Über Melanchthon, den Anreger

von Rolf Wernstedt

 

 

Über Philipp Melanchthon ist im Zusammenhang mit seinem 500. Geburtstag am 16. Februar 1997 viel gesagt worden: Theologisches, Historisches, Pädagogisches, Politisches, darunter meist höchst Gescheites und bisher Unbekanntes.
Ich möchte die Gelegenheit dieser Tagung benutzen, um etwas zu sagen, das unter dem Gesichtspunkt auf- und abgeklärter methodischer historischer Schulung eigentlich unerlaubt ist: Ich will Rechenschaft ablegen über Assoziationen und Anregungen, die mir bei der Lektüre Melanchthons und deren Verarbeitung gekommen sind. Gerechtfertigt bin ich dadurch, dass ich als Politiker nicht den gleichen gestrengen Maßstäben unterliege wie sie Wissenschaftler untereinander abverlangen. Vor allem kann ich natürlich etwas für aktuell halten, was ein Historiker naserümpfend als unhistorisch qualifizieren würde.
Die erste Beobachtung bei der Lektüre Melanchthons ist die ungeheure Ferne und Fremdheit, die uns aus seinen Schriften entgegentritt. Dies liegt wohl in erster Linie an der Selbstverständlichkeit, mit der alle Äußerungen, die sich auf Weltliches (d.h. auf Bildung, Schulen, Lehrerinnen und Lehrer, Inhalte, Universitäten usw.) beziehen, in einen religiösen Kontext einbezogen sind. Das Evangelium und seine Bedeutung für die totale Existenz des Einzelnen und der Gesellschaft und des Staates, muss bei allen Überlegungen nicht nur als anwesend, sonders als Quelle und Ziel allen Denkens gewusst sein. Da dieses Evangelium aber selbst nur begriffen werden kann nicht als sichere Verheißung, sondern nach reformatorischer Ansicht nur als Gnade Gottes erfahrbar ist, bleibt jedes menschliche Leben in letzter Unsicherheit. Aber gerade diese Unsicherheit hat die Reformation zu den großen Anstrengungen befähigt, die sie u. a. auf dem Gebiet der Bildung erbracht hat.
Melanchthon war, wie vielfach beobachtet, der typische Mann der zweiten Reihe, der hinter Luther die Glaubensgrundsätze der Reformation systematisierte und dort, wo daraus praktisch-administrative Folgen zu ziehen waren, die Ausführungen und ihre Begründungen lieferte. Er war der Mann des Überblicks und nicht des Durchbruchs, eher der Kenner des Arguments als der Kenner der Deklamation. Ihn kann man sich gut vorstellen in den zermürbenden Verhandlungen auf Reichstagen mit der katholischen Seite, weniger gut in großen öffentlichen Disputen.
Als offenbar früh erkannter und geförderter Hochbegabter war er mit 18 Jahren perfekt in Latein und Griechisch und mit 21 Jahren Professor in Wittenberg (ich wüsste nicht einmal zu sagen, ob es heute eine rechtliche Möglichkeit gäbe, so etwas möglich zu machen).
Sein Zugang zur Welt der Wissenschaft ist derart früh durch die antiken Sprachen - und durch die Inhalte, die sie transportieren - geprägt, dass diese Seite, bei aller Bezogenheit auf die Theologie und Gott, sich auch heute noch gut nachvollziehen lässt und zu den von mir eingangs erwähnten Anregungen Anlass gibt.



