Die Entwicklung des kindlichen Sterblichkeitswissens

von Elisabeth Schwarz

 

Um die Entwicklung der kindlichen Todesvorstellungen zu erklären, wurde lange Zeit von einer Korrelation zwischen Stadien der Begriffsbildung und kognitiven Reifungsprozessen ausgegangen. So wie der Erwerb von körperlichen Fähigkeiten oder der Erwerb der Sprache sollten sich auch die Vorstellungen über den Tod nach naturgegebenen und in altersabhängigen Stadien entwickeln. Demnach wären bei verschiedenen Kindern eines Alters in etwa die gleichen Konzepte über Tod und Sterben zu erwarten.

Verschiedene empirische Untersuchungen haben diese Erwartung jedoch relativiert. Sie haben gezeigt, dass sich gerade die Todesvorstellungen von Kindern gleichen Alters abhängig von ihrer Sozialisation im Hinblick auf ihren Realitätsgehalt teilweise sehr stark von einander unterscheiden.1 

Drei Einflussfaktoren möchte ich nennen:

  • Der distanziert vermittelte Tod im Fernsehen führt zu einer Abstraktion des Todesproblems, die eine wirkliche, existentielle Auseinandersetzung mit dem Tod eher behindert als fördert. Der Tod verliert seine Hintergründigkeit und Ernsthaftigkeit. Er wirkt reparabel, nicht endgültig. Hinterher leben alle Helden wieder!
  • Familienmitglieder kommunizieren oft unbedacht vor den Kindern über Tod. Diese hören nebenbei zu, fassen vieles wortwörtlich auf und konstruieren dann "Schreckensbilder" oder falsche "Harmoniebilder". Beispielhaft seien folgende Aussagen genannt:
  • "Der Opa ist an Krebs gestorben." Das Kind möchte nicht ins Meer gehen, denn dort gibt es viele Krebse, die offensichtlich den Tod bringen können.
  • "Opa ist im Himmel." Die Enkelin entwickelt Schlafstörungen aus Angst, der Himmel könnte herunterbrechen. Schließlich ist er voller Leichen. Der dicke Opa ist ja auch noch dazugekommen.
  • "Wir haben unsere liebe Tante Greta verloren!" Das Kind sagt tröstend: "Mach dir nichts draus, wir werden sie schon wieder finden!"
  • Wo Kinder durch traurige Umstände angeregt werden, über Tod nachzudenken, werden sie früher ausgefeilte oder zumindest andere Todeskonzepte entwickeln als Kinder ihres Alters. Direkte Todeserlebnisse lösen Empfindungen aus, die unter Umständen zu rascherer Weiterentwicklung des Todesverständnisses führen.


Aber auch eine gedankliche Vorwegnahme des Todes in Phantasie, Spiel und Gespräch kann das bewirken.

Daher sollten Eltern und Erzieher Gelegenheiten zum Gespräch über Todesvorstellungen nutzen. "Reden, immer wieder reden darüber, so übst du ein wenig das Sterben!", hab ich bei Janosch einmal gelesen. So lassen sich vielleicht auch manche Schreckensbilder abbauen und mache Harmoniebilder der Realität angleichen.

"Ich darf ihre Fragen nicht wegschieben, sondern muss sie aufgreifen. Indem das Kind seine Phantasien formuliert, kommt es auch in die Lage, die eigenen Vorstellungen von Tod und Sterben allmählich zu wandeln." 2 

Die unterschiedlichen Entwicklungen des Todeskonzeptes bei Kindern entsprechen einer Grundannahme Jean Piagets: In der Denkentwicklung des Kindes kommen den kognitiven und emotionalen Herausforderungen der Umwelt große Bedeutung zu; die Umwelt regt das Kind zum Äquilibrationsprozess an, das heißt: das Kind versucht nun aktiv, kreativ, selbsttätig ein Gleichgewicht zwischen eigenem Weltbild und den neuen Erfahrungen mit der Umwelt herzustellen.3 

Gleichzeitig hat Piaget aber durch seine reichen Studien gerade eine altersspezifische Strukturierung des Todesverständnisses der Kinder gefördert.

Die folgenden Altersangaben sollen ein Gerüst bieten, kindliches Denken bezüglich Tod zu verstehen und zu systematisieren.

