Gemeinschaftliches Lernen und E-learning

von Martin Sander-Gaiser

 

Fast alle Jugendliche und bereits ein Großteil der Grundschüler nutzen Computer intensiv für die Schule und zur Freizeitgestaltung. Inzwischen kann – empirisch belegt – von einer “Net Generation” an unseren Schulen gesprochen werden. Die “Net Generation” geht dabei anders mit Computern um als die Erwachsenen, die so genannte “TV Generation”. Stört die “TV-Generation” am Internet die Informationsflut, so will die “Net-Generation” sich selbst aus vielen Quellen informieren. Sucht die “TV-Generation” Expertenwissen und bemängelt die Qualität von Webseiten, so gebraucht die “Net-Generation” das Netz, um mit anderen gemeinsam Probleme zu lösen.

“Web 2.0”, so heißt das Stichwort, welches die “Net Generation” von ihren Lehrerinnen und Lehrern unterscheidet. Hinter diesem Begriff verbergen sich Internetanwendungen wie Facebook, SchülerVZ, Wikipedia, Youtube, Twitter, Blog und Co. Der Unterschied zur “TV-Generation” besteht darin, dass Jugendliche durch Web 2.0 gewohnt sind, in netzgestützten “communities” zu denken, zu arbeiten und Freizeit zu gestalten. Sie haben einen eigenen Lernstil entwickelt, ihre neuronalen Strukturen sind andere.

Schülerinnen und Schüler leben nun in zwei unterschiedlichen Welten: Während sie in der Schule Texte oftmals allein verfassen, erleben sie, dass in sozialen Netzwerken kein Text unkommentiert bleibt. Während sie daheim Wissen und Werte mit anderen aushandeln, treffen sie in der Schule auf Lehrerinnen und Lehrer, die Lernstoffe mit Schulbüchern, Tafelbildern und Arbeitsblättern versuchen zu vermitteln.

Doch empirische Studien belegen auch, dass die “Net-Generation” klare Vorstellungen von gelungenem Lernen und Arbeiten entwickelt hat. Sie erwartet:

  • freie Auswahl des Ortes und Zuganges zur Kommunikation und zu Wissensquellen,
  • freie Gestaltung/Anpassung von Internetplattformen, Schul- und Arbeitsplatzumgebungen,
  • viel Hintergrundinformationen zu Themen, um diese Informationen selbst kritisch durchleuchten zu können, '
  • Offenheit und Integrität im Umgang miteinander,
  • Pflege von Beziehungen und “collaboration” (=gemeinschaftliches Denken und Arbeiten),
  • Spaß am Lernen und Spaß an der Arbeit,
  • kontinuierliche Kreativität, Innovation und Wandel.1

 

Welche didaktischen Möglichkeiten bietet das Medium “Netz”?

Hier sind zu nennen:2

  • Individualisierung: Jeder kann in seinem eigenen Tempo und Niveau Fragestellungen erarbeiten (Binnendifferenzierung).
  • Schulformübergreifender Einsatz: Von der Förder- bis zur Hochschule kann mit vernetzten Computern in anspruchsvoller pädagogischer Perspektive gearbeitet werden.
  • Balance von Online- und “Face-to-Face”-Kommunikation: Durch die Verlagerung von Kommunikation ins Netz soll die “Face-to-Face” und Online-Kommunikation in ein verändertes Verhältnis gebracht werden. Online-Kommunikation bezieht alle Mitglieder, auch größere Gruppen, und somit auch die verbal Unauffälligen mit ein. Offene Klassen- oder Seminargespräche aktivieren oft nur wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Hier ist strukturierte Kommunikation in Partner- oder Gruppenarbeit notwendig.
  • Exteriorisierung eigener Vorstellungen: Die Gedanken, Erkenntnisse, Gefühle, Einstellungen aller Teilnehmer können exteriorisiert und kommentiert werden (Online-Editoren, Visualisierungen, Medien­produktion …).
  • Veröffentlichung von Arbeitsergebnissen: Erträge des forschenden Erkundens (inquiry) können durch das “Netz” öffentlich werden.
  • Metakognitive Fähigkeiten: Das “Lernen zu Lernen” wird unterstützt (Online-Portfolio, Expedition, Mappen etc.).
  • Online-Ressourcen: Viele Texte, Bücher (u. a. Bibeln), Videos, Musik, Web-Repräsentationen von Organisationen zum Kerncurriculum stehen Online zur Verfügung.
  • Kollaborativer interner und öffentlicher Diskurs: Ein kollaborativer, fortschreitender Wissensaufbau wird gefördert (Foren, Wikis). Später kann dieser in Web 2.0-Anwendung im “Netz” fortgeführt werden.
     