Zum 1.
Ohne in seine etwas schwer rekonstruierbare pädagogische Systematik eintreten zu wollen (auch die Lehrpläne im Einzelnen und die Zeitkontingente interessieren nicht so sehr) fällt, bezogen auf die Sprache folgendes auf: Das Lernen der alten Sprachen ist nicht Selbstzweck - man könnte fast ironisch mit Lichtenberg sagen, die frühen Griechen hätten sich nicht den Luxus des Lernens einer toten Sprache geleistet -, sondern Mittel zum Zweck der Bewältigung aktueller Aufgaben. Das Neue Testament ist in der griechischen Sprache geschrieben (für ihn ein entscheidendes Argument); historische, rhetorische und philosophische Argumentationen sind im Griechischen und Lateinischen zu erlernen. Im Gegensatz zu der verkommenen scholastischen Bildung war sein (und die der humanistischen Zeitgenossen) Ruf „ad fontes“ ein Zeichen des Aufbruchs zu den Originalen. Dieser Gesichtspunkt einer authentischen Bildung scheint mir nun höchst aktuell. Wenn alle Welt - von Roman Herzog bis Bill Gates, von der Deutschen Bank bis zu den auflagenstärksten Wochenmagazinen - darauf hinweist, dass lebenslanges Lernen angesagt sei, dass man das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden lernen müsse, dass sich das Wissen sehr schnell selbst überhole und veralte, dann muss die Rückfrage erlaubt sein, welches denn die Maßstäbe sein sollen, nach denen die Menschen - und vor allem die Jugend - dies leisten sollen. Der allgegenwärtige Markt ist das Zauberwort der Ökonomen: Was sich verkaufen lässt, muss gelernt werden, was nicht, soll vergessen werden. Mal ganz abgesehen davon, ob man Gelerntes einfach mechanisch vergessen kann wie man ein Licht abschaltet, so kann es ja wohl nicht das letzte Wort sein, nach rein ökonomischen Gesichtspunkten die Schule auszurichten. Unter Bildung haben wir in Deutschland und in Europa, und auch kluge Amerikaner haben dies immer so gesehen, ein bisschen mehr verstanden. Die Gesetze der Logik, die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von in vergangenen Zeiten getroffene Entscheidungen für die Gegenwart (die Reformation selbst!), die Dimension des kulturell-musischen für die Persönlichkeitsentwicklung der Menschen, der differenzierte Umgang mit  Sprache und Symbolen, der Sinn für Transzendentales und letzte Fragen sind den Marktgesetzen vorgelagert. Sie in ihrer existentiellen und gesellschaftlichen Bedeutung zu begreifen, wäre die Hauptaufgabe aller Bildung.
Dieses Hauptanliegen eines lebenslangen Lernens besteht also nicht in der Übung, jeden Tag etwas Neues zu lernen, um es morgen wieder zu vergessen, sondern darin, an für das eigene Leben und das Leben der Mitmenschen wichtigen Einsichten, die jeweils neuen Aufgaben zu reflektieren und zu bewerten und dann auch zu handeln.
Die Rede vom lebenslangen Lernen vergisst meist, dass auch das Falsche und vorgeblich Veraltete Bildungswirkung hat. Wer nur ständig neu lernt, ohne es verarbeiten zu können, wird ein Spielball fremder Interessen und besinnungslos. Dies ist nicht meine Vision von Menschen der Zukunft. Die Frage nach der ordnenden Mitte und ihrer Ausbildung ist die notwendige Komplementärfrage zur Besinnungslosigkeit des lebenslangen Lernens. Für Melanchthon war diese Frage leicht zu beantworten: Die Rückbezogenheit auf Gott und das Evangelium machte es ihm nicht schwer. In einer säkularisierten Welt mit einer zur weltanschaulichen Neutralität verpflichteten Schule ist dies aber viel komplizierter. Die Antwort ist eben nicht, dass alles erlaubt sei, sondern dass Entscheidungen begründet werden müssen, nämlich für Handeln, für zu Erlernendes, aber auch für das Nichthandeln.
