Rezension

Kinoplakat: "Storm und der verbotene Brief" © farbfilm verleih GmbH  

Storm und der verbotene Brief:
Kinder- und Jugendfilm, Niederlande 2017,
Regie: Dennis Bots

Nichts ist unmöglich.“ Diese Überzeugung, die das Waisenkind Marieke im entscheidenden Moment zu Storm, Sohn eines Druckers im Antwerpen des Jahres 1521, spricht, wird zur Triebfeder und zu einem der Leitmotive des Films, der am 23. März 2017 in die deutschen Kinos kam.

„Storm und der verbotene Brief“ ist ein gelungener Beitrag zum Reformationsjubiläum, der die zentrale Überzeugung Martin Luthers von der Freiheit und Verantwortung eines Christenmenschen coram Deo zum Thema macht – und das auf bemerkenswert andere Weise.
Während bekannte Luther-Filme ihren Fokus auf die Figur des Reformators setzen bzw. wie Ende Februar das ZDF zunächst auf Katharina und dann erst Martin, so kommt Dennis Bots Film mit einer einzigen Szene aus, in der Luther gezeigt wird. „Seien Sie vorsichtig, mein Freund“, gibt er eindringlich dem Mönch mit auf den Weg, der zum Junker Jörg auf die Wartburg gekommen ist, um ein Schriftstück persönlich in Empfang zu nehmen. Jedes weitere Wort Luthers gelangt in den folgenden gut anderthalb Stunden ausschließlich über das Verlesen und Deuten von Auszügen seiner Schriften „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ und „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ an die Augen und Ohren des Zuschauers.

Anders als gewohnt sind auch Zeit und Ort gewählt. So setzt die Handlung erst 1521 ein und sie spielt nicht im Deutschland der Reformationszeit, sondern in Antwerpen. Zentrale, noch dazu fiktive Figuren sind zwei Kinder, nicht etwa Erwachsene. Und schließlich wird das Interesse des Betrachters in keiner Weise auf die Biografie Luthers gelegt. Sein Brief an die Bürger von Antwerpen ist es, der den Dreh- und Angelpunkt der Handlung setzt.

„Storm und der verbotene Brief“ macht auf eindrückliche Weise das Wort stark – das gesprochene, geschriebene und gelesene Wort. Bots setzt reformatorische Grundüberzeugungen großartig in Szene: die Freiheit der Gedanken und des Wortes. Das Ansehen des Menschen von und vor Gott im Kontrast zum menschenverachtenden und Gottes Wort verfälschenden skrupellosen Verhalten der Inquisition. Den Wert von Bildung und Mündigkeit und von kritischem Denken.

„Warum erlaubt ihr eine solche Grausamkeit? Sie sind wenige, ihr seid ganz viele. Helft mir!“ fordert Storm auf dem Höhepunkt der Handlung die Bürger von Antwerpen auf. Sie sollen endlich ihre Freiheit und Verantwortung wahrnehmen. Sie sollen seinen Vater vor dem Scheiterhaufen bewahren und die Inquisition in ihre Schranken weisen. „Warum erlaubt ihr eine solche Grausamkeit?“ – Erwachsene Menschen werden zur Rechenschaft gezogen von einem zwölfjährigen Jungen. Und der Zuschauer kann nicht anders als dieser wütenden und verzweifelten Aufforderung aus vollem Herzen zuzustimmen.

Die Handlung des Films zieht nicht nur Jugendliche in den Bann. Hier wird eine wirklich spannende Geschichte erzählt, eine Geschichte von Familie und Freundschaft, in der der Zuschauer bis zur letzten Minute mitfiebert und – zumal bei solch sympathischen Hauptdarstellern – nichts anderes als ein gutes Ende wider alle Ungerechtigkeit dieser Zeit denken mag:

Ein unbekannter Mönch reist zu Martin Luther auf die Wartburg, um einen Brief in Empfang zu nehmen. Die Parallelszenen zahlreicher herannahender dunkler Reiter unterstreichen die Gefährlichkeit und Bedrohlichkeit der Tat; der Mönch hat die Burg noch nicht verlassen, als Luther bereits festgenommen wird.

In Antwerpen arbeitet zur gleichen Zeit Klaas Voeten in seiner Druckerei, unterstützt von seinem Druckergehilfen Hermann und seinem Sohn Storm. Ein Mann kommt in die Druckerei und überzeugt Voeten, einen gefährlichen Auftrag entgegenzunehmen: Der kundige Zuschauer erkennt das Manuskript zu Luthers „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“.