Sie ersparen uns aber nicht den sehr empathischen Blick auf das Einzelkind und seine ganz individuelle Todesvorstellung. Gerade bei Gesprächen rund um dieses existentielle Thema Tod ist Hellhörigkeit und Achtsamkeit von Seiten der Erwachsenen gefordert.

Beispiel: Der fünfeinhalbjährige Marco wollte unbedingt wissen, wo er denn das "Loch" bekäme, wenn er sterben würde und ob das sehr weh täte. Sein verzweifelter Gesichtsausdruck zeigte Schrecken und Panik an.4 

Diese Frage darf nicht überhört werden. Das Kind würde weiter unter großen Todesängsten leiden. Feinfühliges Nachfragen ergaben: Der Junge hatte gehört, dass die Seele am Ende des Lebens den Körper verlassen müsse. Er nahm an, dass dazu eine neue Öffnung entstehen müsse – der Körper müsse wohl von innen her brutal aufgebrochen werden, damit die Seele hinaus könne.

Alle neueren Ansätze, das alterspezifische Todesverständnis zu beschreiben, greifen auf Grundannahmen von Piaget zur Denkentwicklung, aber auch auf eine klassische Studie der Ungarin Marie Nagy zurück, die sie 1948 mit 378 Kindern im Alter zwischen 3 und 10 Jahren gemacht hat.5 

Ihre Untersuchung zeigte, dass die Kinder in dieser Zeit in ihrem Todeskonzept normalerweise drei Entwicklungsstadien durchlaufen.

Viele neuere Untersuchungen beschreiben die Entwicklung ebenfalls durch stufenweises Entdecken folgender vier Dimensionen des Todesbegriffes:6 

  • Nonfunktionalität: Der Tod bedeutet völligen Stillstand der Körperfunktionen
  • Irreversibilität: Der Tod ist nicht mehr rückgängig zu machen
  • Universalität: Alle Lebewesen müssen einmal sterben
  • Kausalität: Die Ursachen des Todes sind biologisch

Der Erwachsene weiß um diese vier Dimensionen, das Kind erarbeitet sie sich im Laufe des Heranwachsens.

Nochmals sei aber auf das individuell stark variierende Entwicklungstempo diesbezüglich hingewiesen und auf die oft so überraschenden eigenen Konstruktionsleistungen der Kinder, die einer starren Phaseneinteilung widersprechen.7 

 

Kinder bis zu drei Jahren

Spezifisch für die Entstehung des kindlichen Todeskonzeptes ist die überaus enge Verbindung (Koppelung) von Emotionen und Kognitionen. "So gibt es bereits in den aller ersten Lebensabschnitten, lange bevor ein mehr oder weniger detailliertes Todeskonzept entwickelt wird, Urerfahrungen und Urängste, die bestimmte diffuse Todesbilder hervorrufen und die jeweiligen Todesimaginationen eines Individuums lebenslang nachhaltig beeinflussen."8 

Todesängste scheint schon der kleine Säugling zu haben, wenn er schreiend vor Hunger nicht gehört wird. Es muss ein intensives Gefühl der Bedrohung darstellen, denn zunächst hat der Säugling nicht Erfahrung genug, um ein Gefühl des Grundvertrauens in die Pflegepersonen zu spüren.

Schon vorübergehende Trennungen werden bedrohend, wie ein "kleiner Tod" erlebt. Kinder protestieren zuerst, dann werden sie traurig und schließlich apathisch. Das fehlende Zeitverständnis und die emotionale Abhängigkeit lösen beim Kind große Verlustängste aus. Verlustangst hat in diesem Alter viel mit Todesangst zu tun.

Grundvertrauen in den ersten Monaten zu fördern, ist wohl auch in Hinblick auf eine Sterbeerziehung wesentlich. Denn je tiefer das Urvertrauen des Kindes ist, um so weniger ist später das Todesbewusstsein mit Angst behaftet.

In der Regel wird festgestellt, Kinder bis zum Alter von drei Jahren hätten zwar intensiven emotionalen Zugang zum Thema Tod, aber kein oder nur wenig kognitives Verständnis für die Idee des Todes und würden erst dann langsam mit der Entwicklung einer Vorstellung über den Tod beginnen. Bis zu drei Jahren versteht ein Kind die oben genannten vier Dimensionen des Todes noch nicht.

