Auf den heiligen Stephanus
Märtyrer in der Werbung

von Bärbel Husmann
 

 

 

 
 

Stephan, Stephanie, das sind immer noch beliebte Vornamen, nicht nur in katholischen Elternhäusern. Seit dem frühen Mittelalter ist der Name besonders verbreitet durch die Verehrung des "Heiligen Stephanus", in der katholischen Tradition ein Erzmärtyrer, dessen Leiden und Sterben schon früh auf Gemälden dargestellt wurde (1442, Altar Maulbronn in der Staatsgalerie Stuttgart). Der Wiener Dom, dessen Baugeschichte auf das 12. Jahrhundert zurückgeht, wurde vermutlich bereits 1147 dem hl. Stephan, dem Patron des Bistums Passau, geweiht. Die Verehrung des Stephanus markiert den Beginn der Märtyrerverehrung, die in der Alten Kirche der Heiligenverehrung voranging: Man beging den Todestag des Märtyrers als seinen himmlischen Geburtstag. Erst seit 993 n.Chr. wurde ein regelrechtes Heiligsprechungsverfahren üblich. Jeder Heilige hat im liturgischen Kalender einen Tag, an dem während der Messe seiner gedacht werden kann. Der Gedenktag des Stephanus ist der 26. Dezember, der auch durch das Calendarium Romanum von 1970, das die Heiligengedenktage auf 63 "gebotene" Gedenktage reduzierte, bestätigt wurde. Dogmatisch unterscheidet man bereits seit 787 n.Chr. zwischen latria (Anbetung), die nur Gott vorbehalten ist, und dulia (Verehrung), die den Heiligen gebührt; diese Unterscheidung ist in der Volksfrömmigkeit jedoch nicht immer durchgehalten.

"Kommen Sie auch zum Stephanus-Steinigen?", fragte mich 1998 ein Oberstufenschüler kurz vor Beginn der Weihnachtsferien. Mein verdutztes Gesicht verriet ihm, dass ich nicht wusste, wovon die Rede war: Es gehört zu den münsterländischen Bräuchen, sich am zweiten Weihnachtstag in der Kneipe zu versammeln und den zurückliegenden Weihnachtsstress "ordentlich zu begießen". Dieses kollektive, durch Brauchtum sanktionierte Betrinken heißt im Volksmund "Stephanus-Steinigen". Meine Antwort auf die gestellte Frage lautete – aus verschiedenen Gründen – Nein.

Pünktlich nach Heiligabend 2002 wurden von einer Brauerei sämtliche Bushaltestellen in und um Münster mit einer Werbung plakatiert, die einige Steine, ein Glas Bier und den Schriftzug enthielt "Auf den heiligen Stephanus". Eine Aufforderung zum ‚Steinewerfen‘? Ein Aufruf zum Biertrinken? Prosit? Fortgesetzt wurde diese Initialwerbung mit kleinen Anzeigen in der Lokalzeitung, die künftig wöchentlich am Samstag erschienen, und ebenso wie die Stephanus-Werbung mit doppelten Bedeutungen aus dem christlichen Bereich spielten.

Die hier vorgestellten Unterrichtsbausteine sind als Anregungen für den 10. bis 12. Jahrgang gedacht. Sie sind das Ergebnis einer Beschäftigung mit dieser Werbeaktion, die auf vielfältige Weise befremden, belustigen, anregen (vielleicht auch aufregen) und neugierig machen kann. Das Material spannt einen weiten Bogen zwischen der biblischen Überlieferung in der Apostelgeschichte, über weitere Legendenbildung, über die katholische Märtyrer- bzw. Heiligenverehrung bis hin zur Ingebrauchnahme religiös-volkstümlicher Tradition in der Werbung. Mit dem Wort "Ingebrauchnahme" ist bewusst eine wertneutrale Formulierung gewählt, denn es kann im Religionsunterricht nicht darum gehen, dass die Schülerinnen und Schüler am Ende der Unterrichtseinheit die Position des fiktiven Sozialarbeiters aus M5 teilen. Werbung, auch die Stephanus-Bier-Werbung, "funktioniert", weil sie sich religiös-volkstümlicher Traditionen bedient, die (noch) virulent sind, weil sie etwas kommuniziert, auf das die Kunden ansprechbar sind – und nicht: obwohl sie unter Umständen religiöse Gefühle ihrer Kunden verletzt. Religionslehrerinnen und Religionslehrer wären im Übrigen nicht gut beraten, instrumentalisierten sie Werbung ausschließlich dazu, aufzudecken, dass Werbung lügt und verführt (welche Verführung hätte nicht auch eine lustvolle Seite!) oder dass Werbung als Protagonistin der Alltagskultur in Bezug auf die Sinnfrage der Religion den Rang abgelaufen hat.1  Durch die vorgestellten Unterrichtsbausteine soll vielmehr ein Diskussionsfeld eröffnet werden, das eine vorschnelle Beurteilung der Stephanus-Bier-Werbung als "cool" oder auch als "unmöglich" verhindert und zunächst einmal im Sinne einer produktiven Verlangsamung eine Auseinandersetzung sowohl mit der Gestalt des Stephanus und seiner kirchlichen Wirkungsgeschichte als auch mit einer Position, die die Werbung sehr kritisch sieht, ermöglicht.

