Der etwas andere Schulgottesdienst
'Was willst Du von uns, Martin Luther? Martin Luther im Kreuzverhör' - Ein Gottesdienst zum Reformationstag

von Heike Scheiwe

 

Was willst du von uns uns Martin Luther?

Wenn der Herbst ins Land kommt und der Blick auf das Datum des Reformationstages fällt, ist es im Schulalltag wieder einmal Zeit, das Thema Reformation zu unterrichten. Auch gibt es an der Lutherschule in Hannover die gute Tradition, einen Gottesdienst am Reformationstag zu feiern.

Im Gespräch mit der 10c des Gymnasiums wurde der Wunsch geäußert, diesen Gottesdienst in neuer Form zu gestalten. Wir planten nach einigen Vorüberlegungen ein Theaterstück zum Thema Reformation und zur Person Martin Luthers zu erarbeiten.

Am Anfang stand eine Beschäftigung mit den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Hintergründen zur Zeit der Reformation. Wie lebten die Menschen damals, welche Hoffnungen und Ängste bewegten sie? Welche Rolle spielte Religion und Kirche in ihrem Leben?

Bei dem Thema: "Streit um den Ablass" wurden schon erste Szenen mit einem vorliegenden Text ("Der Tetzel kommt"), gespielt. Die SchülerInnen erhielten den Arbeitsauftrag, Gegenreden Luthers gegen den Ablasshandel zu schreiben. Gleichzeitig wurden aber auch Verteidigungsreden für den Verkauf von Ablassbriefen z. Bsp. aus der Sicht eines armen Bauern verfasst, um verschiedene religiöse und soziale Standpunkte intensiv zu erleben.

Während der Erarbeitung der 95 Thesen, der 12 Artikeln der Bauernschaft zu Schwaben oder Luthers Rechtfertigungslehre wurde immer wieder gefragt, was diese Inhalte uns heute noch bedeuten könnten. Die Menschen im Mittelalter hatten Angst vor Seuchen, Krieg, Krankheiten, Hölle und vor dem strafenden Gott. Wovor fürchten sich Menschen heute?

Wie hat sich das Gottesbild bei Luther gewandelt? Wie kam er von einem strafenden Richter zu einem gerechten Gott? Interessiert diese Frage Jugendliche heute noch, die häufig ein Leben ohne Gott und Kirche führen?

Gottesliebe, mich selbst annehmen und lieben können, die Liebe zum Mitmenschen - wie ist dieses theologische Beziehungsgeflecht anzusprechen, ohne dass es zum dogmatischen Hammer für die Zuhörer/innen wird?

Wie kann man diese Fragen in einem Gottesdienst am Reformationstag aufgreifen?

Als Kunstgriff wählten die Schüler/innen folgende Idee: Die Theatergruppe der Lutherschule probt ein Stück zum 450. Geburtstag von Martin Luther. Die Proben beginnen mit einem klassischem Lutherstück. Nach kurzer Zeit meutern die Schauspieler/innen, da sie mit den traditionellen Inhalten nichts mehr verbinden können. Sie stellen während des Streitgesprächs über die Aufführung oder Nichtaufführung des verstaubten Lutherstücks ihre Anfragen an Luther und seine Zeit.

Die Arbeit am Theaterstück kostete sehr viel Zeit und Geduld, da die Schüler/innen sich große Mühe gaben, wirklich ihre Fragen und Kritik an Luther zu formulieren. Immer neue Fassungen wurden geschrieben. Letztendlich schrieben die Schüler/innen der 10 c die Texte und die Jugendlichen der 8c derselben Schule studierten mit meiner Religionskollegin Beate Wenzel das Stück ein. Die Klasse hatte ebenfalls zum Thema Reformation im Unterricht gearbeitet. Eine Schülerin der 10c führte im Stück und auch live die Regie. Dabei unterstütze sie die Deutschlehrerin Petra Tschimpke.

Am Schluss wurde es zum Kraftakt für alle Beteiligten, aber es war eine sehr intensive Auseinandersetzung mit der Frage: Was willst du noch von uns, Martin Luther?

 

 

Gottesdienstablauf

Begrüßung

Nonnenchor aus "Sister Act"

Die Theatergruppe probt ein Stück zum 450. Todestag von Martin Luther im Jahr 1996.