Der Tod ist für dieses Alter nichts anderes als "ein nicht da sein" für eine Zeit.

Die Begrenzung dieser Vorstellung mag neben mangelnder kognitiver Entwicklung auch mit mangelnden konkreten Begegnungen mit Sterben und Tod erklärbar sein. Wo Kleinkinder aber tatsächlich mit Tod in der eigenen Familie konfrontiert sind, gibt es deutliche emotionale Reaktionen durch das Verlusterlebnis. Ess- und Schlafstörungen, Wut, Zorn, Unlust, Apathie und Angst sind zu beobachten, ebenso wie Suchen und Warten auf den Verstorbenen.

Durch die intensive gefühlsmäßige Verbundenheit mit der Mutter oder anderen nahestehenden Pflegepersonen spürt das Kind nämlich Trauer und Verstörung bei diesen Personen mit. Es merkt schon kleine Veränderungen im Pflegeverhalten und ist auch dadurch irritiert.

 

Kinder zwischen drei und fünf Jahren

Die typischen Merkmale des präoperationalen Denkens nach Piaget haben direkte Relevanz für die Entwicklung des kindlichen Todes- bzw. Lebenskonzepts in diesem Alter.9  Kinder denken in dieser Zeit:

  • magisch, mythisch
  • finalistisch – alles ist auf ein Ziel hin orientiert
  • animistisch – alles ist belebt
  • anthropomorph – alles trägt menschliche Züge
  • egozentrisch – das Kind bezieht alles auf sich
  • Das Zeitverständnis ist mangelhaft.


In der kleinkindlichen Vorstellung ist der Tod verbunden mit Bewegungslosigkeit und vergleichbar mit dem Schlaf.

Tot sein ist ein zeitlich begrenzter Zustand, es ist eine Distanzierung, eine Entfernung, Ruhe, Ausruhen, Schlafen.

Zum einen glaubt das Kind, der Tod sei ein reversibler Vorgang, d. h. Tote können nach seinem Verständnis auch wieder lebendig werden. So gräbt z. B. ein Kind nach dem Tod und der Bestattung eines geliebten Haustieres dieses nach einigen Tagen wieder aus, um zu sehen, ob es wieder laufen kann.

Zum anderen denkt das Kind magisch und egozentrisch. Es vermutet, alles würde so erfolgen, wie es das Kind wünscht oder denkt. So kann ein unlebendiger Gegenstand wie ein Stein oder ein Ball durch Einfluss des Kindes "lebendig" werden, da er durch Werfen oder Treten in Bewegung gesetzt werden kann. Das Kind gewinnt so den Glauben, es habe Macht über den Tod.

Kein Wunder, dass es auch von den Eltern erwartet, den Verlust des geliebten Menschen oder des Haustieres rückgängig zu machen; hier die Grenzen elterlicher Macht zu erfahren und emotional zu verarbeiten, kann ein erster Schritt sein, die Endgültigkeit des Todes zu erlernen.

Das Kind lebt im Hier und Jetzt. Es muss erst einen Begriff der Zeit, der Dauer, der Unendlichkeit und Endlichkeit, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entwickeln, um den Tod als definitive und irreversible Trennung erfassen zu können, die jeden treffen wird.

Das Kind ist überzeugt, es würde ewig leben und sei unsterblich.

Es bezieht den Tod nicht auf sich.

Und wenn man schon stirbt, dann würde man in der gleichen Form für immer fortbestehen oder möglicherweise – in einer anderen Gestalt oder gleich – ins Leben zurückkehren.

So fragte meine vierjährige Tochter: "Bekommt man im Himmel auch zu essen?"

Der Tod ist daher, wenn nicht besondere Umstände negativ einwirken, noch wenig angstbesetzt.

Kinder wirken manchmal unbekümmert und kühl dem Tod gegenüber, wenn sie etwa einem alten Menschen ins Gesicht sagen: "Du bist alt, du wirst bald sterben."

Wenn sie dennoch manchmal auch stärker von der Tatsache des Todes betroffen wirken, so hängt dies mit der Parallelisierung von Tod und Trennung zusammen. Vielleicht haben sie durch wortwörtliches Verstehen auch falsche beängstigende Theorien entwickelt.

