Zeig, wo du stehst!
Einfache soziometrische Übungen in Unterricht und Gemeindegruppen

von Anja Kleinschmidt

 

 

Wer eine Gruppe leitet oder unterrichtet, erlebt immer wieder, dass sich an einer Diskussion oft einige, manchmal viele aber selten alle beteiligen.

Bestechend an den hier vorgestellten Übungen ist, dass die gesamte Gruppe mitmacht und nicht nur einzelne Teilnehmende reden. Alle machen sich Gedanken zu einer Frage und geben ihre Meinung zu erkennen, ohne dass dies in endlose Gesprächsrunden ausartet.

Viele Gruppen sind es zunächst nicht gewohnt, sich zu bewegen und hinter dem schützenden Tisch vorzukommen, doch diese Widerstände können schnell überwunden werden.

Wichtig bei allen Übungen ist es, darauf zu achten, dass alle Gruppenmitglieder nach jeder Meinungsäußerung wieder in die neutrale Mitte gehen, da sonst Trägheit dazu führt, dass sie ihre Positionen nicht mehr verändern.

Nachdem die Gruppenleitung das Verfahren erklärt und anhand von Beispielen geübt hat, können natürlich auch von Mitgliedern der Gruppe oder von Kleingruppen Fragen bzw. Themen vorgeschlagen werden.

Die im folgenden dargestellten Übungen habe ich nach ihrer methodischen Form geordnet. Jede Methode kann sowohl zu inhaltlichen Fragen als auch unter gruppendynamischen Aspekten verwendet werden, wie die einzelnen Beispiele zeigen werden. Vergessen Sie dabei nicht, dass es mehr Mut erfordert, sich zu einer Aussage zu stellen, als sie nur zu sagen. Die Teilnehmenden sind also auch verletzlicher. Wer erlebt, dass er mit seiner Meinung ganz allein steht, braucht die Unterstützung der Leitung. Für die gruppenbezogenen Fragen braucht es den besonderen Schutz der Leitung. Auch muss diese darauf achten, dass Teilnehmende, die in eine Rolle geschlüpft sind, aus dieser wieder herausfinden. Das Ende einer solchen Rolle ist also deutlich zu
markieren.

Ich unterscheide fünf verschiedene Formen, d.h. Arten sich zu positionieren, das sind Übungen in einer Reihe, Vernetzungsübungen, Eckpositionen, Diskussionslinien und Übungen im Raum.

 

Übungen in einer Reihe

Für diese leichte Übungsform legt die Leitung eine Achse im Raum fest, auf der sich alle Gruppenmitglieder positionieren. Ganz einfache Fragen eignen sich etwa zum Kennen lernen einer Gruppe: "Das eine Ende der gedachten Achse im Raum markiert den 1.Januar, das andere den 31. Dezember. Bitte stellt euch zwischen diesen beiden Tagen dort auf, wo eurer Geburtstag liegt." Die Gruppe kann sich genauso nach Postleitzahlen, Zahl der Geschwister etc. aufstellen.

Zur Anwärmung für ein Thema und zur Benennung von Widerständen können Fragen dienen, wie "Ich bin gern hierher gekommen!" oder "Ich wäre lieber irgendwo anders!" Die Gruppe drückt auf der Achse ihre Zustimmung zu diesen Aussagen aus.

Auch zur thematischen Arbeit lassen sich Reihen stellen. Die gedachte Achse im Raum kann die Bibel sein. Auf die Frage "Welche biblischen Geschichten kennt ihr und wo etwa stehen sie?" kann sich jede/r eine Geschichte überlegen, die er oder sie kennt. Nacheinander stellen sich alle an den Platz auf der Achse, den die Geschichte in der Bibel hat.

Die Achse kann genauso das Christentum darstellen und jede/r repräsentiert ein Ereignis, das ihm/ihr wichtig erscheint. Diese Leisten können im Unterricht zur Ergebnissicherung aus dem Gedächtnis später abgeschrieben werden und es kann überlegt werden, ob noch etwas Wichtiges ergänzt werden muss. Zumindest die Position der selbst dargestellten Geschichte und die benachbarten Geschichten und Ereignisse werden im Gedächtnis haften bleiben.