Für diese Art des Fragens - wohlgemerkt für die Zukunft des 21. Jahrhunderts - gibt es eine schöne Formulierung Melanchthons: „Das gesamte menschliche Zusammenleben, die Ordnung des öffentlichen und privaten Lebens, die Beschaffung aller lebensnotwendigen Güter, endlich aller Handel und Verkehr werden von der Sprache umfasst (omnia sermone continentur). Weiterhin mache man sich klar, dass nur der sich treffend und deutlich äußern kann, der seine Redefähigkeit in der bei uns öffentlich gebrauchten Sprache kunstfertig und sorgfältig ausgebildet hat“.
Hierin stecken zwei Beobachtungen: Einerseits der selbstverständliche Hinweis, dass ohne Sprache nichts geht, und andererseits, dass Sprache private und öffentliche Dimensionen hat. Die Forderung nach lebenslangem Lernen kann in diesem Lichte nur bedeuten, sich die Möglichkeiten der Sprache vollständig anzueignen, um verschiedene Lebensanforderungen überhaupt aktiv bestreiten zu können. Wer sich in der Sprache reduziert, reduziert seine Lebensqualität und macht sich für andere uninteressant oder zum Ausbeutungsobjekt. Das unendliche Geschnatter unserer Talkshows, die leicht durchschaubare Balz- und Blähsprache ist allerdings häufig nicht auf die Klärung von Sachverhalten, sondern auf die Erzeugung von Wirkung und Unterhaltung aus. Nun soll jeder seinen Spaß haben, wie auch jeder seine Kitschecke braucht. Der Sinn der Aufklärung aber ist es, dies auch zu wissen.
Etwas anderes ist aus heutiger Sicht an Melanchthons Gedanken noch interessant: Sprache wird nach seiner Meinung nur klar, wenn man sie übt, möglichst systematisch. Auch wenn er dies für Latein und Griechisch meint, so gilt dies auch für die eigene Muttersprache, und in demokratisch verfassten Staaten umso mehr. Ich gehe wohl nicht fehl in der Diagnose, wenn ich sage, dass unsere medienvermittelte parlamentarische Demokratie nicht die sprachliche Höhe hat, die sie braucht, um Akzeptanz und Klarheit zu sichern. Sprache dient nicht nur der Aufklärung, sondern auch der Verschleierung und der Manipulation. Die strukturelle Doppelbödigkeit unserer öffentlichen Sprache halte ich für ein großes Problem (man redet über Sachen und verschweigt die Interessen; man redet über Glück und meint das Geld; man redet über Strukturen und meint den eigenen Vorteil usw.). Dies kann man nicht mit moralischen Appellen beseitigen, sondern mit eingeforderter öffentlicher Redefähigkeit, die auch die Rezipienten einbezieht. Wie katastrophal es ist, wenn Überzeugungen und Gedanken nicht öffentlich kommuniziert werden können, kann man an den Folgen der DDR-Gesellschaft sehen. Ich glaube, dass das Abdrängen des eigentlich Gemeinten und Gedachten in die private Nischensprache der DDR seinerzeit mit dazu beigetragen hat, dass sich in den Monaten der Einigung so wenig authentisch Gesprochenes in der öffentlichen Debatte der ehemaligen DDR-Bürgerinnen und -Bürger finden ließ. Eigentlich waren es nur der kirchliche Raum und einige naturwissenschaftlichen Bereiche, die eine eigene öffentliche politische Sprachkultur pflegen konnten. Die Folgen beklagen wir noch heute.
Diese Beobachtungen lassen mich fragen, ob unsere Argumentations- und Redefertigkeiten in den Schulen nicht zu wenig geübt werden. Vielleicht ist in diesem Sinne eine gründliche Revision von den Klassen 1 bis 13 nötig. Gute Beredsamkeit hat ja etwas mit Klugheit und nicht mit Phrasendrescherei zu tun. Ich werde aber nicht den Fehler machen, dies auch fürs Lateinische und Griechische verlangen!



