bet & breakfast
Mehr als eine Schulandacht

von Barbara Conring

 

Wie es dazu kam

Die Idee, „etwas Spirituelles“ zu machen, kam von den Schülerinnen und Schülern unserer Schule, die mit besonderem Interesse die Teile von Kirchenpädagogik- und Klosterprojekten rezipierten, die mit spirituellen Formen, Meditation, Gebet, Gesang, Stille zu tun hatten.1
Wir evangelischen und katholischen Religionslehrer überlegten gemeinsam mit den interessierten Schülern, ob und wie es möglich sein kann, solche Elemente in den Schulalltag zu transportieren. Wir haben mit Schülern unterschiedlicher Altersstufen in den letzten Jahren verschiedene Dinge ausprobiert: ein „Stille-Projekt“, „Lernen im Kloster“, ein temporär eingerichteter „Raum der Stille“ in der Schule, zuletzt am Buß- und Bettag.

Im Folgenden soll unser Langzeitprojekt, bet & breakfast vorgestellt werden.



Was ist bet & breakfast?

bet & breakfast sind zwanzigminütige Andachten mit anschließendem Frühstück, die in der Passionszeit und in der Adventszeit jeweils mittwochs um 7.00 Uhr morgens in der Schule gefeiert werden.

Inhaltliche Zielsetzung
Wiewohl die Grundidee für das Projekt aus dem konfessionell gebundenen Kontext stammt („Frühschichten“ an einer katholischen Schule), war uns wichtig, das Projekt ökumenisch auszurichten, nicht nur, weil die beiden Initiatoren unterschiedlichen Konfessionen angehören, sondern weil wir ein spirituelles Angebot für die Schule machen wollten, jedoch kein konfessionelles.

Der konfessionellen Offenheit korrespondiert jedoch eine klare christliche Grundorientierung: Die Impulse kreisen um christliche Grundfragen, Deutungsangebot  und Handlungsimpuls sind evangeliumsgemäße Aussagen.

Unsere Profilierung als Religionslehrer ist hierbei klar: Wir sprechen aus der Situation der Glaubenden heraus und bekennen uns, greifbarer als im Unterricht,  als zu dieser Religion dazu gehörig. Damit werden wir zu Ansprechpartnern für einen Bereich, der im Religionsunterricht nur eine untergeordnete Rolle spielen kann.2

Diese in der Schule gelebte Glaubenspraxis kann, wie sich von selbst versteht, nur freiwilligen Charakter haben. Sowohl Form als auch Inhalt von bet & breakfast sind ein Vorschlag für ein Lebensdeutungsmodell, das lediglich Angebots- und Einladungscharakter haben kann.

Unsere inhaltliche Grundidee bei der Konzeption der ersten bet & breakfast-Reihe war es, die Passionszeit als Fastenzeit stärker ins Bewusstsein zu rücken. So kreisten unsere ersten Impulse um das Thema „Kreuzweg“ und brachten Aspekte wie Weg, Verzicht, Gewinn, Erwartung zur Sprache.3 Die Adventsreihe widmete sich dem Thema „Licht in der Finsternis“. Inhaltliche Gegenstände der Andachten waren hierbei Fragen nach Zeiten von Trauer und Freude im Leben, nach Quellen für Stärke, Zuversicht und Hoffnung.4 Die dritte, wieder in der Passionszeit liegende Reihe trug den Titel „Auf der Suche“. Hier ging es in den inhaltlichen Impulsen um Aspekte wir die Suche nach Glück, nach mir, nach Orientierung, nach Gott.

Den jeweiligen Reihen wird also ein sehr offenes Oberthema zugeordnet, das die einzelnen Impulse zu verknüpfen vermag, aber die inhaltliche Gestaltung der einzelnen Verantwortlichen nicht zu stark einengt.

Ablauf
Der Rahmen der Andacht ist immer derselbe: Dem Ankommen im ruhigen, dunklen Raum folgt das Taizé-Lied, dann der inhaltliche Impuls, gegebenenfalls gefolgt von einer knappen Aktionsphase, dann ein Moment der Stille und schließlich das Abschlusslied. Diese Kontinuität in der Form zeigt die Bezugsgröße, eine klösterliche Hora oder eine ähnliche gottesdienstliche Kleinform.

