Michael Wohlgemuth

Schweigen und Spiritualität
Beobachtungen eines Evangelischen im Zisterzienserkloster Loccum

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1. Abstand nehmen durch Schweigen
Besucher halten zuweilen etwas enttäuscht inne, wenn sie die Loccumer Klosterkirche betreten haben: Zisterzienserkirchen sind karg. Zuerst nimmt das Auge nur das Triumphkreuz wahr und kahle Wände. Bei näherem Zusehen zeigt sich dann doch noch dieses und jenes spätgotische oder noch jüngere Inventar, aber das sind bereits die Regelverstöße einer Spätzeit: Nichts sollte den betenden Mönch ablenken von seiner Hinwendung zu Gott - keine Farbe, kein Schmuck, vor allem keine figürliche Darstellung; am besten das unverputzte Quaderwerk der Mauern, allenfalls Blattor-namente aus Stein oder in den Grautönen der Fenster. Das „optische Schweigen“ ist die Schwelle, hinter der die Welt zurückbleibt und an der das Auge wach wird für die Wahrnehmung Gottes.
Rigoros hat bereits die Mönchsregel des Benedikt das Schweigen geschützt. Wer es brach, hatte das vor dem Kapitel zu bekennen, sich selbst zu geißeln und den Tag bei Wasser und Brot zu fas-ten. Offenbar blieb das Schweigen auch für den Mönch immer wieder ein Akt der Entsagung, der Entledigung und Entfernung von der Welt, den er unter Selbstüberwindung vollziehen musste. Aber Gottesbegegnung, Christusbegegnung, gibt es „nur jenseits aller Sensationen und oberflächlichen Sin-neseindrücke ... Daher soll der Mensch lernen ..., bei sich selbst zu bleiben (habitare secum), um dort - in Distanz zur Welt - sich selbst zu betrachten als Ansatzpunkt für die Erkenntnis Gottes und die Liebe zu ihm (capax Dei)“ .

2. Das Schweigen tut’s freilich nicht
Regelwidrig und wie schlechten Gewissens kunstvoll versteckt, zeigen die Wangen des alten Chor-gestühls in der Stiftskirche nun doch zwischen Weinlaubgeranke einen Wolfsrachen, aus dessen Maul sich wie die Zunge eine Schlange entwindet. Fenris-Wolf und Midgard-Schlange aus der nor-dischen Mythologie, Verkörperung des zudringlichen Bösen, züngeln nach den Menschen im Chor-gestühl. Die Stille hat ihre Gefahren. Das pure Leerwerden ist dem Menschen nicht gegeben. Jede menschliche Leere wird sich füllen, im Zweifel satanisch. Das ist der konkrete Hintergrund für die Notwendigkeit des Chorgebets, das siebenmal des Tags die Arbeit und einmal des Nachts sogar den Schlaf unterbricht, um den Mönch in die Gegenwart Gottes zu holen. Die liturgische Fülle des Gotteslobes, das dem Klostertag seine Struktur gibt, strahlt in das Schweigen aus und füllt es mit der Kraft, die aus der Hinwendung zu Gott erwächst. Zisterziensische Spiritualität lebt von dem Schweigen, das sich aus der Gegenwart Gottes heraus füllt.

3. „Ich glaube, damit ich erfahre“
In theologischer Buchproduktion hat sich zisterziensische Spiritualität kaum niedergeschlagen: „Wichtig ist immer nur das Leben in der Gegenwart Gottes, nicht die Beschreibung dieser Erfahrung in einer intellektuellen Sprache“ Das Geheimnis der Stille findet der Zisterziensermönch in der Meditation der Liebe Gottes, wenn er sich in das Bild des gekreuzigten Jesus vertieft. Die Stille ist der Raum, in dem Christus gegenwärtig wird, der Mensch sich öffnet und beide einander begegnen. So zeigt es das Grundbild zisterziensischer Spiritualität: Bernhard von Clairvaux vor dem Gekreu-zigten, der sich vom Kreuz zu lösen beginnt, sich zu Bernhard herabbeugt, bis er ihn in die Arme schließen und dieser die Umarmung erwidern kann.
„Ich glaube, damit ich erfahre“ ist die Devise einer Frömmigkeit, die der theologischen Gelehrsam-keit des Hochmittelalters die Hingabe des Glaubens entgegensetzt. Im Übergang vom Zeitalter päpstlicher Macht zum Zeitalter der religiösen Massenbewegungen verschafft Bernhard einer neu-en Subjektivität Raum, die das persönliche Erleben des Evangeliums sucht: „Heute lesen wir im Buch der Erfahrung. Euch selber kehrt euch zu, und bei den Punkten, die nun besprochen werden sollen, achte ein jeder darauf, was er darüber von sich selber weiß“ . Es ist die religiöse Erfahrung, die den Christen macht, während die christliche Lehre nur der Vorbereitung für solche Erfahrung und ihrer nachträglichen Entschlüsselung dient. Der Protestant in mir aktiviert hier seine theologi-sche Sicherung und ist auf der Hut vor der Gefahr, die Erfahrung zu vergötzen oder an ihr zu ver-zweifeln. Aber das ahnt er: Das Schweigen ist die Schwelle, an der sich neue Begegnungsfähigkeit entwickelt - Abstand nehmen, selbst ankommen und Christus erwarten. Zuvorgekommen ist dem Schweigen des Noch-so-Frommen freilich Gott, im Kruzifixus über dem Lettner sichtlich gezeichnet von seiner Begegnung mit dem Menschen, den er mühsam finden musste.



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