Vorträge

Die religiöse Dimension im Schulprogramm

Frühjahrstreffpunkt des RPI vom 30. bis 31. März 2001


ZuhörerInnen während des Frühjahrstreffpunktes Dr. Bernhard Dressler und Prof. Günter Böhm
Abendvortrag von Professor Günter Böhm (Universität Münster) 
Moderation: Dr. Bernhard Dressler

Die religiöse Dimension im Schulprogramm Falls nicht vorhanden, den RealPlayer herunterladen.

Teil 1: Ein Konzept gewinnt Gestalt 
(34 Minuten)


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Teil 2: Der Stellenwert der Fächer im Schulprogramm
(6 Minuten)

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Teil 3: Religion im Schulprogramm
(22 Minuten)


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Vortragstext:

Ein kleines Scherzo zur Einleitung :
Drei Phasen bei der schulischen Rezeption einer Reformidee: Abwehr – partielle Aneignung – Entdeckung des produktiven Impulses

1. Teil: Ein Konzept gewinnt Gestalt: Schulen arbeiten am Schulprogramm

Das bedeutet im einzelnen:

1.1 Den Ansatz verstehen lernen in der Kontinuität pädagogischer Weiterentwicklung und als Antwort auf neue Herausforderungen:

Schulprogrammarbeit als reflektierte, planvoll ansetzende, auf regelmäßige Evaluation ausgerichtete , mehr und mehr alle an Schule Beteiligten einbeziehende Dauerbemühung um eine gute Schule.

1.2 Das Proprium des Konzepts als Aneignung einer neuen Perspektivebegreifen: als gemeinsam wahrgenommene Verantwortung für die Weiterentwicklung der eigenen Schule als System und das Selbstverständnis von Schule als gemeinsam lehrende und lernende Institution.

1.3 Die unterschiedlichen Dimensionen des Begriffs auseinanderhalten:

- Als Beschreibung eines Vereinbarungsprozesses und als Kennzeichnung des Produkts dieses Prozesses hat der Begriff „Schulprogramm" deskriptive (dokumentierende) Bedeutung.

- Als Bezeichnung für eine bestimmte Programmatik der Schule als Ausdruck der Zielrichtung ihres Handelns hat der Begriff „Schulprogramm" strategischeFunktion.

1.4 Veränderungen im Selbstverständnis der an Schule Beteiligten in Rechnung stellen:

Beim Lehrer bleibt die individuelle (fach-)unterrichtliche Kompetenz zentraler Schwerpunkt; sie wird aber ergänzt durch eine verstärkte Beratungsfunktion, durch Bereitschaft und Fähigkeit zu kooperativ geplanten und kooperativ durchgeführten Unterrichtsvorhaben, durch Sicherheit im Umgang mit modernen Medien, durch verstärkte Aufgeschlossenheit für die Verbindung von Schule und Umfeld (außerschulische Lernorte) und durch die Fähigkeit und Bereitschaft, schulische Innovationsprozesse kooperativ mitzutragen.

Problemanzeige: Wie sind die neuen Aufgaben unter den gegenwärtigen Belastungen zeitlich und von der Kompetenz her so zu bewältigen, dass kein vorschneller Verbrauch der beruflichen Ressourcen eintritt und die neuen Funktionen einem professionellem Anspruch standhalten?

Eltern sind durch das Schulprogramm herausgefordert, aus einer häufig eher formal wahrgenommenen Mitbestimmungsmöglichkeit in eine produktive Mitwirkungsrolle einzutreten, über das Interesse am schulischen Fortkommen der eigenen Kinder hinaus eine Perspektive für die gesamte Schule – ihre aktuellen Ressourcen und Grenzen, ihre Ausbaufähigkeit, Verbesserungsbedürftigkeit und Verbesserungsfähigkeit – zu entwickeln und dafür zeitlich begrenzte, aber zuverlässig durchgehaltene persönliche Beiträge einzubringen.

Problemanzeige: Wie können Eltern über regelmäßige Information hinaus sich so in die Arbeitsstränge des sich entwickelnden Schulprogramms einfädeln, dass sie in diesem Prozess keine zusätzliche Belastung sind, sondern kompetent mitwirken?

