnliches Bild ergab sich bei der Frage nach der kirchlichen Mitarbeit; hier gaben 18% der Schülerinnen und Schüler an, sich kirchlich zu engagieren.

 

2.2 Abschnitt B: Bewertung von Einzelaspekten des Kunstprojektes

efragt wurde hier nach Teilaspekten von Conversio, die in Schulnoten zu bewerten waren. Zunächst ist festzustellen, dass sämtliche Teilaspekte sehr hohe Noten erhielten. Am positivsten wurde die Technische Umsetzung mit Hilfe der Lasertechnik benotet (2,25), die Textauswahl (2,57) und die Atmosphäre in der Kirche (2,74). Den deutlich schlechtesten Wert (3,36) erhielt die Hintergrundmusik. Unter besonderen Gesichtspunkten ist die Bewertung des Rahmenprogramms zu sehen (2,6), da lediglich 22% der Schülerinnen und Schüler daran teilgenommen haben. Diese bewerteten die von ihnen besuchten Veranstaltungen, bei den meisten handelte es sich um die Tanzvorführung, sehr positiv, wie der ermittelte Wert zeigt. Dass die große Mehrheit die begleitenden Angebote nicht wahrnahm, hat mehrere Gründe, die im weiteren erläutert werden.

Bei der Frage, welche Projektion sie gelungener fänden, also Nicolai-Kirche oder Sappi-Schornstein, entschieden sich 42% dafür, beide gleich zu bewerten, 27% fanden St. Nicolai gelungener, eine fast entsprechende Zahl von 31% fand die Buchstaben auf dem Fabrikschornstein eindrucksvoller.

Die durchweg positive Bewertung der technischen Umsetzung (s.o.) spiegelte sich auch in der Frage wider, was den Schülerinnen und Schülern eindrücklicher in Erinnerung geblieben war: die Textinhalte oder deren Darstellung. Hier sprachen sich 39% für die Darstellung aus, lediglich 16% für den Textinhalt, die knappe Mehrheit (45%) bewertete beides gleich.

Besonders positiv hervorzuheben ist nun die Kombination der Fragen, die es erlaubte, Rückschlüsse darauf zu ziehen, wie detailliert die Jugendlichen sich wirklich noch an Conversio erinnern konnten. Durch die Frage nach dem Tag, an dem der oder die Befragte das Projekt besucht hatte, war es möglich zu überprüfen, ob die Angaben betreff Farbe und Textzeile korrekt waren. Wenn man bedenkt, dass zwischen Projektbesuch und Befragung mindestens vier Wochen lagen, oft sogar mehr, ist es eindrucksvoll, dass die deutliche Mehrheit der Jugendlichen sowohl die Textzeile als auch die Farbe richtig angab (65%). 16% gaben nur die Textzeile richtig an, 10% die Farbe und nur 9% lagen bei beidem falsch.

Anzumerken ist, dass hier nur die Schülerinnen und Schüler gezählt wurden, die Conversio nur ein einziges Mal besucht haben (85%). Bei den Befragten, die Conversio nach eigenen Angaben mehrmals besucht haben, war ein eindeutiger Rückschluss nicht möglich, jedoch stimmten hier sowohl Farbe als auch Textzeile zu annähernd 100% überein.

Im folgenden werden einige Aussagen aus dem freien Teil des Fragebogens unkommentiert wiedergegeben, die sowohl Aussagen entsprechen, die sich bei vielen Befragten fanden, als auch "ausgefallene" Einzeleindrücke.

  • "Ich finde es gut, dass auch weltliche Texte ausgesucht wurden, sodass der Anlass in die Kirche zu gehen und zum Nachdenken angeregt zu werden nicht in der Religion lag. Dadurch, dass kein Vortrag gehalten wurde, war man frei in Meinung und Verweildauer."
  • "Es war eine sehr schöne Atmosphäre, weil man "Kirche" einmal anders, ohne die "Last" der Predigt erleben konnte. Ich habe mich in den Texten wiederfinden können und bin gerne dagewesen, weil es auf mich eine beruhigende Wirkung ausübte."
  • "Das Projekt war insgesamt gelungen. Das einzige, was gestört hat, war die Unruhe, die herrschte. Man konnte keine Ruhe finden, da die Leute rein und raus gingen, herumstanden und sich unterhielten. Ansonsten war die Lasershow in der Kirche sehr interessant."
  •  

  • "Es war spannend, die Texte zu entschlüsseln, ein gelungenes Zusammentreffen von Licht, Lasertechnik und Kirche; es wurde eine entspannende Umgebung zum Wohlfühlen geschaffen an einem Ort der christlichen Religion – ein "moderner" Kirchgang."
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  • "Kirche kann man also auch anders wahrnehmen als nur als einen altmodischen, konservativen Ort."
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  • "Die Buchstabenfolge in der rechten Kirchenseite war so langsam, dass man sich den kompletten Satz nicht merken konnte, dieses war nur mit mehreren Personen zusammen möglich."
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  • "Man hat manchmal Worte oder Buchstaben vergessen, weil alles zu langsam war. Deshalb hat man schnell die Lust verloren, es wurde langweilig."
  •  

  • "Die Hintergrundmusik war schrecklich!"
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  • "Die Tanzvorführung und die Feuershow sowie die Ruhe waren gut!"
  •  

  • "Man hätte mit der Lasertechnik noch sehr viel mehr machen können!"
  •  

  • "Die Lichttechnik und das große Interesse der Alfelder Bevölkerung an dem Projekt waren beeindruckend."
  •  

  • "Conversio hat bei mir keinen besonderen Eindruck hinterlassen. Ich interessiere mich zwar für Kunst, finde aber eine Kirche für eine solche technische Veranstaltung ungeeignet, da die Besucher die Kirche nicht aus dem gedachten Sinn betreten. Die Kirche verliert an Heiligkeit."
  •  

  • "Die Atmosphäre im Kirchenraum und der Kontrast zwischen dem Altar (Dornenkreuz) und dem Giftgrün war beeindruckend und unheimlich zugleich. Die Texte haben mir sehr gut gefallen – ich fand’s einfach gut!"
  •  

2.3 Abschnitt C: Gesamtbewertung des Kunstprojektes

Hervorzuheben ist die überwältigende Mehrheit der Schülerinnen und Schüler, die Conversio positiv bewertet haben, nämlich 94%.

72% sprachen sich dafür aus, ähnliche Projekte auch in der Zukunft zu veranstalten, 25% hatten dazu keine Meinung, lediglich 3% lehnten dieses ab.

Immerhin 66% der Befragten gaben an, dass sie ähnliche Projekte auch in Zukunft besuchen würden, 24% hatten dazu keine Meinung, 10% lehnten einen erneuten Besuch ab.

Wichtig ist noch zu sagen, dass 85% der Schülerinnen und Schüler auf Veranlassung der Schule Conversio besucht bzw. überhaupt erst davon erfahren haben. Von den PR-Aktionen wurden 70% nicht erreicht.

63% der Schülerinnen und Schüler haben ihren Besuch des Kunstprojektes im Unterricht vor- oder nachbereitet. Bei dieser Gruppe war eine geringfügig bessere Bewertung der einzelnen Teilaspekte, besonders der Textauswahl, zu bemerken, die sich jedoch nicht von der sowieso fast durchweg positiven Bewertung entscheidend abhob.

 

2.4 Gesamtbild der Teilbereiche

Wie sich aus den Ergebnissen der Befragung ablesen lässt, erhielt Conversio von den Schülerinnen und Schülern eine durchweg positive Bewertung.

Wie in Abschnitt A ausgeführt beschreibt eine große Mehrheit der Schülerinnen und Schüler ihr Verhältnis zur Institution Kirche als eher distanziert. Dieser Prozentsatz ist sicherlich nicht repräsentativ für diese Altersgruppe, da die Befragten in zweifacher Hinsicht eine Sondergruppe darstellen. Einmal besuchen sie immer noch den Religionsunterricht in der Schule, obwohl dazu Alternativen vorhanden sind. Dort kommen sie stärker mit christlichen Inhalten in Berührung als das etwa bei anderen Jugendlichen dieser Altersklasse geschieht, die schon im Berufsleben stehen. Gleichzeitig mag ihre Entscheidung für den Religionsunterricht bedeuten, dass Religion, trotz der beschriebenen Distanz zur Institution Kirche, noch immer eine Rolle im Empfinden der Jugendlichen spielt, vielleicht mit dem Satz belegbar "das gehört halt einfach dazu".

Zum zweiten ist der Anteil der ehrenamtlichen kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, hier 18%, unter Gymnasiasten traditionell höher als unter anderen Jugendlichen. Realistisch betrachtet liegt also der Prozentsatz der kirchlich distanzierten Jugendlichen noch etwas höher als es diese Umfrage zeigt.

Es bleibt also festzuhalten, dass eine Veranstaltung in der Kirche, die somit eindeutig als kirchliches Angebot erkennbar war, derart positiv bewertet wurde, obwohl die Mehrheit der Befragten ein eher distanziertes Verhältnis zur Kirche hat.

Der Hauptgrund dafür ist, wie sich aus der Auswertung der Abschnitte B und C des Fragebogens ergibt, die Art der Veranstaltung. Die Jugendlichen wurden bei Conversio mit einer Veranstaltung konfrontiert, die nicht ihrem üblichen Bild von Kirche entsprach. Sie trafen auf ein Medium, das ihnen auch sonst im Rahmen ihrer Freizeitgestaltung begegnet: Die Lasertechnik. Man denke nur an das Flambee auf der Expo in Hannover.

