Rezension

 

Gottfried Orth / Hilde Fritz: „… und sei stolz auf das, was du bist“. Muslimische Jugendliche in Schule und Gesellschaft, Verlag RPE Religion – Pädagogik – Ethik, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-9383-5614-2, 176 Seiten, 13,90 Euro

Empirische Studien zur Bedeutung der Religion unter christlichen Jugendlichen sind zahlreich, für muslimische Jugendliche setzt die Forschung erst ein. Unter diesen Ansätzen sticht das Buch von Fritz Orth und Hilde Fritz positiv hervor. Ihnen gelingt es, die Lebensentwürfe von Fatima und Nihat detailliert und zugleich empathisch nachzuzeichnen und im Blick auf Schule und Gesellschaft gewinnbringend zu reflektieren. Beide Jugendlichen besuchen die Abschlussklasse einer Förderschule Lernen, gehören also zu den so genannten Bildungsverlierern. Hier werden sie nun vom Rand in die Mitte gerückt, mit ihren Brüchen, Schwierigkeiten und Leistungen.

Die Grundlage bildet eine umfassend angelegte Studie der Autorin und des Autors unter 570 Jugendlichen der 5. bis 10. Klasse verschiedener Schulformen, darunter 51 muslimische Schülerinnen und Schüler. Sie befragten die Jugendlichen nach ihren wichtigsten Lebensregeln: „Schreibe bitte zehn Lebensregeln auf, die dir wichtig sind und die für alle gelten können!“ Diese werteten sie aus und formulierten Kategorien. An erster Stelle stehen die Lebensregeln zum Umgang mit Mitmenschen, sogleich gefolgt von den Regeln zur Gewaltfreiheit. Die Bedeutung von Religion tritt nur auf den ersten Blick zurück, denn es zeigt sich, dass sie in vielen Äußerungen mitschwingt. Auffallend ist dabei, dass muslimische Jugendliche der Religion mehr Bedeutung beimessen als christliche, katholische Jugendliche mehr als evangelische.

Zur Vertiefung wurden ausgewählte Jugendliche ergänzend mündlich interviewt, so auch Fatima und Nihat. Ihre Aussagen sind im Anhang des Buches dokumentiert. Sie erweisen sich als charakteristisch für zwei gegensätzliche Lebensentwürfe: „Nihat – ein Jugendlicher zwischen Fremdheit und erhoffter Heimat“ und „Fatima – eine Jugendliche in und zwischen drei Welten“. Vor dem Hintergrund sozialwissenschaftlicher, humanwissenschaftlicher und theologischer Ansätze verdeutlichen die Autoren die Differenz zwischen Ich-Bezogenheit und Kollektiv-Bezogenheit. Erstere wird im deutschen Schul- und Lebensalltag geschätzt und gefördert, letztere tendenziell abgewertet, so die Autoren. „Fatima befindet sich auf dem Weg einer modernen bzw. postmodernen Identitätsentwicklung und behält ein wesentliches Element ihrer Herkunftskultur bei: das familiäre Kollektiv. […] Ganz anders bei Nihat: Seine Identität ist bestimmt von der Gemeinschaft, der Familie, der Moschee, der Herkunft aus dem türkischen Islam. […] Ihn trifft deshalb jene bewusste oder unbewusste Abwertung kollektiver Identitäten“. (S. 95) „Niemand, auch keine/r in der Schule, erklärt ihm die Welt so, dass er (!) es auf seinem (!) Hintergrund verstehen kann.“ (S. 99)

Die empathische Wahrnehmung der Jugendlichen zeigt nach Ansicht von Orth und Fritz, dass modernisierungstheoretische Ansätze (etwa bei Werner Schiffauer und den Shell-Jugendstudien) wie die Thesen zum Aufblühen einer religiösen Gegenkultur (etwa bei Necla Kelek) heuristisch hilfreich sein mögen. Für sich allein genommen greifen sie jedoch zu kurz und verschließen eher den Zugang zu den einzelnen Menschen. Stattdessen sei die individuelle Vielschichtigkeit der Lebensentwürfe von Jugendlichen ernst zu nehmen. Gerade im Kontext von Schule seien Empathie und Perspektivwechsel sowie der Umgang mit Differenz gefragt und auch so weit wie möglich auszuhalten. Gemeinschaftsbezug und Subjektwerdung schließen sich demnach keineswegs aus. Interreligiöses Lernen müsse „seinen Ausgangspunkt bei gelebter Religion und volksislamischen bzw. volkschristlichem Wissen“ (S. 143) nehmen und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung bieten. Hierbei gelte es, sich auch an den vielfältigen Formen der jeweiligen Hochreligion und gelehrten Religion abzuarbeiten, die in Differenz zur gelebten Religion stehen können. Gegenüber einer „Wut des Verstehens“, eines Verstehenwollens um jeden Preis bis hin zur Vereinnahmung und Ignoranz, entwickeln Orth und Fritz auf dieser Basis abschließend ihr Konzept einer Pädagogik der Heterogenität.
Denen, die mit muslimischen – und nichtmuslimischen – Jugendlichen leben und arbeiten, sei dies Buch empfohlen. Die Lektüre eröffnet neue und sehr menschliche Perspektiven, die dem Zusammenleben in Schule und Gesellschaft dienen.

Christoph Dahling-Sander