Auch Schülerinnen und Schüler sind – so sehr sie in erster Linie die Nutznießer eines überzeugenden Schulprogramms sein sollen – von aktiver Mitarbeit nicht ausgenommen; sie sind in bestimmten Feldern überhaupt nicht entbehrlich. Mit der Betonung des heutigen schulischen Auftrags, über Fachwissen hinaus Lernkompetenz als Grundausstattung für Zukunftsfähigkeit zu vermitteln, sind Schülerinnen und Schüler aufgefordert, produktiv an ihrer eigenen Lernbiographie zu arbeiten. Bei der Bemühung, über Vereinbarungen (z.B. Klassenordnungen) eine Kultur des Umgangs in der Schule sicherzustellen, können Schülerinnen und Schüler schon in frühen Klassenstufen engagiert mitwirken.

Die aktive Teilnahme an den Diskussions- und Entscheidungsphasen kann die Schülerschaft die Prozesse demokratischer Meinungsbildung und Beschlussfassung miterleben lassen, ihnen engagierte Erwachsene vor Augen stellen und damit eine positive Einstellung zur Gestaltung einer Zivilgesellschaft fördern

Problemanzeige: Die Mitwirkung von Schülerinnen und Schülern leidet nicht nur an der i. g. begrenzten Zahl derer. die zur Mitwirkung an Maßnahmen für die ganze Schule, also über die eigene Lerngruppe hinaus, bereit und fähig sind; sie ist auch dadurch belastet, dass der erheblichen Zeitaufwand bei der Entwicklung eines Schulprogramms engagierten Schülern selten ermöglicht, innerhalb der eigenen Schulzeit und noch vor den Abschlussjahrgängen die Früchte ihrer Bemühungen mitzuernten. Maßnahmen zur Verkürzung der Schulzeit im Sekundarbereich II dürften diese Problemlage noch verstärken.

Veränderungsnotwendigkeiten bestehen selbstverständlich auch im Bereich derSchulaufsicht und der Schulträgerschaft. Funktion der Schulaufsicht bleibt die Sicherung der Vergleichbarkeit der schulischen Anforderungen, insbesondere der Abschlüsse, außerdem die Gewährleistung der rechtlichen Vorgaben, in deren Rahmen Schule arbeitet; es kommen aber erhebliche Beratungsaufgaben hinzu, die auf Förderung der Selbstentwicklungskompetenz der einzelnen Schule gerichtet sein müssen und ein hohes Maß an entsprechenden Fähigkeiten seitens der Schulaufsicht (oder der von ihr dazu Beauftragten) voraussetzen. Größere Selbstständigkeit der Schule macht zwingend auch erweiterte Befugnisse bei Lehrereinstellungen und bei der Etatverwaltung erforderlich.

Problemanzeige: Bisherige Erfahrungen machen deutlich, dass hier ein umfassender Lernprozess unumgänglich ist, der gegenwärtig noch stark in den Anfängen steckt. Die Übernahme bisher vom Schulträger wahrgenommener Aufgaben durch die Schulleitung hat einen ambivalenten Charakter: Wenn sie unter Verzicht auf stützende Maßnahmen erfolgt, hat sie eher den Charakter einer Verschiebung von Belastungen auf Kosten ohnehin schon bis an die Grenze geforderter Personen in der Schule.

1.5 Unterschiedliche Entwicklungsverläufe bei der Schulprogrammarbeit berücksichtigen:

Da keine Schule beim Nullpunkt beginnt, Schulentwicklung mehr oder minder abgestimmt im Regelfall betrieben hat und ein – mehr oder minder ausgeprägtes – Schulprofil aufweist, ist das Einsatzmotiv für Schulprogrammarbeit an den Schulen unterschiedlich:

- Einer Schule mit einer großen Anzahl von pädagogischen Schwerpunkten und einer Fülle von Aktivitäten dient die Diskussion eines Leitbildes der Klärung, was in dieser Schule das Verbindende und Richtunggebende ist. Dies führt meist zu einer Revision des Bestands (Brauchen wir alles? Was lebt nur dem Scheine nach? Wo haben wir trotz der Menge an Aktivitäten möglicherweise Defizite?).