Weiter wurde der Kirchenraum völlig anders erlebt als etwa bei Gottesdiensten, Taufen oder ähnlichen kirchlichen Veranstaltungen. Einmal ist hier die Tageszeit zu nennen. Nur sehr wenige Jugendliche hatten wahrscheinlich vor Conversio in den späteren Abendstunden eine Kirche betreten.

In der Kirche empfing die Jugendlichen dann auch eine andere Atmosphäre als sie sie sonst von Kirchenbesuchen kennen, nämlich ein Wechsel aus Licht und Dunkelheit. Also kein von hellen Kronleuchtern ausgeleuchteter Kirchenraum, sondern eher ein Halbdunkel mit der Laserprojektion als Hauptlichtquelle.

Durch dieses Halbdunkel war eine Atmosphäre der Anonymität gegeben, die noch dadurch verstärkt wurde, dass die eigene Verhaltensweise in der Kirche relativ frei wählbar war. Anders als im Gottesdienst waren die Jugendlichen nicht an einen Sitzplatz gebunden, sondern konnten frei ihren Standort in der Kirche wechseln.

Die gleiche Freiheit war auch bei der Dauer des Aufenthalts in der Kirche gegeben. Wie lange die Schülerin oder der Schüler die Projektionen verfolgen wollte, war die eigene Entscheidung, allenfalls noch die der begleitenden Mitschülerinnen oder Mitschüler. Es gab jedoch keine "zentrale Instanz", die den Ablauf bestimmte, wie etwa im Gottesdienst, sondern es war eine vollkommen individuelle Gestaltung möglich.

Darauf ist es wohl auch zurückzuführen, dass die begleitenden Angebote von den Jugendlichen nicht wahrgenommen wurden. Sie erinnerten schon mehr an eine Veranstaltungsreihe und unterschieden sich damit vom geschilderten "Event".

Conversio kann also als ein "Event" bezeichnet werden, als eine Veranstaltung, die den Besuchern die Möglichkeit der individuellen Gestaltung überlässt, gerade was die Dauer und die Art der Teilnahme betrifft.

Diese Tendenz lässt sich auch bei der Textauswahl wiederfinden. Projiziert wurden nicht in erster Linie biblische oder theologische Texte, sondern eine Textvielfalt aus unterschiedlichen literarischen Feldern, die aber alle nicht den Anspruch erhoben, ein eindeutiges Verhaltensmuster in Bezug auf den Themenkomplex Zeit-Zukunft-Hoffnung definieren zu wollen. Auch hier wurden dem Betrachter eher Denkanstöße gegeben, ohne ihn mit dem "moralischen Zeigefinger" in eine bestimmte Richtung zu weisen.

Zusammenfassend kann man also sagen, das "Event" Conversio fand zwar in einer Kirche statt, jedoch fühlten sich die Schülerinnen und Schüler zu keinem Zeitpunkt an ihre üblichen Assoziationen zur Institution Kirche erinnert, weder was die Art der Veranstaltung und die Wahrnehmung des Kirchenraumes noch die Dauer und die Textinhalte betraf.

Überzeichnet ausgedrückt heißt das, dass die Jugendlichen zu keinem Zeitpunkt den Eindruck hatten, "missioniert" zu werden, sondern Conversio als eine Erweiterung der Angebote ihrer Freizeit- bzw. Abendgestaltung wahrnahmen.

 

B Das Potential des Sakralraumes Kirche

1. Hinterfragung des Kirchenraumes und der Kirchenpädagogik

Wie im vorausgehenden Kapitel beschrieben, liegt der Erfolg von Conversio, besonders bei Jugendlichen, einmal an der Art der Veranstaltung, nämlich dem Event. Weiter war ein entscheidendes Element von Conversio der Dialog der projizierten Texte mit dem sakralen Raum der Kirche, wobei das eine nicht von dem anderen zu trennen war.

Dieses lässt den Schluss zu, dass die Distanz der Jugendlichen zur Kirche sich eher auf die Kirche als Institution denn auf das Gebäude Kirche bezieht, denn sonst wäre die Beurteilung wohl nicht so positiv ausgefallen.

Im Folgenden soll nun danach gefragt werden, was diese offenbar vorhandene Trennung in der Wahrnehmung der Menschen ausmacht, also die Trennung der ‚Institution Kirche’ auf der einen und dem ‚Gebäude Kirche’ auf der anderen Seite.

Und ob sich aus dieser Wahrnehmung des ‚Gebäudes Kirche’ Möglichkeiten ergeben, um die Distanz von Jugendlichen zur ‚Institution Kirche’ zu verringern.

 

1.1 Die Bedeutung des ‚Gebäudes Kirche’

Das christliche Verhältnis, besonders aber das protestantische, zum Kirchenraum ist keineswegs eindeutig. Es ergibt sich, wie noch erläutert wird, sogar eine Diskrepanz zwischen theologischer Bedeutung des kirchlichen Raumes und seiner Wahrnehmung bei den Gläubigen.

Theologisch betrachtet ist zunächst einmal kein spezieller, heiliger Raum nötig, um Gottesdienste zu feiern, denn jeder Raum kann zu einem heiligen Raum werden, allein durch den Gottesdienst der Gläubigen. Trotzdem ist der kirchliche Raum kein normaler Raum. Er unterscheidet sich bis heute von allen anderen Örtlichkeiten, es sei nur an die Kirche als Fluchtraum für Asylsuchende erinnert.

Wie entstand dieser Unterschied zwischen theologischer Bedeutung und der bis heute spürbaren Sonderstellung des Gebäudes Kirche? Hans Georg Soeffner spricht von einer "beinahe magischen Bindung der Gemeinde und ihres Gottes an ein Gebäude".

Für ihn werden in dem Begriff Kirche heutzutage zwei unterschiedliche Bedeutungen vermischt. Einmal ist dieses die Bedeutung des griechischen Wortes kuriakon , von dem unser Wort ‚Kirche’ abgeleitet ist, nämlich ‚das zum Herren gehörende Haus’. Zum zweiten aber verstehen wir unter Kirche auch den ‚Versammlungsort der Gemeinde’ und die ‚Religionsgemeinschaft’, was aber beides auf das griechische ekklesia zurückzuführen ist.

Aufgrund der theologischen Bedeutung des Kirchenraumes, oder vielmehr seiner Nichtbedeutung, lehnten die frühen Christen ihren Gottesdienstraum nicht an den jüdischen Tempel an, sondern an die Synagoge, was nicht nur Gebetsversammlung sondern auch Haus bedeutet.

Die Gottesdienste fanden vielfach in Privathäusern statt, in denen aber zunehmend besondere Räume eingerichtet wurden. Der Begriff der Kirche als Bezeichnung für solch einen Gottesdienstraum tauchte zum ersten Mal beim Kirchenvater Cyprian (+ 258 n. Chr.) auf, der vom oikos kuriakon, dem ‚Haus des Herren’, sprach.

Mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion war die Notwendigkeit verbunden, einen Raum für die immer größer werdende Zahl der Gläubigen zu schaffen. Immer noch in der Tradition stehend, dass kein besonderer Raum nötig sei, wurde die ‚Basilika’ der für den künftigen Kirchenbau bestimmende Bautypus. Ehemals eine Markthalle entsprach er am ehesten den rein funktionalen Bedürfnissen der damaligen Christinnen und Christen. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Basilika durch einen Anbau, meist im Osten ergänzt, in dem die Kathedra stand. Bis zum 12. Jahrhundert hatte sich die "klassische Form" der Basilika entwickelt, deren Grundriss dem lateinischen Kreuz mit dem Vierungsquadrat als Maßeinheit entsprach. Hinzu gekommen war seit dem 6. Jahrhundert auch der Altar im Osten, vor der Kathedra, und der Eingang im Westen.

Vom Beginn der Christianisierung Europas an, standen Kirchen immer mehr an herausgehobenen Orten in den Städten und Dörfern, ja es kann sogar davon gesprochen werden, dass eine Kirche erst eine Ansammlung von Häusern zu einem Dorf bzw. einer Stadt machte.

Die Kirche wurde zum Orientierungspunkt, sowohl für den Raum aufgrund ihrer geographischen Position, wie auch für das Handeln und die Zeit, es sei an die Turmuhr erinnert.

Dieses hat sich bis heute im Prinzip nicht wesentlich verändert.

Einher ging mit dieser Entwicklung eine immer engere Bindung der Gläubigen an den Kirchenbau, dem sie auch eine besondere Nähe zu Gott zuordneten.

Im Zuge der Reformation war Luther dieses wohl bewusst und so schrieb er in Bezug auf den Kirchenraum: "Das nichts anderes darin geschehe, denn das unser lieber Herr selbs mit uns rede durch sein heiliges Wort, und wir widerumb mit jm reden durch Gebet und Lobgesang" Der Kirchenraum ist für den Gottesdienst, ganz nach urchristlicher Tradition, nicht unbedingt notwendig, denn, so Luther weiter "Kann es nicht geschehn unterm dach oder in der Kirchen, so geschehe es auff eim platz unter dem himel, und wo raum dazu ist".

Luther reduzierte den Kirchenraum also auf seine rein pragmatische Funktion, wenn er in gewisser Weise auch wieder eine Tendenz zur Mäßigung im Umgang mit gewachsenen Traditionen der Gläubigen zeigt, so in seinem Vorwort zur Deutschen Messe. Dieser Aspekt wird weiter unten in einem anderen Zusammenhang noch einmal aufgenommen.

Mit der Aufklärung, dem Ende des Feudalismus und dem Übergang zum Bürgertum ging ohne Zweifel auch der Einfluss der Kirchen als Institutionen, besonders was die weltliche Macht betraf, zurück. Was jedoch erhalten blieb, war die besondere Rolle, und damit verbunden auch ein besonderer Einfluss, den das Gebäude Kirche für die städtische oder dörfliche Gemeinschaft ausübte.

Bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert, im Prinzip aber vielfach heute noch, sind Kirchen, allein schon durch ihre geographische Positionierung und besondere Bauweise, Mittelpunkt vieler Städte und Dörfer.

In den vergangenen Jahrhunderten, gerade aber auch im Zeitalter der Globalisierung, hat sich die Rolle der Institution Kirche, wie schon erwähnt, verändert.

Die beiden großen Kirchen sehen sich immer stärkerer Konkurrenz ausgesetzt auf einem "Markt der Religionen" in einer pluralistischen Gesellschaft. Andere Kulturen, Religionen und Weltbilder treten immer stärker in das Bewusstsein vieler Menschen. Damit verbunden ist auch ein Wandel der Bedeutung vom ‚Gebäude Kirche’. Hans Georg Soeffner spricht davon, dass Kirchen früher "Repräsentationszeichen für einen allen ‚christlichen Abendländern’ gemeinsamen Gott gegenüber ‚der Welt’ und zugleich in ihr" waren. Heute jedoch sind sie "Identifikationszeichen für die Unverwechselbarkeit eines spezifischen – des christlichen Glaubens und eher besonderen Tradition gegenüber anderen Religionen und Traditionen".

Kirchen aber nur auf ihre Wirkung als Markenzeichen einer religiösen Anschauung unter vielen zu reduzieren, würde ihnen nicht gerecht. Man mag zur Diskussion um ‚Multi-Kulti’ und ‚deutsche Leitkultur’ stehen wie man will, so werden nichtsdestotrotz alle zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungen, ob bewusst oder unbewusst, auf der für Europa, besonders auch für Deutschland, prägenden christlich-abendländischen Tradition basieren.

Kirchen, als Ausdruck dieser Tradition, haben in unserer Gesellschaft unbestritten einen Sonderstatus, sie heben sich von allen anderen Gebäuden ab. Im Gegensatz zu diesen sind sie, entgegen den Ansichten Luthers, keine pragmatisch orientierten Funktionsräume , sie vermitteln etwas "Besonderes".

Dieses "Besondere" zu beschreiben, ist nicht ganz einfach. Eine Möglichkeit ist vielleicht, Kirchen als "Freiräume vom Alltag" zu beschreiben", frei von den Zwängen einer Leistungsgesellschaft.

Es ist eine besondere Beziehung von Menschen zu "ihrer" Kirche nicht zu leugnen, auch wenn diese Menschen nicht unbedingt regelmäßig zum Gottesdienst oder in den Gemeinden auftauchen. So geschehen ist dieses auch bei Conversio, wenn man das Sponsoring durch örtliche Betriebe betrachtet.

Zahlreiche andere Beispiele finden sich in den neuen Bundesländern, in denen viele Dorfkirchen in der Zeit bis 1989 verfallen sind. Sie werden nun in manchen Orten unter großer Beteiligung oder auch auf Antrieb der ansässigen Bevölkerung restauriert, oft auch von Menschen, die keiner Kirche angehören.

Kirchen sind also etwas Besonderes, wenn auch in einzelnen Punkten, etwa was die Förderung durch Sponsoren betrifft, eine Vergleichbarkeit mit anderen Gebäuden gegeben sein mag.

Ein weiterer Faktor ‚begünstigt’ die positive Wahrnehmung von Kirchengebäuden, und dieser Faktor ist paradoxerweise in der geschilderten gesellschaftlichen Entwicklung zu finden. Im Zuge dieser Entwicklung wurde der einzelne Mensch, seine Individualität, immer wichtiger, auch und besonders was die Beschäftigung mit religiösen Fragestellungen betraf, ein Punkt, der im nächsten Kapitel behandelt wird. Hans Georg Soeffner spricht von einer "Religiosität des Individuums", die sich seiner Meinung nach nicht mehr an eine Amtskirche oder religiöse Dogmen binden kann, wohl aber an die "Dokumentation der Erfahrungen anderer".

Genau diese Rolle kommt den Kirchen zu. Sie sind ein wahrnehmbarer Bestandteil der christlichen Traditionen und stehen für die Glaubenserfahrungen von Generationen, sind sozusagen steingewordene Zeichen der christlichen Religion.

Generationen verbinden mit Kirchen vor allem Lebensübergänge – Taufe, Konfirmation, Hochzeit und in gewisser Weise auch den Tod. Kirchen besitzen also ein enormes Potential, sie sind Zeugnis für den christlichen Glauben, sie heben ihn ab von anderen religiösen Angeboten, machen ihn unverwechselbar.

Anknüpfend an den Ausgangspunkt kann man also sagen, dass die Kirchen mittlerweile einen Bedeutungsgrad erreicht haben, der ihnen theologisch in keiner Weise zukommt, besonders nach den reformatorischen Schriften.

Ohne Zweifel ist es für den christlichen Glauben grundlegend, dass die Nähe zu Gott für den Menschen nicht an bestimmte Orte gebunden ist. Gleichzeitig ist jedoch die herausgehobene Bedeutung der Kirchen, wie sie in der Wahrnehmung vieler Menschen existiert, ein nicht zu vernachlässigender Faktor.

Vielmehr bieten kirchliche Räume, aus den geschilderten Gründen, ein großes Potential, Menschen überhaupt mit dem christlichen Glauben in Berührung zu bringen. In einer Zeit, in der Gottesdienstbesuch, wie z.T. auch Kirchenmitgliedschaft, nicht mehr die Regel sind, ist das eine wichtige Aufgabe der Kirche.

Unbestritten muss die Wortverkündigung weiter den Kern des christlichen, besonders des protestantischen, Glaubens bilden. Doch auch die Kirchengebäude sind ein Teil dieses Glaubens, und wie im nächsten Kapitel ausgeführt wird, widerspricht es nicht zwangsläufig der protestantischen Theologie, dieses Potential der Kirchen zu erschließen, wenn es einer Heranführung der Menschen an den christlichen Glauben dient.

Besondere Bedeutung haben bei der Erschließung des Potentials der kirchlichen Räume die Methoden, mit denen dieses geschieht. Conversio war eine Möglichkeit, die aber auch Elemente der Kirchenpädagogik beinhaltete, der eine immer größere Bedeutung zukommt.

 

1.2 Kirchenpädagogik als Möglichkeit den Kirchenraum zu erschließen

In einem zweiten Schritt soll nun versucht werden aufzuzeigen, welche Möglichkeiten Kirchenpädagogik hat und welchen Stellenwert, besonders auch in der protestantischen Theologie.

Wie bereits erwähnt, kommt der Kirchenpädagogik eine immer größere Bedeutung in der Kirche zu. Auch Conversio hatte, mehr unbewusst als bewusst, kirchenpädagogische Elemente. Warum kommt der Kirchenpädagogik aber eine so gewachsene Bedeutung zu, wie Conversio gezeigt hat, gerade auch in Bezug auf Jugendliche?

Dazu lohnt es sich, die bei Conversio ermittelten Aussagen von Jugendlichen über ihre Beziehung zur Kirche einmal ins Verhältnis zu setzen mit repräsentativen Umfragen, hier unter anderem mit der Shell-Studie "Jugend 2000".

Zunächst kann festgestellt werden, dass immer noch eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen den beiden großen christlichen Kirchen angehört (66%). Allerdings ist dieser Anteil in den vergangenen zehn Jahren spürbar zurückgegangen, im Osten Deutschlands liegt er noch weit niedriger. Von dieser immer noch großen Mehrheit, die im wesentlichen wohl auf die Kindertaufe zurückzuführen ist, nimmt auch die überwiegende Zahl an der Konfirmation teil. Betrachtet man nun aber den regelmäßigen Gottesdienstbesuch, so liegt er nur bei 17%, der Anteil der Jugendlichen, die in christlichen Jugendgruppen engagiert sind, liegt sogar noch darunter (7%). Es ist also ein Unterschied zwischen der Mitgliedschaft in den großen Kirchen und der aktiven Beteiligung am kirchlichen Leben erkennbar, ähnlich wie er auch unter den jugendlichen Besuchern von Conversio erkennbar war.

Diese Umfragewerte geben nur sehr bedingt die wirkliche Religiosität der Jugendlichen wider. Diese ist durch quantitative Umfragen nur sehr eingeschränkt zu erfassen, dazu bedarf es mehr der qualitativen Umfrage, wie sie auch die EKD in ihrer letzten Mitgliederbefragung "Fremde Heimat Kirche" angewandt hat.

Doch auch in quantitativen Umfragen lassen sich Anzeichen für eine durchaus vorhandene Religiosität feststellen. Ausgehend von den 17% der Jugendlichen, die häufiger Gottesdienste besuchen, ist bei religiösen Handlungen und Fragestellungen, die nicht direkt mit der Institution Kirche zu tun haben, ein Anstieg festzustellen. So sagen 27% der Jugendlichen, dass sie beten, 31% glauben an ein Leben nach dem Tod, nur wenig mehr tun dieses nicht (35%). Auf die Frage, ob sie ihre Kinder später religiös erziehen wollen, antworteten 37% mit ‚Ja’, und 48% der Befragten bezeichneten sich selbst als ‚religiös’. Noch eindeutiger fallen die Werte bei der Frage nach dem Glauben an übernatürliche Kräfte aus, die 58% mit ‚Ja’ beantworteten. Eine ähnliche Prozentzahl ergab die Frage, ob die Jugendlichen über ‚religiöse Dinge’ reden (54%).