Oder sie haben konkrete Todeserfahrungen und beziehen finalistisch und egozentrisch die Schuld daran auf sich. Sie tragen Schuld am Tod ihrer Mutter, Schwester oder ihres Opas.

Dahinter steckt die Annahme, der erlebte Verlust diene einem bestimmten Zweck, z. B. der eigenen Bestrafung. Dafür sei eine übergeordnete Macht zuständig, die die Geschehnisse lenkt.

Vielleicht waren es aber auch die Wunschvorstellungen des Kindes. Schließlich hatte es sich gerade gestern gewünscht, dass der Bruder sterben soll. Und dieser Wunsch wurde nun erfüllt.

Schwere Schuldgefühle können daraus resultieren, ohne dass sie unter Umständen ins Gespräch gebracht werden, weil Erwachsene das Gespräch mit dem Kind über den Tod meiden.

Für manche Erwachsene sind solche gedanklichen Konstrukte zunächst nur schwer nachvollziehbar bzw. schlichtweg irrational. Das Kind ist noch zu unverständig für das Thema Tod. Und es wird vielleicht auf ein Später vertröstet.

Aber erleben wir als Erwachsene nicht selbst ähnliche Gedanken aufsteigen, wenn wir uns dem Tod oder der Trauer ausgesetzt sehen?

Bsp: "Wenn ich mich noch mehr bemüht hätte, wäre er nicht vielleicht am Leben geblieben?" – ein magischer, egozentrischer Gedanke.

"Hat Gott mir das Liebste genommen, damit ich ihn endlich fürchten lerne?" – eine finalistische Idee.

"Wenn wir im Jenseits uns wieder begegnen, werde ich dich streicheln, was ich hier zuletzt viel zu wenig getan habe!" – eine anthropomorphe Vorstellung.

Solche Gedanken durchziehen den Trauerprozess, magische, egozentrische, finalistische, anthropomorphe Vorstellungen und Allmachtsphantasien. In der starken Emotion tauchen sie alle wieder auf, unsere Kindheitsbilder.

Viele Eltern weichen diesen Gesprächen auch aus, um eigene Ängste und Fragezeichen rund um Tod nicht zu spüren.

Andere wollen das Kind vor all dem Negativen, das gemeinhin mit dem Tod verbunden wird, beschützen. Dieser tabuisierende Umgang mit dem Tod führt dazu, dass das Kind das Geheimnis quält. Es hat oft vom Tod gehört, ihn vielleicht auch schon in der Familie miterlebt, aber es kann sich keine Vorstellung von ihm machen. Wenn der Erwachsene ihm keine Auskunft gibt, nimmt es an, er wolle ihm ausweichen und es handle sich um etwas Furchtbares.

Aber die Kinder, die die meisten Fragen rund um das Problem des Todes stellen, sind gerade diese kleineren Kinder. Kleine Philosophen und Theologen!10

"Mama, wo ist die tote Oma jetzt? Sehe ich sie, wenn ich tot bin? Hab ich im Himmel auch ein Bett? Wo war ich, bevor ich auf die Welt gekommen bin? Was ist, wenn ich tot bin? Schau ich dann gleich aus? Kann ich mit dir im Himmel spielen?" Diese Fragen sprudelten aus meiner vierjährigen Tochter anlässlich einer Autofahrt.

 

Kinder zwischen sechs bis neun Jahren

Nach der kognitiven Entwicklungstheorie Piagets markiert das 5. bis 7. Lebensjahr den Übergang von der präoperationalen Phase zu derjenigen der konkreten Operationen. Das konkret-operatorische Denken versetzt das Kind in die Lage, Objekte in eine sinnvolle Ordnung zueinander zu setzen, d. h. zu systematisieren, sie von mehreren Standpunkten aus zu betrachten, d. h. zu dezentrieren und eine Handlung – im Bewusstsein darüber, dass es dieselbe Handlung ist – in beiden Durchlaufrichtungen auszuführen, d. h. die Reversibilität zu erfahren. Damit wird auch Irreversibilität fassbar. Wer einmal tot ist, kommt nicht mehr zurück. Das wird nun klar.