 

Szene I:

 "Der Tetzel kommt"

 

Szene II:

Martin Luther wettert gegen den Verkauf der Ablassbriefe

 

Lied: Fürchte Dich nicht (700)

 

Szene III:

 Meuterei der Theatergruppe

 

Lied: Wo ein Mensch Vertrauen gibt (723)

 

Szene IV:

Luther im Kreuzverhör

 

Lied: Vater Unser (749)

Gebet für uns und andere Menschen

 

Lied: Unfriede herrscht auf der Erde (607)

 

Schlusssegen

 

 

Begrüßung

A Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrerinnen und Lehrer, wir begrüßen Euch und Sie zum Schulgottesdienst über Martin Luther.

B Wir feiern aber nicht so einen langweiligen Gottesdienst, sondern einer mit Raum für unsere Fragen und Kritik an Martin Luther, nach dem unsere Schule benannt ist.

A Sie/Ihr seid heute bei einer Probe der Theatergruppe dabei, die ein Stück zum 450. Todestag von Martin Luther im Jahr 1996 aufführen wollen. Auch wurde in diesem Jahr das 90jährige Bestehen der Lutherschule gefeiert. Also gleich zwei Anlässe für dieses Ziel.

B Aber diesmal läuft es anders. Es gibt Zoff! Die Schauspieler streiken. Warum, werden wir gleich erfahren.

A Damit Ihr auch mal mitmachen könnt, singen wir zwischen den einzelnen Theaterszenen Lieder.

B Die Lieder sind moderne Musikstücke von Kirchentagen. Die Texte stehen auf dem Liederzettel.

A Wir danken dem Chor, der Instrumentalgruppe und dem kleinen Chor für ihre musikalische Unterstützung. Zuerst werden wir den kleinen Chor mit einem Lied aus dem Film "Sister Act" hören.

Nonnenchor mit einem Stück aus "Sister Act"

 

 

Szene I:

"Der Tetzel kommt"

Renate: Hallo Leute! Lasst uns mit der Theaterprobe anfangen. Wir spielen heute zwei Szenen ohne Unterbrechung durch. Zuerst proben wir die Szene, wo der Ablassprediger Tetzel in die Stadt kommt und das Volk zusammenläuft, um sich von seinen Sünden freizukaufen. Dann wollen wir Luthers Protestrede gegen Tetzel und die Ablassbriefe spielen.

Tetzeldarsteller: Hey Regie! Wann soll ich kommen?

Renate: Dein Auftritt ist etwas später in der Kirche. Zuerst kommt der Stadtbote von da drüben. Das Volk steht herum und läuft dann aufgeregt in alle Richtungen, um die Stadtfahne zu holen.

Tetzeldarsteller: Haben wir denn schon eine Stadtfahne. Wie sieht die aus?

Renate: Nein, noch nicht. Die besorg' ich aus dem Theaterfundus. Heute haben wir nur einige Requisiten dabei. Kerzen für Johanna und Emilie und das Kissen für die Ablassbulle. So Johanna und Emilie, ihr müsst in die Mitte der Bühne. Dann gehen alle hinter Tetzel her in die Kirche. Die ist da (zeigt die Stelle). Dort stellt ihr euch dann mit Blick zu Tetzel auf, aber nicht mit dem Rücken zu den Zuschauern! In der Kirche müssen Johanna und Emilie dann nahe bei Tetzel stehen. Alles klar? Wir fangen an. (Schauspielerinnen und Schauspieler stellen sich auf und spielen die Szene: "Der Tetzel kommt")

 

 

Der Tetzel kommt

Stadtbote: Der Tetzel kommt, der Tetzel kommt. Aus den Häusern, Leute kommt heraus! Lasst ihn uns würdig empfangen!

Bürger: Wie kommst du darauf, Bote Melchior?

Stadtbote: Er ist schon vor der Stadt und lässt sich durch mich ansagen!

Gemurmel unter den Leuten: Tetzel kommt - nun aber schnell - legt euren Waffenschmuck an - wo ist die Stadtfahne! - Sagt dem Stadtrat Bescheid!

Sprecher: So war es ungefähr, wenn Tetzel, der bekannte Verkäufer von Ablassbriefen, in eine Stadt einzog. Eine Riesenhektik herrschte. Auch bei den Kindern. Emilie, die Tochter des Bäckers, war mit ihrer Freundin Johanna das erste Mal dabei.

Emilie: Da, Johanna, der hohe Rat der Stadt ist auch schon unterwegs und geht ihm entgegen. Hast du deine Kerze?

Johanna: Ja - und dort sind auch die anderen aus unserer Klasse. Nun mach schon, schnell!