E-learning zusammen mit einer Neuorientierung im Verständnis von Lernen und Lehren in Einrichtungen einzuführen, ist ein langsamer Prozess. E-learning nur in einer Klasse einzuführen, führt im günstigsten Fall zu Anstößen hinsichtlich einer Veränderung der Lernkultur auf Klassenebene, insbesondere bei Lehrerinnen und Lehrern, die über ein großes Methodenspektrum verfügen.

Seit dem Jahr 2003 führe ich Schülerinnen und Schüler von der 4. bis zur 12. Klasse, Studierende der Religionspädagogik und Religionswissenschaft, Referendare und Lehrerinnen und Lehrer des Fachs Religion an E-learning heran. Das beginnt mit den Möglichkeiten, die das Netz und digitale Medien zur Informations- und Materialbeschaffung bieten, und endet bei der Arbeit in virtuellen Seminarräumen/Klassenzimmern (www.rpi-virtuell.de). In diesen lernen und arbeiten die Teilnehmenden – unabhängig von Raum und Zeit – miteinander. Manchmal kooperieren wir in diesen virtuellen Seminarräumen auch mit Menschen außerhalb der jeweiligen Bildungseinrichtung. Im Folgenden möchte ich Sie anregen, Elemente von gemeinschaftlichem Lernen mit dem Netz in den Unterricht aufzunehmen. Dabei geht es zum einen um das bewusste Training der “Face-to-Face”-Kommunikation, die hier gewissermaßen als Vorbedingung für den virtuellen Austausch betrachtet wird. Zum anderen sind Phasen der Informationsbeschaffung mit Hilfe von Online-Ressourcen in die Methoden der “Face-To-Face”-Kommunikation eingebunden. Wenn Sie mit diesen Arbeitsformen gute Erfahrungen gesammelt haben, können Sie den Kommunikations- und Handlungsraum ihres Unterrichts mit einem virtuellen Klassenzimmer bei www.rpi-virtuell.de erweitern. Hierdurch verfügen Sie über eine flexible Lernumgebung (Web 2.0) im Religionsunterricht, die auf die Lernbedürfnisse der “Net-Generation” abgestimmt ist.
 

M 1: Think – Pair – Share
Einstieg in die Kontroverse: “Kopftuchstreit – Religionsfreiheit an Schulen?” (Sek. I)

 

 

Think-Pair-Share kann man übersetzen mit “allein nachdenken – sich in Partnerarbeit verständigen – mit der Klasse die gemeinsamen Erkenntnisse teilen”. Ziel dieses Think-Pair-Share ist es, die besten Argumente für und gegen das Tragen von Kopftüchern an Schulen, also religiösen Symbolen des Islam, kennen zu lernen.

1. Schritt:
Trefft euch zur Partnerarbeit und nehmt ein Blatt Papier mit für die Arbeit im Computerraum. Auf die Vorderseite schreibt ihr Argumente für das Tragen von Kopftüchern an Schulen auf. Auf die Rückseite die Gegenargumente. Zeit: 3 Minuten

2. Schritt:
Geht nun einzeln in den Computerraum und recherchiert zu “Kopftuchstreit” bei http://forestle.de. Tipp: Geht nicht gleich zu Wikipedia! Schaut euch erst die Zeitungsmeldungen zu “Kopftuchstreit” bei http://news. google.de und dazu die Diskussionen in den Foren bei http://groups.google.de an. Notiert Argumente und Gegenargumente auf eurem Arbeitsblatt.
Zeit: 25 Minuten

3. Schritt:
Trefft Euch zur Partnerarbeit und stellt euch gegenseitig eure Erkenntnisse vor. Einigt euch dann auf die drei besten Argumente für das Tragen von Kopftüchern an Schulen und die drei besten Argumente gegen das Tragen von Kopftüchern. Haltet euer Ergebnis auf einem neuen Arbeitsblatt fest.
Zeit 10-15 Minuten

4. Schritt:
In der Klasse stellt jedes Paar nun seine gemeinsamen Erkenntnisse vor und heftet das gemeinsam erstellte Arbeitblatt an die Tafel. Diskutiert nun in der Klasse über die Frage, ob das Tragen von Kopftüchern in der Schule zur Religionsfreiheit gehört.
Zeit: 30 Minuten

 

M 2: Gruppenpuzzle
Erhebung der Vorstellungen vom
“Leben nach dem Tod in den fünf Weltreligionen” (Sek. I)

 

Bei einem Gruppenpuzzle fügt ihr Expertenwissen der Gruppenmitglieder, wie bei einem echten Puzzle, zu einem Ganzen zusammen. Ziel dieses Gruppenpuzzles ist es, unterschiedliche Vorstellungen vom Leben nach dem Tod in den fünf Weltreligionen kennen zu lernen.