Ziel der Arbeit ist hier die Selbstvergewisserung der Schule über ihr Leitbild, die verstärkte Wahrnehmung ihrer vielfältigen Artikulationen, deren Auswahl und zunehmende Vernetzung und damit der Ausbau des Schulprofils zu einem reflektierten Schulporträt.

- Wo in einer Schule die Überprüfung ihrer Vorzüge („Wo sind wir stark?") und ihrer Defizite („Wo sind wir schwach?") einen erheblichen Entwicklungsbedarf erkennen lässt, führt Schulprogrammarbeit zweckmäßig zu einer an einem Leitbild orientierten Abfolge von Entwicklungsvorhaben mit dem Ziel, der Schule zu einem deutlicheren Profil zu verhelfen. Die ständige Abstimmung dieser Prozesse mit dem Schulleitbild, das sich dabei ebenfalls ständig präzisiert, gibt der Schulprogrammarbeit ihre Richtung.

- Wo bereits seit längerem schulische Entwicklungsvorhaben – in der Regel unverbunden – in Gang gesetzt sind, ergibt sich häufig ein arbeitsteiliges Verfahren: Arbeit an der Formulierung eines (bisher unausgesprochen „irgendwie" wirksamen) Leitbildes läuft parallel mit der ( sich um wechselseitige Vernetzung bemühenden) Weiterarbeit an den Einzelprojekten. Wichtig ist hier die zunehmende Zusammenführung beider Stränge mit dem Ziel, über die Verknüpfung von Schulleitbild und Schulprofilelementen zu einem Schulporträt zu gelangen.

Erfahrungen zeigen auch, dass es Problemstellen im Gang der Schulprogrammarbeit gibt:

- Die in den ersten Veranstaltungen festgestellte, gegebenenfalls durch Befragungen unter allen an Schule Beteiligten erweiterte „Schulkarte" („Stärken", Schwächen", Dunkelfelder"...) muss in konkrete Zielbeschreibungen überführt werden. Dazu sind kontinuierlich tagende Arbeitskreise erforderlich, auf die sich ein Kollegium, gegebenenfalls zusammen mit Eltern- und Schülervertretern, aufteilt. Es bedarf  eines Organisationsrahmens, der sicherstellt, dass die Einzelvorhaben über eine Koordinierungsgruppe verbunden bleiben, so dass der jeweilige Arbeitsstand registriert werden kann und eine Überblick geschaffen wird, welche Vorhaben entscheidungsreif sind und den Schulgremien zugeleitet werden können.

- Um Überforderungen vorzubeugen, muss ein Kollegium bei mehreren gleichzeitig betriebenen Innovationsprojekten, mit denen sich die Beteiligten im Regelfall hochgradig identifizieren, frühzeitig eine Reihenfolge festlegen („Jahresplan"). Es empfiehlt sich, mit Vorhaben zu beginnen, deren Erfolgsaussichten in überschaubaren Zeiteinheiten günstig sind.

- Da viele Arbeitsprozesse bei der Schulprogrammerarbeitung arbeitsteilig erfolgen, muss ständige Transparenz gesichert sein (z.B. über Anschlagbretter, Protokollaustausch usw.). Die regelmäßige Abfolge von schulinternen Fortbildungs-veranstaltungen mit dem gesamten Kollegium, ergänzt durch Eltern- und Schülervertreter, hilft allen, beim Gesamtprozess „im Bild zu bleiben" und die Erarbeitung als gemeinsamen Reflexions-, Diskussions- und Entscheidungsprozess wahrzunehmen. Die Mitwirkung von Experten von außen ist, wenn sie mit dem wünschenswerten Einfühlungsvermögen auf die spezifische Schulsituation geschieht, häufig sehr hilfreich.

