Rezension

   

Ada Fuest (Hg.): Mit Flüchtlingskindern lernen. Anregungen und Projekte aus der Praxis. Basiswissen Grundschule Bd. 35, Schneider Verlag Hohengehren: Baltmannsweiler 2017,
ISBN 978-3-8340-1624-9, 242 Seiten, 19,80 €

„Mit Flüchtlingskindern lernen“ ist ein Buch über die Umsetzung individualpsychologischer Grundsätze in der Schule. Zu diesen Grundsätzen gehört das pädagogische Prinzip der Ermutigung, das Prinzip der sozialen Gleichwertigkeit aller Menschen (das schulisch im Klassenrat Gestalt findet), das Prinzip der Zielgerichtetheit des menschlichen Handelns und das Prinzip des Gemeinschaftsgefühls als einem grundlegenden Bedürfnis des Menschen nach Zugehörigkeit. Reinhard Stähling und Ada Fuest, die beide neben ihrer beruflichen Arbeit als Grundschulleiter auch Individualpsychologische Berater (DGIP) sind, stehen für diese individualpsychologischen Grundsätze. Die Individualpsychologie Alfred Adlers und die dazugehörige Fachgesellschaft DGIP (Deutsche Gesellschaft für Individualpsychologie) ist die einzige tiefenpsychologische Schule, die eine pädagogische, sozusagen prophylaktische Sparte hat und deshalb Menschen aus vielfältigen Berufsgruppen eint.

Aus dieser Ausrichtung ergab es sich, Schule inklusiv zu denken – schon lange, bevor es den Begriff „Inklusion” überhaupt gab. Ada Fuest, von 1987 bis zu ihrem Ruhestand 2001 Schulleiterin der Norbert-Grundschule in Münster-Coerde, zeigt dies eindrücklich am Beispiel der Inklusion von Roma- und Sinti-Kindern (S. 156-170). Reinhard Stähling beschreibt die inklusive Beschulung, die es an der Grundschule Berg Fidel (heute: PRIMUS-Schule Berg Fidel/Geist) in Münster schon lange vor 1997 gab, als viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Kosovo an die Schule kamen.
Auch wenn die im Buch beschriebenen Erfahrungen um die 20 Jahre alt sind, die dahinter stehende Haltung ist aktueller denn je – wohl deshalb hat Ada Fuest den Titel „Mit Flüchtlingskindern lernen“ gewählt, der die Erwartung weckt, Lösungsstrategien für ein aktuelles Problem zu präsentieren.
Erfüllt das Buch diese Erwartungen? Ja! Allerdings nicht so, wie manche Leserin sich das vermutlich gewünscht hätte. Worauf es ankommt, steht oft zwischen den Zeilen, vermittelt sich im Staunen über pädagogische Interventionen wie über Lerninhalte, vermittelt sich manchmal trotz des zuweilen stark thesenhaften Stils, der Präsens-Satz um Präsens-Satz aneinanderreiht und keinen Widerspruch zu dulden scheint und ihn gerade dadurch provoziert.

Worin bestehen nun Lösungswege in der schulischen Arbeit mit Flüchtlingskindern? Meine Antworten nach dem Lesen des Buches sind:

  • im Sich-Einlassen auf Heterogenität als Ressource (keine Flüchtlingsklassen, sondern integrative Beschulung, bei der gemeinsame und individuelle Lernformen sowie leistungshomogener wie leistungsheterogener Unterricht sich sinnvoll abwechseln),
  • in der Orientierung am Kind und seinen Bedürfnissen nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft (unsere Aufgabe ist das Erziehen, nicht nur das Unterrichten – eine Differenzierung, die sich Grundschullehrerinnen noch nie „leisten“ konnten),
  • in der Berücksichtigung und Bearbeitung dessen, was die Kinder an seelischen Beschädigungen und aktuellen Problemen mitbringen (an stärksten deutlich bei Ada Fuest, für die Beratung und Unterricht synonym gebraucht werden),
  • in der Auswahl von Lerngegenständen beim Spracherwerb und beim Lesen- und Schreibenlernen, die die inneren und äußeren Erlebnisse des Kindes mit viel Feingefühl zum Thema machen (Märchen [fort-]schreiben, über Träume sprechen, sich in Geschichten finden, die eigene Muttersprache nicht nur als Alltagssprache in der Familie behalten, sondern an und in ihr generelle Sprachkompetenz entwickeln),
  • in intensiver Elternarbeit (Hausbesuche) und
  • in einer Reduzierung der Lehrpersonen für jedes Kind auf zwei bis drei (für Grundschulen nicht unüblich, für Gymnasien derzeit noch nahezu undenkbar).
     