Die ankommenden Schülerinnen und Schüler betreten mittwochs morgens kurz vor 7.00 Uhr den bet & breakfast-Raum, der im Dunkeln liegt und nur von der in der Mitte stehenden Kerze erhellt wird. Gegebenenfalls ertönt ruhige Musik. Jeder Ankommende sucht sich schweigend einen Platz auf dem Teppich und hat einen Moment Zeit anzukommen, sich gedanklich einzustimmen und den Blick auf die Kerze zu richten. Um Punkt 7.00 Uhr beginnt einer der Veranstalter das Taizé-Lied „Bleibet hier und wachet mit mir“5 zu singen, beim zweiten Mal stimmen alle Anwesenden mit ein, das Lied wird mehrmals gesungen.

In einem zweiten Teil folgt der inhaltliche Impuls, dessen konkrete formale Gestaltung dem jeweiligen Verantwortlichen überlassen wird:

  • ein gesprochener, ca. vier Minuten langer Text, beispielsweise eine Auslegung von Jesaja 9,1-6 zum Thema „Licht in der Finsternis“ oder von Psalm 63,2 zum Thema „Auf der Suche“,
  • Bibelverse, die von unterschiedlichen Stellen des Raumes aus gesprochen werden, Versteile auf Kopiestreifen, die an die Teilnehmenden verteilt werden und jeweils ergänzt zueinander gelesen werden,
  • unterschiedlichste Bilder (Folie, Beamer, Kopien), die als Anregung dazu dienen, sich in einer Stillephase Gedanken zu machen,
  • in laminiertes Labyrinth, auf dem mit via Pipette darauf getropftem Wassertropfen ein Weg verfolgt wird …
     

Je nach Gestaltung des Impulses folgt eine Stillephase, in der das Gehörte und Gesehene nacherlebt werden kann. Das kann in Form eines Momentes der Ruhe, aber auch in Form eines offenen Schreibimpulses (Stifte und Zettel liegen bereit) geschehen. Meistens bekommen die Teilnehmenden einen Gegenstand in die Hand, der in Beziehung zum Impuls steht (Stein, Schlüssel, Bibelvers, Teelicht…), viele nehmen diese Dinge gerne mit als Begleiter in die kommende Woche.

Die Stillephase schließt mit einigen Gitarrentönen und der Wiederholung eines Kernaspektes des Impulses, beispielsweise dem Sprechen eines Verses, dem Entzünden einer Kerze. Das Schlusslied wird ankündigt, auf den Liederzetteln stehen „Möge die Straße“, „Bewahre und Gott“ und „Fürchte dich nicht“.

Danach schließt der Veranstaltende die Andachtsphase und lädt zum gemeinsamen Frühstück ein (7.25 Uhr). Um 7.50 Uhr beenden wir das Frühstück, damit die Schülerinnen und Schüler pünktlich zur 1. Stunde im Unterricht sein können und schicken die Teilnehmenden mit Wünschen für den Tag, die in Beziehung zu der Andacht stehen, hinaus.



Tipps für die Praxis

Veranstalter
Man sollte sich, so unsere Erfahrung, an das Projekt nur wagen, wenn genug interessierte Lehrerinnen und Lehrer bereit sind, das Projekt über längere Zeit hinweg mitzutragen. Wir sind vier Religionslehrer und Lehrerinnen (zwei katholische, zwei evangelische), die immer mitfeiern. Angesichts unserer Teilnehmerzahlen ist diese Veranstalterzahl dringend notwendig. Inzwischen haben wir Schülerinnen und Schüler unterschiedlichster Jahrgänge mit in das Veranstaltungsteam aufgenommen, einige konzipieren die Reihen inhaltlich mit und halten die Andachten, andere kommen mittwochs schon eine halbe Stunde vor Beginn, um das Frühstück mit vorzubereiten oder den Andachtsraum zu gestalten. Für die nächste bet & breakfast-Saison in der kommenden Adventszeit beabsichtigen wir die vereinzelt teilnehmenden Eltern auch in die Frühstücksvorbereitung einzubinden.