Dadurch wird die affektive Besetzung des Todes im Alter von fünf bis sechs Jahren häufig verstärkt. Ursache sind hierfür einerseits zunehmende persönliche Erfahrungen des Kindes. Andererseits bleibt trotz größerer Autonomie als im Kleinkindalter die Angst vor dem Verlust der Eltern erhalten. Es gibt wohl kein Kind, das nun nicht irgend wann einmal an die Eltern die Frage richtet: "Was, wenn ihr plötzlich sterbt?"

Hinzu kommt die Erkenntnis über weitere Merkmale des Todes als lediglich das der Bewegungsunfähigkeit. Das Kind lernt, dass Tote weder atmen, noch essen, noch fühlen. Die Nonfunktionalität wird erkannt. Ein realistischer Zugang wird nun eher möglich. Auch assoziiert es nicht allein Alter, sondern vor allem Krankheit, Krankenhaus oder Unfall mit dem Tod.

Deutlicher wird in diesem Alter die Frage nach den Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen gestellt. Man stirbt durch äußere Einwirkung. In Zeichnungen sterben Menschen durch Operationen, Verkehrsunfälle, Schiffsunglück, Feuersbrunst, Krieg oder Mord. Verantwortlich dafür ist eine Personifizierung des Todes als "schwarzer Mann", "Teufel", "Sensenmann", "Skelett" oder "Knochenmann", die sich in Kinderbildern immer wieder findet. Marie Nagy fand heraus, dass ein Drittel der fünf- bis neunjährigen Kinder den Tod personifizierten ... Sie brachten ihn in Verbindung mit Dunkelheit und Nacht. Der Tod war nicht unvermeidbar; nur solche sterben, welche der "Schwarze Mann" fängt und wegträgt. Jeder, der fliehen kann, fliehe.

Noch kann man vor dem Tod fliehen; man kann sich in Acht nehmen, man muss nur sehr gut aufpassen. Dann ist man selbst vielleicht nicht dabei. Die Universalität des Todes wird noch nicht gesehen.

So versteht man vielleicht den Fall eines Mädchens besser, das sich eines Tages weigerte, in die Schule zu gehen. Gutes Zureden half nicht, sie reagierte mit großer Angst allein auf den Gedanken hin. Erst nach und nach entdeckte der behandelnde Psychologe den Grund. Ein Schulkamerad war von einem Auto angefahren worden. Die Erzählung hatte das Mädchen derart geschreckt, dass es keinen Fuß mehr vor die Türe setzen wollte. Jeder, der fliehen kann, fliehe!

Kinder in diesem Alter haben die Irreversibilität des Todes meist erkannt, doch dauert es lange, bis sie erfassen, dass er auch für sie unvermeidbar ist.

Kennen wir das Gefühl nicht auch von uns? Wenn wir nur sorgfältig essen, genügend schlafen, ins Fitnesscenter gehen, dann – so hoffen wir emotional ja doch – bleibt uns ewige Jugend beschert. Und welche Ängste treten unter Umständen auf, wenn doch erste Zeichen des Alterns da sind.

Kinder interessieren sich für die angstauslösenden, makabren Details: verfaulende Särge, Totenköpfe, Jesus blutend am Kreuz. Und gleichzeitig fürchten sie den Tod nun mehr als im Vorschulalter.

Gegen Ende dieser Zeit rückt nun auch das Interesse für das Geschehen nach dem Tode in den Vordergrund.

Erste Gedanken zum Leib-Seele-Problem tauchen auf: "Wenn sich der Körper von Opa auflöst – was passiert dann mit dem anderen Teil von Opa?" Aus diesen Fragen entwickeln sich erste Unsterblichkeitsgedanken, und das unabhängig von einer Religionszugehörigkeit. Nachdem das Kind gegen Ende dieser Zeit begreift, dass seine Annahme, es könne sich dem Tod entziehen, nicht länger haltbar ist, entwickelt es somit ein neues schützendes Konzept, um die Tragik des Todes erträglicher zu machen.

 

Kinder von zehn bis vierzehn Jahren

In diesem Alter nähert sich das Kind in seinem Verständnis vom Tod allmählich den Vorstellungen Erwachsener an. Die Einsicht in das Wesen und den Bedeutungsumfang des Todes ist erst in diesem Alter zu erwarten, da meist erst im Alter von 11-14 Jahren Denkoperationen unabhängig vom Gegenstand als abstraktes Denken möglich sind.