Die Reihenfolge der Zehn Gebote kann gestellt werden und ein spielerischer Umgang mit dem Auswendiglernen wird möglich. Die Gruppe kann außerdem überlegen, welches Gebot sie denn nach vorne gestellt hätte. Wenn mehr als zehn Jugendliche in der Gruppe sind, kann die Gruppe überlegen, ob sie noch ein Gebot ergänzen möchte.

Diese Übung eignet sich außerdem ausgezeichnet, um Gruppen zu bilden. Haben sich Jugendliche etwa nach Zahl ihrer Geschwister aufgestellt, stehen automatisch Menschen mit vermutlich ähnlichen Erfahrungen oder Fragen nebeneinander. Es wäre auch denkbar, im Rahmen der Unterrichtseinheit 10 Gebote, zum dritten Gebot einmal die Jugendlichen zeigen zu lassen, welche Eltern sehr viel am Wochenende arbeiten und welche gar nicht arbeiten. Aus dieser Reihe heraus lassen sich Kleingruppen bilden, in denen Jugendliche zusammen sind, die über ähnliche Erfahrungen verfügen. Sie können sich darüber austauschen und zusammen träumen, wie ihr idealer Sonntag aussieht.

 

Vernetzungsübungen

Vernetzungsübungen können ganz ähnlich verwendet werden wie Übungen in einer Reihe, sie erfordern allerdings Körperkontakt. So kann die Gruppe jedes beliebige mindmap darstellen, das anschließend zur Ergebnissicherung aus dem Gedächtnis gezeichnet wird. Die Verknüpfung wird dadurch hergestellt, dass die Hand auf die Schulter eines anderen Gruppenmitgliedes gelegt wird. Ein Bild etwa zum Thema Christentum kann sich wie folgt aufbauen: Ein/e Teilnehmer/in stellt das Christentum dar. Eine zweite Person kommt hinzu, legt die Hand auf deren Schulter und sagt: "Ich bin die Kirche und stehe hier beim Christentum, weil ..." Mehrere Hände können auf einer Schulter ruhen. Am Ende sagt noch einmal jede/r ihren/seinen Satz ausgehend von den Rändern zur Mitte hin.

Auch für den Gruppenprozess kann dies eine gute Übung sein. Etwa mit der Aufforderung "Leg die Hand auf die Schulter des Gruppenmitgliedes, das du bisher am wenigsten kennst." Verschiedene Gruppen können entstehen, in deren Zentrum gerade die stehen, die bisher am Rande standen. Wenn alle eine Person gewählt haben, können sie dieser eine Frage stellen oder sagen, warum sie diese gewählt haben.

 

Eckpositionen

Jede Zimmerecke repräsentiert hierbei eine Position. Etwa zum Thema "Lüge" können die Ecken die Positionen Lüge, Fantasie, Einschätzung, Flunkerei bezeichnen. Alle Teilnehmenden stellen sich in die Mitte des Raumes. Die Gruppenleitung macht eine Aussage, alle Teilnehmenden entscheiden nun für sich, ob es sich dabei um Lüge, Fantasie, Einschätzung oder Flunkerei handelt. Alle sollen sich für eine Ecke entscheiden. Wenn alle gewählt haben, darf die Gruppe, die in der Ecke mit der kleinsten Personenzahl steht, beginnen, ihre Meinung zu begründen. Für das von mir gewählte Beispiel sind Fragen denkbar von "Atomenergie ist sicher" bis "der Weihnachtsmann bringt die Ge-
schenke", "Patrick hat mich beleidigt, da musste ich ihm eine runterhauen" oder "Todesstrafe ist eine sinnvolle Strafe".

Für den Bereich Okkultismus ist eine solche Übung mit den vier Kategorien Glaube, Wissen, Lebenserfahrung und Aberglaube denkbar. Viele Beispielsätze sind in der Arbeitshilfe von Thomas Klie nachzulesen1, wo diese Einteilungen in Form eines Arbeitsblattes vorgestellt werden.

Zum Thema Jesu Christus lassen sich die Ecken "Wissen – Glauben – Vermuten" unterscheiden. Mit ihrer Hilfe lässt sich der Themenkomplex historischer Jesus und verkündigter Christus sehr gut entfalten: Jesus war Jude, Jesus hatte Latschen an, Maria war Jungfrau, als sie Jesus bekam, Jesus wurde ermordet, Jesus ist auferstanden sind nur einige Beispiele für Aussagen. Viele Jugendliche halten Jesus für eine komplette Erfindung der Kirche. Mit dieser Übung kann man sehr gut darüber ins Gespräch kommen, was eigentlich Glaubensaussagen sind und was historisch belegbar ist und welche Quellen dafür taugen.

