Wanda Walfisch, dick und rund …
Mit dem Bilderbuch „Wanda Walfisch“ mit Kindern über den Menschen nachdenken

von Beate Peters 

 

Mit Kindern nach der Würde des Menschen zu fragen, setzt hohe kognitive Leistungen voraus und kann sich im gemeinsamen Gespräch in großen heterogenen Grundschulklassen als schwierig erweisen. Durch Lernangebote, die die Selbstwahrnehmung und eine zugewandte Haltung anderen gegenüber unterstützen, kann aber ein Beitrag geleistet werden, um Sensibilität für die Würde des Menschen samt zu entwickeln. Es gilt zu unterstützen, dass Kinder im sozialen Miteinander und durch Unterrichtsinhalte erfahren, dass jedem Menschen Würde verliehen ist.

Im Kerncurriculum für den evangelischen Religionsunterricht in der Grundschule wird die Frage nach dem Menschen an erster Stelle platziert und zieht sich mit unterschiedlichen Facetten als Leitfrage durch alle vier Schuljahrgänge. Neben der Frage nach Gefühlen, entsprechenden religiösen Ausdrucksformen sowie nach Tod und biblischen Hoffnungsbildern spielen das Fragen nach Einmaligkeit und Geschöpflichkeit sowie nach Stärken und Schwächen eine Rolle. Im Hintergrund der hier vorgestellten Unterrichtsbausteine steht folgende für die Schuljahrgänge 3 und 4 vorgesehene Kompetenzerwartung:

 „Die Schülerinnen und Schüler erkennen, dass sie und ihre Mitmenschen Gaben und Stärken sowie Grenzen und Schwächen besitzen.“ (S. 14) Die Kompetenz spiegelt wider, dass im Wesentlichen neben der Selbstwahrnehmung die Wahrnehmung anderer im Fokus stehen soll.

Mit Grundschulkindern nach dem Menschen zu fragen, erfordert Zugänge, die allen Kindern in heterogenen Klassen Bearbeitungsmöglichkeiten eröffnen. Es bietet sich an, durch Bilder und Geschichten zunächst Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen und dadurch auch ein Einfühlen in Figuren und Erzählzusammenhänge zu ermöglichen. Der Bilderbuchmarkt bietet schon seit Langem eine Fülle von Geschichten zum Themenbereich Einmaligkeit und Verschiedenheit. Häufig greift die Handlung dabei mögliche menschliche Erfahrungen auf und verlagert sie in die Fantasie- oder Tierwelt, um durch Verfremdung bewusste Wahrnehmung zu ermöglichen. Für die hier vorgestellte Sequenz wird ein Bilderbuch genutzt, das in der menschlichen Welt bleibt und deutlich Schwierigkeiten der Protagonistin herausarbeitet:

Das Bilderbuch „Wanda Walfisch“ spielt mit Vorurteilen und lädt gleichzeitig zur Perspektivübernahme ein, indem ein dickes Mädchen als Hauptfigur eingesetzt wird. Die Abbildung auf der zweiten Seite zeigt es unverblümt: Wanda steht im Badeanzug am Eingang eines Schwimmbads – ihr breiter Körper wirkt behäbig und provoziert, dass der Betrachter sie für ein dickes, unsportliches Mädchen hält. Wanda geniert sich und geht gebeugten Hauptes bis ans Schwimmbecken, wo sie von anderen Kindern begrüßt wird: „Wanda Walfisch, dick und rund, Wanda Walfisch, hundert Pfund!“ Der folgende Sprung ins Wasser kann kaum anders gelingen, als es sich auf der Abbildung zeigt: Wanda macht einen fürchterlichen Bauchklatscher und scheint das Wasser im gesamten Schwimmbecken in Wallungen zu bringen. Der Schwimmlehrer nimmt sich Wandas und ihrer Situation an und ermutigt sie, indem er mit ihr Konkretisierungen des Satzes „Wir sind, was wir denken“ durchspielt. Dadurch kann Wanda auf dem Nachhauseweg die Erfahrung machen, dass sie sich in der Dunkelheit nicht ängstlich und klein zu fühlen braucht, sondern durch die Vorstellung, sie sei ein Riese, an Selbstsicherheit gewinnt. Nachdem es ihr in verschiedenen Situationen gelingt, sich selbst durch Gedanken zu stärken, kann sie schließlich im Schwimmbad mutig vom Turm springen – die Vorstellung „Superwal!“ hilft ihr dabei.

Bilder und Geschichte laden dazu ein, über Vorurteile, Selbstbilder, Selbstzweifel und Ermutigungen nachzudenken.