Es ist also eine Religiosität unter Jugendlichen durchaus vorhanden, jedoch wird diese nicht auf die Institution Kirche übertragen. Eher das Gegenteil ist der Fall.

Es kann in dieser Phase der adoleszenten Entwicklung von "einem Kulminationspunkt im Umorientierungsprozess in bezug auf Kirche" gesprochen werden, für den es unterschiedliche Deutungen gibt.

Psychoanalytisch betrachtet ist dieses die Ablösung, die zur Selbstwerdung des Jugendlichen führt. Unter kognitiv-strukturellen Aspekten ist in dieser Phase eine Herausbildung des kritischen Denkens zu beobachten, mit dem auch eine Abkehr vom Kinderglauben verbunden ist. Dadurch ist es dem Jugendlichen möglich, persönliche Autonomie zu erlangen. Insgesamt können diese psychologischen Deutungen der Abkehr von der Institution Kirche bei Jugendlichen also als ein entwicklungsbedingter Zustand betrachtet werden, der mit zunehmendem Alter sich wieder anders entwickelt.

Entgegengesetzt sieht die Deutung aus soziologischer Sicht aus. Hier ist die Entfernung von der Institution Kirche eine Folge der gesellschaftlichen Säkularisierung und damit mit zunehmenden Lebensalter nicht umkehrbar. Es wird von einem bleibenden Religionsverlust gesprochen.

Die Religionssoziologie konstatiert eine Veränderung der Religion hin zu einer individuellen, pluralistischen und privaten Religion.

Religion muss für die Jugendlichen zunehmend einen "Erlebniswert" haben und eigene Erfahrungen beinhalten. Die Biographie wird zu einem Ort der Religion.

Hier ergeben sich nun die Anknüpfungspunkte für die Kirchenpädagogik. Der Kirchenraum kann durchaus die geforderte ‚Erlebniswelt’ bieten, was die beschriebene "Anziehungskraft des kirchlichen Raumes" noch begünstigt. Die Kirchenpädagogik ist sodann eine Methode, um Religion erlebbar zu machen, da sie eben an das "neue Sensorium für räumliche und ästhetische Intensitätsgefühle" appelliert. Sie integriert durch das körperliche Erleben des Kirchenraumes diesen in die persönliche Erfahrungswelt des einzelnen Menschen, und damit in seine Biographie. Mit dem Kirchenraum verbunden ist aber immer die christliche Religion, deren Teil er ist.

Zudem ist Kirchenpädagogik losgelöst vom Gottesdienst und ermöglicht es so, dass auch kirchlich distanzierte Menschen angesprochen werden können, die so nicht eine "Missionierung" fürchten.

Kirchenpädagogik scheint also offenbar eine Möglichkeit zu sein, kirchenferne Menschen anzusprechen und an den christlichen Glauben heranzuführen, indem sie Aspekte der individualisierten Religion vieler Menschen aufnimmt und befriedigt.

Doch darf Kirchenpädagogik den beschriebenen Vorgang überhaupt leisten? Es sei noch einmal an die Bedeutung des heiligen Raumes in der christlichen Theologie, gerade auch im Protestantismus, erinnert.

Die Antwort muss auf diesem Hintergrund wohl eher vorsichtig ausfallen, wenn man die protestantische Tradition ernst nimmt. Und trotzdem ist auch bei Luther ein Anknüpfungspunkt zu finden.

In der Vorrede zur Deutschen Messe (1526) schreibt Luther über die Ordnung des evangelischen Gottesdienstes: "Man soll sie nach dem Grundsatz der christlichen Freiheit, ein jeder wie es ihm gefällt, gebrauchen, wie, wo, wann und wie lange die Lage der Dinge es möglich und nötig erscheinen lässt." Und weiter: "Man muss eine solche Ordnung um derer willen haben, die noch Christen werden sollen oder im Christentum stärker werden sollen.[....] Vor allem aber ist die Gottesdienstordnung um der unmündigen und des jungen Volkes wegen."

Luther setzt seine Ordnung also keineswegs absolut, er lässt durchaus Spielraum für Anpassungen, je "nach Lage der Dinge", und er zielt damit auch nicht auf die christliche Kerngemeinde, sondern auf die Menschen, die "noch Christen werden sollen". Diese Sätze Luthers sind heute aktueller denn je in einer Zeit, in der die Distanz vieler Menschen zur Kirche in einer Art und Weise gewachsen ist, wie sie wohl für Luther nur schwer vorstellbar war. Auch er registriert die Bedürfnisse der Menschen und reagiert darauf: "Darunter sind viele, die noch nicht glauben noch Christen sind. Sondern die Mehrzahl steht da und gafft, um etwas Neues zu sehen [....]. Vielmehr handelt es sich um eine öffentliche Reizung zum Glauben und zum Christentum." Luther fordert also dazu auf, den Gottesdienst so zu gestalten, dass dadurch Nichtchristen ein Zugang zum Christentum möglich wird. Etwas zugespitzt könnte man daraus ableiten, dass, wenn Luther schon bereit ist, den Gottesdienst an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen, er sich wohl kaum weigern würde, auch die Kirchenpädagogik zur "öffentlichen Reizung" des "jungen Volkes" zu legitimieren.

Einen anderen Verknüpfungspunkt sieht Christoph Ricker. Er geht zunächst einmal davon aus, dass nach christlichem Verständnis der Kirchenraum gegenüber dem Gottesdienst kein sakrales Eigenleben besitzt. Um nun die Kirchenpädagogik protestantisch einzuordnen, ergibt sich die Notwendigkeit, einen "Bezugspunkt" beider Größen im Gottesdienst selbst zu suchen. Dieser ist für Ricker das Abendmahl. Die Wortverkündigung geschieht nach der CA gleichrangig durch Wort und Sakramente. Dabei ist der Wortcharakter nicht nur akustisch sondern durchaus auch visuell zu verstehen, denn das Abendmahl zeigt ja die christliche Überzeugung eines endzeitlichen Zusammenseins mit Gott. Genauso ist es auch Symbol für die bereits vorhandene Nähe Gottes zu den Menschen, die durch Christus deutlich geworden ist.

Beim Abendmahl sind alle fünf Sinne beteiligt, beim Hören der Einsetzungsworte, beim Entgegennehmen und Schmecken der Oblate, beim Riechen des Weins, beim Sehen des Kelches.

Das Sakrament lässt dabei keine Trennung oder Gewichtung der kognitiven bzw. visuell-sinnlichen Erfahrung zu. Das bedeutet also, dass auch ein zentrales Element, gerade auch des protestantischen Gottesdienstes, sich an alle Sinne richtet.

Es ist also durchaus auch in der protestantischen Theologie möglich, der Kirchenpädagogik einen Raum zu schaffen.

1.3 Stellenwert der Kirchenpädagogik

Interview mit Pastor Dr. Thomas Klie, Göttingen

Thomas Klie, Dozent an der Universität Göttingen, ist Herausgeber des Buches "Religion Raum geben", in dem Beiträge zu verschiedenen Aspekten von Kirchenpädagogik veröffentlicht sind. Er hat sich in den letzten Jahren als Dozent am RPI Loccum intensiv mit dem Thema Kirchenpädagogik beschäftigt.

Herr Klie, wie kommt es, dass die Kirchenpädagogik in den letzten Jahren solch einen Zulauf erfahren hat?

Der Hauptgrund ist sicherlich der Zeitgeist. In den 90er Jahren ist ein eindeutiger Trend hin zur Ästhetik, zu eher traditionellen Feiern, zu Events festzustellen. Damit einher geht auch das Bedürfnis nach ästhetisch gestalteten, nach schönen, nach durchkomponierten Räumen, wie es etwa eine Kirche ist. Nehmen wir die Dorfkirche in Brandenburg, deren dringend notwendige Restauration von Menschen bezahlt wird, die z.T. noch nicht mal in der Kirche sind. Es ist ein Gefühl für den geschichtlich gewachsenen Raum Kirche vorhanden, für all das, was in Kirchen gespeichert ist.

Weiter denke ich, dass die Menschen sich in den 90er Jahren sehr viel religiöser geben als etwa in den 70ern. Jugendliche verhalten sich heute, ich würde mal sagen, zu 95% religiös, jedoch würden nur sehr wenige auf die Idee kommen, diese Religiosität in die Kirchen zu tragen, sie zu institutionalisieren. Das ist auch ein Phänomen, vor dem die Kirche steht, dass der Zeitgeist ihr eigentlich entgegenkommt, nämlich die gestiegene Religiosität, sie jedoch nicht weiß, wie sie darauf reagieren kann.

Das bedeutet also, dass die Kirche Formen entwickeln muss, um etwa die Jugendlichen "in Empfang" zu nehmen. Eine mögliche Form ist die Kirchenpädagogik.

Welchen Stellenwert hat Kirchenpädagogik heute in der Praktischen Theologie?

Ich denke, dass Kirchenpädagogik heute schon etabliert ist. Das wird z.B. darin deutlich, dass die Kirchenpädagogik seit fünf Jahren fest in der Ausbildung von Pastorinnen und Pastoren verankert ist. Ich habe selbst in den letzten Jahren Kurse am RPI durchgeführt und bin dabei auch wieder diesem Zeitgeist begegnet. Junge Pastorinnen und Pastoren haben heute ein Feeling für das Ästhetische, für liturgische Gewänder und liturgische Abläufe, was man bei der älteren Pastorengeneration kaum findet.

Dann ist die Raumdimension in der christlichen Religion ja schon immer vorhanden gewesen und wird es auch immer sein. In der Bibel, etwa in den Psalmen, ist die Raumdimension zu finden, denken wir an den Leitspruch des Kirchentages. Ich fände es zum Beispiel spannend, im Religionsunterricht einen Text einmal nicht mit der historisch-kritischen Methode zu betrachten, sondern zu schauen, um welchen Raum geht es hier, wie können wir uns in so einem Text "bewegen".

