Schulgottesdienst am Buß- und Bettag - Predigt zu Lk 15,11-32 am Mittwoch, dem 20.11.96, St. Marien, Winsen

von Ulrich Junak

 

Der Schulgottesdienst fand von 9.45 bis 10.45 - also während der 3. und 4. Schulstunde in der St. Marienkirche in Winsen statt. Die Kirche befindet sich ca. 15 Minuten zu Fuß von den BBS Winsen. Es waren etwa 300 Schülerinnen und Schüler erschienen. Zum Teil waren Kolleginnen und Kollegen mit ihren ganzen Klassen gekommen.

Ich hatte im Vorfeld die Kolleginnen und Kollegen angesprochen, die jeweils am Mittwoch in der 3. und 4. Stunde Unterricht haben, und sie gebeten, für diesen Gottesdienst Werbung zu machen. Außerdem hatte ich einen Zettel vorbereitet, auf dem mir zwecks Planung Rückmeldung gegeben werden sollte.

Der Rücklauf dieser Zettel war Grundlage für die Planung des Gottesdienstes. Zusätzlich habe ich in der Schule mit Plakaten für den Gottesdienst geworben. Die Plakate konnte ich ganz einfach auf dem Computer und dem DIN A3-Farbdrucker der Malerabteilung unserer Schule erstellen. Zur Durchführung habe ich mit der Kirchenband von St. Marien, in der ich selbst mitspiele, zusammengearbeitet. Wir haben Lieder eingeübt, die einen Bezug zum Thema haben, aber nicht aus der Kirchenmusikszene stammen. Textteile des Gottesdienstes wurden überwiegend von zwei Mädchen aus der Jugendarbeit, die im Lesen von Texten bereits geübt sind, vorgetragen.

Am Ende des Gottesdienstes hatten Teilnehmer/innen die Gelegenheit, im Seitenschiff der Kirche auf zwei dafür aufgebauten Tischen eine Kerze anzuzünden. Ich hatte dafür 150 Teelichter in Glasschalen vorbereitet. Das Ganze habe ich erst am Ausgang angeboten, weil ich mir nicht sicher war, ob die Schülerinnen und Schüler während des Gottesdienstes aufstehen würden, um so ein Licht anzuzünden. Am Ausgang brannten jedenfalls am Ende alle von mir zur Verfügung gestellten Lichter auf den beiden Tischen.

Der Gottesdienst fand bei Schülerinnen und Schülern sowie Kolleginnen und Kollegen ausnahmslos ein positives Echo.

Begrüßung

Ich begrüße Euch zu unserem Schulgottesdienst am Buß- und Bettag. Ich freue mich, dass so viele hier sind.
Wenn ich verliebt bin, könnte ich die ganze Welt umarmen, sagte neulich eine Schülerin.
Dieses wunderbare Gefühl des Verliebtseins wird auch in dem Lied besungen, das wir eben gespielt haben. Love is all around. Liege ist überall, ich kann sie am ganzen Körper spüren.
Am Buß- und Betrag haben wir die Chance, über Liebe zu meditieren. Nicht so sehr über das schöne Gefühl des Verliebtseins, sondern auch über die schwierigeren Seiten der Liebe.
Wir können uns Zeit nehmen, über eine wichtige Seite in unserem Leben nachzudenken. Uns zu besinnen auf das, was wichtig ist in der Begegnung und im Zusammenleben mit Menschen, die wir lieben und auch mit Menschen, die wir weniger mögen. Einen Moment innehalten und nachdenken über mich selbst und andere Menschen. Dazu sind wir heute hier.
Lasst uns nun diesen Gottesdienst feiern im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen.
Wir möchten mit Euch zusammen das Lied „Nobody knows“ singen. Ihr findet den Text auf dem Liedblatt.