Die Stärke des Bilderbuches liegt m. E. in der liebevollen und doch schonungslosen Darstellung der kleinen Wanda, die einerseits das Mitgefühl anspricht, andererseits aber durch ihre Körperfülle auch Ablehnung zulässt und die Reaktion der anderen Kinder verständlich macht. Es appelliert nicht primär an moralisches Verhalten, sondern zeigt exemplarisch an der Hauptfigur eine Möglichkeit für eine Ich-Stärkung, die relativ unabhängig von anderen selbst initiiert werden kann. Die hier angebotene Ermutigung und Stärkung durch die Aussage des Schwimmlehrers „Wir sind, was wir denken“ kann für jeden interessant sein und im Unterricht genutzt werden, um das Nachdenken über sich selbst anzuregen und um ggf. ein philosophisches Gespräch mit Kindern zu führen. Dabei empfiehlt es sich, die Aussage auch kritisch in Frage zu stellen und den Aspekt der Selbstüberschätzung einzutragen und mit den Kindern zu bedenken.

Durch Wanda als Protagonistin wird eine weibliche Figur in den Mittelpunkt gerückt. Vor einer Umsetzung im Unterricht ist gut zu bedenken, ob diese für die Kinder – und gerade für Jungen – eine Perspektivübernahme ermöglicht. Eine Chance könnte darin bestehen, Perspektivübernahme und Perspektivwechsel zwischen Wanda und den anderen Kindern im Schwimmbad anzubieten, um verschiedene authentische Erfahrungen von den Schülerinnen und Schülern bewusst zu machen und Empathie zu fördern.

In den hier vorgestellten Unterrichtsanregungen mit dem Schwerpunkt auf der Frage nach dem Menschen wird beabsichtigt, dass die Schülerinnen und Schüler

  • aus der Perspektive verschiedener Figuren der Geschichte Einschätzungen der Situation von Wanda vornehmen;
  • sich am Beispiel der Figur der Wanda Überlegungen zur Wirkung von Gedanken machen;
  • nach Möglichkeit den Satz „Wir sind, was wir denken“ reflektieren.


Aus christlicher Perspektive wird die Würde dem Menschen von Gott verliehen. Das Vertrauen auf das Ansehen bei Gott prägt das Selbstverständnis von Christen und steht in Wechselwirkung mit dem Denken, Fühlen und Handeln. Im Rahmen des schulischen Religionsunterrichts geht es nicht darum, dieses Vertrauen zu erwirken. Vielmehr sollen Kinder exemplarisch lernen können, was Christen glauben und worauf sie vertrauen. Die Frage nach Gott kann und sollte deshalb im Unterricht immer wieder eingespielt werden und zur offenen Auseinandersetzung einladen. Für diese Sequenz bietet es sich an, am Ende des gemeinsamen Nachdenkens über Selbstbilder von Menschen durch Glaubensaussagen christliche Perspektiven einzubringen. Exemplarisch können einige ausgewählte Bibelverse genutzt werden, um herauszuarbeiten, welche Wirkung darin vermittelte Glaubensaussagen auf Menschen haben können.

 

Mögliche Unterrichtsschritte:

Mit Angsterfahrungen einsteigen
Um die Möglichkeit der Identifikation zu verstärken und an eine Erfahrung anzuknüpfen, die alle Kinder kennen, nutze ich nicht chronologisch Text und Bilder des Buches, sondern beginne mit einer Angst-Situation: Ein Kind, in ängstlicher Körperhaltung, läuft durch die dunkle Straße und fürchtet sich offenbar auch vor einem Mann mit Hund, der ihr folgt. Das entsprechende vergrößerte Bild dient als stummer Impuls, der viele Äußerungen der Kinder provoziert. Wenn nötig, können auch folgende Fragen angeboten werden:

  • Was siehst du?
  • Wie steht das Kind da (evtl. Körperübung)?
  • Was geht ihm durch den Kopf (Gedankenblase)?
  • Was wünscht es sich?


Durch diesen Einstieg spielt zunächst weder das Geschlecht noch die körperliche Auffälligkeit von Wanda keine Rolle, sondern jeweils eigene Erfahrungen mit Angst in der Dunkelheit und vor unbekannten Personen werden assoziiert und schaffen für alle Kinder einen Zugang zur Geschichte. Ich leite über, indem ich auf den weiteren Verlauf gespannt mache: „Aus den Bildern, die ich euch jetzt zeige, könnt ihr mehr von dem Kind erfahren – am Ende auch, was ihm aus der Angst geholfen hat.“

 