- Die Verzahnung der speziell mit der Schulprogrammerarbeitung befassten Organisationseinheiten mit den eingeführten schulischen Gremien ist – bei aller Eigenständigkeit dieser Einrichtungen – sorgfältig zu beachten. In welcher Weise eine Klasse oder ein Oberstufenjahrgang an Schulprogrammelementen teil hat, kann und sollte auch Gegenstand der Beratung in der Klassen- oder Jahrgangskonferenz sein.


2. Der Stellenwert der Fächer im Schulprogramm

2.1 Es geht um Überwindung der Fächerisolierung, nicht um Auflösung der Fächer:

Auch wenn Schulprogrammentwicklung von Absprachen von einem Leitbild für schulische Erziehung und Bildung ausgeht, behalten die Schulfächer in diesem Prozess eine konstitutive Funktion. Dies gilt für die Arbeit der Grundschule, vor allem in den ganz frühen Jahrgängen, nicht ohne Einschränkung: Hier ist ein Unterricht in Lernbereichen und der allmähliche Übergang in die Fächergliederung plausibel. Mit steigenden Jahrgängen wird der Fachunterricht unentbehrlich, weil er über seine in den letzten Jahrzehnten intensiv ausgebildete fachspezifische Didaktik und Methodik und seine spezifische Fachsystematik den Anspruch heutiger schulischer Bildung und ihren Wissenschaftsbezug sichert – bis hin zur Studierfähigkeit als Abschlussqualifikation in den allgemeinbildenden und abiturrelevanten berufsbildenden Bildungsgängen. Bei aller berechtigten Forderung nach verstärktem fächerverbindenden Lernen oder nach Fächerprofilen bleiben auch in einem Schulprogramm die Fächer die konstitutiven Lernsektoren. Wenn Schule ihr Anspruchs- niveau halten oder gegebenenfalls sogar steigern soll, müssen sich alle fächerübergreifenden Maßnahmen am fachlichen Standard messen lassen. Schulprogrammarbeit hat zur Voraussetzung, sich den besonderen Bildungsauftrag jeder Schulform angesichts der heutigen Herausforderungen zu vergegenwärtigen. Dies zieht nach sich, dass sich auch die Fächer fragen müssen, worin ihr spezifischer Beitrag zu einer zeitgemäßen Bildungin ihrer Schulform besteht.

2.2 Konsequenzen für die Arbeit der Fächer

Wenn das Konzept des Schulprogramms einen Perspektivwechsel für schulisches Lehren und Lernen mit sich bringt, ergeben sich daraus Konsequenzen für die Arbeit der Schulfächer, die behutsam, aber zielstrebig wahrzunehmen sind. Im einzelnen:

- Arbeit an schulinternen Fachlehrplänen zur Sicherung gemeinsamer Schwerpunkte, aber auch zur Identifizierung von Freiräumen, die die schöpferische Kraft der Lehrenden herausfordern und damit zur inhaltlichen und methodischen Weiterentwicklung des Faches dienen

- Verbindliche Absprachen über Verfahren zur Qualitätssicherung und zur Angleichung der Beurteilungsmaßstäbe

- Erschließung von Anknüpfungsmöglichkeiten für fächerverbindendes Lernen (z.B. Angebote zu Kooperationen bei zeitgleichen Unterrichtssequenzen, verstärkte Transparenz der fachlichen Lernstränge, Absprachen über fächerverbindende Unterrichtsprojekte)

- Entwicklung fachspezifischer Beiträge zu besonderen schulischen Angeboten, (z..B. Berufsorientierung – Hinführung zum Verständnis der Arbeitswelt; Gesundheitserziehung; Umwelterziehung, Interkulturelle Erziehung)

- Einbringung regelmäßiger Beiträge zum Schulleben (z.B. Theater) und Ausrichtung besonderer Aktionen aus aktuellen Anlässen (z.B. Aufbau einer Ausstellung bei einem Jubiläum oder Mitwirkung bei Maßnahmen zur Gewaltproblematik)