Die Schülerinnen und Schüler können

  • sich einfühlen in die Situation des Erzmärtyrers Stephanus
  • Entdeckungen machen zu ihrem eigenen Vornamen
  • sich mit der Vorbildfunktion von Namenspatronen/Märtyrern auseinandersetzen
  • sich mit der Doppelbödigkeit von Werbeaussagen befassen
  • die Ingebrauchnahme christlicher Traditionselemente für Werbezwecke kritisch reflektieren
  • die Bedeutung der Gemeinschaft für Prozeduren des "Außer-sich-Geratens" reflektieren
  • sich mit Kritik an religiösen Elementen in der Werbung auseinandersetzen
  • eine eigene Position dazu finden
  • das Für und Wider kirchlich institutionalisierter Heiligenverehrung diskutieren.

Die Namen in M5 sind frei erfunden. Empfohlen wird das durchgängige Führen eines Heftes oder das Erstellen eines Portfolios.
 

M 1

Apg 7, 54 - 60 Steinigung des Stephanus

  1. Erstellt in Gruppenarbeit (zu viert oder fünft) ein Standbild zur Steinigung des Stephanus!
  2. Verharrt eine Minute in dem "eingefrorenen" Bild, während eure Mitschülerinnen und Mitschüler das Standbild betrachten. In dieser Minute soll nicht geredet werden, es kann jedoch das Standbild fotografiert werden.
  3. Löst das Standbild auf und gebt jeder ein kurzes Statement ab, was ihr beim Betrachten bzw. in der Rolle empfunden habt.

 

M 2 Stephanus – Heiliger und Namenspatron

Stephan, Stephanie: 26. Dezember

Darstellung
bei der Steinigung oder als Diakon mit Palme und Evangelienbuch

Schutzpatron
der Pferde und des Viehs, der Kutscher, Pferdeknechte, Maurer, Schneider, Weber und Zimmerleute, ferner vieler Städte, z.B. Wien

Helfer
für einen guten Tod

Stephan lebte als Grieche in Jerusalem und schloss sich den ersten Christen an. Bei ihnen war er sehr angesehen und hatte auch engen Kontakt mit den Aposteln. Mit großer Begeisterung verkündete er die Frohbotschaft von Jesus und konnte viele Juden zum christlichen Glauben bekehren. Das missfiel den gläubigen Juden. Sie verklagten ihn beim Hohen Rat und beschuldigten ihn: Er hat Gott beleidigt!

Das war ein sehr schwerwiegender Vorwurf. Wie sollte er sich dagegen verteidigen? Stephanus hielt vor dem Gericht eine große Verteidigungsrede und rief: "Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen." Damit erregte er den Zorn seiner Feinde noch mehr. Sie schrien: "Das ist Gotteslästerung! Er hat die Todesstrafe verdient!"

So wurde Stephanus vom Volk gesteinigt. Er aber verzieh seinen Feinden und bat Gott: "Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!"

Man weiß nicht, wo sich die Gebeine des tapferen Stephanus befinden. Die Christen verehrten diesen Heiligen aber auch ohne Grab und weihten ihm viele Kapellen und Kirchen. Auch Bischofskirchen wurden zu seiner Ehre errichtet, z.B. der Dom von Passau, Wien und Budapest. In Ungarn trugen viele Könige seinen Namen.

Seit früher Zeit wird St. Stephan auch bei uns sehr verehrt. In Westfalen beschenkte man die Armen mit dem "Stephansbrot" und gab den Tieren geweihtes Salz und Wasser ins Futter.