Zusammenfassend kann man sagen, solange sich die Kirche auf die Bibel beruft, wird die Raumdimension als Konstante bleiben, einfach weil sie uns in vielfältiger Form in den biblischen Texten begegnet.

Ob sie sich auch in pädagogischen, oder spezieller, kirchenpädagogischen Formen manifestiert, kann ich nicht sagen. Aber solange es Kirchenräume in der Form gibt, wie sie jetzt existieren, solange wird sich auch die Aufgabe stellen, den kirchlichen Raum zu erschließen. Je größer der historische Abstand ist, um so wichtiger ist es, dass eine Gemeinde weiß, in was für einem Raum sie sich versammelt, in was für einem Raum sie Gottesdienst feiert.

Die Erschließungsaufgabe wird also auf absehbare Zeit vorhanden bleiben, da man vermutlich nicht dazu übergehen wird, den kirchlichen Raum einfach abzuschaffen, obwohl das, nach evangelischem Verständnis, durchaus konsequent wäre.

Auf welche Reaktionen zum Thema "Kirchenpädagogik" treffen Sie in der Kirchenleitung?

Ich stoße auf ein ausschließlich positives Echo. Es ist eine große Lernbereitschaft vorhanden bzw. in den letzten Jahren in erstaunlicher Weise gewachsen. Der Stellenwert wird zum Beispiel auch darin deutlich, dass Kirchenpädagogik in der Ausbildung von Pastorinnen und Pastoren heute, wie oben beschrieben, fest verankert ist. An Grenzen stößt man natürlich, aber das ist überall so, wenn finanzielle Aspekte ins Spiel kommen. Aber die Grundtendenz ist ganz eindeutig positiv, es gibt sehr viele offene Ohren.

Wie kann sich Kirchenpädagogik, aus Ihrer Sicht, in den nächsten Jahren weiter etablieren?

Ich finde es sehr wichtig, dass es in jeder Gemeinde in Zukunft einen Hauptamtlichen oder auch Ehrenamtliche gibt, die kirchenpädagogische Kompetenz haben. Gerade die kirchenpädagogische Arbeit von Ehrenamtlichen boomt momentan, was sehr wichtig ist, und wird auch noch weiter expandieren.

Ein Kirchenpädagoge soll nicht von außen in eine Gemeinde hineinkommen, ohne konkret etwas über die Gemeinde, über die Kirche, über die Kirchengeschichte zu wissen und dann seine kirchenpädagogischen Übungen machen. Vielmehr sollen die Gottesdienstbesucher über den Raum, in dem sie Gottesdienst feiern, Bescheid wissen, kontinuierlich.

Ich meine also nicht, dass in Zukunft überall hauptamtliche Kirchenpädagogen angestellt werden müssen, sondern dass vielmehr Kirchenpädagogik eine Komponente im "normalen" Gemeindeleben werden kann.

Bezieht sich das auch auf den ländlichen Bereich, wo Kirchenpädagogik noch relativ wenig verbreitet ist?

Das ist auch im ländlichen Bereich möglich, und ein Gefühl für den Raum muss ja auch nicht zwangsläufig in der Kirchenpädagogik münden. Es findet sich auch in einer schönen liturgischen Feier in einer alten Dorfkirche wieder.

Und natürlich gibt es auch Kirchen, in denen kirchenpädagogisch einfach herzlich wenig zu machen ist, ich denke da an die "Turnhallenkirchen" der 50er Jahre. Hier kann man dann nur noch einen Kircherkundungsgang machen, mehr aber vermutlich wirklich nicht.

In den architektonisch herausragenden Kirchen, etwa den Citykirchen, denke ich schon, dass sich kirchenpädagogische Arbeit in den nächsten Jahren als fester Bestandteil etablieren wird und dieses sogar schon getan hat. Ob das zu einem flächendeckenden Netz führt, kann ich nicht sagen.

Sie haben zu Beginn gesagt, dass Kirchenpädagogik sehr viel mit dem Zeitgeist zu tun hat. Wenn sich der Zeitgeist ändert, verschwindet dann auch die Kirchenpädagogik wieder?

Ohne Zweifel haben wir im Moment einen Boom in der Kirchenpädagogik. Man könnte auch von einer Welle sprechen und ich denke, dass wir den Höhepunkt noch nicht erreicht haben. Ich kann nicht sagen, wie lange dieser Boom noch anhalten wird, aber selbst wenn diese Welle einmal abebbt, wird dann ein höheres Niveau der Sensibilität für Kirchenpädagogik erhalten bleiben. Es wird nicht wieder auf Null zurück schwappen.

 

1. Konkretisierung am Beispiel Conversio

2.1 Betrachtung von Conversio unter Berücksichtigung von 1.1 und 1.2

Die in den beiden vorangegangenen Kapiteln beschriebene Bedeutung sowohl des kirchlichen Raumes wie auch der Kirchenpädagogik sind zwei Faktoren, auf denen der Erfolg des Kunstprojektes Conversio, gerade auch bei Jugendlichen, entscheidend basierte.

Die St. Nicolai Kirche liegt in Alfeld relativ zentral in unmittelbarer Nähe zum Marktplatz. Durch Conversio, gerade auch durch die zeitgleiche Projektion auf den weiter entfernten Schornstein einer örtlichen Fabrik, wurde die im vorletzten Kapitel beschriebene Stellung der Kirche in der Stadt betont. Diese Herausstellung bewirkte sicherlich eine Verstärkung der positiven Assoziationen, die auch kirchendistanzierte Menschen in Alfeld in Bezug auf "ihre" Kirche haben.

Weiter muss Religion heute, wie geschildert, vor allem bei Jugendlichen, Erlebnischarakter haben, darf nicht nur an die kognitiven Fähigkeiten appellieren. Genau dieses geschah bei Conversio.

Die Jugendlichen tauchten schon beim Betreten der Kirche in eine Atmosphäre ein, die sie normalerweise nicht in Kirchen vorfinden oder aber nicht so bewusst wahrnehmen. Durch die Laserprojektion der Texte, die die entscheidende Lichtquelle darstellte, wurde ein Wechsel von Licht und Dunkelheit erzeugt, der den kirchlichen Raum auf eine ganz besondere Weise erlebbar machte, geheimnisvoll erscheinen ließ.

Die Dimensionen des Kirchenraumes wurden durch die projizierten Texte "abgetastet" und standen so stärker im Vordergrund als bei einer gleichmäßigen Helligkeit des Raumes. Gleichzeitig ergaben sich für das Auge reizvolle Kontraste. So wurde etwa das Kreuz über dem Altar ganz anders wahrgenommen als im sonntäglichen Gottesdienst.

Die Dunkelheit ließ aber zugleich auch eine sehr intime Atmosphäre entstehen. Der oder die Jugendliche stand selbst nicht für alle sichtbar im "Brennpunkt", was eine individuelle Bewegung im Kirchenraum zuließ. Der eigene Standort konnte frei gewechselt werden. Conversio wurde auch aktiv erlebt, indem man in der Kirche umherging, sich an verschiedenen Orten in der Kirche hinsetzen konnte, um so die Laserprojektionen und damit verbunden auch den Sakralraum aus anderen, wahrscheinlich auch aus neuen Blickwinkeln zu betrachten.

Bei Conversio wurden sicherlich nicht alle fünf Sinne angesprochen. Doch gerade die Möglichkeit, sich frei im Raum zu bewegen, noch dazu konfrontiert mit einem Medium, das auch aus anderen Bereichen der jugendlichen Freizeitgestaltung bekannt ist, stellt einen entscheidenden Unterschied zum sonstigen Aufenthalt in einer Kirche, etwa im Rahmen eines Gottesdienstes, dar.

Etwas kritischer eingehen muss man an dieser Stelle noch auf zwei Aspekte. Die Hintergrundmusik wurde mit deutlichem Abstand am negativsten beurteilt. Dieses lässt nicht den Schluss zu, dass Musik bei Conversio grundsätzlich als negativ empfunden worden wäre. Gerade die Hintergrundmusik verstärkte noch den beschriebenen Aspekt der Anonymität, weil eben nicht jeder hören kann, was man zum Freund oder zur Freundin sagt.

Eine Deutungsmöglichkeit ist, dass die verwendete Hintergrundmusik für die Jugendlichen nicht mit der Art der Darstellung korrespondierte, dass sie, bewusst oder unbewusst, einen Bruch der ansonsten stimmigen Symmetrie von Lasertechnik, projizierten Texten und Kirchenraum assoziierten.

Ebenfalls oft negativ benannt wurde die Unruhe, die durch die ständige Fluktuation der Besucherinnen und Besucher entstand. Der Prozess der intensiven Wahrnehmung der Jugendlichen wurde dabei anscheinend gestört. Dieses war jedoch aufgrund der offenen Ausrichtung des Kunstprojektes nicht zu vermeiden.

Die mehrfache Benennung dieses Aspektes, wie auch des vorangegangenen, zeigt, dass eine enorme Sensibilität unter den Jugendlichen für ästhetische Abläufe vorhanden ist. Sonst hätten sie die Störungen wohl kaum wahrgenommen.

Andere Faktoren wurden bereits in der Auswertung des Statistikteiles geschildert – der Eventcharakter, die individuelle Zeiteinteilung, die Korrespondenz mit der jugendlichen Freizeitgestaltung. Dadurch wurde Conversio der Kirchenraum wirklich zum Erlebnisraum wurde.

