Hallo Luther statt Halloween

von Philipp Meyer

 

Tief in den Katakomben des menschlichen Bewusstseins wohnt das Verlangen nach Klamauk. Es ist dieses Verlangen, gepaart mit solidem Gewinnstreben, das den Boden bereitet für „Events“ wie Halloween. Seit ein paar Jahren grüßen im Spätherbst auch in Deutschland Spukgestalten, Hexen und beleuchtete Kürbisse aus dem Reich der Finsternis. Bedauerlicherweise tritt der amerikanische Brauch keltischen Ursprungs mit einem Datum in Konkurrenz, das uns als lutherische Christen wie kein anderes dazu verpflichtet, das Profil unserer Kirche darzustellen.
Was ist angesichts dieses Sachverhalts zu tun? Ich möchte im Folgenden mögliche Strategien skizzieren und hinsichtlich ihrer Erfolgsaussichten einordnen.

Ignorieren

Es handelt sich um ein – gerade auch in unserer Kirche – vielfach erprobtes Verfahren, das sich als hochgradig Ressourcen schonend erwiesen hat. Nachteil: wahrnehmbare positive Außenwirkung geht von einem solchen Verhalten in der Regel nicht aus. Im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden (Mt 25, 14ff) nimmt das Neue Testament kritisch Stellung.

Umdeuten

Der schaumburg-lippische Landesbischof Jürgen Johannesdotter hat angeregt, Halloween zu einem christlichen Brauch zu machen. Das Licht in einem ausgehöhlten Kürbis, der von einer Kerze erleuchtet wird, könne auch als Symbol für Christus stehen, sagte der Bischof in der aktuellen Ausgabe der evangelischen Zeitschrift „ELAN“ in Bückeburg. „Es ist schön, wenn dahinter eine Botschaft steht, die mit Christus und Licht der Welt und Nächstenliebe zu tun hat. Nur Erschrecken ist mir zu wenig“, so der evangelische Theologe. So der Evangelische Pressedienst im Oktober 2006.
Die Stellungnahme des Landesbischofs hat mich verblüfft. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie und warum man die Charakterzüge des neudeutschen Volksbrauches Halloween ins Christliche umwerten sollte. „Nur Erschrecken“ ist nicht „zu wenig“, sondern es ist unseren Absichten diametral entgegengesetzt. Der erpresserische Ruf: „Süßes oder Saures!“ umherziehender Kinder auf der Jagd nach Leckereien ist eine moralische Ohrfeige für St. Martin von Tours, den Urheber des christlichen Martinssingens. „Es ist schön, wenn dahinter eine Botschaft steht, die mit Christus und Licht der Welt und Nächstenliebe zu tun hat.“ sagt Landesbischof Johannesdotter. Mag sein. Es ist nur leider nicht der Fall.
In seiner Areopag-Rede (Apg 17,16ff) erprobt der Apostel Paulus an den gebildeten Bewohnern Athens die Strategie des Umdeutens: „Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt.“ Der Erfolg lässt zu wünschen übrig. Einige spotten, andere wollen ein andermal mehr hören. Ob dieses „andere Mal“ stattgefunden hat, ist nicht überliefert.

Verbieten

Zweifellos ein klassisches Verfahren (2. Mose 20, 2ff). In den vergangenen Jahrzehnten hat es deutlich an Popularität eingebüßt. Entscheidend für den Erfolg ist die Möglichkeit, das Verbot mit Sanktionen zu verbinden. Über das Äußern von Missbilligung kommt unsere Kirche dabei allerdings in der Regel nicht mehr hinaus.
Einen Versuch unternahm der Ausschuss für Gemeindearbeit des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont im Herbst 2003. Er richtete ein Schreiben an alle religionspädagogischen Kräfte im Bereich des Kirchenkreises, in dem er den nichtchristlichen Ursprung von Halloween herausstellte und vor der Ausrichtung von Halloween-Partys warnte. Die Reaktionen reichten von offener Empörung bis zu Beifall von der falschen Seite.
In die nächste Sitzung lud der Ausschuss den soeben eingeführten neuen Superintendenten ein. Wir stellten uns die Frage:  Wie gelingt es einem Fest, das in unserer Kultur nicht verwurzelt ist und dessen – unklarer und komplizierter – religiöser Hintergrund nur einer verschwindend kleinen Minderheit bekannt ist, innerhalb weniger Jahre zum Großereignis zu werden? Wie konnte es dazu kommen, dass der Reformationstag so uninteressant geworden ist? Sein Gegenstand ist doch nicht langweilig!
Wir begannen, über eine eigene Aktion nachzudenken. Menschen haben sinnliche Bedürfnisse. Warum sollen die nicht befriedigt werden? Warum nicht eine „Luther-Sause“ feiern? Es entstand eine Arbeitsgruppe, die sich einer neuen Strategie zuwandte.

Fröhlich streiten

Was den 31. Oktober angeht, gilt zumindest in Deutschland: Wir waren zuerst da. Warum sollten wir uns verdrängen lassen?
Zum Reformationstag 2004 feierten wir in unserem Kirchenkreis zum ersten Mal die Aktion „Hallo Luther“. Mehr als 20 Kirchengemeinden beteiligten sich mit den unterschiedlichsten Aktionen - es war wie ein kleiner Kirchentag. Die Reaktionen waren überwältigend. Überrascht hat mich vor allem, dass auch Menschen, die der Kirche kritisch gegenüberstehen, äußerten: „Gut, dass endlich mal jemand etwas gegen Halloween tut.“ Im Sommer 2005 gewann unser Kirchenkreis für diese Aktion den Förderpreis der Landeskirche. Im Herbst 2006 haben wir ein eigens für uns komponiertes Luther-Musical zur Aufführung gebracht. Inzwischen wird in über 50 deutschen Städten „Hallo Luther“ gefeiert.
Hallo Luther bringt eine breite Öffentlichkeit mit der Gestalt Martin Luthers in Kontakt. Das kann ein „Umdeuten“ von Halloween nicht leisten. Im Gegenteil: Da Halloween und Reformationstag um das selbe Datum konkurrieren, wird jede Hinwendung zu Halloween eine Schwächung des Reformationstages mit sich bringen.
An der Gestalt Martin Luthers machen wir exemplarisch deutlich, was es bedeutet, wenn sich ein Mensch dem Wirken Gottes aussetzt. Sicher kann auch an Luther nur gut sein, „was Christum treibet“. Deshalb können und müssen wir ihn auch kritisch sehen. Doch ich finde bei Martin Luther unendlich viel mehr Christliches als bei Halloween. Deshalb: Hallo Luther statt Halloween!

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2007

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