Weiß man all dies nicht längst? Ja, man könnte es wissen. Aber wissen und in die Tat umsetzen sind „zwei Paar Stiefel“. Der Charme des Buches besteht darin, dass sich diese Einsichten durch die „Mitbewegung“ mit der Autorin Ada Fuest erschließen. Was sie an Anspruch für ihre Rolle als Lernbegleiterin für ihre Schulkinder hat, ist offenbar auch die Haltung, mit der sie ihre Leserinnen begleiten will: Sie geht voran, wir schauen ihr zu – und müssen lesend mitgehen. Manches wird uns einleuchten, unsere Handlungsmöglichkeiten mental erweitern, uns wieder neu mit der Vision versorgen: Ah, so kann es gehen! Ohne eine solche Vision, auch ohne das Nachdenken darüber, welchen Lebensstil wir in unseren Beruf als Lehrerin mitgenommen haben, wird es keine Änderung in der Haltung zu unseren Schülerinnen und Schülern geben.

Dem Buch hätte ein (sorgfältigeres) Lektorat ganz gut getan. Das fängt bereits in der Einleitung der Reihenherausgeberin Astrid Kaiser an: Das Buch sei eine „Neubearbeitung des kindorientierten Ansatzes von Ada Fuest“, den diese bereits im Buch „Und in der Mitte das Kind“ vorgestellt habe. Jetzt rahme sie ihre praktischen Ideen „im Kontext der gegenwärtigen Aufgaben“. Es bleibt unklar, ob es sich bei den Fuest-Kapiteln, die den weitaus größten Teil des Buches ausmachen, um Bearbeitungen des vorigen Buches handeln. Ebenso verwirrend ist, dass Fuest einerseits als Herausgeberin bezeichnet wird (auf dem Cover), andererseits aber doch sehr klar die Hauptautorin ist (Inhaltsverzeichnis). Die Beiträge von Barbara Wenders sind praktisch nicht redigiert und fallen gegenüber den Mitautoren Krystyna Strozyk und Reinhard Stähling sprachlich stark ab. Warum sind nur sieben Kapitel nummeriert, der Beitrag von Stähling aber nicht? Und warum hat Kapitel II mit fast 70 Seiten mehr als den vierfachen Umfang als zum Beispiel Kapitel I und V mit je 15 Seiten? Diesem Kapitel, dessen Überschrift die Leserin nicht entnehmen kann, dass es um die Arbeit mit und an Märchen geht, hätte eine Straffung im Hinblick auf die Lesefreundlichkeit sehr gut getan. Im Literaturverzeichnis fehlen Max Lüthi, Hans Kügler (S. 97) und Andriessens 1995 (S. 114) – dafür sind Seminarpapiere aus dem Jahr 1980 genannt. Letzteres ist sicher dem Wunsch geschuldet, Hans Josef Tymister, Ada Fuests individualpsychologischem Lehrer, Reverenz zu erweisen. Aber ist eine Schülerin nicht irgendwann selbstständig in dem, was sie von anderen gelernt hat? Was können und wissen wir, was wir nicht von anderen gelernt haben? Schön wäre es auch gewesen, wenn das Buch ohne Insider-Abkürzungen ausgekommen wäre: Was ist RP (S. 167)? Außerhalb Nordrhein-Westfalens versteht diese Abkürzung niemand.

Das alles ist ärgerlich, trifft aber den Verlag und nicht die Autorin. Empfehlen möchte ich das Buch dennoch: weil es inspiriert, den Horizont erweitert und Mut macht, sich auf das Eigentliche von Schule zu besinnen: die Kinder.

Bärbel Husmann

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2017

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