Das Interesse der Kinder richtet sich in diesem Alter zunehmend auf die Frage des "Wie" des Sterbens und der Suche nach dem, was nach dem Tod kommt. Ihr Blick richtet sich jetzt direkt auf den Tod, nicht nur auf die Peripherie, wie Särge oder Gräber. Nun sehen sie ganz realistisch, dass der Tod auch sie betreffen wird, irgend wann, wenn sie alt sind. Der Tod wird also als unausweichliches, abschließendes und endgültiges Ereignis gesehen. Er ist ein inneres Erlöschen der Körperkräfte und Körperfunktionen. Nun also wird mit allen vier Dimensionen des Todesbegriffes argumentiert.

10- bis 14-Jährige beginnen, Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen, Fragen, ob es ein Leben nach dem Tod gibt.

Ein Knabe dieses Alters formulierte auf die Frage: Was ist der Tod?

"Nun ich denke, er ist Teil des Lebens eines Menschen. Das Leben hat viele Teile. Nur ein Teil davon ist irdisch. Zu sterben heißt, ein neues Leben anfangen. Jeder muss einmal sterben. Aber die Seele lebt weiter."

Oder ein Mädchen: "Ich rede eigentlich nicht gerne über den Tod, aber ich glaube daran, dass alle Seelen von den Menschen in einen neuen Menschen kommen, denn wie mein Uropa gestorben ist, ist am nächsten Tag meine kleine Cousine auf die Welt gekommen und ich glaube, dass seine Seele in ihr weiterlebt." 11

Kinder dieses Alters geben sich mehr und mehr Rechenschaft über die Folgen des Todes für die Hinterbliebenen, die deutlich gestiegene Empathiefähigkeit erlaubt ein Eindenken in die Einsamkeit und Trauer der Hinterbliebenen. Sie beginnen in diesem Alter auch ihre Trauer selbst zu gestalten, eigene Trauerrituale zu entwickeln. Trauer gehört zum Leben und ist die Emotion, mit Abschieden, Verlusten umzugehen.

 

Jugendliche und Todesvorstellungen

Durch die Suche nach der eigenen Identität, durch Gefühle der Verunsicherung und notwendiger Neuorientierung wird in der Pubertät die Sinnfrage des Lebens drängender und damit rückt auch der eigene Tod manchmal deutlich ins Gesichtsfeld.

Drei Gruppen von Jugendlichen lassen sich bezüglich ihrer Einstellung zum Tod unterscheiden.

1. Gruppe:
Sie stehen dem Tod "sachlich" gegenüber. Er berührt sie wenig, denn ihre Lebenswirklichkeit ist eher auf die positiven Seiten des Lebens gerichtet, der Tod existiert für sie in weiter Ferne. Sie fühlen sich selbst durch den Tod nicht bedroht, scheinen kalt zu sein, sind es aber im Grunde nicht. Er kommt nur in ihrem unmittelbaren Leben nicht vor. Diese Beschreibung dürfte heute für einen großen Teil der Jugendlichen, die oft als fungeneration beschrieben werden, zutreffen.

2. Gruppe:
Sie reagieren in Bezug auf die Todeswirklichkeit mit einem mehr oder minder brutalen Zynismus, der aber nur die Angst vor dem Tod verbergen soll.

3. Gruppe:
Sie zeigen aus einer Weltschmerzstimmung heraus eine gewisse Todessehnsucht, die sich normalerweise bald wieder gibt. Bei sehr labilen Jugendlichen und krisenhaften äußeren Umständen kann sich diese Stimmung allerdings verfestigen und zu schwerer Suizidgefährdung führen. Der Tod wird als "Erlösung" herbeigesehnt, wenn Jugendliche sich von allen unverstanden fühlen oder vor den Schwierigkeiten kapitulieren möchten. Zumindest wird der eigenen Selbstmord zur eigenen Entlastung und zur Bestrafung der "unverständigen Anderen", meist der Eltern, fantasiert. Sie malen sich aus, wie der Tod auf diese anderen wirken würde.

Das Interesse der Jugendlichen kann sich nunmehr verstärkt auf die Fragen nach dem Jenseits richten. Dabei ist eine Vielfalt der Jenseitsvorstellungen festzustellen, aus denen sich vier Idealtypen der Vorstellungen über das Sein nach dem Tod abstrahieren lassen:

a) Nach dem Tod ist alles vorbei und es kommt nichts danach.