Zum 2.
Melanchthons starke Betonung der alten Sprachen und die daran geknüpften Inhalte führten ihn auch für die Schul- und Universitätsbildung zur Betonung der sog. allgemein bildenden Fächer, vor allem der Philosophie: „Mit der Bezeichnung Philosophie umfasse ich die Wissenschaften von der Natur und von den Gründen sittlichen Verhaltens sowie die geschichtlichen Beispiele“ (scientia naturae, rationes morum et exempla). „Wer davon recht erfüllt ist, hat sich den Weg in die höchsten Bereiche bereits gebahnt. Wenn er eine bestimmte Sache zu vertreten hat, steht ihm dann alles zu Gebote, woraus er eine reichhaltige und ansinnliche Rede schöpfen kann. Widmet er sich Verwaltungsaufgaben, so kann er daraus die Normen für das, was gerecht, billig und gut ist, gewinnen.“
Mir scheint, dass, seiner Zeit gemäß, die unmittelbare Anwendbarkeit historischer Beispiele und moralischer Vorbilder überschätzt wird. Gleichwohl ist der Gedanke bemerkenswert, dass die Rechtfertigung dieses Lernens mit der späteren beruflichen Verwendbarkeit bei Gericht oder in der Verwaltung gekoppelt ist. Alle Bildungsbemühungen haben für Melanchthon nicht den Sinn, Bildung um der Bildung willen zu betreiben, sondern die Nützlichkeit mit einzubeziehen. Dies gilt, zeitgemäß interpretiert, auch für heute. Bildung rechtfertigt sich nicht aus sich, sondern aus den Vorstellungen von Menschen, des gesellschaftlichen Zusammenlebens und der materiellen und kulturellen Reproduktion.
Eine Bildungsvorstellung, die dies negiert, wäre lediglich nostalgisch. Die heutigen technischen Modernisierer der Schule sind keine geborenen Feinde eines umfassenden Bildungsbegriffs. Sie sind es nur dann, wenn sie Mittel und Zweck verwechselten. Melanchthon hätte vermutlich nichts gegen den Einsatz von Computern gehabt. Er hätte seine Ideen womöglich sogar über das Internet propagiert, so wie er das seinerzeitige modernste Kommunikationsmittel, die Flugschrift, sehr wohl zu nutzen wusste.
So kann der Inhalt seiner Bildungsvorstellungen beinahe universal genannt werden, weil er selbstverständlich auf der Höhe seiner Zeit argumentierte, und dies war der Humanismus der Renaissance-Zeit. Melanchthon ist gegen das chaotische und richtungslose Lernen. So notwendig nach seiner Auffassung die Ausgerichtetheit allen Lernens auf das Evangelium sein muss, so wenig fand er in der Bibel die Hinweise auf Vorschriften des täglichen Lebens ausreichend. „Man darf nicht meinen, Christus sei in die Welt gekommen, um diese Vorschriften zu lehren. Alles das werde vielmehr in der Philosophie weitergegeben“. Es sind nach seiner Auffassung „Vorschriften zum weltlichen Leben nötig, denen die Menschen entnehmen, wie sie friedlich zusammenleben können“ (quomodo homines inter se tranquille vivere possint). Ein solcher Satz, wie man täglich friedlich miteinander zusammen leben kann, wäre ein Motto für die heutige Schule. Und schließlich: „Wer sich gegen die Philosophie wendet, liegt daher nicht nur im Streit mit der wahren menschlichen Natur, sondern tut auch der Würde des Evangeliums Abbruch“. Das Verhältnis von ethischen Vorschriften und religiösem Denken zu diskutieren ist nicht antiquiert, sondern heute aktueller denn je, wenn man die Auseinandersetzungen um den zeitgemäßen Religionsunterricht und um das Fach LER (Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) in Brandenburg betrachtet. Daher wäre es nach meiner Auffassung sehr oberflächlich, ihn sofort auf die eine oder andere Seite der heutigen Disputanten ziehen zu wollen.



