Rezension

 

Hilde Fritz und Gottfried Orth: Gewaltfreie Kommunikation in der Schule
Wie Wertschätzung gelingen kann.
Ein Lern- und Übungsbuch für alle, die in Schulen leben und arbeiten
Paderborn 2013, ISBN 978-3-87387-943-0, 180 Seiten, 19,90 Euro


Das vorliegende Buch von Gottfried Orth und Hilde Fritz richtet sich in erster Linie an Lehrer und Lehrerinnen. Die beiden Autoren, die Sehnsucht nach Leichtigkeit und Freude an der Arbeit in Lehr- und Lernprozessen neu entfachen, haben dabei den Ansatz der „gewaltfreien Kommunikation“ für sich als eine hilfreiche Grundhaltung erkannt. So ist dieses Buch entstanden, um Lehrkräften zu helfen, sich selbst in ihrer Rolle wichtig zu nehmen, sich zu behaupten, eigene Grenzen zu ziehen und diese – gewaltfrei! – zu schützen. Damit sie tun können, weshalb sie den Beruf gewählt haben: gut unterrichten. Das Hauptanliegen des Buches besteht deshalb darin, im Kontext der Schule eine Kommunikationsart zu entwickeln, in der Wachstum möglich wird – sowohl für den Einzelnen als auch für die Schulgemeinschaft als Ganzes.

In 17 Kapiteln wird das Konzept der Gewaltfreien Kommunikation entfaltet, jeweils verschränkt mit praktischen Übungen für die Leserin, um in die spezifischen Haltungen und Methoden einzuführen.

Ausgehend von der Annahme M .B. Rosenbergs, dass alle Menschen in ihrem Handeln bestimmte Bedürfnisse befriedigen, geht es dabei zunächst darum, Bedürfnisse, Gefühle und Strategien voneinander zu unterscheiden. Sicherlich aber sind die Strategien, um das eigene Bedürfnis zu befriedigen gerade in der Schule nicht immer zielführend eingesetzt. Hierzu werden die Lesenden zur Suche nach eigenen Beispielen ermuntert, die anschließend in Übungen zu bearbeiten sind. Eines ändert sich dadurch sicherlich: Denn die Frage nach Schuld stellt sich nicht mehr, wenn nach den Bedürfnissen der Beteiligten gefragt wird.

Das dritte Kapitel widmet sich der unangenehmen Erfahrung, dass Schülerinnen und Schüler auf eine Bitte mit einem „Nein“ reagieren: Ein Schüler hat z. B. seine Arbeitsmaterialien. nicht auf dem Tisch und ändert dies auch nach der Aufforderung durch die Lehrkraft nicht. Eine solche und ähnliche Reaktionen nicht wertend wahrzunehmen, sondern gewaltfrei lösen zu können ist Ziel der nachfolgenden Übungen. Um das Thema Wertschätzung und Empathie sowie Selbstempathie geht es im vierten Kapitel, wobei neben der Wertschätzung für andere genauso die Wertschätzung mir selbst gegenüber gemeint ist. Die Grundhaltungen werden im fünften Kapitel auf dem Hintergrund eines neuen Umgangs mit Macht als schützende Macht vertieft.

Alle Teilschritte sind mit umfangreichen Beispielen erläutert. Die vielen praktischen Übungen helfen, das Gelesene anwenden zu lernen und in Alltagssituationen der Schule auszuprobieren. Texte literarischer, poetischer und wissenschaftlicher Art vertiefen die Themen und wären auch im schulischen Unterricht einsetzbar.

Ab dem siebenten Kapitel werden im zweiten Teil des Buches schulische Themen aufgegriffen, um die Relevanz und die Wirksamkeit des Ansatzes an konkreten Beispielen zu zeigen. Ein Kapitel widmet sich dem Thema Fehlerfreundlichkeit, ein anderes der grundlegenden Haltung „Bitten statt fordern“ als „Energiesparmodell“, um den anstrengenden Lehreralltag auch durchhalten zu können. Die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer wird ebenso reflektiert wie deren Verhältnis zu den Schülerinnen und Schülern. In eigenen Kapiteln werden die Chancen der Gewaltfreien Kommunikation für Settings wie die Einführung eines Klassenrates oder auch für Einzelgespräche mit Schülerinnen und Schülern bearbeitet. Dabei wird klar, dass der Ansatz der GFK den Schulalltag verändern kann, wenn er in eine Grundhaltung übergegangen ist. Den Schluss des Buches bildet eine Dokumentation eines Einführungstages zur Gewaltfreien Kommunikation in einer Schulklasse samt der dabei eingesetzten Materialien.

So ist dieses Buch tatsächlich ein umfangreiches Lern‑ und Übungsbuch für die Anwendung der Gewaltfreien Kommunikation in der Schule. Mit Feinfühligkeit und Engagement werden die immer wieder herausfordernden Situationen, denen Lehrerinnen und Lehrer in der Schule ausgesetzt sind, bearbeitet. Gewaltfreie Kommunikation wird hier als Möglichkeit beschrieben, wie Autonomie und Verbundenheit keine Gegensätze bilden, und wie Bedürfnis- und Gefühlsorientierung im Kontext von schützender Macht eine neue Kultur der Wertschätzung hervorbringt. So kann es gelingen, Konflikte in der Schule gewaltfrei zu lösen sowie innere und äußere Wachstumsprozesse zu ermöglichen. Das Lern- und Übungsbuch ist eine eingängige Einführung für Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit dem Ansatz der gewaltfreien Kommunikation im schulischen Kontext auseinandersetzen wollen. Viele der Übungen und Methoden lassen sich auf andere Kontexte des Lehrens und Lernens übertragen.

Bettina Wittmann-Stasch

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2014

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