Lesung aus 1. Kor 13

Wer liebt, ist geduldig und gütig.
Wer liebt, der ereifert sich nicht,
er prahlt nicht und spielt sich nicht auf.
Wer liebt, der verhält sich nicht taktlos,
er sucht nicht den eigenen Vorteil
und lässt sich nicht zum Zorn erregen.
Wer liebt, der trägt keinem etwas nach;
Es freut ihn nicht, wenn einer Fehler macht,
sondern wenn er das rechte tut.
Wer liebt, der gibt niemals jemand auf,
in allem vertraut er und hofft er für ihn;
alles trägt er mit großer Geduld.

Dialogpredigt

Aus: Dietmar Rost: Ich will bei dir sein: Heute (drittletzte Seite)

Predigt

Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Freund und Freundin.
Wo Menschen zusammen sind, da sind Erwartungen.
Wir machen uns ein Bild, wie der andere sein soll. Manche dieser Bilder sind von außen geprägt. Wir haben Erwartungen an Freunde und Freundinnen, an Mütter und Väter, an Lehrerinnen und Lehrer, an Söhne und Töchter.
Wo Bilder und Erwartungen sind, gibt es auch Enttäuschungen.
Ich entspreche den Bildern nicht, die andere von mir haben. Zum teil, weil ich es nicht will, ich muss mir selbst treu bleiben. Zum teil, weil ich es nicht kann. Ich bin nicht perfekt.

Nobody is perfect.
Freund und Freundin. Vater und Sohn. Mutter und Tochter.
Erwartungen müssen enttäuscht werden. Oft auch mit Recht. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.

Auch der jüngere Sohn in der Geschichte enttäuscht Erwartungen. Schlimmer noch: er ist ein totaler Versager. Er hat’s nicht gepackt. Hat alles durchgebracht. Er ist ein looser, würden manche heutzutage sagen. Ein Verlierer eben. Nicht nur, dass er versagt. Er kommt auch noch ohne jede Selbstachtung zurückgekrochen. Er ist ganz unten.

Und trotzdem - das merkt jeder beim Lesen -: er ist in dieser Geschichte das Vorbild! Er ist es, der im Mittelpunkt steht.
Der looser, der Verlierer, der Versager ein Vorbild - wie kann das sein?
Was ist Gutes an ihm?

  • Vielleicht, dass er weiß: Ich bin darauf angewiesen, dass mich andere nehmen, wie ich bin, mit all meinen Fehlern!
  • Vielleicht, dass er es schafft, seinen Stolz zu überwinden und umzukehren!
  • Vielleicht, dass er es schafft, sich selbst zu erkennen!
  • Vielleicht, dass er seine Grenzen erfahren hat.
  • Vielleicht, dass er es schafft, zu sagen: verzeih mir!
  • Vielleicht, dass er sich ändern will.
     

Ja, er ist einer, der weiß, dass er sich Liebe nicht verdienen kann, dass er ganz darauf angewiesen ist, dass die anderen ihn annehmen mit all dem Mist, den er gebaut hat. Er kommt mit leeren Händen, er kann nichts vorweisen. Er ist ganz schutzlos und verletzlich.
Dann ist da noch der ältere Bruder.
Der angepasste, der alles tut, was sein Vater will.
Der Musterknabe, der seinem Vater alles recht macht. Der Verantwortung übernimmt, sich nichts gönnt. Der ackert von morgens bis abends.
Der kommt hier schlecht weg.
Was ist so schlecht an ihm?

  • Vielleicht, dass er es nicht schafft, zu vergeben!
  • Vielleicht, dass er die ganze Liebe für sich allein will!
  • Vielleicht, dass er eifersüchtig ist!
  • Vielleicht, dass er kein Vertrauen hat zu seinem Vater!
  • Vielleicht, dass er glaubt, durch seine Leistung Liebe kaufen zu können!
  • Vielleicht, dass er nicht weiß, was Liebe ist.
     

Ja, das ist schlecht an ihm, dass er denkt, man kann nur geliebt werden, wenn man ein toller Bursche ist, wenn man etwas leistet, wenn man etwas vorzuweisen hat.

