„Nehmt einander an!“
Gottesdienst zum Sozialpraktikum

Von Margret Pannen und Otto Weymann

 

Zum Hintergrund des Gottesdienstes

Die Schülerinnen und Schüler des 10. Jahrgangs der Erich-Maria-Remarque Realschule in Osnabrück absolvieren ein vierzehntägiges Sozialpraktikum in verschiedenen Einrichtungen der Altenpflege, der Eingliederungshilfe und in Werkstätten für Menschen mit Behinderung sowie der Suchtkrankenhilfe. Dabei sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, sich in die Lebenssituation anderer Menschen einzufühlen. Sie erleben, wie alte Menschen, Menschen mit Behinderung oder Leute, die am sogenannten Rand der Gesellschaft stehen, ihr Leben meistern. Die Schülerinnen und Schüler können Respekt vor anderen Menschen entwickeln.

Die Vorbereitung des Praktikums und die religionspädagogische Auswertung finden im Religionsunterricht statt. In Zusammenarbeit mit der Katharinen-Kirche in Osnabrück und unter Beteiligung der Flötengruppe der Heilpädagogischen Hilfe wird das Sozialpraktikum mit einem Gottesdienst abgeschlossen. Zu dem Gottesdienst werden auch Mitarbeitende der Praktikumsbetriebe eingeladen.

Der Abschluss des Sozialpraktikums mit einem Gottesdienst legt sich u.a. deshalb nahe, weil Schülerinnen und Schüler im Praktikum Grenzerfahrungen des Lebens machen. Sie begegnen Menschen mit Behinderungen, was sie zur Reflexion von Krankheit und Gesundheit veranlasst. Die Begegnung mit alten, pflegebedürftigen und sterbenden Menschen führt zur Auseinandersetzung mit Fragen der Endlichkeit und des Lebens. Solche Erfahrungen auf dem Hintergrund der christlichen Botschaft zu bedenken, gehört zum Religionsunterricht und somit zu einem vom Religionsunterricht verantworteten Sozialpraktikum.

Ferner erweitert das Sozialpraktikum die soziale Kompetenz. Schülerinnen und Schüler erwerben insbesondere Respekt vor Menschen, die behindert sind bzw. auf Grund ihres Lebensalters in ihren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt sind. Diese Erfahrung des respektvollen Umgangs mit anderen Menschen in der Gesellschaft können sie durch das Sozialpraktikum in ihre Alltagserfahrung mitnehmen.
Schließlich trägt das Sozialpraktikum dazu bei, Respekt vor Menschen mit sozialen Berufen zu gewinnen. Alten- und Heilerziehungspflege sowie soziale Arbeit genießen bei Schülerinnen und Schülern oft nicht den besten Ruf. Das Sozialpraktikum eröffnet den Schülerinnen und Schülern einen Zugang zu diesem gesellschaftlich wichtigen Berufszweig.

Der Gottesdienst wurde in der beschriebenen Form am 27. Februar 2015 in der Katharinen-Kirche in Osnabrück gefeiert. Begleitet wurde er von der Schulband der Erich-Maria-Remarque Realschule Osnabrück und der Flötengruppe der Heilpädagogischen Hilfe Osnabrück.


Ablauf des Gottesdienstes im Überblick

  • Musik: Vorspiel
  • Begrüßung: Pastor/Schüler
  • Lied: Wir wollen aufsteh´n, aufeinander zugeh`n
  • Psalm 121: Schüler
  • Eingangsgebet: Schüler
  • Powerpoint-Präsentation mit Eindrücken aus dem Praktikum (Hintergrundmusik z.B. von Alphaville „Forever young“)
  • Interview mit Schülerinnen und Schülern: Schüler
    – Ängste vor dem Praktikum
    – Erfahrungen
    – Fazit
  • Musikstück: Flöten/Schulband
  • Schüleräußerungen zum Bild, Menschen aus dem Praktikum werden vorgestellt
  • Lied: Vergiss es nie, dass du lebst
  • Lesung: Römer 15,7
  • Ansprache: Pastor Weymann
  • Lied: Möge die Straße uns zusammenführen
  • Fürbitten: Schüler/Pastor
  • Vaterunser: Pastor
  • Segen: Pastor
  • Musik: Band/Flöten
     


Der Gottesdienst im Detail


Begrüßung durch die Schüler

Ich heiße Sie alle, Schülerinnen und Schüler und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines Betriebes zum Gottesdienst unseres Sozialpraktikums willkommen. Wir, der evangelische und der katholische Kurs, wollen Einblicke in unsere Praktikumserlebnisse, unsere Ängste und unsere Erfahrungen geben. Ich hoffe sehr, dass ihr und die Betriebe positive Erfahrungen gemacht haben. Danke fürs Kommen, schön dass ihr da seid.
 

