Rezension

 

Bärbel Husmann und Roland Biewald (Hg.): Spiritualität. Impulse zur Reflexion religiöser Praxis im Religionsunterricht. Themenhefte Religion Bd. 11, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, 2013, ISBN 978-3-374-03257-0, 104 Seiten, 19,80 Euro

Kann man sich im Religionsunterricht auch praktisch mit Formen christlicher Spiritualität befassen, ohne in den Verdacht zu geraten, den Unterricht ungebrochen zu einer kirchlichen Veranstaltung zu machen? Das Themenheft „Spiritualität“ zeigt performative, d.h. erprobende und zugleich reflexive Wege dafür auf, gelebte Praxis christlichen Glaubens ansichtig zu machen und sie als solche gesprächsfähig zu halten.

Den Hintergrund dieses Konzepts zum liturgischen Lernen in der Schule bildet ein christliches Spiritualitätsverständnis, für das der Wechselbezug von Überzeugung und Gestaltfindung prägend ist und in welches auch konfessionell-kooperative Sichten differenziert eingetragen werden (Peter Zimmerling). Bärbel Husmann legt auf dieser Folie didaktische Leitlinien als roten Faden eines evangelisch verstandenen Spiritualitätslernens dar, das sich von mystagogischem Lernen abgrenzt. Dafür ist nicht nur die Verbindung, sondern auch die Unterscheidung von schulischem religiösen Lernen zu kirchlicher Einübung wichtig: Dem Konzept geht es darum, Formen gelebten Glaubens als solche kennenzulernen und so Jugendliche dazu zu befähigen, religiöse Praxis als Praxis begreifen und verstehen zu können.

Die Unterrichtssequenzen von Lehrkräften, die im Göttinger Umfeld ausgebildet worden sind, entstammen dem Religionsunterricht an Gymnasien und Gesamtschulen. In ihrem Aufbau werden Eignungen und Beteiligungsformen für unterschiedliche Jahrgangsstufen ebenso berücksichtigt wie eine gute Balance aus Erkunden und Erproben. Der didaktische Aufbau liturgischer Handlungskompetenzen für den christlichen Alltag orientiert sich sinnvollerweise an jugendlicher Entwicklungssensibilität und der Fähigkeit, diesen Spiritualitätselementen reflexiv nachzugehen: Singen (Jg. 5/6; Stefan Klockgether); Beten (Jg. 7/8; Daniel Ruf); Hören – Lesen – Studieren (Jg. 9/10; Florian Dinger); Wege gehen – Pilgern (Sekundarstufe II; Tim Hofmann). Das Studieren kommt als eine Dimension der Erkundung in jeder Sequenz vor. In den Sequenzen ist die Passfähigkeit für die niedersächsischen Kerncurricula und Abiturbestimmungen des Religionsunterrichts gewährt. Für die Alltagspraxis bestechen die methodische Anschaulichkeit und Hinweise auf Material und Weiterarbeit in unterschiedlicher Weise. Der 40-seitige Materialanhang gewährt biblische und andere narrative bzw. lyrische Texte, Lieder, Bilder, Skripte für Inszenierungen, Arbeitsaufträge sowie Methodenkarten und lädt zum Experiment mit Formen ein. Die Sequenzen lassen sich anreichern mit weiteren materiellen Bezügen aus der Lebenswelt.

Hier wird deutlich: Spirituelles Lernen hat mit gestalthaftem Handeln und Erfahren zu tun, mit Leib und Raum, Leib und Seele und Geist; den Kopf zum Nachdenken müssen Schülerinnen und Schüler jedoch keinesfalls an der Klassentür abgeben – im Gegenteil. Solch ein liturgiebezogener Unterricht eröffnet die Möglichkeit, diese Praxis bei Bedarf auch kirchlich in Anspruch nehmen zu können, weil man dafür kompetent ist – die Praxis ist jedoch nicht das Ziel des Unterrichts. Vielmehr geht es um eine Erkundung der Lebensweisen, in denen christliche – und letztlich auch andere – Religion konkret wird. In Zeiten, in denen die Begegnungen mit christlich gelebter Religionspraxis nicht nur erinnernd aufgegriffen, sondern oft allererst gezeigt werden müssen, nimmt in der Schule das Kennenlernen vor dem Sich-Auseinandersetzen deutlich Raum ein. Dazu macht die inhaltlich kompetente Arbeitshilfe Religionslehrkräften Mut.

Silke Leonhard

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2014

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