Da Stephanus überall als Pferdepatron verehrt wurde, wurde der Stephanstag zu einem Pferdefest. Noch heute werden an vielen Orten nach einem feierlichen Gottesdienst die festlich geschmückten Pferde vom Priester gesegnet.

Quelle: Albert Bichler, Das Kinderbuch der Heiligen und Namenspatrone, Würzburg 1999, S. 129

  1. Vergleiche die Legende deines eigenen "Namenspatrons" mit der oben stehenden Stephanus-Legende. Benutze dazu Heiligenlexika oder recherchiere im Internet, zum Beispiel unter "www.heiligenlexikon.de". Gibt es Gemeinsamkeiten?
  2. Schreibe in jeweils drei Sätzen auf, was dich am Leben und Sterben deines "Namenspatrons" oder des Stephanus beeindruckt oder was du vorbildhaft findest und was für dich befremdlich ist.

 

M 3 Münsterländische Volkskunde: "Stephanus steinigen"

Am Stephanustage besucht man überall gern die Wirtschaften, sei es, um Unterhaltung zu finden oder auch, um, wie man sagt, "Stephanus zu steinigen". Früher wurde bei dieser Gelegenheit oft reichlich getrunken, so dass der Tag den Namen "Supsteffen"1 erhielt. Von Mesum macht man am Stephanustage gern einen Gang nach Elte. Anderswo hat man für das Kneipen an diesem Tage den Ausdruck: "Sünte Steffen up de Tunne kloppen"2.

1 Hochdeutsch: Sauf-Stephanus

2 Hochdeutsch: An Sankt Stephanus auf die Pauke hauen (wörtlich: auf die Tonne klopfen)

Quelle: Hermann Reckels: Volkskunde des Kreises Steinfurt. Heimatbuch des Kreises Steinfurt 1932, Selbstverlag des Kreises Steinfurt, S. 220.

  1. Vergleiche die historische Stephanus-Steinigung (Apg 6,8 - 7,60) mit dem münsterländischen Ritual am zweiten Weihnachtstag. Du kannst dabei folgende Fragen zur Hilfe nehmen: Wer ist an der "Steinigung" beteiligt? Was geht ihr voraus? Welche Rolle spielt es, dass die "Steinigung" gemeinschaftlich vollzogen wird? Was sind die Folgen der "Steinigung"? Wer ist das Opfer? Welche Bedeutung hat der Zeitpunkt der "Steinigung"?
  2. Stelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und entwickle eine Hypothese, wie es zur Benennung dieses Rituals als "Stephanus-Steinigen" gekommen sein könnte.

 

M 4 Heiligenverehrung: Quellentexte

Katechismus der Katholischen Kirche, München 1993:

828 Wenn die Kirche gewisse Gläubige heiligspricht, das heißt feierlich erklärt, dass diese die Tugenden heldenhaft geübt und in Treue zur Gnade Gottes gelebt haben, anerkennt die Kirche die Macht des Geistes der Heiligkeit, der in ihr ist. Sie stärkt die Hoffnung der Gläubigen, indem sie ihnen die Heiligen als Vorbilder und Fürsprecher gibt. "In den schwierigsten Situationen der Geschichte der Kirche standen am Ursprung der Erneuerung immer Heilige" (CL 16,3), "Die geheime Quelle und das unfehlbare Maß der missionarischen Kraft der Kirche ist ihr Heiligkeit" (CL 17,3).

2683 Die Zeugen, die uns in das Reich Gottes vorausgegangen sind, besonders die von der Kirche anerkannten "Heiligen", wirken an der lebendigen Überlieferung des Gebetes durch das Vorbild ihres Lebens, die Weitergabe ihrer Schriften und durch ihr gegenwärtiges Beten mit. Sie betrachten Gott, loben ihn und sorgen unablässig für jene, die sie auf Erden zurückließen. Beim Eintritt in "die Freude ihres Herrn" wurden sie "über vieles gesetzt". Ihre Fürbitte ist ihr höchster Dienst an Gottes Ratschluss. Wir können und sollen sie bitten, für uns und für die ganze Welt einzutreten.