Auf dem Heimweg gerät Storm auf dem so genannten Freitagsmarkt in eine dramatische Szene: Ein benachbarter Drucker wird verhaftet, seine Bücher öffentlich verbrannt. Trauer und Entsetzen stehen dem jungen Storm, der um die Kostbarkeit und den Wert der Bücher weiß und zugleich auch seinen Vater bedroht sieht, ins Gesicht geschrieben. Zuhause angekommen, erklärt Storms fromme Mutter ihrem entsetzten Sohn, wer dahinter steht: Franz van der Huld, der neue Inquisitor von Antwerpen: „Er untersucht, ob die Menschen gute Katholiken sind.“

Während die Familie bei Tisch sitzt und die Mutter das Gebet spricht, zeigt die Parallelszene die grausame Realität in der Folterkammer. Am gleichen Abend belauscht Storm einen Streit der Eltern um Sinn und Unsinn des Ablasses. Verstört schleicht er sich aus dem Haus und sucht Alwin, Literaten und Freund der Familie, auf. „Wer ist Martin Luther?“, will Storm wissen – überzeugend ernsthaft, wissbegierig und klug gespielt von Davy Gomez.

Auch das ist ein unerwarteter Zugang, Reformation zu erzählen: Es sind die Augen eines Kindes, die das Elend in den Straßen, die Willkür und Grausamkeit kirchlicher Inquisition und das revolutionäre und gefährliche Potenzial derjenigen wahrnehmen, die sich heimlich in der Kirche treffen, um zu hören, was dieser Martin Luther in Deutschland zu sagen hat.

Alwin leiht Storm ein Buch – „Von der Freiheit eines Christenmenschen.“ Es ist für einen Erwachsenen heute kaum nachvollziehbar, wie es sich anfühlt, ein verbotenes Buch in den Händen zu halten. Wie viel weniger ist es das für einen heutigen Zwölfjährigen, dem der Gedanke von einem Buch als Kostbarkeit überhaupt alles andere als selbstverständlich ist.

Und wie wirkt dann erst die für heutige Zuschauer altertümliche Druckplatte, auf der der Brief Luthers gesetzt ist! Sie hat den Vater ins Gefängnis gebracht und soll ihn auf den Scheiterhaufen bringen. Storm nimmt sie wie einen kostbaren Schatz an sich, um sie zu verstecken, und setzt sein eigenes Leben damit aufs Spiel. „Dieser Brief darf nie gedruckt werden“ – so die Anordnung des Inquisitors der Stadt, mit dem Storm den Kampf um die Wahrheit und die Freiheit aufnimmt.

Der Film erzählt über aller reformatorischer Botschaft die Geschichte einer Freundschaft. Glaubt der Zuschauer, bereits in Storm einen starken Charakter erkannt zu haben, so lernt er mit dem Waisenkind Marieke (ebenso grandios gespielt von Juna de Leeuw) ein Mädchen kennen, das es seit vielen Jahren geschickt versteht, in den Katakomben der Stadt zu überleben. Mariekes Mut, Klugheit und ihr tiefes Vertrauen in die Mutter Gottes treffen auf Storms Willen, seinem Vater das Leben zu retten und seine Fähigkeit, lesen zu können.

Mariekes Bitte, ihr das Lesen beizubringen, resultiert zunächst aus ihrem tiefen Wunsch, das Tagebuch ihrer verstorbenen Mutter, lange gehütet hinter losen Steinen ihres Versteckes, selbst lesen zu können und damit ihre eigene Geschichte zu erfahren. Rückblickend erkennt die Zuschauerin, die sich der heutigen Selbstverständlichkeit ihrer eigenen Bildung bewusst wird, in dieser Bitte Mariekes den entscheidenden Moment des Geschehens. Diese beiden Kinder versuchen nicht nur, Storms Vater zu retten, sondern auch, den Menschen der Stadt die Augen zu öffnen für die – in theologischer Interpretation – Botschaft der Reformation.

Ein ganz besonderer Moment des Films ist schließlich das retardierende Moment: Alles scheint verloren, der Inquisitor gewonnen zu haben. Alles, was Storm bleibt, ist der Brief Martin Luthers, den er in Mariekes Tagebuch abgeschrieben hat, und die zerstörte Druckerei seines Vaters. Und ihm bleibt das Wissen, dass nur eine Veröffentlichung des Briefes noch zu einem Aufruhr führen könnte, der seinen Vater möglicherweise retten würde. „Warum druckst du ihn nicht selbst?“, fragt Marieke den Druckersohn. „Ich bin nicht stark genug“, gesteht Storm, der weiß, dass er die Presse mit seiner Armeskraft nicht in Bewegung bekommt. „Ich kann dir helfen“, verspricht Marieke Storm zum zweiten Mal in dieser Geschichte. Nichts ist unmöglich.
Es lohnt sich sehr, sich diesen Film anzuschauen. Und ganz bestimmt nicht nur für Jugendliche.

Kirsten Rabe

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2017

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