Nach der letzten österreichischen Jugendwertestudie 1999/2000 tendieren 23% zu der Vorstellung, dass nach dem Leben alles aus ist. Dahinter steckt zumeist eine Enttäuschung über die Naivität der traditionellen Jenseitsbilder, die als kindlich zurückgewiesen werden.

b) Bezugnehmend auf die populäre Literatur über Nah-Todeserfahrungen bzw. über Berichte von reanimierten Patienten sowie auf die vielfachen Darstellungen in (Hollywood-)Filmen äußern viele junge Menschen, aber auch Erwachsene, Vermutungen über eine jenseitige Welt, in der ein geistiger Teil des Menschen fortexistiert, zu dem man unter Umständen sogar Kontakt aufnehmen könne.

c) Der christliche Auferstehungsglaube bietet nach wie vor vielen Kindern und Jugendlichen Trost angesichts ihrer Todesfurcht. Weit verbreitet ist unter den Kindern die dualistische Auffassung des Jenseits. Lautet die Aufgabe, das Jenseits zu malen oder zu zeichnen, stellen viele Schülerinnen und Schüler eine dualistisch geteilte Jenseitswelt mit Himmel und Hölle dar.
 

Anders wohl bei Jugendlichen:

In der österreichischen Jugendwertestudie 1999/2000 gaben 45% der 14-bis 24-Jährigen an, an ein Leben nach dem Tod zu glauben. 24% der 14- bis 24-Jährigen glauben an einen Himmel. Von der Existenz der Hölle sind nur mehr 12% überzeugt.12

d) Reinkarnationsvorstellungen sind in der heutigen Zeit auch in Europa und Amerika unter Jugendlichen und Erwachsenen weit verbreitet.

Dabei handelt es sich nicht um ein Pendant zur buddhistischen Reinkarnationslehre, sondern vielmehr um ein modernes Erklärungsmuster für den Sinn des Lebens in Anlehnung an das Werden und Vergehen in der Natur – z. B. im Laufe der Jahreszeiten – sowie die Hoffnung auf individuelle Fortexistenz und Weiterentwicklung.

Stellt man Schülerinnen und Schülern die Aufgabe, das Jenseits zu malen oder zu zeichnen, stellen etliche ganze Lebenszyklen von der Geburt bis zum Tod, oft in kreis- oder spiralförmig angelegten Naturbildern des Werdens und Vergehens dar.

Bei den österreichischen Jugendlichen erbrachten zusätzlich durchgeführte Interviews ebenfalls einen Rückgang des Glaubens an das traditionelle christliche Jenseits-Modell. Die Vorstellung von Himmel und Hölle ist für die Interviewten nicht mehr relevant und wurde kaum thematisiert.

"Für den Großteil der Befragten mit einem mehr oder weniger konkreten Bild über das Leben nach dem Tod scheint die dynamische Vorstellung der Wiedergeburt plausibler als das statische Bild eines ewigen Lebens im Jenseits. Niemand denkt dabei jedoch an die klassische indische Wiedergeburtslehre, die ja ähnlich der christlichen Jenseits-Vorstellung impliziert, dass das Verhalten in diesem Leben Konsequenzen für das nächste Leben hat. In der Vorstellung der Wiedergeburt dürfte vielmehr der Wunsch einfließen, dass das Leben in der Welt nie aufhört bzw. immer wieder neu beginnt, wobei im Sinne des modernen Ideals der Chancengleichheit die Karten immer wieder neu gemischt werden, im Sinne der heutigen Erlebnisorientierung ständig ein neues Programm geboten wird."13

Die Vorstellung, diesseitige Lebensführung habe einen Einfluss auf das Leben nach dem Tod, scheint sehr im Schwinden zu sein. Da dennoch weite Teile der Bevölkerung annehmen, dass gute Taten belohnt und schlechte bestraft gehören, verorten sie diese Aufgabe eher im Diesseits in gesellschaftlichen oder psychologischen Kategorien.

