Schirmherrschaft

Von Selbstgedrehten, Selfies und Silvesterraketen „Auch ein Kuss kann ein Ritual sein“ - Beatrice von Weizsäcker über Handlungen mit Symbolcharakter

Kirsten Rabe im Gespräch mit Dr. Beatrice von Weizsäcker, der Schirmherrin des diesjährigen Landeswettbewerbs Evangelische Religion 


Liebe Frau von Weizsäcker, darf ich mit einer privaten Frage beginnen? - Verraten Sie Ihr liebstes Alltagsritual?

Morgens: unbedingt gemeinsames Frühstück. Radiohören, Zeitungslesen, Twitter, Facebook. Abends: vom Tag erzählen, Tagesschau. Vor dem Einschlafen: Lesen. Am besten vorlesen. Schon als Kind liebte ich Gute-Nacht-Geschichten. Im Laufe des Tages gibt es einige Rituale. So gehe ich zum Beispiel gern einkaufen. Nicht wegen des Einkaufs, sondern wegen der Menschen. Erst zum Obsthändler. Wie geht’s? Alles gut zu Hause? Was machen die Kinder? Wie schmecken die Kirschen? Wunderbar? Ich darf probieren. Immer. Als nächstes zur Wurstverkäuferin. Da gibt es meistens ein Wurstscheibchen für mich, und alle lachen, weil es sie an ihre Kindheit erinnert. Natürlich kaufe ich dann viel mehr ein als wir brauchen. Das Lustige ist: Wir essen gar nicht so viel Wurst. Aber dieses Ritual ist es einfach wert.

Ich habe bei der Planung des diesjährigen Wettbewerbs lange überlegt: Sind „Rituale“ in der Wahrnehmung Jugendlicher tatsächlich relevant? Wird dieses Thema sie ansprechen?
Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mich jetzt ernüchtern: Mich interessiert Ihre Einschätzung.

Am besten ist natürlich immer, die Jugendlichen selbst zu fragen. Aber ich glaube schon, auch wenn junge Leute das vielleicht anders nennen würden. Ich will nur ein Ritual nennen, das zu Unrecht als verpönt gilt: die Selfies. Posten, was das Zeug hält, posten, wo man ist, posten, was man tut. Viele Erwachsene belächeln das müde. Oder meinen, die Jugend sei eitel und selbstbezogen. Ich glaube das nicht. Es ist ein Zeichen des Da-Seins. Uns Älteren scheint es virtuell, aber für die Jungen ist das ganz real. – Überhaupt spielt das Internet als Ort der Rituale eine große Rolle. Ich kenne einige, die jeden Morgen Blumenbilder posten. Und andere, die jeden Abend einen Abendsegen online stellen – auch junge Leute.

Welchen Stellenwert können Rituale haben?

Sie können eine ungeheure Hilfe sein. Ich habe als Referendarin mal drei Monate lang in der Jugendstrafanstalt Hameln gearbeitet. Die Jugendlichen wollten, dass ich in der Suizidselbsthilfegruppe mitmache. Sie können sich vorstellen, dass das für mich nicht nur eine große Ehre, sondern auch eine echte Herausforderung war. Immer wenn es brenzlig wurde, habe ich mit den Jungs erst mal geraucht. Das brachte eine gewisse strukturelle Ruhe. Das war das eine. Das andere, nicht weniger wichtige war ein Tauschgeschäft. Dazu muss man wissen, dass die Jugendlichen kein Geld für „fertige“ Zigaretten hatten, so dass sie ihre Zigaretten selbst drehten. Niemals habe ich einem Jugendlichen eine meiner Zigaretten geschenkt, stets meine gegen ihre Selbstgedrehten getauscht. In der heutigen Zeit des Nichtrauchens kann man sich das kaum noch vorstellen. Aber das war unglaublich hilfreich. Man hatte für kurze Zeit etwas zu tun. Und man konnte sich gegenseitig etwas bieten. Wir rauchten sozusagen erst mal ein Friedenspfeifchen zusammen, bevor wir anfingen zu reden.