Die Geschichte von Wanda erzählen
Der Verlauf der Geschichte im Schwimmbad ist in den Bildern so dargestellt, dass sich Wesentliches an ihnen entdecken lässt. Deshalb lasse ich die Kinder selbst den Handlungsverlauf anhand ausgewählter Bilder (Wanda am Eingang der Schwimmhalle, Wanda geht mit gesenktem Haupt unter den Blicken der anderen Kinder zum Startblock, Wanda springt und bringt das Wasser in Bewegung, Wanda mit traurigem Gesichtsausdruck, die lachenden Kinder) entwickeln und benennen: „Was erfahren wir auf den Bildern über die Geschichte von Wanda?“

 

Die Fähigkeit der Perspektivübernahme fördern
Anhand einzelner Bilder unterstütze ich die Perspektivenübernahme der abgebildeten Personen, indem die Kinder Gedanken und Gefühle assoziieren und benennen sollen: „Was fühlt und denkt Wanda? – Was denkst du zu diesem Bild?“ Zur Situation, als Wanda im Wasser steht und die Kinder sie auslachen, lasse ich ein Standbild bauen und entsprechende Gedanken für die verschiedenen Kinder benennen. Das Bild der lachenden Kinder wird kurzfristig „aufgetaut“, so dass die Schulkinder Bewegungen darstellen und Worte laut sprechen können. Im Anschluss überlegen wir im gemeinsamen Gespräch, was die Situation so verändern könnte, dass es allen Personen in der Geschichte gut geht. Verschiedene Anregungen der Kinder werden bedacht und abgewogen, ohne dass eine bestimmte vermeintliche Lösung festgehalten wird.

 

Anregen, über die Wirkung von Gedanken nachzudenken
Danach erzähle ich ohne Bilder kurz vom weiteren Verlauf der Geschichte. Die Worte des Schwimmlehrers „Wir sind, was wir denken“ biete ich als Sprechblase an und lasse die Kinder selbst Vermutungen anstellen, welche Bedeutung er für Wandas Situation haben kann. Wir spielen nicht alle im Buch angebotenen Beispiele durch, sondern zur Konkretisierung greife ich die Situation in der Dunkelheit vom Anfang wieder auf und zeige das Bild erneut: „Das Kind, das dort läuft, ist Wanda. Gerade geht sie vom Schwimmen nach Hause. Es ist schon dunkel und es ist ihr unheimlich. Kann ihr der Satz vom Schwimmlehrer helfen?“ Nach einigen Äußerungen zeige ich das folgende Bild von Wanda als Riese. Die Kinder formulieren, was Wanda hier denkt.

Die folgende Situation im Bett nutze ich ebenfalls, um die Kinder selbst Ideen zur Umsetzung des Satzes vom Schwimmlehrer entwickeln zu lassen: Ich decke das vergrößerte Bild so ab, dass nur das Bett in der Mitte sichtbar ist. Die Kinder erzählen von abendlichen Angstsituationen und überlegen, welcher Satz Wanda helfen könnte. Ich entferne die Abdeckung und wieder formulieren die Kinder, was Wanda dem Bild entsprechend denkt.

Ich leite zur folgenden Schwimmstunde von Wanda über und lasse die Kinder überlegen, inwiefern ihr der Satz des Schwimmlehrers helfen könnte. Dann lese ich vor, was Wanda in dieser Stunde im Schwimmbad erlebt, und zeige die Bilder.

Erfahrungsgemäß bedarf es für die Arbeit mit dem Bilderbuch mindestens einer Schulstunde, so dass es sich empfiehlt, am Ende eine kurze Abschlussrunde anzubieten. Ich initiiere dafür häufig eine Blitzlichtrunde, in der Symbole für folgende Aspekte in der Mitte liegen, um ausgewählt und während der Äußerung in die Hand genommen zu werden:

  • Das hat mir gefallen.
  • Das hat mir nicht gefallen.
  • Diese Frage habe ich.
  • Darüber möchte ich mit euch sprechen.

 

Gemeinsam weiterdenken: Sind wir, was wir denken?
In der Folgestunde biete ich verschiedene Möglichkeiten zur Weiterarbeit an. Die Kinder können, je nach Interesse und Fähigkeiten, auswählen und beschäftigen sich mit mindestens einer Aufgabe, nach Möglichkeit aber mit je einer Aufgabe aus a. und b.:

 

a. In der Perspektive der Geschichte bleiben

  • Wanda läuft nach dem Schwimmunterricht fröhlich nach Hause. Dort erzählt sie ihrer Mutter, was sie in den letzten beiden Schwimmstunden erlebt hat. – Schreibe auf, was Wanda erzählt. Nutze dafür die Sprechblase.
  • Zwei Kinder aus dem Schwimmunterricht gehen zusammen nach Hause. Sie reden darüber, was sie mit Wanda erlebt haben und was sie darüber denken. – Suche dir einen Partner oder eine Partnerin und spiele mit ihr das Gespräch. Übt das Gespräch so, dass ihr es vorführen könnt.
  • Welcher Moment aus der Geschichte hat dich besonders beschäftigt? – Schreibe dazu einige Gedanken auf und begründe dabei.