956 Die Fürbitte der Heiligen. "Denn dadurch, dass die, die im Himmel sind, inniger mit Christus vereint werden, festigen sie die ganze Kirche stärker in der Heiligkeit ... hören sie nicht auf, ... beim Vater für uns einzutreten, indem sie die Verdienste darbringen, die sie durch den einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, Christus Jesus, auf Erden erworben haben ... Daher findet durch ihre brüderliche Sorge unsere Schwachheit reichste Hilfe" (LG 49).

Das Augsburger Bekenntnis (Confessio Augustana) 1530:

Artikel. 21

Vom Dienst der Heiligen

Vom heiligen Dienst wird von dem Unseren so gelehrt, dass man der Heiligen gedenken soll, damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf... . Aus der Hl. Schrift kann man aber nicht beweisen, dass man die Heiligen anrufen oder Hilfe bei ihnen suchen soll. "Denn es ist nur ein einziger Versöhner und Mittler gesetzt zwischen Gott und den Menschen, Jesus Christus" (1. Tim 2,5). Er ist der einzige Heiland, der einzige Hohepriester, Gnadenstuhl und Fürsprecher vor Gott (Röm 8, 34). Und er allein hat zugesagt, dass er unser Gebet erhören will. Nach der Hl. Schrift ist das auch der höchste Gottesdienst, dass man diesen Jesus Christus in allen Nöten und Anliegen von Herzen sucht und anruft: "Wenn jemand sündigt, haben wir einen Fürsprecher bei Gott, der gerecht ist, Jesus" (1. Joh 2, 1) usw.


Evangelischer Erwachsenenkatechismus, 62000:

Weil diese Gemeinschaft [der Heiligen] in der Verbindung mit dem auferstandenen Christus ihren Grund hat, wird sie auch durch den Tod nicht aufgehoben. So umgreift die Kirche als "Gemeinschaft der Heiligen" alle, die zu Christus gehören, zu allen Zeiten und an allen Orten: die jetzt Lebenden und Entschlafenen, die schon in die ewige Gemeinschaft mit Christus gelangt sind. Unter ihnen gibt es Menschen, die in besonderer Weise etwas von der Art Christi ausstrahlen, deshalb Vorbilder im Glauben sind und als Beispiel der Gnade Gottes – als "Heilige" – geehrt werden (vgl. CA 21).

  1. Schreibe für jeden der drei Texte auf, was jeweils unter "Heiligen" verstanden wird, und verständige dich darüber mit deinem Nachbarn.
  2. Ist es richtig, dass in den evangelischen Kirchen keine Heiligenbilder sind und keine Heiligenaltäre stehen? Diskutiert diese Frage in eurer Lerngruppe und versucht, auch die Argumente aus den drei Quellentexten in eure Diskussion mit einzubeziehen.
  3. Schreibe dann deine eigene Meinung auf und begründe sie kurz.

 

M 5 Ein Leserbrief

Sehr geehrte Damen und Herren im Vorstand der Firma R.,

es ist wohl nicht üblich, Leserbriefe zu Werbeanzeigen zu schreiben. In diesem Fall scheint es mir dennoch nötig.

Sie machen Werbung mit dem Erzmärtyrer Stephanus und verhöhnen damit das Opfer des Stephanus und seine Vorbildfunktion als jemand, der für seinen Glauben eingestanden ist, indem Sie ein profanes alkoholisches Getränk pseudoreligiös überhöhen. Dies gilt, auch wenn, wie ich wohl weiß, Ihre Werbung an münsterländisches Brauchtum anknüpft.

Sie befassen sich leider nicht mit der Wirklichkeit eines "Stephanus steinigenden" Familienvaters am zweiten Weihnachtstag. Er sitzt, dazu fordert Ihr Werbeplakat auf, Bier trinkend in einer Kneipe statt bei seiner Familie. Und wenn er betrunken (oder auch nur angeheitert) zurückkehrt, so produziert er eine Wirklichkeit, die ich aus meiner Tätigkeit in der Familienhilfe gut kenne:

Tischgespräche ersterben, weil die restlichen Familienmitglieder die angeheiterte Stimmung des Vaters nicht teilen können;

Söhne nehmen sich an solchen Vätern ein Vorbild (und stürzen sich selbst und ihre Familien ins Unglück);

das Weihnachtsfest, eines unserer bedeutendsten christlichen Feste, wird verdorben.