Ob er es wohl schafft, sich zu überwinden? Ob er es wohl über sich bringt, hineinzugehen und zu sagen: ich verzeihe dir? Das wäre schön.
Vielleicht braucht er noch ein wenig Zeit.

Eine verrückte Geschichte: der Versager als Vorbild. Aber auch eine tröstliche Geschichte:

Da ist einer, der kann damit leben, dass du nicht perfekt bist, der kann damit leben, dass du bist, wie du bist!
Da ist einer, der traut dir was zu, wo andere dich schon abgeschrieben haben.
Da ist einer, der das kann, weil er dich liebt.
Da ist einer, der sagt:

  • Weil ich dich liebe, akzeptiere ich dich wie du bist.
  • Weil ich dich liebe, übersehe ich deine Fehler.
  • Weil ich dich liebe, vertraue ich dir.
  • Weil ich dich liebe, verzeihe ich dir.
     

Das kommt mir bekannt vor.
Das sagen auch manchmal Menschen zueinander: die Tochter zu ihrem Vater, die Mutter zu ihrem Sohn, der Freund zum Freund, die Freundin zur Freundin, der Bruder zur Schwester.
Das sagt Gott zu den Menschen.

Stop! Halt mal!
Ist das nicht zu einfach? Kann man denn alles vergeben?
Schwamm drüber und vergessen.
Was ist mit Kindermord, Vergewaltigung, Folter und Ausbeutung?
Männer schlagen ihre Frauen, Eltern mißhandeln ihre Kinder.
Menschen töten Menschen aus Habgier.
Scheinen Spaß zu haben daran, anderen weh zu tun.
Kann man da einfach sagen: Schwamm drüber?

Und noch was. Einmal kann man vielleicht vergeben. Aber immer wieder? Auch in dieser Geschichte!
Was, wenn er es wieder tut? Vielleicht geht ja bald alles von vorne los?

Gibt es Dinge, die nicht vergeben werden können?
Gibt es eine Schmerzgrenze?

Bei uns Menschen wohl. Unsere Liebe ist begrenzt. Ich tu’ mich schwer, alle Menschen zu lieben. Es gibt welche, die mir unsympathisch sind, die ich nicht mag, die mir gleichgültig sind, die mich nicht interessieren. Meine Liebe ist begrenzt. Ich kann nicht immer sagen: Ich liebe dich. Wenn mir einer weh tut, dann fällt es mir schwer, zu vergeben. Am liebsten möchte ich mich rächen. Wenn ich mir vorstelle, wie einer jemandem weh tut, den ich mag, dann habe ich Phantasien voller Gewalt. Dann habe ich einen Hass auf jemanden. Meine Fähigkeit zur Liebe ist begrenzt. Ich kann wohl nicht alles vergeben. Ein bisschen bin ich wie der ältere Bruder in der Geschichte. Ich kenne seine Gefühle. Eifersucht, Neid, Hass. Das ist mir nicht fremd. Nein, ich kann nicht alles vergeben. Auch nicht, wenn einer mich um Verzeihung bittet, nicht, wenn es zu sehr weht getan hat.

Doch bei Gott ist das anders, nur eins ist nötig: Dass einer umkehrt und aus tiefstem Herzen sagt: es war falsch, ich habe mich geirrt, ich habe versagt, es tut mir leid.
Zu Gott kannst du immer kommen, egal, was du selber von dir denkst, egal, was andere von dir denken, egal, was du getan hast. Da gibt es kein zu hässlich, zu dick, zu doof, zu schön, zu schlau, zu reich, zu arm, kein zu langsam, zu schnell.
Zu Gott kann jeder kommen. Aber den Schritt muss er schon selber machen.