Was die Gestaltung der Andachten anbetrifft, hat es sich bei uns bewährt, ca. drei Wochen vor Beginn der Reihe ein Planungstreffen zu veranstalten, bei dem zum einen das Oberthema festgelegt wird und ganz grob die Themen der einzelnen Andachten bestimmt werden, um Überschneidungen zu vermeiden. Zum anderen ordnen sich die einzelnen Veranstalter den jeweiligen Andachtsterminen zu. Ab dem Moment obliegt die Verantwortung für den jeweiligen Mittwoch dem Andachtsverantwortlichen, der dafür sorgt, dass genügend Nahrungsmittel für das Frühstück vorrätig sind, das Frühstück vorbereitet wird, der Andachtsraum gestaltet wird und, ganz wichtig, pünktlich um 7.00 Uhr begonnen wird.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Unsere Zielgruppe waren zunächst Schülerinnen und Schüler, die uns aus dem Religionsunterricht bekannt waren, bis Werte und Normen-Schüler mit der Frage an uns herantraten, ob sie auch willkommen seien. Der jetzige Teilnehmerkreis setzt sich aus Schülerinnen und Schülern aller Jahrgänge zusammen, wobei ein Schwergewicht bei den ganz Kleinen (5/6) sowie den ganz Großen (12/13) liegt. Es ist freilich zu beobachten, dass insbesondere Schüler der veranstaltenden Lehrer an den Andachten teilnehmen.

Neben der Ansprache in Kursen laden wir über in der Schule ausgehängte Plakate ein.

In der Schule liegt eine Anmeldeliste für den jeweils nächsten Mittwoch aus. Das hat zunächst organisatorische Gründe, erlaubt die Anmeldung doch ein Abschätzen der benötigten Brötchenzahl. Zudem schafft die Anmeldung aber Verbindlichkeit: Wer sich dienstags anmeldet, wird nicht mittwochs im Bett liegen bleiben, weil die Brötchen für ihn gekauft worden sind.

Raum
Bei der Planung sollte man sorgfältig nach geeigneten Räumen Ausschau halten. Wir halten die Andacht in dem Raum für Darstellendes Spiel – ein Raum mit Teppich und schwar­ zen Wänden –, der über eine Musikanlage verfügt, sich verdunkeln lässt und an den sich ein Nebenraum anschließt, in dem wir die Materialien lagern können. Der Raum erhält, je nach Prägung der Andacht, eine gestaltete Mitte aus Materialien, die die Fachgruppe angeschafft hat (Kerzen, Tücher, Schalen, Steine etc., gegebenenfalls Papier und Stifte).

Das Frühstück findet im dem Andachtsraum gegenüberliegenden Klassenraum statt, der bereits vor Beginn der Andacht vorbereitet wird (Sitzgruppen, Kerzen, Buffet mit Kaffee, Tee, Kakao, Brötchen, Aufschnitt und -strich, Geschirr und Besteck wird von den Teilnehmenden mitgebracht). Auf Wunsch vieler Schüler bieten wir inzwischen Bioprodukte und Vollkornbrötchen an, so dass die Frühstücksgebühr auf einen Euro angehoben werden musste.

Der Frühstücksklassenraum sollte in der ersten Unterrichtsstunde nicht belegt sein, damit genug Zeit zum Aufräumen und Wiederherstellen der Sitzordnung ist. Unerlässlich ist, dass mindestens einer der Veranstalter in der ersten Stunde unterrichtsfrei hat, weil doch erfahrungsgemäß ziemlich viel Aufräumarbeit anfällt.

Nur Mut!
Bei den ersten Sondierungsgesprächen mit der Schulleitung schlug uns zwar großes Interesse entgegen, aber auch die mitfühlende Sorge: „Seien Sie nicht enttäuscht, wenn niemand kommt!“ Seit Beginn der bet & breakfast-Reihe waren wir noch nie weniger als 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die Teilnehmerzahl hat sich jetzt auf 35 eingependelt, einmal waren wir 45 und mussten feststellen, dass zum einen die Raumkapazitäten überschritten waren, zum anderen die Atmosphäre an meditativem Charakter verlor.

Wir wollen nicht verhehlen, dass das Projekt einen ziemlich langen Atem braucht, der nicht immer leicht aufzubringen ist. Vor allem in der Adventszeit, in der die Religionslehrer unserer Schule im Wesentlichen mit der Vorbereitung unseres Schulweihnachtsgottesdienstes befasst sind, hatten wir Veranstalter gelegentlich ein Motivationsproblem.