Zum 3.
Auf einem Kongress, der von einer Lehrerorganisation ausgerichtet ist, nicht über Melanchthons Rede „de miseriis paedagogorum“ von 1533 zu sprechen, wäre nicht recht.

Mich hat diese Rede überrascht, weil sie so richtig für den heutigen Seelenzustand unserer Lehrerinnen und Lehrer geschrieben zu sein scheint. Streift man alles Zeitbezogene der Argumentation ab (keine LehrerInnen, keine SchülerInnen, schlechte Bezahlung, ausgewählte Schüler), so überrascht doch der unveränderte Klagegesang, der durch die Jahrhunderte unserer Geschichte zu vernehmen ist. Die Unmittelbarkeit des Tons spricht dagegen, dass es sich nur um ironische oder satirische Bemerkungen handelt. Wir haben uns heute in der aktuellen pädagogischen Diskussion daran gewöhnt, den sozialpädagogischen und/oder erzieherischen Aspekt der Schule zu betonen. Vor allem aus Grundschule und Hauptschule wird gemeldet, die Kinder seien unfähig zuzuhören, man müsse erst die Kinder beruhigen, um überhaupt mit dem Unterricht beginnen zu können. Dies alles wird mit dem Totschlagsargument der veränderten Kindheit vorgetragen, das zugleich ein Analyse- und Kampfbegriff ist. Es wird der Eindruck erweckt, als handele es sich um ein vollständig neues Phänomen. Melanchthon schreibt: „Die meisten, die zur Schule geschickt werden, bringen so arge Sitten und so schlimme Gewohnheiten mit, dass sie ganz umgebildet werden müssen“. „Es lässt sich gar nicht beschreiben, welch großen Zuwachs aller Art die Schlechtigkeit erfahren hat. Die häusliche Zucht ist geschwunden, während sie in unserem Knabenalter noch einigermaßen vorhanden war“. Da haben wird das abendländische Stereotyp wieder, wie schlecht die jeweilige Jugend ist. Über den angeblichen Wertewandel wird ja heutzutage auch genug lamentiert. Auch der folgende Satz scheint nicht 470 Jahre alt zu sein: „Auch die Eltern der Schüler schätzen uns nicht höher als diese selbst. Sie denken nicht daran, dass sie die Sorge für ihre Kinder auf uns abgeladen haben“.
Die historische Relativierung der Klagen über das Lehrerdasein darf nun nicht dazu führen, die heutigen pädagogischen Bedingungen und Belastungen zu verniedlichen. Die Lehrerinnen und Lehrer und ihre Organisationen täten aber gut daran, in der Öffentlichkeit nicht ständig den Eindruck erwecken zu wollen, als ob sich in ihrem Beruf das gesamte Elend der Welt konzentriere. Besonderheiten der Gegenwart in der Erziehung bestehen heute nicht darin, dass Erziehung immer schwer ist, sondern darin, dass eine Jugend heranwächst, die über die Medien informatorisch und kulturell praktisch Zugang zu allem hat. Dies verändert ihr Verhalten und ihre Erwartungen. Im Unterschied zu Melanchthon hat die heutige Jugend aber keine klaren Orientierungsmöglichkeiten mehr. An die Stelle des Evangeliums ist als Orientierungspunkt die Suche nach Orientierung getreten, die fast unaufhörliche Suche, die gerade auch Schule und Lehrer anfragt. Bei dieser Suche erhalten die Jugendlichen oft unbefriedigende, unglaubwürdige Antworten, sofern sie nicht selber gelebt werden. Dies gilt für tägliches Verhalten z.B. beim Rauchen oder beim höflichen oder unhöflichen Umgang aber auch in grundsätzlichen Fragen. Wenn Lehrerinnen und Lehrer für Schülerinnen und Schüler interessant und wertvolle Personen sein wollen, dann müssen die Lehrerinnen und Lehrer mehr sein als nur Wissensvermittler.
Hinzu kommt die Anwesenheit von Kindern vieler Völker und aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Wir haben genug Stoff, der auch für die Gesellschaft interessant sein kann. Lehrer, die klagen, sind für die Gesellschaft und für die Politik uninteressant. Lehrer, die sich in die Gesellschaft einmischen und über ihre eigenen Probleme hinaus sich einbringen, wären etwas. Und sie gibt es massenweise.