(Trompetenklänge ertönen)

Emilie: Guck mal, da ist er! Das muss er sein!

Johanna: Wahnsinn, wie der aussieht! Hast du den Mantel mit dem vielen Gold gesehen und die protzige Sänfte? Und was ist das da für ein rotes Kissen, das da vor ihm hergetragen wird?

Emilie: Du meinst das rote Samtkissen mit dem Papier drauf?

Johanna: Ja genau, das habe ich noch nie gesehen!

Emilie: Mein Vater hat mir das gestern erklärt. Das ist die Ablassbulle.

Johanna: He? Was ist denn das?

Emilie: Warte, das wirst du schon gleich sehen. Aber siehst du das große rote Kreuz und das päpstliche Wappen? Verbeuge dich, Johanna!

Sprecher: So zog Tetzel in die Kirche, gefolgt von einer Riesenvolksmenge, betrat die Kanzel und begann mit der Predigt.

Tetzel: Brüder und Schwestern! Hört mir zu! Ich bin gekommen, um euch von euren Sünden zu erlösen. Erlösen von euren Sünden möcht ich euch! Sünden, die ihr begangen habt. Ihr ahnt nicht, welche Strafe euch unser himmlischer Vater nach eurem Tode zukommen lässt. Lasst euch sagen, ihr werdet im Fegefeuer schmachten und brennen. Es wird schrecklich, es wird grauenvoll sein. Keiner wird euch mehr helfen können. Doch nun könnt ihr es noch verhindern, denn die Gnade Gottes und unseres Papstes ist unermesslich groß. Wenn ihr einen Ablasszettel bei mir kauft, so sind euch eure Sünden vergeben, und zwar restlos. Damit ihr mir auch glaubt, seht dort auf dem Kissen die Ablassbulle, die schriftliche Erlaubnis unseres verehrten Papstes. Also, wer nach seinem Tode nicht im Fegefeuer schmachten will, der komme schnell und kaufe Ablass bei mir!

Gemurmel unter den Leuten

Emilie: Johanna, denk dran: Letzte Woche haben wir doch das Tagebuch meiner Schwester gelesen. Ob das auch eine Sünde ist?

Johanna: Bestimmt! Sag mal, hast du noch Geld?

Emilie: Hier hast du was. Ich glaube, wir kaufen lieber. Sicher ist sicher. Hier, hier, ich will auch einen Ablasszettel!

Tetzel: Kaufe nur, so sind dir deine Sünden vergeben. Sag mal, hast du auch Großeltern?

Emilie: Nein, nicht mehr, die sind schon lange tot.

Tetzel laut: Hört, Leute, dieses Mädchen sagt, ihre Großeltern sind tot. Sie werden schon im Fegefeuer schmachten. Niemand kann ihnen dort helfen. Aber hier, ihr Leute, könnt ihr die Toten von ihren Qualen erlösen, denn sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt! - Denkt nur an eure lieben Väter und Mütter, die im Fegefeuer sitzen und brennen und schreien. Helft ihnen, kauft Ablass auch für sie!

ein Mann: Wer sagt uns denn, dass das alles stimmt?

Tetzel: Weißt du überhaupt, was du da sagst, Mann? Der Papst und Gott selber stehen dafür ein. Gegen wenig Geld keine Sünden mehr! Und du wagst es, an Gottes Gnaden zu zweifeln? Leuten wie dir müsste man den Kopf abschlagen! Du verdienst keinen Ablassbrief. An dich verkaufe ich nicht! Wehe dir, wenn du erst im ewigen Feuer schmorst! Leute, ich muss weiter! Gebt mir das Geleit aus der Stadt hinaus!

(Trompeten erschallen)

Sprecher: Und so zog Tetzel unter dem Beifall der Leute aus der Stadt hinaus.