 

b. Über die Bedeutung der Geschichte nachdenken

  • Warum hat Davide Cali die Geschichte geschrieben? – Schreibe auf, was du vermutest.
  • Was denkst du über die Geschichte von Wanda? – Überlege und schreibe einige Gedanken auf.
  • Was denkst du über den Satz des Schwimmlehrers „Wir sind, was wir denken“? – Überlege und schreibe einige Gedanken auf.
  • Wann und wie kann einem der Satz des Schwimmlehrers „Wir sind, was wir denken“? helfen? – Überlege Situationen im echten Leben, beschreibe sie kurz und erkläre, wie der Satz helfen kann.

 

c. Ein philosophisches Gespräch führen
Je nach Klassensituation und -zusammensetzung biete ich für alle oder als Option für eine kleinere Gruppe die Möglichkeit eines Gespräches über den Satz des Schwimmlehrers an und formuliere ihn zum Beginn als Frage. Es folgt ein offenes Gespräch mit Schülerkette, in dem ich mir den Vorrang erbitte, so dass ich jederzeit Gedanken verstärken oder weitere Impulse geben kann. Am Ende fasse ich nicht zusammen, sondern bestärke den Eigenwert der Überlegungen der Kinder und lasse jedes Kind in einem Satz benennen, was ihm im Gespräch wichtig war.

Folgende Fragen können das Gespräch anregen:

  • Sind wir, was wir denken?
  • Woher kommen die Gedanken, die wir über uns haben?
  • Haben Gedanken von anderen etwas mit uns zu tun?
  • Haben Gedanken etwas mit Gefühlen zu tun?
  • Können wir durch unsere Gedanken alles von uns wissen?• Ist das, was wir über uns denken, immer richtig?
  • Haben unsere Gedanken über uns selbst etwas damit zu tun, wie wir uns verhalten?
  • Bewirken unsere Gedanken etwas bei anderen?


Nach Bearbeitung und Präsentation der Ergebnisse könnte die Sequenz beendet werden. Zur Vertiefung und Weiterführung bietet es sich aber auch an, die Frage nach Selbstbildern expliziter zu stellen und die Kinder noch direkter persönlich anzusprechen. In Lerngruppen, in denen eine vertrauensvolle Atmosphäre herrscht, rege ich deshalb an, eigene Erfahrungen noch direkter einzubringen und Selbsteinschätzungen zu benennen:

  • Was denkst du, wer du bist?
  • Denkst du, dass du immer gleich bist?
  • Was hilft dir, wenn du dir nicht sicher bist?

 

Die christliche Perspektive eintragen: Gedanken, die Mut machen können
An das Nachdenken über diese Fragen schließt sich die Frage nach christlichen Vorstellungen nahtlos an. Ich stelle in einer Folgestunde eine Auswahl von biblischen Versen, die Bekenntnischarakter haben oder Zuspruch sind und nach Möglichkeit schon in anderem Zusammenhang eine Rolle gespielt haben, zur Verfügung, z. B.:

  • Fürchte dich nicht. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein (Jes 43,1).
  • Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln (Ps 23,1).
  • Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen (Ps 91,11).
  • Jesus sagt: Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt (Mt 28,20).


Gemeinsam erarbeiten wir, inwiefern diese die Gedanken Menschen beeinflussen können und welche Vorstellungen sie jeweils anregen. Abschließend können die Kinder die Aufgabe erhalten, zu einem der Verse ein Bild zu gestalten oder aufzuschreiben, was ein Mensch dadurch von sich denken kann. Wer ein stärkendes Element für die Kinder selbst aufnehmen möchte, könnte am Ende auch ermöglichen, dass sich jedes Kind einen Vers für sich auswählt und seine Wahl begründet.


Bilder und Textauszüge entnommen aus: Davide Calì / Sonja Bougaeva WANDA WALFISCH, © 2010 Atlantis, ein Imprint der Orell Füssli Verlag AG, Schweiz.

Wir danken dem Orell Füssli Verlag, Schweiz, und dem Verlag Sarbacane, Frankreich, für die Abdruckgenehmigung von Text- und Bildauszügen.

 
Wanda in der Dunkelheit
Wanda im Wasser
Kinder lachen Wanda aus
Wanda als Riese