Begrüßung durch den Pastor

Herzlich Willkommen zu unserem, zu eurem Gottesdienst, hier in der St. Katharinenkirche.

Schule trifft Betrieb oder soziale Einrichtung. Das bedeutet: Einander kennenlernen, Menschen begegnen, Lebensgeschichten erfahren, Andersartigkeit wahrnehmen, Scheu und Vorurteile abbauen.
Schule und Betrieb treffen Kirche. Das bedeutet: Im Anderen Gottes Geschöpf erkennen, miteinander verbunden sein, füreinander da sein, einander annehmen, wie Christus uns angenommen hat.
So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen Gottes des schöpferischen Vaters, des einander annehmenden Sohnes Jesus Christus und in der Kraft des verbindenden Heiligen Geistes.
Amen!
 

Lied: Wir wollen aufstehn‘ aufeinander zugehn‘
 

Worte aus Palm 121

Meine Hilfe kommt von Gott.
Du hast Himmel und Erde gemacht.
Gott wird dich nicht fallenlassen.
Du gibst auf mich Acht.
Gott begleitet dich.
Du sorgst für mich.
Gott ist dein Schatten
In dir bin ich geborgen.
Gott bewahre dich vor allem Bösen.
Behüte meine Seele.
Was immer du tust:
Gott schütze dich
am Morgen und am Abend,
jetzt und immer
Amen.
 

Gebet

Lasst uns beten:
Wir haben uns hier in der Kirche versammelt, um unsere Erfahrungen, die wir im Sozialpraktikum gemacht haben, mit anderen zu teilen. Wir sind froh, dass wir mit so vielen Menschen zusammen arbeiten konnten und sie kennen lernen durften. Danke, dass wir lernen konnten, uns so anzunehmen, wie wir sind.
Gott, wir bitten dich für das Gelingen unseres Gottesdienstes. Sei du bei uns. Amen.
 

Powerpoint-Präsentation

mit Eindrücken aus dem Praktikum (Hintergrundmusik z.B. von Alphaville „Forever young“ M 1)
 

Interview

Wir interviewen einige Schüler, die etwas vom Sozialpraktikum erzählen. Zunächst möchten wir wissen, wie es euch vor dem Praktikum ergangen ist.

Welche Befürchtungen hattest du vor dem Praktikum?
„Ich habe befürchtet, dass ich meine Aufgaben im Praktikum vielleicht nicht so erledigen kann, wie es von mir erwartet wird und dass es sehr anstrengend wird.“

Und was für Befürchtungen hattest du?
„Ich hatte vor nichts Angst.“

Wieso wolltest du am Anfang nicht zum Praktikum?
Vor dem Praktikum hatte ich keinerlei Erfahrungen mit Altenheimen, ich fühlte mich gezwungen, an dem Praktikum teilzunehmen. Die erste Woche habe ich mich manchmal geekelt. Doch in der zweiten Woche waren meine Berührungsängste weg. Danach habe ich sehr gerne etwas mit den Leuten gemacht, ich habe sie sogar nach dem Praktikum zu Weihnachten besucht. Es hat mich gefreut, dass meine bloße Anwesenheit die Menschen so glücklich gemacht hat.

Hast du dich vor den alten Menschen gefürchtet oder gar geekelt?
Am Anfang konnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen, das Praktikum zu machen, aber geekelt oder Ähnliches habe ich mich nie. Ich habe ja selber Großeltern, die auch schon älter sind. Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Anfangs gab es ein paar Schwierigkeiten sich einzufinden, den Rhythmus der Menschen kennen zu lernen, aber nach kurzer Zeit hatte ich überhaupt keine Hemmungen mehr, mit den Menschen umzugehen.

Unsere nächsten Fragen beschäftigen sich mit persönlichen Erfahrungen während des Praktikums.