- Planmäßige, zugleich sparsame Einbeziehung außerschulischer Lernorte (Öffnung von Schule), Sicherung der bei der Vor- und Nachbereitung im Unterricht und bei den Veranstaltungen selbst gewonnenen Erfahrungen zur Bereitstellung für die Fachkollegenschaft, Prüfung der Dienlichkeit für ein Schulprogramm

- Wahrnehmung fachlicher Belange bei Prozessen schulischer Beratung (z.B. bei der Sprachenwahl oder – fachlichen Schwerpunkten)

- Identifizierung von Schwierigkeiten und Bereitstellung von Hilfen aus fachlicher Sicht bei Übergängen von Schülern aus anderen Schulformen

- Publizierung von Schülerwettbewerben, Förderung der Schülerbeteiligung daran, Initiierung von schulinternen Wettbewerben

- Nutzung der neuen Technologien unter fachlichem Aspekt und Förderung der Schüler bei der Einarbeitung

- Förderung der Schüler bei individualisierten Lernformen ebenso wie bei der Weiterentwicklung ihrer Sozialkompetenz

- Sicherung von Möglichkeiten fachlicher Förderung bei leistungsschwächeren und bei besonders leistungsfähigen Schülern

- Überlegungen zu einem fachspezifischen Beitrag bei der Entwicklung eines Schulprofils über Fächerkombinationen

Angesichts der steigenden Belastungen, denen sich die Schule heute ausgesetzt sieht, ist vor Maximalprogrammen zu warnen. Begrenzte, konkrete Vorhaben, die das Potential einer Fachschaft nicht überfordern, vom Bedarf her überzeugen und die Chance zu einer Umsetzung in einem überschaubaren Zeitraum bieten, sollten Vorrang haben. Arbeit am Schulprogramm überzeugt am meisten, wenn der Sinn jedes Schrittes der Kollegenschaft plausibel ist.

3. Teil: Religion im Schulprogramm

Siehe auch: Helmut Schirmer: Religionspädagogische Grundsätze in der Schulprogrammentwicklung? In: Pelikan 3/99 S. 145 ff.; Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck (Hg):Religion im Schulprogramm. Neue Impulse für das Schulleben. Zu beziehen über das Landekirchenamt Kassel (E-mail: Landeskirchenamt@ekkw.de); Günter Böhm: Religionsunterricht und Schulprogrammentwicklung. In: Erziehen heute 1/99 S. 2 ff..

3.1 Es gilt, neu bewusst zu machen, dass Religion konstitutives Element von Schule ist

Für Religionslehre als schulisches Unterrichtsfach gilt, was unter dem Kapitel 3 zur verän- derten Situation und Aufgabe der Fächer prinzipiell ausgeführt worden ist. Religion in der Schule umfasst aber mehr. Wenn nach unserer Verfassung im Zusammenhang mit dem ordentlichen Unterrichtsfach Religionslehre den Religionsgemeinschaften Mitwirkungsrechte in der Schule zuerkannt werden und die Erteilung dieses Faches an die Übereinstimmung mit ihren Grundsätzen gebunden wird, ist damit festgeschrieben,

- dass bei jedem Schulprogramm das Fach Religionslehre nicht zur Disposition steht,

- dass das Grundrecht der Religionsfreiheit in der Schule von Schülern, Lehrern und Eltern positiv wahrgenommen werden darf und soll.

Das bedeutet: In die Diskussion der Erziehungsgrundsätze und des schulischen Leitbildes ist einzubringen, was vom christlichen Glauben her zu Erziehung und Bildung heute zu sagen ist. Dies umfasst u.a.