Doch auch das ist nicht so leicht. Es ist schwer zu sagen: Verzeih mir. Ich gestehe damit meinen Fehler ein, ich möchte stark sein. Nicht mich klein machen.
Ich mache mich dann ja ganz abhängig von dem anderen. Er hat es in der Hand zu sagen: „Es ist vergeben.“ Er hat mich in der Hand. Ich bin dann völlig schutzlos.
Es fällt mir schwer, mich so zu demütigen. Häufig rede ich mich lieber raus. Es waren die Umstände, ich wusste es nicht besser, ich konnte nicht anders.
Zu sagen: Es tut mir leid. Das zu riskieren, das kann mir keiner abnehmen. Nicht vor meiner Frau, nicht vor meinen Kindern, nicht vor meinen Schülern, nicht vor meinen Kollegen, nicht vor Gott. Das muss ich schon selber tun. Genauso wie der jüngere Sohn in der Geschichte. Das kann niemand für ihn tun. Diesen Schritt muss er selber machen, ganz alleine.

Aber hinterher geht’s ihm gut. Vater und Sohn liegen sich in den Armen. Die Fete kann steigen. Alles ist wieder gut. Auch mir geht es hinterher meistens besser, wenn ich gesagt habe, verzeih mir. Erst dann habe ich die Chance, neu zu beginnen. Er dann bin ich wirklich frei.

Dafür lohnt es sich, sich zu überwinden, sich einen Ruck zu geben. Dafür lohnt es sich zu sagen: Verzeih mir!
Amen.

Anmerkung: Der Text wurde von mir zusammen mit zwei Schülerinnen mit verteilten Rollen gelesen.

Fürbitte

Gott,
ich mache Fehler, ich bin nicht perfekt.
Ich verletze andere, manchmal auch ganz bewusst.
Oft werde auch ich verletzt.
Wir rufen zu Gott:
Herr, erbarme dich.

Gott,
Es fällt mir schwer zu sagen: ich habe versagt,
es fällt mir schwer zu sagen: es tut mir leid.
Ich bin oft zu stolz dazu.
Wir rufen zu Gott:
Herr, erbarme dich.

Gott,
Es fällt mir manchmal schwer zu sagen:
Ich vergebe dir.
Gib mir Geduld für die anderen,
hilf mir, mich in den Griff zu bekommen,
wenn ich an die Decke gehen will.
Wir rufen zu Gott:
Herr, erbarme dich.

Gott,
manchmal möchte ich am liebsten weglaufen,
Vor mir und vor anderen.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nicht gut genug bin,
dass ich nicht liebenswert bin.
Wir rufen zu Gott:
Herr, erbarme dich.

Gott,
ich bitte dich für alle, denen es ähnlich geht,
meine Freundin, meinen Freund,
meine Eltern und Geschwister.
Auch für die, die mir gleichgültig sind,
auch für die, die ich nicht mag.
Wir rufen zu Gott:
Herr, erbarme dich.

Vater unser



Irischer Segen

Mögest du immer Arbeit haben,
für deine Hände etwas zu tun.
Immer Geld in der Tasche,
einen Schein oder auch zwei.
Immer möge das Sonnenlicht auf deinem Fenstersims schimmern
und die Gewissheit in deinem Herzen,
dass eine Regenbogen dem Regen folgt.
Die gute Hand eines Freundes
möge immer dir nahe sein,
und Gott möge dein Herz erfüllen
und dich mit Freude ermuntern.

Anschließend: Aaronistischen Segen


Ablauf


Vorspiel: Love is all around

Begrüßung: mit Einführung ins Thema

Lied: Nobody knows

Lesung: 1 Kor 13

Lied: Weil ich dich liebe

Lesung: Lk 15

Dialogpredigt zu Lk 15

Lied: Da berühren sich Himmel und Erde

Lesung: Text aus Rost Machalke

Stille - mit ein wenig Musik

Fürbitte: Mit Antwortgesang: Herr erbarme dich

Segen - Irischer Reisesegen

Lied: Knocking on heavens door

Ankündigung: Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden für etwas, um das man jemanden um Entschuldigung bitten möchte, oder einfach für jemanden, an den man während des Gottesdienstes gedacht hat.

Musik