Anzunehmen ist also, dass von der Elterngeneration heute den Kindern gegenüber die moralisierenden und angstmachenden Seiten des Glaubens ausgeklammert werden und die Jenseitsvorstellungen mit Reinkarnationsvorstellungen gemischt werden. Das könnte sich auch unmittelbar auf alle Konnotationen rund um das Phänomen des Todes auswirken. Ob der Tod damit weniger falsche oder angstmachende Phantasien bei Kindern auslöst, müsste in großangelegten Langzeitstudien über die Jahrzehnte hinweg verglichen werden. Ich bezweifle es, denn die Angst vor dem Tod bleibt. Sie gehört wohl zu den existenziellsten Grundemotionen der Menschen und kann nicht verdrängt und nicht weggeleugnet werden, weil sie sonst in anderen Ängsten ihre Dynamik entwickelt oder zu Krankheit führt.14

 

Anmerkungen

  1. vgl. Specht-Tomann, Monika/ Tropper, Doris: Wir nehmen jetzt Abschied. Kinder und Jugendliche begegnen Sterben und Tod. Düsseldorf 2000, S. 59, Plieth, Martina: Kind und Tod. Zum Umgang mit kindlichen Schreckensvorstellungen und Hoffnungsbildern. Neukirchen-Vluyn, 2001, S. 38f. Beide bringen dennoch auch eine altersmäßige Klassifizierung des Todesverständnisses, wie sie im Weiteren folgt. Vgl. dazu auch: Leist, Marlene: Kinder begegnen dem Tod. Gütersloh 1987
  2. Brocher, Tobias: Mit Kindern über den Tod sprechen. In: Student, Christoph J.: Im Himmel welken keine Blumen. Freiburg 2000, S. 32
  3. Piaget, Jean / Inhelder, Brigitte: Die Psychologie des Kindes. Frankfurt 1977 S.11f
  4. Plieth a. a. O. S. 47
  5. Specht-Tomann/Tropper, a. a. O. S. 67
  6. Plieth, a. a. O. S. 36; Nagy, Marie H.: The Child’s View of Death. In: Journal of Genetic Psychology, 73, S. 3-27
  7. Hier ist es ja in den letzten Jahrzehnten einerseits durch sozialökologische, andererseits durch konstruktivistische Sichtweisen zu einem Paradigmenwechsel in der Entwicklungspsychologie gekommen. Vgl. Lotte Schenk-Danzinger: Entwicklungspsychologie. Völlig neu überarbeitet von Karl Rieder, Wien 2002, S.11
  8. Plieth a. a. O. S. 49
  9. Schenk-Danzinger a. a. O. S.158ff
  10. Gute Anregungen zum gemeinsamen philosophischen Gespräch mit kleinen Kindern über den Tod findet man bei Zoller, Eva: Die kleinen Philosophen. Vom Umgang mit schwierigen Kinderfragen. Zürich 1991, für größere Kinder bei Zoller-Morf, Eva: Philosophische Reise. Unterwegs mit Kindern auf der Suche nach Lebensfreude und Sinn. Zürich 1999. Aktuelle Berichte über das Theologisieren mit Kindern zum Thema Tod finden sich z.B. bei: Oberthür, Rainer: Kinder und die großen Fragen. Ein Praxisbuch für den Religionsunterricht. München 1995. Schambeck, Mirjam: Riesenschwer und kinderleicht – Kinder denken über den Tod nach. In: Bucher, Anton u.a. (Hg): "Mittendrin ist Gott". Kinder denken nach über Gott, Leben und Tod. Jahrbuch für Kindertheologie. Stuttgart 2002, S.105-114 und Rose, Susanne / Schreiner, Martin: "Vielleicht wollten sie ihm das nicht sagen, weil sie finden, dass er noch zu klein ist..." Begegnungen mit dem Thema Sterben und Tod im Religionsunterricht. In: Bucher, a. a. O. S.115 – 128
  11. Plieth, a. a. O. S.148
  12. Friesl, Christian (Hg): Experiment Jung-Sein. Die Wertewelt österreichischer Jugendlicher. Wien 2001, S.177f
  13. Friesl a. a. O. S. 195
  14. Richter, Horst E.: Umgang mit Angst. München 2000, S.73f 

* . Gastvorlesung im Rahmen des Erasmus-DozentInnenaustausches an der Päd. Hochschule Nagykörös/Ungarn (5.3.2002)

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2003

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