- die unantastbare Würde jedes Kindes und Jugendlichen, aber auch die Würde der Unterrichtenden und aller an Schule sonst Beteiligten,

- die Verpflichtung zur Fürsorge für Behinderte und Förderung der Schwachen,

- das Wissen um die Vorläufigkeit von Regelungen und den Verbesserungsbedarf von

Einrichtungen und von daher die Aufforderung, an Reformen tätig mitzuwirken,

- das Bewusstsein, dass Lehrerinnen und Lehrer für Schülerinnen und Schüler nicht nur als Berufsträger, sondern als Personen wichtig sind,

 - die Überzeugung, dass vom Schöpfungsauftrag Gottes her Schule um eine Bildung für Kopf, Herz und Hand bemüht sein muss,

- die Wachsamkeit gegen Tendenzen einer Verplanung von Schule und Schulzeit und der Einsatz für Freiräume neben und in der Schule,

- die Gestaltung des Lebens in der Schule unter den Impulsen des Konziliaren Prozesses, d.h. als Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung, Einsatz für den Frieden, Mehrung von Gerechtigkeit

Die drei großen Leitvorstellungen für die Schule von morgen – sie soll Schule der Wissens- Gesellschaft, Schule der Bürgergesellschaft, Schule des Kindes sein – sind daraufhin zu prüfen, wie menschendienlich sie sind. Es gilt, Schule sowohl vor einer Selbstüberforderung als auch vor resignativer Selbstaufgabe zu bewahren und in ihr zeichenhaft zu realisieren, dass Leben unter der Verheißung des Evangeliums als Geschenk und herausfordernde Gestaltungsaufgabe erfahren werden kann.

Im Prozess der Ausformulierung von Grundsätzen, Regeln des Zusammenlebens und eines schulischen Leitbildes sollte die religiöse Dimension entweder ausdrücklich benannt werden, andernfalls sollte darauf geachtet werden, dass zumindest Anknüpfungsmöglichkeiten gegeben sind (vgl.: „Unsere Schule öffnet sich in ihrem Leben und Lernen den Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft, bleibt dabei aber rückgebunden an den humanen Wurzelgrund unserer Kultur..."). Ob Religion und Religionsunterricht im ausformulierten Schulprogramm in einem eigenen Kapitel oder - als identifizierbarer Aspekt - in einer Themenauflistung erscheint, sollte im Einzelfall entschieden werden.

3.2 Schulprogrammarbeit bietet die Chance, den Beitrag von Religion zur Bildung aus der gesellschaftlichen Vergessenheit zu führen

Die zu Beginn von Kapitel 2 angeführten Veröffentlichungen belegen, dass Religion mit allen Bereichen unserer Kultur zu tun hat – von der Kunst über die Literatur und die Gesellschaft bis zur ethischen Dimension von Naturwissenschaft und Technik. Auch in unserer Zeit ist Bildung ohne Religion defizitär.

Im innerschulischen Gespräch insbesondere mit Eltern bieten sich drei weitere Ansätze an:

- Wenn Schule heute angesichts der Pluralität der Weltanschauungen und Lebensformen Heranwachsenden zu ethischer Orientierung und Wertevermittlung verhelfen soll, hat ein Fach, in dem Frage nach der Bestimmung des Menschen zentral gestellt wird, eine entscheidende Funktion. Zugleich ist allerdings darauf hinzuweisen, dass Religion und Glaube nicht in Ethik aufgehen.

- Wenn Traditionsabbruch und weitgehender Wegfall stützender Institutionen Entscheidungsfähigkeit – und damit das Verständnis für Differenz – zu einer Basiskompetenz für künftiges selbstbestimmtes Leben machen, kommt dem Fach Religionslehre heute besondere Bedeutung zu.

Da sich – wie die EKD-Synode in Friedrichroda 1997 formulierte – „eigene Überzeugungen nicht im Niemandsland der Gleich-Gültigkeit ...bilden", ist heute gerade ein Religionsunterricht gefordert, der Dialogbereitschaft mit Positionalität verbindet. Nur verbohrte Unbelehrbarkeit kann einem solchen Fach heute noch Indoktrinationsabsichten unterstellen. Auf tiefe Überzeugungen zu stoßen - so der Berliner Tagesspiegel bei der Debatte um eine Veränderung der Struktur des Religionsunterrichts in Berlin – sei heute weniger eine Gefahr, eher eine (seltene!) Chance.

