Religion als angstfreier Raum
Note Fünf im Religionsunterricht – contra

von Jan Kreuch 

 

Der Religionsunterricht hat es wie kaum ein anderes Fach mit Sachverhalten zu tun, die die ganze Person angehen.” (EKD-Denkschrift “Identität und Verständigung”). Denn nach den Empfehlungen der EKD ist es der erste und konstitutive Aspekt des Bildungs- und Erziehungsauftrags des Religionsunterrichts, den Schülerinnen und Schülern “Hilfen zur Identitätsbildung und Orientierung in der Wirklichkeit zu geben”. Dieser Umstand spricht aus zweierlei Gründen gegen die Note Fünf im Religionsunterricht.

Zum einen bedeutet dies, dass, wenn sich ein Schüler/ eine Schülerin auf den Religionsunterricht einlässt, er/sie intime Einblicke in sein/ihr Inneres gewährt und sich da­durch aufs Höchste verletz- und angreifbar macht. Das legt den Unterrichtenden eine besondere Verantwortung auf, der sie nicht gerecht würden, wenn sie die Leistung eines Schülers/einer Schülerin mit Fünf bewerteten. Denn dies disqualifiziert nicht allein die erbrachte Leistung, sondern zugleich den darin ausgedrückten Glaubens-, Identitäts- bzw. Lebensentwurf. Das aber kann zu Verletzungen auf Seiten der Schülerinnen und Schüler führen und ist einer guten Unterrichtsatmosphäre, in der allein Religionsunterricht gelingen kann, abträglich. Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, den Religionsunterricht so zu gestalten, dass er einen “Schutzraum” darstellt, in dem sich die Schülerinnen und Schüler angstfrei entfalten können. Darüber hinaus muss die Bereitschaft der Schülerinnen und Schüler, sich im Religionsunterricht als Person zu exponieren, gewürdigt werden. Beides schließt die Vergabe von Fünfen aus.

Zum anderen verhandelt der Religionsunterricht, wenn er Identitätsbildung und Lebensorientierung zu seinen Zielen erklärt, Gegenstände, die sich letztlich einer Benotung entziehen. Denn wie wäre Identitätsbildung messbar? Und wie wollte man es vertreten, einem Schüler/einer Schülerin zu attestieren, seine/ihre Lebensorientierung sei “mangelhaft”? Dies verstieße gegen die Würde des Schülers/der Schülerin, da es die Unverfügbarkeit des Schülers/der Schülerin als Person missachten würde.

Es ist weiterhin zu beachten, dass der Religionsunterricht ganz wesentlich durch seinen Bezug auf den Glauben bestimmt ist. Und auch der Glaube lässt sich nicht in den Kategorien von Leistung und Benotung fassen.

Der existenzielle Bezug und der Glaubensbezug des Religionsunterrichts führen demnach dazu, dass nicht alles, was in ihm verhandelt wird, überprüf- bzw. testbar ist. Diesem Dilemma auszuweichen, indem man sich darauf zurückziehe, man bewerte ja lediglich die Argumentation, nicht jedoch den Inhalt einer erbrachten Leistung, scheint mir dabei kein gangbarer Weg zu sein. Denn abgesehen von der Schwierigkeit, dies den Lernenden zu vermitteln, bleibt der Rückzug aufs Formale insofern problematisch, als eine schulische Leistung immer auch einen inhaltlichen Aspekt aufweist, der aus den bisher genannten Gründen gewürdigt werden muss. Ein Religionsunterricht, der lediglich die formale Argumentation beurteilen, das Inhaltliche aber unberücksichtigt lassen wollte, würde sich selbst ad absurdum führen. Wenn es daher im Religionsunterricht immer auch um die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Leistungen der Schülerinnen und Schüler geht, müssen diese gewürdigt werden. Und da der Religionsunterricht letztlich nicht zu benotende Elemente enthält, scheint mir dabei eine Fünf ausgeschlossen.

Aber auch theologische Überlegungen sprechen gegen die Note Fünf im Religionsunterricht. Denn obwohl der Religionsunterricht an einer staatlichen Schule ein “weltlich Ding” ist, muss er, will er sich nicht selbst verfehlen, durch christliche Prinzipien und ein christliches Menschenbild (mit)geprägt bleiben. Und hier ist aus evangelischer Sicht natürlich u. a. die Rechtfertigung allein aus Glauben von zentraler Bedeutung: Das grundlegende reformatorische Prinzip, dass der Mensch sein Leben nicht aus Leistung rechtfertigen kann, muss auch für den Religionsunterricht gelten. Dies spricht gegen Fünfen im Religions­- unterricht. Aber auch Jesu Predigt vom Reich Gottes, insbesondere sein Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16), zeigt deutlich, dass das Leistungsprinzip nicht Maßstab für christliches Denken und Handeln – und somit letztlich auch nicht für christlichen RU sein kann.