Obwohl die Art der Darstellung bei den Jugendlichen im Vordergrund stand, wurden auch die Textzeilen durchaus wahrgenommen, blieben im Gedächtnis und gaben - wie beschrieben - Denkanstöße. Gleichzeitig erinnerte jedoch wenig an sonstige, in den Augen der Jugendlichen typische Formen kirchlicher Veranstaltungen. So konnten gerade auch distanzierte Schülerinnen und Schüler angesprochen werden – eine wesentliche Chance der Kirchenpädagogik.

Conversio darf also durchaus als gelungenes Beispiel für den Erlebnisraum Kirche gesehen werden.

 

ANHANG

I.1. "Jugendliche bei Conversio"

Interview mit Wolfhard Pohlmann, Superintendent des Kirchenkreises Alfeld

Wolfhard Pohlmann ist Superintendent des Kirchenkreises Alfeld und Mitglied in der Gruppe, die die Texte zu Conversio ausgesucht hat.

Herr Pohlmann, Conversio ist bei Jugendlichen laut meiner Befragung sehr positiv aufgenommen worden. War Conversio speziell auf Jugendliche ausgerichtet?

Das Projekt war nicht ausschließlich auf Jugendliche ausgerichtet, aber in der Planungsgruppe saßen ja auch zwei Pädagogen, ich selbst habe ja auch Erfahrung im Umgang mit Jugendlichen, besonders Schülern.

Jugendliche waren also auch im Blick, aber nicht primär. Wir waren offen für alle Zielgruppen.

Wie haben Sie das Verhalten der Jugendlichen bei Conversio beobachtet? Unterschieden sie sich von den älteren Besuchern?

Das Verhalten war begrenzt unterschiedlich. Einmal war es auffällig, dass die Jugendlichen, wenn sie kamen, in der Regel in kleinen Gruppen kamen. Das andere, dass sie sich sehr konzentriert in das Mittel- oder Seitenschiff gesetzt haben, dort die Mittelschiff-Projektionen wahrnahmen, aber nach einer bestimmten Zeit abbrachen. Dann wechselten sie ins Seitenschiff. Es war also bei mehreren keine langfristige Wahrnehmung, kein langfristiges Auseinandersetzen zu beobachten, sondern es war für diese eher ein kurzfristiger "Event".

Welche Überlegungen haben bei der Auswahl der projizierten Texte eine Rolle gespielt?

Es stand für uns die Millenniumsthematik im Mittelpunkt. Sie war schon Gegenstand der St.-Nicolai-Gespräche, und die Lichtinstallation nahm dann das Globalthema Zukunft auf und versuchte auf ihre Weise – philosophisch, theologisch, literarisch – Antworten darauf zu geben. Dabei geht es aber nicht nur um den Millenniumswechsel, sondern vor allem um existentielle Fragen. Wir sind alle Fragende, wir fragen, wie unsere Zukunft aussehen wird, haben Hoffnungen und Ängste dabei, und deshalb haben wir auch ganz bewusst diese Auswahl mit den drei Themenaspekten ‚Zeit-Zukunft-Hoffnung’ getroffen.

Weiter war uns auch eine tiefergehende Vermittlung der Texte wichtig. In der zweiten Woche, in der ja die Textfolge wiederholt wurde, haben wir an jedem Abend eine Einführung in die Texte gegeben. Mein Eindruck war, dass die Wahrnehmung und das Verstehen der Texte und auch des Kunstprojektes als ganzes an den Abenden viel intensiver war, wenn man sich mit der Interpretation der Texte beschäftigt hatte. Dass also nicht nur der Eindruck als solcher, mit den Assoziationen, was ja auch wichtig ist, da war, sondern darüber hinaus noch eine Bewusstseinsebene, eine Verstehensebene dazu kam. Die Texte konnten anders eingeordnet werden und damit verbunden konnte auch die Form, in der die Texte sich an der Wand befanden oder bewegt dargestellt wurden, noch anders verstanden und wahrgenommen werden.

Interview mit Studienrätin Karin Breuninger, Alfeld

Karin Breuninger ist Studienrätin am Alfelder Gymnasium und unterrichtet die Fächer Religion und Deutsch. Sie hat mit mehreren Schülergruppen das Kunstprojekt besucht und war zudem an der Auswahl der projizierten Texte beteiligt.

Frau Breuninger, wie haben Sie Ihre Schülerinnen und Schüler vor und während Conversio erlebt, und welche Rückmeldungen haben Sie erhalten?

Ich habe es meinen Schülerinnen und Schülern aus den Oberstufenkursen bzw. des 11. Jahrgangs im Prinzip nicht freigestellt, an Conversio teilzunehmen, aber es war doch ein grundsätzlich positives Echo zu beobachten, einmal "etwas Anderes" zu machen. Der Abendtermin war zudem auch ganz gut, besser etwa als der Nachmittag, und so waren dann auch alle zum vereinbarten Zeitpunkt da.

Eine lange inhaltliche Nachlese habe ich nicht gemacht, da das ja auch Teil Ihrer Arbeit war, ich habe aber keine negativen Reaktionen bekommen, sondern ausschließlich positive, der eine oder andere meinte nur, dass man mit der Lasertechnik noch wesentlich mehr hätte machen können.

In einer anderen Schülergruppe, mit der ich bei Conversio war, war auch ein Schüler, der wirklich ein sehr distanziertes Verhältnis zur Kirche hat, man könnte fast sagen militant. Er wurde dann von seinen Mitschülerinnen und Mitschülern überredet, ist auch mitgekommen und war dann aber auch positiv angetan. Gerade auch von der Tanzveranstaltung und der Feuershow vor der Kirche.

Als Vorbereitung habe ich in den Oberstufenkursen den "Dialog in der Konfrontation", der in Conversio ja wesentlich war, erläutert. Dieses geschah ganz anschaulich, indem ich die einzelnen Begriffe auf Zetteln an der Tafel gegenübergestellt habe. Mit dem Kurs aus der 11. Klasse habe ich das vor der Kirche während der Betrachtung des Schornsteines von Sappi versucht.

Mein Eindruck war, dass dieser Konfrontationsaspekt eigentlich bei allen Interesse geweckt hat, auch weil ja immer die Schwelle zum alltäglich-technischen, jedenfalls nicht zum Sakralen, überschritten war. Während der Projektionen habe ich den Schülerinnen und Schülern dann freie Hand gelassen, bis auf den Kontakt mit dem Techniker, der zwei Kleingruppen der Schüler die technischen Details erklärt hat. Ich glaube, dass alle gerade auch an diesem technischen Bereich sehr interessiert waren.

Was war für Sie ausschlaggebend für den Erfolg von Conversio bei Jugendlichen?

Ich denke, dass die Unverbindlichkeit des Zeitrahmens ganz wichtig war, jedenfalls war das bei meinen Schülerinnen und Schülern so. Sie wären ohne meinen Antrieb wahrscheinlich nicht hingegangen, nicht weil es "sowieso doof ist", sondern weil man das einfach nicht macht. Die Bereitschaft mitzugehen wurde, auch nachdem ich erklärt hatte, worum es bei Conversio geht und wie es ablaufen würde, gefördert durch die Tatsache, dass es nicht eine geschlossene Veranstaltung war. Es war nicht der übliche Ablauf mit Anfang: Jeder sieht, wer da kommt und erst nach zwei Stunden kann man wieder gehen. Also allein die Zusage, dass alles nach einer halben Stunde schon wieder vorbei sein könnte, war erleichternd.

Der Freitag Abend zum Beispiel war besonders geeignet. Das Rahmenprogramm begann um 19.00 Uhr, mit der Tanzveranstaltung, dann kam die Feuershow vor der Kirche und schließlich verweilte die Gruppe noch gut zwanzig Minuten bei der Projektion in der Kirche. Von einigen der Schülerinnen und Schüler weiß ich, dass sie im Anschluss dann noch etwas essen gegangen sind, es war also ein für sie typischer Freitagabend, an dem man mehrere Events aneinanderreiht.

Es passte also ganz gut in die Planung der Jugendlichen.

Ähnliches kann man wahrscheinlich auch für die Erwachsenen sagen, die z.B. auf einem Abendspaziergang kurz hereinschauten.

Darin sehe ich auch ein Problem der Kirchenpädagogik. Normalerweise geht Kirchenpädagogik davon aus, einen Sakralraum intensiv mit allen Sinnen zu erleben. Das braucht aber Zeit, deutlich mehr Zeit etwa als eine normale Kirchenführung.

Ich denke, dass es beides geben sollte, nämlich einmal die zeitlich kürzer gefassten Veranstaltungen, wie z.B. Conversio, und auch die intensiveren Phasen des Erlebens von Kirche, die dann einen längeren Zeitraum benötigen, um die Aspekte der Sinnlichkeit zu bedienen.

I.2. Kirchenpädagogik bei Conversio und Perspektiven von Kirchenpädagogik über Conversio hinaus

Interview mit Superintendent Wolfhard Pohlmann, Alfeld

Wolfhard Pohlmann ist Superintendent des Kirchenkreises Alfeld und maßgeblich für die Entwicklung und Durchführung des Conversio-Projektes in der St. Nicolai-Kirche verantwortlich.

Herr Pohlmann, "Conversio" liegt jetzt schon einige Monate zurück. Wie lautet Ihr Gesamtfazit, neben der positiven Beurteilung durch Jugendliche?