- Die Denkschrift der EKD zum Religionsunterricht „Identität und Verständigung" (Gütersloh 1994) hat in der Aufnahme von Befragungsergebnissen unter Jugendlichen herausgestellt, dass die existentiellen Fragen der Heranwachsenden mit zentralen Themen der Theologie korrespondieren: „Was ist das Geheimnis des Anfangs von allem Sein? Was kommt nach dem Ende: Gibt es ein Weiterleben nach dem Tode?
Warum ist das Leben zwischen Anfang und Ende voller Leiden
Was bedeutet dabei der Glaube an Gott? 
Existiert Gott, oder ist er nur eine Fiktion? 
Was hilft hier die Kirche, die sich mit ihrer Theologie als gottkundig ausgibt? 
Wie steht es mit der Gerechtigkeit als ethischem Grundproblem?" (S. 17 f.) 

Mit diesen Fragen und den Antworten des christlichen Glaubens hat der heutige Religionsunterricht in allen Schulformen sein Elementarcurriculum. Er ist bei seiner Sache, wenn er ungeachtet der unterschiedlichsten Ausgangslagen und bei aller Vielfalt methodischer Zugänge darauf bezogen bleibt.

3.3 Religionsunterricht als Bündnispartner in der Herausforderung durch die Moderne

Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Klafki hat bereits 1985 gefordert, den herkömm- lichen schulischen Bildungsbegriff um die intensive Beschäftigung mit gegenwärtigen „Schlüsselproblemen" zu erweitern. Schulprogramme, die zur Zukunftsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler beitragen wollen, nehmen die Arbeit an diesen Problemfeldern über die Absprache von Fächern in zeitgleichen Unterrichtssequenzen oder in fächer-übergreifenden Projekten als neue didaktische Aufgabe planmäßig auf. Die Bindung an eine klar umrissene Mitte ermöglicht für den Religionsunterricht eine umfassende Offenheit für solche aus gegenwärtigen gesellschaftlichen und individuellen Problemlagen aufbrechenden Fragestellungen. Ihre Bearbeitung macht in vielen Fällen die Berücksichtigung der ethischen und der religiösen Dimension unverzichtbar. Beispiele von Elementen für ein so entstehendes zweites Curriculum, ergänzend zu den Fachlehrgängen:

- Materielle Produktivität und Lebenssinn: Ist der Mensch nur das wert, was er leistet?
- Ausbeutung der Erde oder Bewahrung der Schöpfung?
- Unbegrenzter technologischer Fortschritt oder Akzeptanz der Endlichkeit des Menschen?
- Wie weit reicht die Verfügbarkeit über den Menschen in Wissenschaft und Forschung - was ist Menschenwürde?
- Konkurrenz als allgemein geltendes gesellschaftliches Prinzip oder Ausbau der Solidargemeinschaft?
- Menschliche Aggressivität und Notwendigkeit und Praxis von Friedensarbeit 
- „Kultur der Zärtlichkeit": Sexualität und Erotik in personalem Bezug
- Umgang mit Leid, Behinderung, ständiger Lebensbedrohung, z.B. im heutigen Verkehr

3.4 Religion als Element der Schulkultur

In einer Phase steigender Beschleunigung bei wachsender Zeitverknappung kann Religion in der Schule dazu beitragen, die Menschendienlichkeit von „Sonntagsinseln und Sabbat- räumen" (tempi – Bildung im Zeitalter der Beschleunigung. Zentralstelle Bildung der Deutschen Bischofskonferenz und Abt. Bildung im Kirchenamt der EKD, 2000, 10.These) neu bewusst zu machen und ihr in einem Schulprogramm einen anerkannten Platz sichern. Über Schulgottesdienste und Kurzandachtsformen wie Pausengebet und Frühschicht, über Feiern, angelehnt an das Kirchenjahr, und Zeiten der Ruhe – manchmal sogar in einem eigens dazu eingerichteten Raum der Stille - trägt Religion zu einem Kontrastrhythmus zu der massiv durch Prüfungs-, Zeugnis- und Versetzungstermine belasteten Erfahrung von Schul-Zeit bei. Weitere Möglichkeiten bieten Religiöse Schulwochen und Besinnungstagungen, Teilnahme von Schülergruppen an Kirchen- und Katholikentagen, Kontakte mit Stätten religiöser Kultur (Moscheen, Synagogen). Zusammen mit den Fächern Deutsch, Geschichte und Politik kann Religion als Teil eines Schulprogramms initiierend und unterstützend am Aufbau einer schulischen Gedenkkultur mitwirken, z.B. das Gedächtnis der ehemaligen jüdischen Gemeinde am Ort wach halten. Vereinzelt geben Schulen über ein Praktikum in diakonischen Einrichtungen Gelegenheit, diakonisches Handeln als Lebensäußerung des christlichen Glaubens unterrichtsbegleitet im praktischen Vollzug kennen zu lernen und sich früh zu einem sozial-verpflichteten Handeln ermutigen zu lassen. Unter der Perspektive Öffnung von Schule kann auch die Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden und diakonischen Einrichtungen legitimes Element eines Schulprogramms sein.