Wie war das Praktikum für dich?
Ich war erst kritisch ein Praktikum im Altenheim zu absolvieren. Doch dann konnte ich mich total in die Leute hineinversetzen. Ich habe mir bewusst gemacht, dass die Bewohner eigentlich viel lieber zuhause wohnen und sich selbst versorgen würden. Ich habe gelernt, Respekt vor den Bewohnern zu haben. Ich habe möglichst viel mit den Bewohnern geredet, weil sie sonst niemand haben. Ich bekam ein riesengroßes Herz für die Bewohner. Mir hat das Praktikum super gefallen und das Schönste an dem Praktikum war, dass mir von den alten und pflegebedürftigen Menschen jeden Tag wieder ein unbezahlbares Lachen geschenkt wurde.

Warum findest du Altwerden nicht schön?
Alt zu werden ist nicht schön, da man Probleme mit der Gesundheit bekommen kann, man muss viele Medikamente nehmen. Alte Menschen können ihren eigenen Alltag oft nicht mehr selbst bewältigen. Sie brauchen Hilfe beim Anziehen oder manche können nicht mehr alleine essen. Wenn man jung ist, kann man sich gar nicht vorstellen, dass unser Körper so abbaut. Ich finde es gut, dass ich das Praktikum gemacht habe. Ich habe tolle Eindrücke von dem Beruf und der Arbeit der Altenpflege bekommen. Dieser Beruf wird in Zukunft noch wichtiger werden, weil es immer mehr alte Menschen gibt und sie heute viel älter werden als früher.

Was hat sich nach dem Praktikum für dich verändert?
Vor dem Praktikum sind mir alte Menschen nicht so sehr aufgefallen, jetzt achte ich mehr darauf. Zum Beispiel habe ich nach dem Praktikum einer älteren Dame geholfen, die nicht mit ihrem Rollator in den Bus gekommen ist.

Einige Schüler können von besonderen Ereignissen berichten:

Stimmt es, dass bei dir viel über Krieg erzählt wurde?
Ja, das stimmt, also am Frühstückstisch wurde die Zeitung vorgelesen, dort standen oft traurige oder erschütternde Dinge. Die alten Leute haben darüber diskutiert, so auch zum Thema Krieg. Ich habe viel erfahren, z. B. hat eine Frau früh ihre Eltern verloren, die andere ihren Mann und ihren Sohn. Frau M. musste sich immer verstecken, wenn die Russen kamen, weil sie sie vergewaltigt hätten. Ihre Mutter ist mehrfach vergewaltigt worden. Ich fand die Geschichten interessant, aber auch sehr traurig und mitreißend. Die alten Menschen, die den Krieg miterlebt haben, haben meinen größten Respekt verdient.

Du hast uns doch erzählt, dass eine Frau bei dir gestorben ist, wie bist du damit umgegangen?
Für mich war der Tod einer Bewohnerin wie ein Weckruf, ich wollte ganz normal arbeiten, als ich ans Bett einer Bewohnerin trat und dachte, dass sie einen Atemaussetzer hatte. Ich rief einen Pfleger, der mir erklärte, dass sie tot sei. Die Frau hatte eine liebenswerte Familie und Freunde, die sich nach ihrem Tod um alles gekümmert haben. Der Pfleger sagte mir, dass es eines der größten Lebensziele sei, einen Kreis lieber Menschen zu haben, die dich selbst beim Altwerden, im Sterben und nach dem Tod nicht alleine lassen. Ich persönlich habe die ersten Tage damit verbracht, darüber nachzudenken, wie es ist, wenn meine Großeltern sterben. Das war für mich viel schlimmer als über den Tod der Bewohnerin nachzudenken.

Wie bist du damit umgegangen, als bei dir eine Frau gestorben ist?
Ich habe beim Aufräumen des Zimmers einer gestorben Frau mitgeholfen. Später kam auch ihre Tochter dazu und hat geholfen. Irgendwann saß sie dann weinend auf dem Bett mit Bildern in der Hand. Ich habe mich einfach neben sie gesetzt und ihr zugehört. Sie hat sich nach einiger Zeit wieder beruhigt.

Du warst doch in dem Café Oase, wo viele Drogenabhängige sind, wie stehst du jetzt persönlich zu Drogen?
Das Praktikum hat mir gezeigt, wie Drogenabhängige leben, was sie zur Sucht bewegt hat und welche Probleme sie haben. Es hat mich, was Suchtmittel angeht, sensibilisiert und ich habe gelernt, wie leicht man durch Gewohnheiten oder das soziale Umfeld abhängig werden kann.

