Rezension

    

Ingrid Wiedenroth-Gabler: Kompetenter Religionsunterricht. Konzeptionell, kreativ, konkret. Westermann-Verlag Braunschweig 2014. ISBN-10: 3141621489. ISBN-13: 978-3141621488. Preis: 21,50 Euro

Fast fünfzehn Jahre nach PISA ein weiteres Buch zum kompetenzorientierten Religionsunterricht. Wurde hier nicht bereits alles aus der Perspektive von Theorie und Praxis gesagt und geschrieben? Die Buchliste der Theoriebände und der Publikationen mit Praxisbeispielen ist lang. Was allerdings fehlt, sind Veröffentlichungen, die zwischen den Ansprüchen der Theorie und den Gegebenheiten und Notwendigkeiten der Praxis vermitteln. Ingrid Wiedenroth-Gablers „Kompetenter Religionsunterricht“ setzt hier an. Als Zielgruppe ihres Buches nennt die Autorin „Praxisorientierte, die den Anschluss an die Theoriebildung suchen, die reflektierte Praxis mit praxisorientierter Theorie verbinden wollen“ (S. 5). Dieser Prämisse folgend, teilt das Buch sich in drei Abschnitte.

Kapitel 1 gibt einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Religionspädagogik der letzten siebzig Jahre und geht auf aktuelle Fragen der Religionsdidaktik ein. Dabei sind rechtliche, inhaltliche und bildungstheoretische Begründungen für den Religionsunterricht, entwicklungspsychologische Erkenntnisse, Fragen zur Rolle und Persönlichkeit der Religionslehrkräfte sowie didaktische und methodische Entscheidungen als Planungsgrundlage des Religionsunterrichts im Blick. Für Leserinnen und Leser, die sich vertiefend mit den einzelnen Themen auseinandersetzen wollen, werden am Ende des Kapitels – wie auch am Ende vieler weiterer Kapitel – hilfreiche Literaturhinweise gegeben.

Kapitel 2 stellt die inhaltsbezogenen Kompetenzbereiche der aktuellen Kerncurricula für den Religionsunterricht in den Mittelpunkt. Neben den bekannten Kompetenzbereichen der niedersächsischen Kerncurricula („Nach dem Menschen fragen“, „Nach Gott fragen“, „Nach Jesus Christus fragen“, „Nach der Verantwortung des Menschen in der Welt und in der Gesellschaft fragen“, „Nach Glauben und Kirche fragen“, „Nach Religionen fragen“) wird auch der in anderen Bundesländern eingeführte Kompetenzbereich „Nach der Bibel fragen“ berücksichtigt. Alle Kapitel über die sieben Kompetenzbereiche werden durch ein Schaubild eingeleitet, dass den Fokus auf fachwissenschaftliche und didaktische Fragestellungen legt. Hier erhalten die Leserinnen und Leser einen Überblick über die Schwerpunkte des Kompetenzbereichs, die anschließend in kurzen Texten aufgegriffen und expliziert werden. Es folgt eine Verknüpfung des Kompetenzbereichs mit den fünf prozessbezogen Kompetenzbereichen („Wahrnehmungs- und Darstellungskompetenz“; „Deutungskompetenz“; „Urteilskompetenz“; „Dialogkompetenz“; „Gestaltungskompetenz“). Ein möglicher Kompetenzerwerb am Ende eines Bildungsganges wird hier deutlich. Den Abschluss bildet eine Tabelle, die einen möglichen spiralcurricularen Aufbau des Kompetenzbereichs von Klasse 1 bis 10 darstellt.

Sowohl im Blick auf die Verknüpfung von inhalts- und prozessbezogenen Kompetenzen als auch auf die spiralcurriculare Darstellung wäre der Hinweis hilfreich, dass es sich hier um einen (für die Leserinnen und Leser hilfreichen) Vorschlag der Autorin handelt. Letztlich wird eine entsprechende Arbeit von den Kolleginnen und Kollegen unter der Berücksichtigung regionaler Bezüge in den Fachkonferenzen vor Ort zu leisten sein.

Kapitel 3 konkretisiert die dargestellten inhaltsbezogenen Kompetenzbereiche. Dazu stellt die Autorin beispielhaft Aufgaben für verschiedene Jahrgangstufen vor. Diese orientieren sich an den prozessbezogenen Kompetenzbereichen und werden durch ein Ausgangsmedium eingeleitet. An dieser Stelle lässt sich nicht immer ein direkter Zusammenhang zwischen dem Medium und einzelnen Aufgaben herstellen. Jedoch zeigen die Aufgaben Möglichkeiten einer Verknüpfung zwischen prozess- und inhaltsbezogenen Kompetenzen auf. Die im einleitenden Text zu Kapitel 2 angekündigte „Anwendungs- und Problemlösungsfähigkeit in konkreten Anforderungssituationen“ (S. 84) kommen in den Aufgabenstellungen ansatzweise in den Blick. Durch eine stärkere Fokussierung auf Aufgabenbeispiele, die sich auf alltägliche oder herausgehobene Situationen beziehen und die Schülerinnen und Schüler fordern, sich zu konkreten Herausforderungen zu verhalten oder selbst zu handeln, wäre das Profil eines kompetenzorientierten Religionsunterrichts noch deutlicher hervorgetreten.

Trotz dieser kritischen Anmerkungen ist das Buch ein wichtiges Kompendium für Studierende, Referendarinnen und Referendare und Berufsanfänger. Es schlägt eine Brücke zwischen Theorie und Praxis und gibt einen orientierenden Überblick über die aktuelle Diskussion und den Stand des kompetenzorientierten Religionsunterrichts.

Dietmar Peter

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2015

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