1. Schritt:
Trefft Euch in Gruppen zu fünf Schülern/Schülerinnen und verteilt die Aufgaben. Es werden fünf Experten/Expertinnen bestimmt, die über die Vorstellungen vom Leben nach dem Tod im Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus und Buddhismus berichten können. Einstieg mit Suche bei http://www.forestle.de “Leben nach dem Tod Christentum bzw. Islam usw.”.
Tipp: Wenn die DVD “Religiopolis” vorhanden ist, könnt ihr auch hiermit recherchieren.
Zeit: 5 Minuten

2. Schritt:
Recherchiert zu eurem Themengebiet und haltet das Ergebnis auf einem Blatt Papier fest.
Zeit: 30 Minuten

3. Schritt:
Alle Experten treffen sich gesondert und tauschen die Ergebnisse ihrer Recherche untereinander aus. Einigt euch auf die drei wichtigsten Fragen und Antworten zu eurem Themengebiet. Jeder von euch schreibt diese dann auf drei Karteikarten für seine Gruppe.
Zeit: 30 Minuten

4. Schritt:
Trefft Euch nun wieder in euren anfänglichen Gruppen. Jeder Experte berichtet nun der Reihe nach von seinen Erkenntnissen. Dann fügt ihr eure Karteikarten zu einem Quiz zusammen.
Übt miteinander, bis jeder die Fragen richtig beantworten kann.
Zeit: 20-30 Minuten

 

M 3:  Placemat (“Tischdeckchen”)
Eine Möglichkeit, um ins Thema “evangelisch-katholisch” einzusteigen (Sek. I)

 

So kann eure Placemat aussehen (ein großes Plakat, Papiertischdecke, etc.)

1. Schritt:
Jeder schreibt in sein Feld, was ihm zum Themenbereich “evangelisch-katholisch” bedeutsam erscheint und was er für Erfahrungen zu diesem Thema hat. Wichtig: Nicht sprechen und nicht lesen, was die anderen aufschreiben!
Zeit: 10 Minuten

2. Schritt:
Jetzt wird das Placemat so gedreht, dass jeder jedes Feld der Reihe nach lesen kann. Beachtet: Ergänzungen und/oder Kommentare (schriftlich oder mündlich) sind erwünscht.
Zeit: 10 Minuten

3. Schritt:
Jetzt vertieft jeder seine Erkenntnisse zum Thema mit Hilfe einer Internetrecherche. Haltet auf einem Zettel eure Erkenntnisse fest und schreibt sie dann auf euer Feld in das Placemat ein.

Surftipps:
Sucht nach “evangelisch/katholisch” bei http://forestle.de  oder http://groups.google.de.
Wenn ihr hier Schwierigkeiten haben solltet, könnt ihr auch auf spezielle Seiten gehen wie z. B. http://www. sweet-dreamworld.de/katoev.htm oder http://193.171. 252.18/www.lehrerweb.at/gs/gs_arb/ kl_4/rel/kath_ev.pdf
Zeit: 25 Minuten

4. Schritt:
Zurück in eurer Gruppe dreht ihr das Placemat, sodass jeder jedes Feld der Reihe nach lesen kann. Ergänzungen oder Kommentare (schriftlich oder mündlich) sind erwünscht.
Zeit: 10 Minuten

5. Schritt:
Nun einigt ihr euch in der Gruppe auf die für euch wichtigsten Punkte zum Thema “evangelisch-katholisch” und schreibt sie in die Mitte des Placemat. Überlegt auch, an welchen Themen ihr gern weiterarbeiten würdet. Denkt dann darüber nach, wie ihr eure gemeinsamen Erkenntnisse vor der Klasse präsentieren wollt.
Zeit: 15 Minuten

Präsentation der Ergebnisse

 

Anmerkungen

  1. Tapscott, Don: grown up digital. How the net generation is changing your world, New York, 2009, 34.
  2. Vgl. Sander-Gaiser, Martin: Was ist gutes E-learning?, in: Theo-Web 1/2010, 41.
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2010

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