In unserer Schlussrunde wollen wir nach dem persönlichen Fazit fragen:

Wie hast du das Praktikum empfunden?
Nach dem Praktikum wollte ich gar nicht, dass es vorbei ist. Ich hatte sehr viel Spaß und habe gelernt, wie man mit Menschen mit Beeinträchtigungen arbeitet. Aus dem Sozialpraktikum habe ich mitgenommen, dass die Menschen, obwohl sie Einschränkungen haben, normal und äußerst respektvoll miteinander und mit anderen umgehen.

Wie war das Praktikum bei dir und hast du etwas für dich mitgenommen?
Ich finde, das Praktikum war sehr gut, man lernt mit Menschen umzugehen, mit denen man vielleicht sonst gar nicht in Kontakt treten würde. Ich habe gelernt, freundlich, geduldig und respektvoll mit den alten Menschen umzugehen.

Dank an alle Interviewten.
 

Musikstück

Einleitung Flickenteppich

Auf dem Bild (M 2) sieht man einen Teppich, dieser besteht aus verschiedenen Flicken, die zusammengenäht wurden. Der Flickenteppich ist eine Art Symbol und soll Menschen zum Nachdenken bringen, er steht für den Zusammenhalt der Menschen. Wie man sieht, besteht der Teppich aus unterschiedlichen Flicken.

Die einzelnen Flicken stehen z.B. für verschiedene Religionen oder Nationen. Er steht für verschiedene Sprachen und Kulturen, und auch für schwache oder starke Menschen. Ebenfalls kann der Flickenteppich ein Symbol für alte, junge und behinderte Menschen sein. Vielleicht fällt euch selbst noch etwas ein. Wir möchten euch verschiedene Menschen vorstellen, die wir im Praktikum kennengelernt haben.

Schülerinnen und Schüler, die am Praktikum teilgenommen haben, beschreiben nun mit wenigen Sätzen Menschen, die ihnen in besonderer Erinnerung sind (M 3), wie zum Beispiel:

Knapp zehn Jahre war Bernd alkoholabhängig. Während seiner Kindheit wurde er von seinen Eltern regelmäßig verprügelt. Deswegen war er nie gern zuhause und versuchte, so oft und so lange wie möglich woanders zu sein. So lernte er größtenteils ältere Jugendliche kennen. Schon mit zehn Jahren erlebte er mit seinen Freunden seinen ersten Alkohol -Rauschzustand. Auch Cannabis und Medikamente gehörten bei ihm zum wöchentlichen Konsum. Natürlich wirkte sich das auch auf seine schulischen Leistungen aus.
Mit 20 Jahren verstärkte sich sein Konsum. „Trinken wurde zur Gewohnheit und war auch nichts Besonderes mehr“, sagt er heute. Im Alter von 29 Jahren besuchte er zum ersten Mal eine Suchtberatungsstelle und begann in der Folge eine Langzeittherapie. Heute ist er seit 30 Jahren trocken und besucht regelmäßig das Café OASE.

Danke für die vielen Beispiele. Alle diese Menschen sind wie einzelne Flickenteile des Teppichs, doch nur alle Flicken zusammen bilden eine Einheit. Egal, ob die Menschen im Altersheim, in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung leben oder noch zur Schule gehen, ob sie dement oder psychisch krank sind oder ob sie alkohol- oder drogenabhängig sind, sie sind Teil der Gemeinschaft und jede und jeder von ihnen verdient unseren Respekt für sein Leben.

Das heißt, wenn ein Teil des Teppichs fehlt, ist er kaputt und nicht mehr vollständig. Deshalb gehören wir alle zusammen. Und so wie die Flickenteile des Teppichs verschieden sind, so verschieden sind auch wir Menschen.
 

Lied: Vergiss es nie, dass du lebst


Lesung
Römer15,7: Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes.
 

Ansprache von Pastor Otto Weymann

Es ist schon sehr beeindruckend, was ihr erlebt und wovon ihr eben erzählt habt. Die vielen Lebensgeschichten und Schicksale. Wie soll man damit umgehen, wenn jemand in die Drogenszene abrutscht? Wie begegnet man jemandem, der depressiv ist und nichts mehr vom Leben erwartet? Wie schafft es jemand, die erblindet ist, nicht zu verzweifeln? Ihr seid solchen Menschen begegnet.

Und wenn man nur sieht, was vor Augen ist, dann sieht man allenfalls nur die halbe Wahrheit. Der kleine Prinz aus dem Märchen von Antoine de Saint-Exupéry sagt: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für sie Augen unsichtbar.