Nonnenchor mit einem Stock aus "Sister Act"

 

 

Szene II:

Martin Luther wettert gegen den Verkauf der Ablassbriefe

Lutherdarsteller: Ihr Christen! Hört mir zu! Ihr, denen es bisher nicht gewährt war, die Bibel selber zu studieren, ihr die ihr glauben musstet, was Priester oder Ablassprediger wie Tetzel euch erzählten, hört mir zu! Euch ist nie die ganze Wahrheit erzählt worden. Ihr kennt Gott nur als einen fernen, allmächtigen, strengen und strafenden Gott. Ich aber habe erfahren, dass es einen gütigen, liebenden und verzeihenden Gott gibt. Er ist nicht allein dafür da, um uns zu strafen und zu schrecken, sondern um uns zu verzeihen, zu vergeben. Und diese Macht liegt allein bei ihm. Wenn Menschen, wenn die Kirche etwas tut, dann nur im Auftrage Gottes. Und Gott verlangt kein Geld von uns für seine Vergebung. Er erwartet etwas ganz anderes von uns. Wir sollen unsere Sünden wahrhaftig bereuen. Unsere Fehler sollen uns leid tun. Wenn wir bereit sind, uns zu ändern und zu versuchen, nicht wieder zu sündigen, dann verzeiht uns Gott gern. Er verzeiht immer wieder und verzeiht jedem.

Renate: Gut, nun hält Sascha seine Rede. Du musst etwas erhöht stehen und laut sprechen. Luther soll ein stimmgewaltiger und zorniger Redner gewesen sein. Manchmal war er richtig beleidigend.

(Luther steigt auf eine Kiste hinter dem Rednerpult und beginnt.)

Deshalb hört nicht auf Prediger, die Nachlass der Sünden gegen Geld anbieten. Kauft keinen Ablassbrief, um euch vor der Hölle zu retten. Gebt euer Geld nicht für Wallfahrten nach Rom oder andere heiligen Stätten aus. Wenn der Prediger Tetzel euer Geld für Ablassbriefe will und sagt, dass er im Namen des Papstes handelt, dann predigt er unchristlich.

Ich hab es schon gesagt und geschrieben: Jeder Christ, ohne Ausnahme, der wirklich seine Fehler bereut, hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld. Also geht nach Hause Leute. Behaltet euer Geld für eure Familien.

Lied: Fürchte dich nicht

 

 

Szene III

Meuterei der Theatergruppe

Kai: So, nun habe ich mir das lange genug angehört! Das interessiert doch keinen Menschen mehr. Ablassbriefe - wer weiß denn noch was das ist. Das ist doch asbach uralt, Vergangenheit! Und Hölle und Fegefeuer, da glaubt doch keiner mehr dran. Der Teufel ist vielleicht für so ein paar Gruffties in, die schwarze Messen feiern und den Satan anbeten. Aber für normale Typen wie uns ist das voll daneben. Ich blamier' mich hier nicht weiter vor meinen Freunden, indem ich in so einem angestaubten Lutherstock mitspiele.

Renate: Was ist denn jetzt los? Meuterei?

Jasmin: Kai hat recht. Was hat denn Luther noch mit uns heute zu tun?

Renate: Na, immerhin heißt unsere Schule Lutherschule. Die Kirche und die Straße sind nach Luther benannt. Da wird dieser Mensch nicht unwichtig gewesen sein! Also lasst uns weitermachen!

Kai: Na toll! Unsere Straße heißt Igelweg. Die Kindergartengruppe: "Die Igel". Also ist der Igel ein hohes Tier, oder was? Da muss es aber noch überzeugendere Gründe geben, sich mit Luther zu beschäftigen, als nur so ein Formalkram.

Sonja: Was hat er denn Wichtiges gesagt und getan! Ich weiß eigentlich nur, dass er die Bibel ins Deutsche übersetzt hat und Lieder geschrieben hat. "Eine feste Burg ist unser Gott" und ein Weihnachtslied: "Vom Himmel hoch, da komm' ich her".

Jan: Ja, hab' ich mal im Chor gesungen. 15 Strophen lang! (fängt an zwei Strophen zu singen)

Maren: Hör auf Jan, Du nervst!

Andre: Ja, und Luther hat sein Mönchsein aufgegeben, um eine entflohene Nonne zu heiraten. Und mit der hatte er dann ich weiß nicht wie viele Kinder. Finde ich echt geil! Das hat damals bestimmt Wirbel gegeben! Da mussten doch alle Priester und Mönche keusch sein.

Jasmin: Du merkst Dir auch immer nur das Eine. Vielleicht sollte in Mathe mehr Erotik vorkommen.

Andre: Nur zu! Dann versteh' ich es bestimmt besser.

Renate: Luther hat versucht, den Menschen klarzumachen, dass sie keine Angst vor Gott haben brauchen. Gott war damals nur der strafende Richter für die Leute. Alle hatten eine Heidenangst ins Fegefeuer zu kommen.

Andre: Schön blöd!

Jasmin: Ach Andre, halt doch die Klappe.