Zum 4.
Melanchthon hat ungeheuer viel geschrieben. Als homo doctus und homo politicus sind sein Leben und seine Schriften eine Fundgrube transferierbarer Überlegungen, z.B. seine hinreißende Rede vor den Ratsherrn von Nürnberg im Jahre 1526 aus Anlass der Gründung einer neuen Schule, die wohl etwa vergleichbar wäre mit einer heutigen gymnasialen Oberstufe. Die Rede ist eine Lobpreisung der Bildung für die ökonomische und kulturelle  Prosperität eines Gemeinwesens. Melanchthon formuliert: „Weil sie (die Bürger Nürnbergs) das Wissen, das aus den Künsten entspringt, für die Regierung des Staates fruchtbar machten, schafften sie es, dass diese Stadt alle übrigen Städte Deutschlands bei weitem übertrifft ... Wenn auf eure Veranlassung hin die Jugend richtig unterrichtet wird, wird sie der Schutz der Stadt sein, denn kein Bollwerk und keine Befestigung macht eine Stadt stärker als gebildete, kluge und mit anderen Tugenden begabte Bürger“.
In der Terminologie von heute würde man wohl sagen, dass hier von dem „Megathema Bildung“ die Rede ist, das auch über die Entwicklung des künftigen Deutschland entscheiden wird. Während die ganze Gesellschaft heute nach möglichst schnell verwertbarem Wissen schreit (von der „Wirtschaftswoche“ über die Debatte zur beruflichen Bildung), die politischen Parteien um die Wette Bildungsthemen zu Wahlkampf-Highlights erklären, hat Melanchthon aber noch einen zusätzlichen Aspekt im Sinn, dessen Beachtung uns auch heute nicht schaden könnte - und bei der Herzog-Rede in Berlin zu kurz kam. Melanchthon spricht von kulturellem Ansehen und politischer Bedeutung, die mit der Ausbreitung von Bildung zusammenhängt. Dies ist bei ihm umfassender gemeint als nur die ökonomische Effektivität. Den ganzen Menschen, z.B. auch mit seinen Tugenden, hat er im Blick. Für ihn selbst wäre der Wissenstransfer von den gelehrten Anstalten in die gesellschaftlichen Bereiche hinein nur Mittel zum Zweck einer allgemeinen Entwicklung. Unsere heutigen Schnelligkeitsanbeter in Wirtschaft und Politik vergessen häufig, dass Schnelligkeit niemals das Argument ersetzen kann. Obgleich ich als Politiker Situationen kenne, wo eine schlechte oder falsche Entscheidung manchmal besser ist als gar keine. Wissen als Fundament und Bildung als Einordnungsfähigkeit einer Entscheidung sind gefragt, nicht gefragt ist Wissen als „Goldenes Kalb“ und Bildung als „Verhinderungsinstanz“.



Zum 5.
Melanchthon galt in seiner Zeit als Reformer des Schul- und Universitätswesens. Er hatte von der Nachhaltigkeit seiner Reformen naturgemäß noch keine Vorstellung. Dass sie sogar über Jahrhunderte reichen ist uns heute klar. Aber seine frühen Überlegungen zu einer Studienreform (bereits 1518 beginnend), seine lebenslange Betonung einer soliden Ausbildung in den Sprachen und Artes (wozu auch u.a. Mathematik gehörte) machen ihn bildungshistorisch mindestens genauso interessant wie Wilhelm von Humboldt. Dass Melanchthons noch auf praktische Verwertbarkeit gerichtete Bildungsvorstellung in säkularisierter Form ein Eigenleben zu entfalten begann und schließlich daran die Vorstellung einer verwert- und wertfreien Bildung daraus werden konnte, halte ich für einen Irrweg, für den Melanchthon nicht verantwortlich zu machen wäre. Der Grundgedanke einer vollständigen Entfaltung der Persönlichkeit, der die Nützlichkeit und die Einordnungsfähigkeit zugleich im Blick hat, ist bei Melanchthon noch ungeschmälert vorhanden. Die Grundstruktur dieser Überlegung ist auch heute in mehrfach veränderter Form noch vorhanden: Bei der Formulierung des Bildungsauftrags der Schulen, bei der Frage, ob wohl Berufsschüler auch noch Unterricht in Deutsch, Religion und Politik brauchten, ob der Fächerkanon überzeugend ist oder nicht usw.. Allerdings gibt es bei Melanchthon auch Anzeichen von romantisierender akademischer Idealität, die sich wie das Werbeprogramm einer Campus-Universität lesen. Dass so etwas ohne das Evangelium funktionieren könnte, war für ihn eine nicht denkbare Variante.