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag liegt gerade hinter Ihnen. Sie sind Mitglied im Präsidium - Was motiviert Sie zu diesem Tun?

Am Kirchentag hat mich immer die Mischung aus ernsthaften politischen Debatten, Fröhlichkeit und Frömmigkeit fasziniert. Ich kenne keinen Ort, an dem so viele Menschen zusammenkommen, die so vorurteilsfrei nach dem Glauben fragen und suchen, die zuhören, ohne die anderen in eine bestimmte Richtung drängen wollen. Es sind ja vor allem junge Menschen, die gern kommen. Und: Ein Kirchentag wäre ohne all die Freiwilligen nicht denkbar. Ob das nun die wunderbaren Helferinnen und Helfer sind oder die Mitglieder des Präsidiums, die Bibelarbeiten halten oder anderes tun. Niemand ist wichtiger als der oder die andere. Das erzeugt eine unvergleichliche Stimmung. Das finde ich einfach genial.

In einem Chrismon-Interview zu Ihrem Buch „Ist da jemand – Gott und meine Zweifel“ gibt es eine Aussage von Ihnen, an der ich besonders hängen geblieben bin. Sie sagen dort: „Silvester hat für mich mehr Bedeutung als Weihnachten und Ostern zusammen.“ - Wie kommt das?

Es stimmt: Der Gottesdienst in der Silvesternacht ist für mich wichtig. Es ist eine programmierte Zeit des Innehaltens, der Rückschau, der Dankbarkeit. An Weihnachten und Ostern geht es um den christlichen Glauben, der ja weiß Gott nicht immer leicht nachvollziehbar ist. An Silvester hingegen geht es um mein Leben. Nicht im Sinne einer Rechenschaft. Sondern im Sinne eines Blickes auf das, was mir gegeben wurde. Sei das nun traurig oder schön.

Sind der Silvestertag und der -abend bei Ihnen besonders ritualisiert?

Ja. Oft laden wir Freunde ein, die sonst allein wären. Wir gehen in die Kirche, plaudern, spielen, essen. Um Mitternacht lassen wir Raketen steigen. Jeweils eine für eine bestimmte Person, die uns nah steht. Seit mein Bruder Andreas nicht mehr lebt, schicke ich ihm jedes Jahr die schönste in den Himmel. Dann rufe ich laut – und es ist mir egal, was die Leute um mich herum denken: „Frohes Neues Jahr, lieber Bruder!“ Dann ist er kurz da. Ganz nah.

Gibt es etwas, das Sie den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern für ihre Wettbewerbsarbeit mit auf den Weg geben möchten?

Unbedingt Offenheit. Nicht nur daran denken, was man gewöhnlicherweise unter Ritualen versteht, sondern auch ganz andere Dinge denken. Auch ein Kuss kann ein Ritual sein. Oder ein Lächeln. Solche Dinge.

Herzlichen Dank, Frau Dr. von Weizsäcker, für dieses Gespräch.

 
Dr. Beatrice von Weizsäcker.  Foto: DEKT/Jens Schulze

 Beatrice von Weizsäcker, geboren 1958, ist Publizistin und Juristin. Nach der Promotion zum Dr. jur. arbeitete sie als politische Redakteurin beim Berliner „Tagesspiegel”, bevor sie zur seinerzeit neu gegründeten Stiftung zur „Entschädigung” ehemaliger Zwangsarbeiter wechselte. Seit 2003 lebt sie als freie Autorin in München. Weizsäcker ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags, stellvertretende Vorsitzende der Theodor-Heuss-Stiftung und Mitglied im Beirat der Weiße Rose Stiftung.

Beatrice von Weizsäcker hat mehrere Bücher publiziert. Ihre Werke „Warum ich mich nicht für Politik interessiere …“ (Lübbe) und „Ist da Jemand – Gott und meine Zweifel“ (Piper) standen auf der Bestsellerliste.