Rezension

   

Gottfried Adam, Hannegreth Grundmann und Steffen Kleint (Hg.): Bibelfliesen – eine pädagogische Entdeckung, Comenius-Institut: Münster 2015, ISBN 978-3-943410-18-1, 316 Seiten, 17,50 Euro

 

Bibelfliesen – kleine viereckige Kleinode an der Wand hinter dem Herd oder dem Kamin – sie stehen im Zentrum der Veröffentlichung des „Norder Bibelfliesenteams“, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen einzigartigen und ästhetischen Schatz zu heben und als regionalen, geschichtlichen, aber auch aktuellen Zugang zu biblischen Geschichten mit ihren Botschaften zu entdecken. Den Herausgeberinnen und Herausgebern liegt daran, „das Potential der Bibelfliesen und der Fliesenbibel für die pädagogische Arbeit in Gemeinde und Schule wahrzunehmen und nutzbar zu machen“ (12). Dafür konnte das Team viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewinnen, die aus unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungsfeldern Anregungen für den persönlichen, aber auch professionellen Umgang mit dem Thema geben. Sie knüpfen dabei bei der Alltagstauglichkeit des Mediums an und folgen einem Ansatz, der biografische, persönliche Zugänge mit theoretischen verbindet und/oder Impulse für die Praxis geben will.

So beginnt das Buch folgerichtig mit drei unterschiedlichen individuellen Erfahrungsberichten über den persönlichen Zugang zu der Thematik. Interessant ist hier auch die internationale, historische Perspektive, die Gottfried Adam mit dem Theologen Philipp Doddrige (1702-1751, England) ins Spiel bringt.

Im zweiten Teil – Grundlegendes – werden Informationen über die Geschichte und die Herstellung von Bibelfliesen gegeben, aber auch ihr „Sitz im Leben“ beleuchtet. Mit dem Blick auf die Frömmigkeitsgeschichte dieser religiösen Gebrauchskunst wird die Idee der religiösen Bildung eingeführt, die sich über die alltägliche Anschauung und Vergegenwärtigung der Geschichten ereignet und zu immer neuen Entdeckungen im Lebenslauf einlädt.

Zu den grundlegenden Überlegungen gehören auch die theologischen und pädagogischen. In diesem Abschnitt wird neben der Auseinandersetzung mit dem Bilderverbot der an dem Kompetenzgedanken angelehnte Dreischritt der pädagogischen Erschließung eingeführt, der grundlegend für die pädagogische Perspektive des Buches ist: Wahrnehmen – Deuten – Gestalten. Der pädagogische Ansatz dieses Buches begnügt sich nicht damit, Sachinformationen geben zu wollen, sondern intendiert eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Anzuschauenden und der Reflexion darüber, wo ich betroffen bin mit meiner Lebensgeschichte (vgl. 62). Ein gestaltendes Begreifen soll folgen. Eine erste Konkretion für diesen Ansatz folgt mit der vorgestellten Arbeit mit Jugendlichen in der Sekundarstufe I. Sie bildet den Übergang zu dem dritten Teil des Buches, den Praxisbausteinen.

Die Praxisbausteine sprechen verschiedene Bereiche und Zielgruppen an: Familie und Kindertagesstätte, Schule und Konfirmandenarbeit, Erwachsenenbildung, Ausstellungen, Begleitprogramme und Museen, Predigten. Die einzelnen Beiträge beginnen mit einer Übersicht über die Zielgruppe, das Ziel der Einheit, die geplante Dauer und die Form der Durchführung, so dass man sich als Leserin/Leser schnell einen Überblick über das Praxisfeld verschaffen kann. Bei aller Unterschiedlichkeit folgen alle Beiträge dem pädagogischen Ansatz und folgen dem Muster Wahrnehmen, Deuten, Gestalten. Hier (besonders in den Gestaltungsvorschlägen) zeigt sich die ungeheure, einladende Kreativität, die die Bibelfliesen freisetzen können (vom Gestalten einer Fliese über Puzzle, Rätsel, Fliesen-Memory, Musik etc.), ohne allerdings den Eindruck zu erwecken, dass man allein durch die Beschaffung der Materialien überfordert sein könnte.

Den Abschluss bildet ein Informationsblock über das Verzeichnis der Bibelfliesen, die Fliesenbibel sowie weitere Literatur und Internetquellen.

Insgesamt ist es dem Bibelfliesenteam gelungen, eine in sich stimmige Veröffentlichung vorzulegen, die einem konsistenten Theorieansatz folgt, einlädt zur bilddidaktischen Arbeit mit den Bibelfliesen in Familie, Kindertagesstätte, Schule und Gemeinde. Darüber hinaus regt sie an, darüber nachzudenken, wo und wie heute solche alltagstauglichen Elemente zu finden sind, die religiöse Bildung ermöglichen. Bibelfliesen können – gerade auch mit Hilfe dieses Buches – zu einer Entdeckung werden.

Ute Beyer-Henneberger

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2015

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