Sonja: Heute glaubt doch kein Mensch mehr ans Fegefeuer. Für uns gilt doch nur noch die Wissenschaft.

Sonja: Ja, Genforschung und Atomkraftwerke! Toll! Als ob man keine Angst zu haben bräuchte.

Kai: Wir haben wirklich gute Gründe, Angst zu haben. Die Welt ist auch ohne Genmanipulation kaputt genug. Naturkatastrophen überall, ständig irgendwelche Kriege, Seuchen brechen aus.

Lisa: Da hat Luther doch überhaupt nichts mehr mit zu tun.

Kai: Sag ich ja! Das Stück interessiert doch keinen mehr.

Renate: Luther hat nun mal die damals aktuellen Ängste angesprochen. Aber es ging ihm doch nicht nur um Angst. Was ist mit der Gerechtigkeit? Interessiert die uns etwa nicht mehr?

(Schauspieler bleiben "eingefroren" sitzen oder stehen)

Lied: Wo ein Mensch Vertrauen gibt

 

 

Szene IV:

Luther im Kreuzverhör

Renate: Das Thema Gerechtigkeit war für Luther echt wichtig. Er hat sich gefragt, wie könnte Gott gerecht sein, wenn er immer nur strafen würde. Gott als Richter, der die Bösen bestraft und die Guten belohnt: Mir würde eine solche Vorstellung von Gott die Belastung, die ich ohnehin schon in meinem Alltag erlebe, noch zusätzlich verstärken. Kein Wunder, dass die Menschen im Mittelalter in erster Linie Angst vor Gott hatten. Zu einem solchen Gott könnte ich nicht beten, wenn ich in Not wäre oder ein Problem hätte. Aus Angst, für meine Fehler und Schwächen bestraft zu werden.

Kai: Aber Gerechtigkeit hat doch nicht nur etwas mit Strafe zu tun. Das war vielleicht früher so, dass die Menschen Gott als Weltenrichter sahen und sich seine Zuneigung durch religiösen Eifer verdienen wollten, aber heute doch nicht mehr.

Sonja: Genau! Das finde ich auch.

Jasmin: Das finde ich überhaupt nicht! Was früher war, betrifft uns heute alle noch. Ihr dürft die Vergangenheit nicht einfach unter den Teppich kehren, sonst würden wir hier nicht so sitzen.

Jan: Unser Gerichtsprimus spricht. Sehr gut! Setzen!

Renate: Jetzt streitet euch nicht! Das bringt doch nichts! Wir sollten lieber überlegen, wie wir die Vergangenheit mit der heutigen Zeit verknüpfen können. Hat einer einen Vorschlag?

Sonja: Ja! Ich! Gerechtigkeit verstehe ich heute ganz anders. Für mich ist Gerechtigkeit Gleichberechtigung für jeden z.B. für Mann und Frau, Schwarz und Weiß, ... und gleiche Chancen für Arme und Reiche.

Kai: Das sehe ich genauso! Aber Fairness gehört für mich auch dazu.

Renate: Seht ihr denn überhaupt nicht die Gerechtigkeit Gottes? Das er jeden akzeptiert, beschützt, gleich behandelt und alle liebt!

Sonja: Ja schon, aber wie konnte das Luther damals sehen? Denn damals war Gerechtigkeit nur mit Strafe verbunden. Da brauchte er erst dieses Aha-Erlebnis, bis er das kapiert hatte, dass Gott die Menschen auch liebt.

Renate: Ja, das mit der Liebe hat Luther eines Tages begriffen. Eine Bibelstelle brachte ihn darauf, dass Gerechtigkeit viel mit Liebe und Vergebung zu tun hat. Der Mensch macht zwar Fehler, aber Gott liebt den Menschen trotzdem. Und das ist doch ein sehr aktuelles Thema, oder?

Lisa: Irgendwie ist das schon komisch, was Luther damals so erzählt hat.

Maren: Echt, ey. Von wegen offener sein gegenüber anderen, nur weil man von Gott geliebt und akzeptiert wird!

Jan: Woher soll man überhaupt wissen, dass Gott einen liebt. Merkt man doch sowieso nicht!

Lisa: Ich denke, für die meisten ist die Liebe zwischen Menschen viel wichtiger. Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorstellen, ohne meinen Freund zu leben!

Maren: OK, aber nicht nur die Liebe von Freunden ist wichtig, sondern auch die Liebe und Geborgenheit der Familie.

Andre: Die körperliche Liebe gehört auch dazu, und die kann Gott bestimmt nicht geben.