Die Bibel drückt es etwas frommer aus. Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an. (1. Samuel 16,2.)
Und darum geht es: das Herz zu sehen, denn das ist das Wesentliche. Dann verliert man die Scheu, die Angst vor dem anderen mit seiner Geschichte. Dann versucht man den anderen zu verstehen. Dann fragt man sich und den anderen: Wie ist es dazu gekommen? Wie kannst du damit jetzt umgehen?

Wir haben von Bernd gehört, der von seinen Eltern verprügelt wurde und es irgendwann nicht mehr aushielt und Drogen nahm, weil er das nicht mehr ertragen konnte. Kann man irgendwie verstehen.
Dass Eltern ihr Kind schlagen, geht nicht, geht gar nicht. Und dennoch fragen wir auch: Was ist in den Seelen der Eltern los, was hat sie so werden und handeln lassen? Ohne dabei Täter und Opfer zu verwechseln.
Oder: Wer versteht nicht, dass jemand, der Mann und Sohn im Krieg verloren hat, verbittert werden könnte?
Und: Woher nimmt die Frau, die erblindet ist, ihre Kraft und Lebensfreude? Wie schafft die das?

Wer das Herz sieht, der sieht mehr und versteht den anderen und kommt ihm nahe. Der sieht, was er braucht, verliert seine Angst, ihm zu begegnen. Und der entdeckt, was für eine Lebenskraft in uns Menschen stecken kann.
Das Herz überspielt nicht die Schläge der Mutter – die bleiben falsch –, vergisst nicht die Grausamkeit des Krieges und verharmlost nicht die Blindheit. Das Herz will aber für die Zukunft einen Weg finden.
Wir sollen nicht Opfer unserer Geschichte sein oder bleiben, sondern Gestalter unserer Zukunft werden.

So unterschiedlich wie der bunte Flickenteppich auf dem Bild, sind eure Erlebnisse während des Praktikums. Jedes Stück ist ein Einzelstück, anders als das andere, so wie wir Menschen unterschiedlich sind.
Was die Menschen aber verbinden könnte, ist der Blick mit dem Herzen … Wie ein roter Faden bindet er die unterschiedlichen Flicken zusammen zu einem Flickenteppich. Solch ein Flickenteppich ist wie eine Decke, die wärmt, zusammengehalten durch den roten Faden des Herzens.

„In ihm leben, weben und sind wir“ (Apg 17,28), sagt Paulus einmal und dann sagt er: Wenn wir einen starken Glauben haben, ist es unsere Pflicht, die anderen in ihren Schwächen mitzutragen, anstatt selbstgefällig nur an uns zu denken. Jeder von uns soll seinem Mitmenschen zu Gefallen leben, natürlich im guten Sinn, und das heißt so, dass damit die Gemeinschaft gefördert und aufgebaut wird.

Auch Jesus Christus hat ja nicht sich selbst zu Gefallen gelebt, sondern so, wie es in den Heiligen Schriften steht:

Gott, der Geduld und Mut schenkt, gebe euch, dass ihr alle in der gleichen Gesinnung miteinander verbunden seid, so wie es Jesus Christus gemäß ist.
Lasst einander also gelten und nehmt euch gegenseitig an, so wie Christus euch angenommen hat. Das dient zum Ruhm und zur Ehre Gottes (nach Röm 15,1-7).

Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob. Wenn ihr Gott loben und ehren wollt, dann nicht nur durch Händefalten und Hinknien, sondern indem ihr einander annehmt, füreinander sorgt, wie das Christus gemacht hat. Das ist: Gott loben. Eine größere Freude können wir Gott nicht machen.

Liebe Praktikantinnen und Praktikanten, ihr habt das in eurem Sozialpraktikum gemacht, einander angenommen, weil ihr mehr als das, was vor Augen ist, gesehen und erlebt habt.

Wie ein Heiligenschein – ich sag´s mal so fromm – schwebt über dem Flickenteppich ein durchsichtig-weißer Kreis. Der Heiligenschein steht für die Energie Gottes. Dort, wo der rote Faden uns Menschen mit unseren unterschiedlichen Lebensgeschichten, mit unseren Beeinträchtigungen und Behinderungen und mit unserer Lebenskraft verbindet, dort kreist diese Energie Gottes über und zwischen uns. Über nichts mehr könnte Gottes Freude größer sein, der der Menschenfreund ist und möchte, dass wir füreinander da sind.
Amen.


Lied: Möge die Straße uns zusammenführen
 

Fürbitten und Vaterunser

Segen