Alkohol ist ein hochpotentes Suchtmittel. Dass es dennoch zu den legalen Drogen gehört und auch Werbung dafür nach dem Gesetz erlaubt ist, mag man bedauern. Dass es Menschen gibt, die damit so umgehen können, dass es nicht zu Alkoholmissbrauch und -sucht kommt, steht außer Frage. Deshalb ist Ihrer Firma in diesem Sinne rechtlich auch kein Vorwurf zu machen.

Wohl aber sollte die katholische Familie R. ihre Zustimmung zu dieser Art von Werbung für Ihr Produkt verweigern, die erstens den christlichen Erzmärtyrer für Werbezwecke missbraucht und die zweitens gerade an einem christlichen Feiertag zu einem familienfeindlichen Verhalten auffordert.

Mit freundlichen Grüßen

Manfred Brinkschulte


Stellt euch vor, ihr seid Mitglieder des Vorstandes der Brauerei und müsst euch in der nächsten Sitzung mit dem Brief des Sozialarbeiters Manfred Brinkschulte befassen. Es geht um die Frage, ob und wie der Brief beantwortet werden soll. Zieht dafür eine der Karten, überlegt euch, welche Position die jeweilige Person wohl vertreten wird, und stellt euch dann einander vor. Spielt die Sitzung durch, kommt dabei zu einem Ergebnis, stimmt über das Protokoll ab und nehmt euch dafür 20 min Zeit.

  • Frau Deppe, 24 J., katholisch, Direktionsassistentin, protokolliert die Sitzung (Ergebnisprotokoll!)
  • Herr Pagenstecher, 60 J., katholisch, Direktor, leitet die Sitzung, achtet auf die Zeit
  • Herr Brandes, 44 J., katholisch, Produktionsleiter
  • Frau Wattendorf, 30 J., evangelisch, Leiterin der Buchhaltung
  • Herr Lindstrot, 52 J., katholisch, Vorsitzender des Betriebsrats
  • Frau Elfers, 38 Jahre, konfessionslos, Öffentlichkeitsreferentin

Schreibe unabhängig von der Rolle, die du in dieser gespielten Sitzung hattest, einen eigenen Antwortbrief in dein Heft.

 

M 6 Religion in der Werbung

Augenfällig wird die Verbindung von Religion und Werbung ... vor allem dann, wenn die Werbung selbst explizit religiöse Stoffe aufgreift. Warum sie das tut, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen. Jürgen Habermas hat schon Anfang der 70er Jahre vermutet, dass traditionalistische Weltbilder insbesondere im Rahmen der Legitimations- und Motivationskrise des Spätkapitalismus eine Rolle spielen. Im Rahmen dieser Krisenprozesse nutzt die Industrie sozusagen die Reste der legitimatorischen Kraft vergangener und vergehender Weltbilder für die eigenen Zwecke aus, freilich "verbraucht" sie sie dabei auch: sie frisst sie auf. Unbestreitbar ist, dass im Rahmen der Werbung nahezu grenzenlos auf kulturelle Traditionsbestände zurückgegriffen wird, dass Werbung "der größte Plünderer der gesamten Welt- und Kunstgeschichte ist". Was das aber für Folgen hat, darüber kann und muss gestritten werden. Zum einen ist darauf hinzuweisen, dass derartige Plünderungen in der Geschichte der Menschheit immer schon eine ambivalente Wirkung hatten: Sie zerstörten und bewahrten in einem. Während sie einerseits das Material seinem genuinen Kontext entrissen, bewahrten sie es zugleich auf. Jedes Museum war bis ins 20. Jahrhundert das Ergebnis derartiger Plünderungsakte, die die ursprüngliche Kultur zerstörten, um sie allgemein zugänglich zu machen. Man könnte ähnliches auch für das Problemfeld "Religion und Werbung" behaupten, dass nämlich Überlieferungen, die die religiösen Institutionen nicht mehr an sich zu binden vermochten, frei floatierend wurden und daher von der Werbung aufgegriffen und so zugleich im öffentlichen Bewusstsein gehalten werden. Zudem ist auch zu bedenken, dass man nicht einerseits stolz darauf sein kann, dass etwa Luthers Sprachkraft die deutsche Sprachkultur geprägt hat oder dass über nahezu tausend Jahre das Christentum die Kultur fast exklusiv geprägt hat, und sich andererseits darüber wundern, dass derartige Prägungen ihre Spuren auch in der Werbung hinterlassen. Verwunderlich wäre da doch schon eher, wenn die Werbung nicht auf religiöse Ausdrucksformen zurückgreifen würde. Religiöse Ausdrucksformen in Sprache und Bild, das zumindest kann gesagt werden, sind deshalb auch bevorzugte Materialien der Werbung, weil sie in unserer Gesellschaft immer noch einen so extrem hohen Bekanntheitsgrad haben. Und gerade aus diesem Grunde ist es auch interessant zu untersuchen, welche Stoffe in der Werbung Verwendung finden. (...)