 



Eckpositionen

Beispiel:

Worum handelt es sich bei dem folgenden Satz: 'Der Weihnachtsmann bringt die Geschenke'? Ordne dich der entsprechende Ecke zu!

Mögliche Weiterarbeit:
Begründe dein Wahl! Überzeuge die anderen von deiner Position!

 

Diskussionslinien

Die eine Seite des Raumes ist die zustimmende Seite, die andere die ablehnende. Zu jeder Aussage müssen sich alle Gruppenmitglieder entscheiden. Jede Frage oder Aussage ist denkbar, zu der in der Gruppe unterschiedliche Meinungen vorhanden sind. "Sollten muslimische Lehrerinnen ein Kopftuch im Unterricht tragen dürfen?", "Sollte die Jugendgruppe in der Kirche eine Disco veranstalten dürfen?", "Sollte in Schulen generell Rauchverbot sein?", "Eine Ohrfeige hat noch niemand geschadet!" "Sollten Hausaufgaben abgeschafft werden?"... Die Liste ließe sich je nach Gruppe und Thema endlos fortsetzen.

Nachdem sich alle positioniert haben, beginnt die Seite, für die sich weniger Gruppenmitglieder entschieden haben, ein Argument für ihre Position zu nennen, die anderen dürfen antworten. Ziel ist es dabei, andere für die eigene Seite zu überzeugen. Falls sich einige Teilnehmende überhaupt nicht entscheiden können, bleiben sie in der Mitte stehen und die beiden Seiten versuchen, sie von ihrer Position zu überzeugen und so auf ihre Seite zu bringen.

Wenn alle wichtigen Argumente genannt sind, gehen alle für die nächste Frage in die Mitte.

Auch Wissen lässt sich mit dieser Methode vermitteln. Eine Aussage wird gemacht, die Teilnehmenden entscheiden, ob diese wohl zutrifft oder nicht, und erfahren anschließend, ob sie richtig lagen bzw. standen.





Diskussionslinien

Beispiel:
Entscheide, ob du der folgenden Aussage zustimmst, und ordne dich entsprechend zu: 'Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet'!

Mögliche Weiterarbeit:
Begründe deine Meinung und überzeuge die anderen von deinem Standpunkt!

 

Übungen im Raum

Für einige dieser Übungen wird ein Ort im Raum genauer bezeichnet. Ein Gegenstand kann das Gemeindehaus oder die Schule darstellen und alle stellen sich dorthin, wo sie bezogen auf diesen Punkt wohnen. Genauso kann gefragt werden: "Wohin möchtest du gern einmal reisen?" oder "Wo warst du im Urlaub?" Es gilt die Regel: Niemand verlässt den Raum, ansonsten entscheidet die Gruppe selbst, wie sie ihr Bild aufbaut.

Gegenstand kann auch der Unterrichtsstoff darstellen und die Gruppe drückt ihre Nähe bzw. Distanz zu diesem aus. Gerade bei der Vorbereitung eines Bibliodramas ist dies eine ausgezeichnete Methode, Widerstände deutlich zu machen, die sonst unterschwellig im Spiel Ausdruck finden. Wer einmal gezeigt hat, was ihm nicht gefällt, kann sich neu einlassen. Eine Bibel kann die biblische Geschichte symbolisieren und die Teilnehmenden stellen sich nah oder entfernt, zugewandt oder abgewandt zu dieser auf. Sie können einen Satz zu der Geschichte sagen. Darüber kann die Gruppe ins Gespräch kommen oder auch Kleingruppen lassen sich gut darauf aufbauend bilden.

Landkarten und Zusammenhänge aller Art lassen sich im Raum aufbauen. Europa zur Zeit der Reformation, jedes Flüchtlingsdrama oder jeder politische Entscheidungsweg lässt sich so erfahrbar machen.

 

Anmerkungen

  1. Thomas Klie, Okkultismus. Texte. Materialien. Kopiervorlagen für den Evangelischen Religionsunterricht an Berufsbildenen Schulen, Arbeitshilfen BBS 14, Loccum 1992
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2004

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