Jasmin: Andre? Das tolle Mädchen aus der Disko?

Andre: Sei ruhig! Das ist meine Privatsache!

Renate: Liebe oder Sex! Für die Kirche steht jedenfalls die Liebe Gottes mehr im Vordergrund.

Kai: Oh Mann, das kann ich nicht glauben! Wie kann man Gott an die erste Stelle im Leben setzen?

Renate: Seid ihr endlich fertig mit eurer Meckerei? Ich will weiterproben. Im Mittelalter war das eben anders! Da war die Liebe zwischen Gott und Mensch durch Luther in den Vordergrund gestellt worden. Ist doch toll! Davor hatten die Menschen Angst vor Gott, weil er als strafender Richter bekannt war. Gott strafte durch Tod, Gewitter, Hungersnöte, Krankheiten, ...

Sonja: Ach hör auf! Naturkatastrophen kann man heute erklären und die meisten Krankheiten heilen.

Kai: Von wegen! Erdbeben gibt es immer noch und AIDS ist noch nicht heilbar. Ich habe schon manchmal Angst, dass ich mich irgendwo anstecken könnte. Aber das habe ich ja schon vorhin gesagt. Wir drehen uns im Kreis.

Renate: Also was soll passieren? Spielen wir das Theaterstück über Luther nun so weiter, wie es im Mittelalter war, oder nicht?

Kai: Nein, Geschichtsunterricht auf der Bühne ödet nur an! Da mach' ich nicht mehr mit.

Andre: Ich hab’ ‘ne Idee! Lasst uns doch das, was wir jetzt bequatscht haben, aufschreiben. Und dann peppen wir das Ganze auf und führen es als Musical auf. Martin Luther Superstar!

Jasmin: Mensch, Andre, endlich mal 'ne anständige Idee von Dir.

Maren: Dann lasst uns mal gleich anfangen. Gehen wir doch zu Kaisers, um es dort zu besprechen.

Lied: Vater unser

Gebet für uns und andere Menschen

 

 

Fürbittengebet

Unser Gott

Viele Menschen haben heute Angst:

Angst vor Umweltkatastrophen,

Angst vor Krieg,

Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes,

Angst vor Schule und Prüfungen,

Angst vor anderen Menschen,

oft sogar vor den eigenen Eltern.

 

Unser Gott

Wenn wir Angst haben vor Situationen,

denen wir uns nicht gewachsen fühlen,

dann brauchen wir jemanden, mit dem wir reden können.

Ein solches Gespräch kann befreiend sein

und uns Impulse liefern, wie wir unsere Ängste bewältigen können.

Gib uns Menschen, die uns zur Seite stehen,

und gib uns selber offene Augen für die, die Hilfe brauchen.

Lass uns auch immer wieder das Gespräch mit dir suchen.

 

Unser Gott

Jeder hat seine eigene Vorstellung von dir.

Manche Vorstellungen sind sehr bedrohlich, wie die Vorstellung,

dass deine Gerechtigkeit vor allem Bestrafung menschlicher Fehler und Schwächen bedeutet.

Dieser Gedanke löst Leistungsdruck und Angst aus.

Hilf, dass wir wie Luther erkennen, dass du ein verzeihender Gott bist,

der uns Menschen annimmt, auch wenn wir Fehler machen und versagen.

 

Unser Gott

Wenn wir so, wie wir sind, angenommen und vor dir gerechtfertigt sind,

hilf uns auch, für Gerechtigkeit einzutreten da, wo es heute nötig ist:

für berufliche Gleichberechtigung, für Gleichberechtigung aller Hautfarben,

für gerechte soziale Verhältnisse.

 

Unser Gott

Die Gottesliebe, die für Luther so wichtig war,

ist für viele Menschen heute unwichtig und unverständlich.

Jugendliche tun oft Gott selber und das, was damit zusammenhängt,

als langweilig und überholt ab.

Hilf uns zu erkennen,

dass diese Liebe etwas mit uns zu tun hat und viel Gutes bewirken kann.

 

Unser Gott

Wer Liebe empfängt und sich selber geliebt weiß,

kann auch Liebe weitergeben.

Schenke uns diese Erfahrung, damit sie Grundlage werden kann

für unser Zusammenleben und unseren gegenseitigen Umgang in allen Lebensbereichen.

Amen

 

Lied: Unfriede herrscht auf der Erde (607)

Schlusssegen

 

Text aus Loccumer Pelikan

3/1998