Im wesentlichen lässt sich das aus der schriftlichen Auswertung des Conversio-Projektes entnehmen. Unsere Ziele haben wir eigentlich erreicht. Für die Besucher waren dieses: Öffnung zum säkularen Raum der Stadt hin, Dialog mit Distanzierten, Angebot der Auseinandersetzung mit existentiellen Inhalten schaffen – biblisch-theologisch, philosophisch, literarisch – zum Thema "Zeit-Zukunft-Hoffnung". Für die eigene Gemeinde: Angebot einer neuen Form von Spiritualität, Auseinandersetzung mit Themenaspekten, Differenzierung des Verhältnisses zu Kirche und Welt.

Bei Conversio gab es eine niedrige Eingangsschwelle in die Kirche, was dem heutigen Individualismus entgegenkam und auch Menschen in die Kirche brachte, die sonst dort nicht unbedingt hingehen. Diese Öffnung der Kirche, die offenen Veranstaltungen, sind vielleicht von der Form her ähnlich dem Christus-Pavillon auf der Expo.

Weiter sollte durch die Projektion auf den Schornstein von Sappi bewusst die städtische Öffentlichkeit angesprochen werden. Ich habe mal gesagt, dass die Kirche in dieser Zeit so etwas wie "die Seele der Stadt" geworden ist: Die Kirche in der Mitte der Stadt als Seele der Stadt.

Gleichzeitig war es aber auch wichtig, dass wir integrierende Gemeinschaftsveranstaltungen durchgeführt haben, im Rahmen des Begleitprogramms, auch wenn wegen der Tageszeit keine Gottesdienste möglich waren.

Positiv war weiter das Sponsoring durch die örtlichen Handwerker. Man merkte eine Identifikation mit ihrer Kirche. Das bedeutet nicht, dass sie von da ab regelmäßig zum Gottesdienst kommen, aber es ist eben doch ihre Kirche. Diese Nähe zur Kirche ist dann nicht unbedingt am Gottesdienstbesuch messbar, sondern es ergibt sich eine andere Form von Nähe, die man aber auch ernst nehmen muss.

Als Erfahrung mitnehmen kann man, dass Angebote, die nicht nur die Binnenkirche, sondern auch eine distanzierte größere Öffentlichkeit ansprechen sollen, qualitativ hochwertig sein müssen. Wichtig ist zudem ein deutliches Profil und die Erkennbarkeit als christliches Projekt. Ein weiteres, entscheidendes Merkmal von Conversio war die Synästhesie: Das Bildliche einerseits, doch durch Musik und Tanz werden auch andere Sinne angesprochen, quasi als Verstärkung.

Welche Perspektiven eröffnen Projekte wie z.B. Conversio in der kirchlichen Arbeit, welche Möglichkeiten bieten sich aus Ihrer Sicht?

Es ist ja so, das wir methodische Formen finden müssen, um die christliche Botschaft so zu transportieren, dass die Form an sich schon einen Anreiz bietet, sie auch wahrzunehmen. So wird es möglich, dass die Botschaft auch für die Menschen heute eine entscheidende Botschaft wird, dass sie gelingendes und reflektierendes Leben eröffnet.

Die Beschäftigung mit der Tradition war für die Kirche immer grundlegend und wird es auch in Zukunft sein. Unsere Aufgabe ist es nun, dass die Tradition relevant für das Leben von heute wird. Diese Übersetzungsaufgabe, die wir ja als Kirche immer haben, versuchte auch "Conversio" auf eine besondere methodische Weise. Das Stichwort lautet Hermeneutik. Die christliche Tradition muss also so lebendig gestaltet werden, so verständlich gemacht werden, dass die Menschen mit den heutigen Seh- und Hör- und Lebensgewohnheiten erkennen, dass es auch eine Botschaft für sie selbst ist.

Welchen Stellenwert kann diese neue Art der Vermittlung, diese neue Form im Leben einer Gemeinde, auch in Alfeld, einnehmen?

Es muss, glaube ich, im Gemeindeleben mehrere "Programme" geben. Da gibt es einmal die traditionellen Gottesdienste am Sonntag Morgen für eine bestimmte Klientel. Der Gottesdienst spricht die Menschen an, sie fühlen sich dort zu Hause und der rituelle Charakter im Gottesdienst ist sehr wichtig.

Zweites "Programm" sind dann Familiengottesdienste und weitere Veranstaltungen, die sich auch wieder an eine bestimmte Gruppe in der Gemeinde und der Gesellschaft richten.

Und zum dritten gibt es dann noch eine Gruppe mit besonderen Interessen, die man z.B. mit künstlerischen Projekten auf ästhetische Weise ansprechen kann, wie es bei Conversio geschehen ist. Das bedeutet also, dass eine Gemeinde in einer plural gewordenen Gesellschaft, und auch in einem vielfältigen Verhältnis der Menschen zur Kirche, ein vielfältiges Angebot machen muss, das der Wahrnehmung und der Akzeptanz der jeweiligen Mitglieder entspricht.

"Conversio" besaß ja ohne Zweifel auch kirchenpädagogische Elemente. Kann dieses eine Möglichkeit sein, Menschen, besonders auch Jugendliche, in Kontakt mit christlichem Glauben und Kirche zu bringen?

Sicher ist das ein Ziel unserer Arbeit hier in St. Nicolai. Natürlich kann das nicht immer mit so einem Kostenaufwand geschehen wie bei Conversio. Aber es ist schon ein Fernziel, den Kirchenraum als Erlebnis- und Begegnungsraum zu gestalten, eigentlich schon fast ein Nahziel. Dieses wird über verschiedene Schritte und Wege auch Praxis werden. Ich denke schon, dass wir die Erfahrungen des Projektes in die verschiedenen Gemeindearbeitszielgruppen, also auch in die Konfirmanden- und Jugendarbeit, einbeziehen werden.

Wie wird das konkret aussehen? Welche kirchenpädagogischen Ansätze können hier einfließen?

Wir hatten eine Kirchenpädagogin aus Hannover hier in Alfeld, die mit einer Gruppe von Interessierten, die in Zukunft als Multiplikatoren agieren können, das Erleben des Kirchenraumes auf ganz verschiedene Weisen eingeübt hat. Diese Erfahrungen sollen nun in die Konfirmanden- und Jugendarbeit, aber auch in die Erwachsenenarbeit, eingebracht werden.

Weiter soll der Dialog von Text und Kirchenraum fortgesetzt werden, indem wir von der Wendeltreppe im Vorderteil der Kirche eine Fahne hinunterhängen, auf der ein biblisches und ein anderes literarisches Zitat abgedruckt sind, die in einen Dialog treten – wie bei Conversio. Das im Blick auf die Gemeindearbeit.

Ein weiterer Aspekt wäre "Citykirche". St. Nicolai ist eine Kirche mitten in der Stadt, und wir werden sie in der Zeit von April bis Oktober tagsüber öffnen, etwa für Menschen, die in die Stadt hineingehen, zum Wochenmarkt oder ähnliches. Dazu möchten wir in der ehemaligen Taufkapelle eine meditative Besinnungsecke einrichten, unter anderem mit einem künstlerisch gestalteten Kerzenleuchter. Die Menschen sollen also hineinkommen, sich umschauen, durch die Kirche gehen und sich dann auch einfach hinsetzen können in der Kirche, innehalten, eine offene Form von Spiritualität.

Wir möchten die Kirche zum vielfältigen Erlebnisraum machen, und da sind kirchenpädagogische Aktivitäten naheliegend. Gerade in der Konfirmandenarbeit kann man diese Formen anlegen und dann auch später fortfahren, den kirchlichen Raum intensiv zu erleben.

Interview mit Studienrätin Karin Breuninger, Alfeld

Karin Breuninger ist Studienrätin am Alfelder Gymnasium und unterrichtet die Fächer Religion und Deutsch. Sie hat mit mehreren Schülergruppen das Kunstprojekt besucht und war zudem an der Auswahl der projizierten Texte beteiligt.

Welche Rolle kann Kirchenpädagogik in Zukunft spielen? Ist sie eine Möglichkeit, kirchenferne Menschen, gerade auch Jugendliche, wieder mit Kirche und dem christlichen Glauben in Berührung zu bringen?

Das wäre mir zu eng, denn das eine wäre die Institution, das andere der christliche Glaube an sich. Damit hätte ich Schwierigkeiten, und das wäre auch nicht unbedingt mein Ziel, jedenfalls würde ich mir das nicht vornehmen, weil es eine Überforderung darstellt.

Was ich schon denke ist, dass die Affinität zu geprägten Sakralräumen auch bei Jugendlichen da ist. Der Sakralraum ist ein Ort, der nicht alltäglich ist, der irgendwo Sehnsucht bündelt nach Ruhe, nach Frieden, nach geordneter Welt, nach Auflösung der Desperatheit. Das ist im weitesten Sinn natürlich auch ein religiöses Bedürfnis, aber nicht enggefasst ein christliches Bedürfnis. Die ganz spezielle Atmosphäre, die der Kirchenraum hat, ist natürlich eine christliche Atmosphäre. Das ist auch einfach eine räumliche Atmosphäre, die im umfassenden Sinn etwas ausstrahlt, was auch wahrgenommen wird.

Wenn die Ressentiments, die Vorbehalte, gegenüber einem Raum und der Institution Kirche, speziell des Glaubens, durch kirchenpädagogische Projekte abgebaut werden können, dann kann dieser Raum, z.B. durch die verfremdende Art, losgelöst von der Engführung auf die Institution Kirche, als Ort des Glaubens wahrgenommen werden, und dann entfaltet er auch seinen wirklichen Reiz.

Es gibt viele Menschen, die sich in Kirchen per se nicht gleich wohlfühlen, die eine gewisse Bewegungsscheu im Sakralraum Kirche haben. Insofern holt die Kirchenpädagogik die Menschen schon in die Kirchen, aber nicht unbedingt in die Institution Kirche. Das wäre mir auch zu viel, oder zu wenig, je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet. Damit wäre ein Scheitern der Bemühungen bei einem großen Teil der Menschen vorprogrammiert.