3.5 Schulprogramm als Impuls für die Fächergruppe Religionslehre/Ethik/Philosophie

Bei der Erarbeitung eines Schulprogramms sollten die bereits geübten und in Zukunft angestrebten Formen der Kooperation zwischen Evangelischer und Katholischer Religionslehre Eingang finden. Die Schulpraxis ist hier auf dem Wege zu mannigfachen Formen der Zusammenarbeit – von kooperierenden Fachkonferenzen über ökumenische Gottesdienste bis zu gemeinsamen Unterrichtsphasen. „Wenn Kinder oder Jugendliche mit anderer Konfessions- oder Religionszugehörigkeit in dieselbe Schule oder sogar in dieselbe Klasse gehen, dann kann es nicht mehr einleuchten, über diese Konfessionen oder Religionen nur in deren Abwesenheit zu sprechen", betont zu Recht der Tübinger Religionspädagoge Friedrich Schweitzer (in: Forum E v. 10.05.2000). Solche Differenz und Gemeinsamkeit sorgfältig beachtenden verantworteten Maßnahmen sind abzugrenzen von einem aus Gründen organisatorischer Vereinfachung von Schulleitern verfügten, häufig „ökumenisch" titulierten Religionsunterricht im Klassenverband, der eindeutig die Rechtslage verletzt. Nicht weniger wichtig und schulprogrammrelevant ist die erweiterte Zusammenarbeit mit Ethik/Philosophie und - hoffentlich in absehbarer Zeit - mit Islamischer Religionslehre.

3.6 Das Fach Religionslehre bei künftigen Fächerprofilbildungen

Die Fortschreibung von Schulprogrammen wird die künftige Fächerprofilbildung berücksichtigen müssen. Bei vorgegebenen Fächerprofilen, unter denen eine Schule nur noch wählen kann, wird Religionslehre zum allgemeinen Fächerkern gehören. Stellt ein Bundes- land die Profilbildung stärker in die Hand der einzelnen Schule, ist der Einbezug von Religionslehre in die Profilfächergruppe vorstellbar (z.B. bei einem naturwissenschaftlichen Schwerpunkt zur Wahrnehmung der religiösen und ethischen Implikationen). Eine solche Denkmöglichkeit setzt allerdings Parallelreligionsgruppen im Jahrgang voraus.

Epilog: Wenn ein für den Religionsunterricht ebenso wie für Schulentwicklung engagierter westfälischer Schulleiter (Ernst Tilly in: ru intern 1/2001, S.3) Religion in der Schule „das Salz in der Suppe" nennt, mag dies für manchen Praktiker angesichts der häufig höchst schwierigen Realbedingungen des Faches zu hoch ansetzen. Dass es aber darum gehen muss, Religion aus der unverdienten Beiläufigkeit in der Schule herauszuholen und ihre Relevanz gerade in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation um der jungen Menschen willen neu bewusst zu machen - darüber sollte es einen Konsens geben, und die Arbeit an Schulpro- grammen bietet eine einmalige Chance dafür. Eine die Religionslehrerinnen und Religions- lehrer dabei fachlich und als Personen stützende Kirche hätte die Zeitansage verstanden.

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