Rezension

 

Johanna-Elisabeth Giesenkamp,
Elisabeth Leicht-Eckardt und Thomas Nachtwey:
Inklusion durch Schulverpflegung.
Wie die Berücksichtigung religiöser und ernährungsspezifischer Aspekte zur sozialen Inklusion im Schulalltag beitragen kann.
Lit Verlag, Berlin, 2. Auflage 2013
Reihe: Interreligiöse Perspektiven, Band 6
ISBN 978-3-643-12051-9, 136 Seiten, 24.90 Euro

 

Das Buch greift ein im Zusammenhang von aktueller Flüchtlingssituation in Schulen, den schulpolitischen Entwicklungen hin zu Ganztagsschulen und schulischer Inklusion wichtiges Thema auf: eine Schulverpflegung, die den unterschiedlichen Bedürfnissen einer multikultureller und multireligiöser werdenden Gesellschaft gerecht werden soll, indem religiöse Speisevorschriften und kulturelle Prägungen bei der Bereitstellung von schulischer Verpflegung beachtet werden. Damit wird versucht, Inklusion zu fördern in einem Bereich, der zunächst einmal durch starke Exklusion charakterisiert ist: Speisevorschriften, -empfehlungen, -traditionen und damit im Zusammenhang stehende Rituale waren und sind häufig Bestandteile von Religionen, die religiöse Identität stiftend und bestimmend sein können; religiöse Identität manifestiert sich auch im Einhalten der an die Religion gekoppelten Speisevorschriften. Damit haben diese tendenziell einen definitorischen und exklusiven Charakter. Das gemeinsame Speisen unter Beachtung der Vorschriften verbindet zudem die Angehörigen einer Religion miteinander. Gleichwohl werden religiöse Speisevorschriften in einer sich wandelnden Welt unterschiedlich häufig und intensiv eingehalten.

Das Buch fußt auf einem Forschungsprojekt, das von einem multiprofessionell zusammengesetzten Projektbeirat begleitet wurde. Es hat vor allem wissenschaftlichen und informierenden Charakter, jedoch mit dem klaren Ziel, auf die Praxis der Schulverpflegung im Sinne von Inklusion positiv einwirken zu wollen. Dem Buch liegt ein umfassender Inklusionsbegriff im Sinne von „sozialer Inklusion“ zugrunde. In der Definition des Begriffs wird ein Bezug zur aktuellen Fachdiskussion hergestellt. Sie lässt allerdings einige Bezüge vermissen und erscheint verkürzt. Deutlich positiv zu bewerten ist, dass auch die Diversitätsdimension Religiosität in den Blick genommen wird.

Im ersten Teil des Buches werden vor allem detailliert die Speisevorschriften der Weltreligionen Christentum, Islam, Judentum, Buddhismus und Hinduismus sowie die religiösen Speisegewohnheiten vorgestellt, ohne andere besondere Ernährungsformen, wie z. B. vegetarische und Vollwerternährung, und den in Deutschland zu verzeichnenden gesellschaftlichen Wandel in Bezug auf Religiosität und Religionsausübung außer Acht zu lassen. Im zweiten Teil erfolgt dann ein detaillierter Praxisbezug. Am Ende werden nach vielen ausführlichen und strukturierten Vorschlägen zur Umsetzung einer multireligiösen Schulverpflegung eine Checkliste sowie Verweise auf Internetseiten zur Verfügung gestellt, die fast alle zu diesem Zeitpunkt noch genutzt werden können.

Die Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schüler Schulverpflegung nutzen, wird als ein Aspekt der Ernährungsbildung und der Bildungsteilhabegerechtigkeit gesehen und ist damit für eine erfolgreiche Inklusion unabdingbar.

Kritisch hinterfragen könnte man, warum sich in diesem Zusammenhang ausschließlich auf „große Richtungen von Ernährungsformen“ bezogen wird, ob nicht gerade individuelle Ernährungsbedürfnisse unter dem inklusiven Aspekt ebenso zu beachten wären, z.B. Allergien, Unverträglichkeiten und die physische Fähigkeit, bestimmte Formen von Nahrungsmitteln zu sich nehmen zu können. Dieser Bereich scheint in der heutigen Gesellschaft zudem immer mehr Menschen zu betreffen und der letztere gewinnt im Rahmen der Inklusion von Menschen mit körperlichen Einschränkungen an Bedeutung.

Zur Umsetzung des Konzepts sollen über die Schule hinaus Bezüge aus den Kontexten der Schülerinnen und Schüler genutzt werden, d.h. es werden bspw. der Stadtteil/ die Kommune sowie Vertreter der religiösen Gemeinschaften einbezogen. Dies erscheint unter dem inklusiven Aspekt sinnvoll, da Inklusion durch Partizipationsmöglichkeiten lebt, darüber hinaus aber auch Möglichkeiten schafft, überaus komplexe Zubereitungsvorschriften einschließlich des Werkzeuggebrauchs und der -reinigung überhaupt umsetzen zu können. Des Weiteren soll innerhalb der Schule eine Arbeitsgemeinschaft gebildet werden, die für die Umsetzung einer inklusiven Schulspeisung verantwortlich ist. Die Mitglieder der AG können durch Fortbildungsangebote z.B. im Rahmen des Projekts für diese Aufgabe qualifiziert werden. Hier stellt sich aus meiner Sicht dennoch die Frage, ob angesichts der Komplexität der Aufgaben, die in dem Buch sehr deutlich wird, nicht dennoch eine Überforderung zu erwarten ist und stattdessen die Unterstützung z.B. durch Ökotrophologen bei der konkreten Planung und Durchführung einer inklusiven Schulspeisung notwendig sein wird.

Birte Hagestedt

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2016

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