Surftipp
Tod im Cyberspace - Friedhöfe im Internet

Wenn Sie sich auch aufmachen, einen der inzwischen zahlreich vertretenen virtuellen Friedhöfe im Internet zu besuchen, können Sie schauriges erleben. Hinterbliebene PC-User beackern die Grabstellen und nutzen sie zur elektronischen Trauerarbeit mittels Scanner und Maus. Das Gedenken an Verstorbene in der bescheidenen Begrenztheit familiärer Überlieferung scheint hier überholt - heute umfasst die potentielle Trauergemeinde an den Multimediagedenkstätten in den unendlichen Weiten des Netzes Millionen. Per Mausklick können Besucher aus aller Welt mit morbider Schaulust Cyber-Gräber öffnen, umfängliche Nachrufe studieren, Bilder, Klänge und andere Grabbeigaben via PC ins eigene Wohnzimmer holen. Mittels Tastatur kann kondoliert werden, eine Funktionstaste zum Ablegen elektronischer Blumen haben die virtuellen Friedhofsgärtner eingerichtet.
War es bisher aus Geld- und Zeitmangel schwierig, zu Gräbern bekannterer Toten zu pilgern, so hat das Netz auch hier vorgesorgt: Jim Morrison, Marylin Monroe, Jimmy Hendrix, Lady Di, Frank Zappa u.a. sind beispielsweise auf dem Schweizer Cyberfriedhof (http://www.gedenken.ch) ein zweites mal bestattet.
Gegenüber der Traueranzeige im anachronistischen Medium Zeitung hat die Internetbestattung viele Vorteile: Die dort meistgelesene Rubrik, die Todesanzeigen, erscheinen nur für einen Tag und können dann auch nur von einer begrenzten Gruppe von Menschen gelesen werden. Im Internet wird für die Ewigkeit bestattet und die Kosten reduzieren sich auf einen Bruchteil. Im Gegensatz zur Traueranzeige sind die Daten, die über Verstorbene hinterlegt werden können, immens. Dabei hat für viele die Art der Vermittlung, die Auflösung von Informationen in Elektronen, etwas mystisches an sich. Kleinste Partikel mit Erinnerungen an die oder den Verstorbenen jagen durch die Telefonnetze, überall und nirgends, so wie die Asche im Wind verstreut wird.
Wie nebenbei liefert das Internet Antworten auf Fragen rund um die Feuerbestattung: “Welche Größe haben die Aschebröckchen?” “Sieht man nach einer Verbrennung noch Knochen und Zähne?” oder “Darf ich Mutters Asche in ihren Lieblingssee streuen?” ( Internet-Cremation-Society; http://www.cremation.org).
Allerdings nicht nur bereits Verstorbenen bietet die Gedenkstätte Platz. Auf einer Art Friedhof, der sich vornehm ,virtuelle Erinnerungsgemeinschaft nennt, darf jeder, der mag, sich selbst für die Nachwelt verewigen. Der Gestaltung sind - dank lnternettechnologie - keine Grenzen gesetzt. So können eingescannte Fingerabdrücke, Urlaubsfotos, Gesungenes und Gesprochens oder gar die Videoaufzeichnung vom selbstinszenierten Schlachteplattenessen in Appelhülsen in den Grüften der Geisterkommune ihren Platz finden.
Der Cyberhimmel steht aber nicht nur uns Menschen offen. Auf den ,Virtual Pet Cemetery" (http://www.mycemetery.com/pet/index.html) ruht Hausgetier in virtueller Erde.
Dietmar Peter
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