Zum 6.
Es gibt eine Seite im Leben Melanchthons, die strukturell auch heute von hohem politischen und psychologischen Interesse ist: Die Frage nach der moralischen Vertretbarkeit von Kompromissen. Damit stellt sich auch immer die Frage nach der Glaubwürdigkeit von Personen. Schon bei den Formulierungsversuchen der loci communes (der Glaubensgrundsätze) von 1521 und bei den Verhandlungen, die zum Text der Confessio Augustana von 1530 führten, stellt sich für Melanchthon immer die Frage, wie bei allem Festhalten an reformatorischen Grundsätzen dennoch genügend Anknüpfungspunkte für die Einheit der Christenheit gegeben bleiben. Solange Luther noch lebte, war dies zwischen den beiden aushandelbar, wobei Luther die unbestrittene Autorität und von Melanchthon auch so akzeptiert war. Die sinnbildhafte Gleichrangigkeit ihrer Grablege in der Wittenberger Schlosskirche hat nichts mit dem tatsächlichen Verhältnis der beiden zu tun, auch wenn die Zeitgenossen es anders sahen. In den krisenhaften politischen Auseinandersetzungen des Schmalkaldischen Krieges und vor allem nach dem Sieg Karls V. bei Mühlberg 1547 geriet die protestantische Seite existentiell unter Druck. Der Kaiser versuchte mit dem sog. Augsburger Interim von 1548 die katholische Seite auch theologisch durchzusetzen (lediglich Laienkelch und Priesterehe sollten für die Protestanten noch vorläufig möglich sein). In der für die Protestanten entscheidenden Frage der Rechtfertigung hielt auch Melanchthon keinen Kompromiss für möglich. Aber viele andere Fragen - Kirchengewänder, Bischöfe als Vorgesetzte, sogar die Priorität des Papstes - hielt er für nachrangig (Adiaphora) und riet zur Annahme um des Friedens willen. Diese Position wurde in weiten Teilen der protestantischen Theologen mit Empörung registriert, und es wurde gegen ihn ins Feld geführt, er verrate das Erbe Luthers. Ton und Denkweise der Kritik klingen sehr fundamentalistisch und im Stil der Zeit gehässig, ja menschenverachtend.
Diese Art der Auseinandersetzung ist nicht zeitgebunden. Die Gegenstände sind es. Es lässt sich noch heute fast jede politische Versammlung, jeder Parteitag oder jede Delegiertenzusammenkunft daraufhin besichtigen, inwiefern Grundsatztreue und pragmatische Lösungsversuche in Konflikt geraten. Dabei ist es prinzipiell unentscheidbar, was gerade Adiaphora sind oder nicht. Dies selbst ist abhängig vom Interesse, Machtkonstellationen und Voreinstellungen. Dass Melanchthon, der Mann der zweiten Reihe, jetzt, nach Luthers Tod 1546, in diesen Streit geriet und seine unbestrittene gelehrte Autorität zur Beschwichtigung des Konflikts nicht ausreichte, ist fast paradigmatisch. Es ist nicht immer analytisch entscheidbar, was wichtig oder unwichtig ist. In menschlichen Angelegenheiten ist dies immer auch das Ergebnis eines politischen Kampfes. In der Demokratie haben wir dafür Regeln entwickelt, die zumindest die persönliche Diffamierung reduzieren sollen. Melanchthon konnte damit noch nicht getröstet werden.



Vorläufiges Fazit:
Es lohnt sich, Melanchthon zu lesen. Man kann dies aus verschiedener Perspektive tun. Der Genus des Historikers an lebendiger Anschauung, der Geist des Theologen nach prinzipieller Auseinandersetzung oder auch das Interesse des Politikers an einem konfliktreichen politischen Leben können Motive sein. Wenn man hinter den Schleier zeitbedingter Äußerung schaut und die Strukturen versucht zu verstehen, ist Melanchthon nicht nur der Praeceptor Germanie, sondern zugleich ein großer Anreger bis heute hin.


Vortrag im Rahmen des Symposiums des Deutschen Philologenverbandes über Melanchthon in Wittenberg am 7. Mai 1997

 

Text aus Loccumer Pelikan

4/1997