Halloween und Sankt Martin

von Annette Israel

 

„Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind…“ mit diesem Lied zogen wir als Kinder von Haus zu Haus. Wenn es dunkel war, traf man sich auf der Straße. Die Kleineren hatten Laternen dabei – und dann ging es los. Ab Anfang November war es möglich: Klingeln, Singen, Bonbons in die Tasche, weiter. Meinem kleinen Bruder wurde als ABC-Schütze von den Eltern einmal die Laterne eingezogen, weil er mit einem Mädchen aus dem Nachbarhaus Abend um Abend Beute machte. Idyllisch, nicht wahr?
Doch schon lange ist die Straße nicht mehr der Treffpunkt für Kinder, wo man Spielpartner findet. Wo, wenn es gut läuft, ein spontanes Völkerballturnier stundenlang ausgespielt wird. Und wo, wenn es schlecht läuft, ein Spiel gespielt wird, das: „Die Kinder aus der … .-straße ärgern“ heißt.
Nicht die Verdrängung des Christentums aus der Mitte der Gesellschaft, sondern die Ausbreitung des Autos und der „Pillenknick“ der frühen siebziger Jahre haben vielerorts das Martinssingen in den Straßen der Wohnviertel in Vergessenheit geraten lassen.
Heute läuft man noch mit dem Kindergarten oder dem Sportverein Laterne, im großen Zug. Kinder, Eltern, Großeltern, alle zusammen sind unterwegs. Eine Familienaktion, bei der die älteren Kinder, wenn es gut geht, mit Fackeln laufen dürfen. Heutzutage brennt auch keine Laterne mehr ab. Kein Risiko – man hat ja den Laternenstab mit Batterie und Taschenlampenbirne.
Aber am Abend des 31. Oktober geistern auf einmal Hexen, Kürbisköpfe, Gruselfratzen und Gespenster durch die Straßen. Feuerzeuge blinken auf, wenn die Kinder durch den Vorgarten kommen und klingeln. Leider brüllen sie meistens nur „Süßes oder Saures“. Aber fordert man sie auf ein Lied zu singen, dann versuchen sie es. Oft ist es nur „Alle meine Entchen“. Aber wenn man Glück hat, dann singen sie auch „Durch die Straßen auf und nieder“ oder „Ich geh mit meiner Laterne“. Wie erwartet kommen daraufhin auch die Süßigkeiten und mancher kleine Trupp singt im nächsten Jahr unaufgefordert.
Ob Halloween keltischen Ursprungs ist oder/und ob es sich von „all hallows even“ (Vorabend vor Allerheiligen) ableitet, dazu möchte ich hier gar nichts sagen. Einen Brauch, der sich weiter entwickelt, christlich zu „taufen“ bzw. „wiederzutaufen“, das widerstrebt mir. Denn mit einer solchen Re-Christianisierung läuft man normalerweise nur einer gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, ohne sie einzuholen.
Viel origineller ist „www.hallo-luther.de“. Lauter lustige, fröhliche und freche Einfälle, die Mut machen, das Zentrum evangelischer Theologie am 31. Oktober in origineller Weise zu verkündigen. Dass die Aktion ursprünglich „Hallo Luther statt Halloween“ heißt, ist in meinen Augen ein kleiner Schönheitsfehler – man muss nicht aus der Defensive heraus die Glaubenszuversicht weitersagen.
Zurück zu Hexen, Gespenstern und Vampiren, die zufällig am gleichen Tag ihr Unwesen treiben. Es wärmt mir das Herz, wenn ich die Schulkinder in der Tür stehen sehe. Und ich denke: Endlich habt ihr sie euch zurückerobert, die Nachbarschaft und die Straße! Endlich wieder altersgemischte kleine Gruppen ohne elterliche Kontrolle. Endlich wieder etwas gruseln in der Dunkelheit. Und umgehen mit dem destruktiv-konstruktiven Element des Feuers in der Kürbislaterne. Auch um die Beute kämpfen – als Kleinerer auf die Generosität der Großen hoffen. Und als Großer großmütig etwas abgeben. Nach Hause kommen und seine Schätze verstauen – herrlich.
In evangelischen Kindergärten und in der Jugendarbeit fördern wir Altersmischung und selbstbestimmtes Handeln. Wir möchten, dass Stärkere und Schwächere ihre möglichen Konflikte selbstständig lösen und Frustrationstoleranz entwickeln. Wir schaffen Angebote, die Kindern ermöglichen, mit Ängsten umzugehen, um sie überwinden zu lernen. Dazu nutzen wir elementare Kräfte wie Feuer und Wasser. Wir inszenieren die pädagogische Spielwiese. Bei Halloween ist alles von selbst da: Ein wunderbarer Spiel- und Lernort für unsere Kinder.

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2007

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