Es gibt eine Art bedingten Reflex, mit dem Theologen kritisch auf Werbung reagieren, so als ob sie Exklusivvertreter für bestimmte Sprach-, Bild- und Gedankenformen wären. Stellvertretend für viele andere greife ich die kritische Auseinandersetzung mit Werbung heraus, die die Theologen Sven Howoldt und Wilhelm Schwendemann unter der Überschrift "Werbung – Religion – Ethik" vorgelegt haben (in: medien praktisch 4/97, 51-55). Im schon fast klassisch gewordenen Alt-68er-Jargon wird nicht nur jede Bezugnahme auf Religion in der Werbung verurteilt, sondern die gesamte Werbung als Lüge denunziert: "Werbung eröffnet einen Horizont, der die materiale Dimension des Produkts transzendiert. Diese Transzendenz ist aber keine echte, sondern nur Blendwerk, denn sie dient der Überhöhung des vermeintlichen Gebrauchswertes. Um diesen Gebrauchswert herum wird ein Lifestyle mit einem entsprechenden Symbolinventar inszeniert. Die Symbole werden dabei hemmungslos instrumentalisiert, gleichen sich dem Warencharakter an und werden selbst zur Ware. Damit Ambiente, Produkt, Lifestyle stimmig aufeinander bezogen bleiben, muss Werbung zum Ereignis mutieren und inszeniert werden ... Diese Art Kommunikation wirkt wie ein Vampir, alles wird aufgesogen und für eigene Interessen dienstbar gemacht. Das kulturelle Erbe einer Gesellschaft wird aufgegriffen und jeweils neu arrangiert. Dabei werden die kulturellen Traditionen Europas und Amerikas für die Beeinflussung der Käuferschichten ausgebeutet." Nach Meinung von Howoldt und Schwendemann sind die Folgelasten erschreckend: "Mit religiös besetzten Symbolen und Bildern, die oft nicht mehr vollständig verstanden werden, wird gespielt. Neue Identifikationsmuster werden munter montiert, so dass eine Patchwork-Identität entsteht, die ständig neu ist und keine Vergangenheit mehr kennt."

Die Patchwork-Identität, die die Gegenwart auszeichnet, ist demnach nicht ein Produkt komplexer gesellschaftlicher Prozesse, sondern das Ergebnis einer verwerflichen Handlungsweise der Werbewirtschaft, welche hehre kulturelle Werte für den schnöden Mammon missbraucht. Das dürfte der Werbeindustrie nun mehr Macht zusprechen, als dieser zukommt.

(Andreas Mertin)


Quelle: Andreas Mertin: Samson interpretiert Genesis 1. Die Kultur der Religion in der Werbung, in: Thomas Klie (Hg.): Spiegelflächen. Phänomenologie – Religionspädagogik – Werbung, Münster/Hamburg/London 1999, S. 125-159 (137f.;144f.)

  1. Was würde Andreas Mertin zur Verwendung des Stephanus-Motivs in der Bierwerbung sagen? Tauscht euch in einer Dreier- bis Fünfergruppe zu dieser Frage aus und überlegt euch, ob ihr selbst Mertins Meinung teilt.
  2. Was würden Sven Howoldt und Wilhelm Schwendemann, die im Text von Mertin zitiert werden, zur Verwendung des Stephanus-Motivs in der Bierwerbung sagen? Tauscht euch in einer Dreier- bis Fünfergruppe zu dieser Frage aus und überlegt euch, ob ihr selbst diese Meinung teilt.

 Anmerkungen

  1. Zur Kritik an solcherart Verkürzungen vgl. vor allem die Kapitel "Grundlagen" und "Zur Kultur der Religion in der Werbung" von Andreas Mertin in: Andreas Mertin/Hartmut Futterlieb: Werbung als Thema des Religionsunterrichts, Göttingen 2001, 9-37.
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2003

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