Welchen Stellenwert kann Kirchenpädagogik dann haben, etwa im Bezug zum christlichen Gottesdienst?

Conversio ist in seiner Art, wie es angelegt war, geeignet gewesen, ein relativ breites Spektrum von Menschen anzusprechen, sowohl kirchenferne Menschen wie auch kirchliche Insider.

Gottesdienst und Kirchenpädagogik können nebeneinander stehen, ohne dass eine Wertung vorgenommen werden muss. Dieses gilt vor allem dann, wenn man das Ziel hat, dass die Menschen sich im Sakralraum wohlfühlen, vielleicht auch miteinander wohlfühlen.

Frau Breuninger, welche Zielgruppe hatten Sie bei der Auswahl der Texte im Blick? Waren das Jugendliche, oder war der Erfolg bei Jugendlichen eher eine glückliche Begleiterscheinung?

Ich habe mich in diesem Projekt engagiert, um ganz bewusst mehr als das traditionelle Kulturpublikum zu erreichen.

Bei Conversio war für mich von vorneherein wichtig, dass es ein Projekt war, das durch seine Konstruktion die Chance geboten hat, ein breites Spektrum von Menschen anzusprechen, eben auch kirchenferne. Ich habe das z.B. auch beim Titel Conversio eingefordert, gegen den eigentlich alle in der Gruppe waren, die die Texte mit ausgesucht haben. Einmal weil er theologisch besetzt ist im Sinne von Bekehrung. Ich habe ihn aber vor allem abgelehnt, weil es ein lateinischer Begriff ist, der dann signalisiert, dass Conversio nur etwas für Leute mit kleinem Latinum wäre. Aber hier war leider der Wille der Künstlerin entscheidend, was auch vertraglich so geregelt war.

Bei der Auswahl der Texte habe ich an keine besondere Zielgruppe gedacht, das ist eine sehr subjektive Auswahl gewesen, bei der natürlich die thematische Ausrichtung im Vordergrund stand, wo aber auch klar war, dass die Texte keine hochkomplizierten Barockgedichte mit vielen Metaphern sein konnten. Es waren nicht in erster Linie Jugendliche im Blick, sondern die Texte sollten für möglichst viele Menschen verständlich sein.

 

II. Literaturverzeichnis

Liebelt, Udo (Hg.)

Katalog zur Ausstellung Magdalena Jetelovà: Conversio, Lichtinstallation, Kunstraum St. Nicolai 2000 in Alfeld/Leine

Engelhardt & Bauer Druck und Verlagsgesellschaft mbH, Karlsruhe, 2000

 

Klie, Thomas (Hg.)

Der Religion Raum geben – Kirchenpädagogik und religiöses Lernen

Grundlegungen – Veröffentlichungen des Religionspädagogischen Instituts Loccum Band 3

LIT-Verlag Münster-Hamburg-London, 2000

 

Kutzner, Hans Jürgen und Bludau, Heiner

Predigt in Stein – Gedanken zum basilikalen Kirchenbau in Südniedersachsen

Verlag August Lax, Hildesheim, 1987

 

Matthes, Joachim (Hg.)

Kirchenmitgliedschaft im Wandel

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 1990

 

Matthes, Joachim (Hg.)

Fremde Heimat Kirche – Erkundungsgänge

Beiträge und Kommentare zur dritten EKD-Untersuchung über Kirchenmitgliedschaft Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2000

 

Schweitzer, Friedrich

Die Suche nach dem eigenen Glauben – Einführung in die Religionspädagogik des Jugendalters

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, 2. durchges. Auflage 1998

 

von Vietinghoff, Eckard und May, Hans (Hg.)

Protestantismus im 21. Jahrhundert – Zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur

Hanns-Lilje-Forum; Band 4, Lutherisches Verlagshaus GmbH, Hannover, 2000

 

13. Shell Jugenstudie

Jugend 2000, Bd. 1 und 2

Leske + Budrich, Obladen, 2000

 

Fragebogen zum Kunstprojekt "Conversio" in der Alfelder St. Nicolai Kirche 2000

Verehrte Ausfüllende, verehrter Ausfüllender, der vor Dir liegende Fragebogen ist Teil meiner sogenannten "Besonderen Lernleistung zum Abitur", die sich damit beschäftigt, wie Jugendliche das Kunstprojekt "Conversio" in der Alfelder St. Nicolai Kirche erlebt haben. Der Fragebogen stellt die Grundlage für meine Arbeit dar, weshalb ich Dich bitte, die einzelnen Fragen so gewissenhaft wie möglich zu beantworten. Für Deine Mühe bedanke ich mich ganz herzlich!

Benjamin Simon, Jg. 13, Gymnasium Alfeld

A

1. Wie alt bist Du? 10-12 ð 13-15 ð 16-18 ð 18-20 ð (in Jahren)

2. Welche Schulform besuchst Du zur Zeit? OS ð Realschule ð Gymnasium ð BBS ð

3. Welcher Konfession gehörst Du an? Ev.-luth. ð katholisch ð andere: keine ð

4. Wie oft besuchst Du Gottesdienste oder andere kirchliche Veranstaltungen?

    Nie ð Selten ð manchmal ð häufig ð regelmäßig ð

5. Bist Du aktive/r kirchliche/r Mitarbeiter/In (Jugendgruppe, Kindergottesdienst, o.ä.)? ja ð nein ð

B

1. Welche der folgenden Textzeilen wurde während Deines Besuchs des Kunstprojektes projiziert?

ð a) Deine Wahrheit reicht so weit die Wolken gehen.

ð b) Die Zeit geht nicht; sie stehet still, wir ziehen durch sie hin; Sie ist eine Karawanserei

ð c) Seltsam, die Wünsche nicht weiterwünschen. Seltsam, alles, was ich bezog,....

ð d) Ich gestehe: Ich habe keine Hoffnung. Die Blinden reden von einem Ausweg. Ich sehe.

ð e) Die ganze Zeit, die wir bisher durchlebten, hat der Tod schon.

ð f) Fällt etwa ein Vogel zur Erde?

ð g) Der Himmel wird wie ein Regen vergehen.

2. In welcher Farbe wurde der Text projiziert? Gelb ð Blau ð Rot ð Grün ð Weiß ð

3. Bewerte bitte, mit Schulnoten von 1-6, folgende Teile des Kunstprojektes:

    Textauswahl

    Hintergrundmusik

    Technische Umsetzung

    Rahmenprogramm

    1

    2

    3

    4

    5

    6

    1

    2

    3

    4

    5

    6

    1

    2

    3

    4

    5

    6

    1

    2

    3

    4

    5

    6

     

4. An welchen Angeboten des Rahmenprogramms hast Du teilgenommen?

Vorträge ð Konzerte ð Gespräche ð Eröffnungsveranstaltung ð Tanzvorführung ð

5. Welche Worte würdest Du am ehesten mit dem Kunstprojekt verbinden?

ð a) Kirche – Stille – Geborgenheit

ð b) Zeit – Zukunft – Hoffnung

ð c) Mensch – Natur – Technik

ð d) Raum – Ort – Licht

6. Wie oft hast Du das Kunstprojekt besucht? 1 ð 2 ð 3 ð 4 ð 5 ð 6 ð 7 ð >7 ð

7. An welchem Wochentag/Wochentagen hast Du das Projekt besucht?

     Mo ð Di ð Mi ð Do ð Fr ð Sa ð So ð

8. Fandest Du die Projektion in der Nicolai-Kirche gelungener oder die auf dem Schornstein von Sappi?

    Nicolai-Kirche ð Schornstein Sappi ð beide gleich ð

9. Was war für Dich eindrücklicher?

Inhalt der Texte ð Art der Darstellung (Laser-Technik) ð beides gleich ð

10.

Wie fandest Du die Atmosphäre in der Kirche während des Projektes? Hast Du Dich "wohlgefühlt"? (Bewertung in Schulnoten)

1

2

3

4

5

6

11. Was ist Dir vom Kunstprojekt "Conversio" am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben?

 

 

 

 

 

 

C

1. Wie wurdest Du auf das Projekt aufmerksam?

   Zeitung ð Unterricht in der Schule ð Plakate ð Mund-zu-Mund-Propaganda ð anderes .

2. Fand im Unterricht eine Vor- oder Nachbereitung des Kunstprojektes statt? Ja ð Nein ð

3. Bewertest Du solche Kunstprojekte in Kirchen eher positiv oder negativ? Positiv ð negativ ð

4. Würdest Du ähnliche Projekte auch in Zukunft besuchen? Ja ð Nein ð Keine Meinung ð

5. Sollten die Kirchen häufiger solche Projekte wie "Conversio" veranstalten?

    Ja ð Nein ð Keine Meinung ð

 

VI. Danksagung

Herzlichen Dank an alle, die mir als Interviewpartnerin oder Interviewpartner oder mit Ratschlägen und informativen Hinweisen in Gesprächen und Vorträgen zur Verfügung gestanden haben:

Den Schülerinnen und Schülern, die durch das Ausfüllen der Fragebögen diese Arbeit erst ermöglicht haben

Pastor Ralf Drewes, Alfeld

Pastor Dr. Thomas Klie, Göttingen

Superintendent Wolfhard Pohlmann, Alfeld

Pastor Andreas Simon, Freden

Emmy Simon, Freden

Tabea Simon, Freden

Ganz besonderer Dank an

StR’. Karin Breuninger, Alfeld

Für die fürsorgliche Begleitung während der Anfertigung dieser Arbeit


(Benjamin Simon)

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