Im Rückblick sind wir jedoch jedes Mal sehr froh, durchgehalten zu haben: Dieses Projekt hat nachhaltige positive Konsequenzen für das Fach Religion an unserer Schule. Zum einen bringt sich das Fach damit im Fächerkanon unüberhörbar ins Gespräch und wird von Eltern, Schülern und Kollegen intensiv wahrgenommen. Zum anderen erlebt das Fach eine positive Stärkung: Die große Beliebtheit des Projektes färbt gewissermaßen auf das Fach selbst ab, in verschiedenen Religionsstunden wurde und wird beispielsweise immer wieder von Seiten der Schülerinnen und Schüler das Gespräch über Themen der Andachten oder das Projekt als solches gesucht. Zudem verstärkt die gemeinsame Arbeit der Fachgruppe den ökumenischen Zusammenhalt, der ebenfalls nachhaltig auf eine ökumenische Blickrichtung der Schülerinnen und Schüler wirkt. Das gemeinsame spirituelle Erleben, das Bewusstsein eines gemeinsam tragenden Glaubens über die Grenzen der Konfession hinweg halten wir für einen zentralen Aspekt im Hinblick auf religiöse Bildung durch bet & breakfast.

Das große Interesse an solchen Formen der Spiritualität, die schülerzentriert und leicht in den Schulalltag zu integrieren sind, ist sicher an unserer Schule kein Einzelfall. Mit diesem Erfahrungsbericht möchten wir Mut machen, an anderen Schulen Ähnliches auszuprobieren.



Zum Schluss noch einige O-Töne:

Vina, 7. Klasse: „Ich komme, weil ich die Themen gut finde, vor allem die Verbindung von Symbolen aus der Bibel mit dem Alltag.“
Sarina, 7. Klasse: „Man hat einen guten Start in den Tag.“
Eine Mutter: „In der Adventszeit komme ich bestimmt auch.“
Nik, 5. Klasse: „Es macht Spaß.“
Jonas, 11. Klasse: „Es ist schön, zusammen zu frühstücken, man kommt sich vor wie auf einer Freizeit.“
Florian, 13. Jahrgang: „bet & breakfast bietet eine gute Gelegenheit, jahrgangsübergreifend mit Großen und Kleinen etwas zu erleben.“
Lina, 9. Klasse: „Ich finde die Stimmung total schön, die Ruhe am Anfang, Kerzen, Lieder. Man kommt zum Nachdenken.“

 

Anmerkungen

  1. Den Gründen für jenes Interesse nachzugehen, ist nicht Aufgabe eines Praxisberichtes, ein Hinweis auf die allerorten zu beobachtende Suche der Schülerinnen und Schüler nach neuer Sinnorientierung einerseits und nach Momenten der Ruhe in dem stets fordernden Umfeld von Schule und sozialem Kontext, sowie auf die kontinuierliche Suche nach Angeboten zur Hilfe bei der Definition der Identität in der Pubertät mag genügen. Die Suche nach Ruhemomenten ist momentan soziologisch ja nicht nur als Jugendphänomen zu beobachten, sondern stellt ebenfalls den Hintergrund des „Klosterbooms“ gerade bei Menschen in der mittleren Lebensphase dar. Die jüngste Shellstudie (Hurrelmann, Klaus/Albert, Mathias (Hg.), Jugendliche 2006. 15. Shell-Jugendstudie. Eine pragmatische Generation unter Druck, Frankfurt/Main 2006) arbeitet vor allem den Collage-Charakter einer „Religion light“ bei westdeutschen Jugendlichen heraus und subsumiert somit das spirituelle Interesse unter eine generelle Offenheit religiösen Erscheinungsformen gegenüber. Ob dies im Einzelnen sachgerecht erfasst ist, wäre zu prüfen.
  2. In der Kompetenzdebatte zeigt sich die Dringlichkeit einer Möglichkeit der Auseinandersetzung mit gelebter Religion als Voraussetzung für den Erwerb „religiöser Kompetenz“. Vgl. hierzu beispielsweise die fachspezifische Profilierung des Kompetenzbegriffes, wie sie Hartmut Lenhard im vorliegenden Heft entfaltet. Modelle wie das in diesem Praxisbericht vorgestellte könnten das Einlassen auf eine religiöse Perspektive von Seiten der Schülerinnen und Schüler befördern.
  3. Daraus entwickelte sich ein Folgeprojekt: Wir initiierten im letzten Jahr und auch in diesem Jahr wieder die Aktion „7 Wochen ohne“ an der Schule, der sich zahlreiche Kollegen und Schüler anschlossen (nicht nur bet & breakfast-Gänger, der Verzicht auf Schlaf ist ja nicht jedermanns Sache).
  4. Diese inhaltlichen Impulse bereiteten damit thematisch den Weihnachtsgottesdienst „In der Mitte der Nacht“ vor.
  5. Vgl. Evangelisches Gesangbuch 789,2.