Rezension

 

Rainer Oberthür: Das Vaterunser. Mit farbigen Illustrationen von Barbara Nascimbeni, Gabriel Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-522-30356-9, 64 Seiten, 14,95 Euro

Gott ist nur ein Gebet weit entfernt – also naheliegend. Dieses Buch nähert sich dem „christlichen Grund-text“ Vaterunser in einer Weise, die nahegeht und Nähe zulässt: Ebenso einfühlsame wie einprägsame Formulierungen, Fragen und Fakten werden unterstützt durch farbenfrohe und fantasievolle Zeichnungen.
Das Besondere: hier wird das Vaterunser nicht überlagert, sondern überraschend selbst in seiner eigenen Sprache und Bildwelt in Szene gesetzt – fern aller Belehrung oder „(selbst)gerechter“ Sprache. Dadurch bleibt die betende Ansprache des „DU“ durchgängig prägnant, wird Gott selbst geehrt und Jesu eigene Vorstellung vom Beten in den Mittelpunkt gestellt.

Doch kommt der junge Mensch dadurch keineswegs zu kurz: „Du bist ein Mensch und hast viele Fragen“ – so beginnt das Buch. Und damit signalisiert es von Anfang an, dass Fragen oft wichtiger als Antworten sind. Man muss nicht zu allem Ja und Amen sagen, man darf Fragen stellen und infrage stellen. Doch entscheidend ist, dass da jemand ist, der mich hört – und den ich doch nicht steuern kann. „Immer bist du der ganz Andere. Verborgen bist du da.“ Das Geheimnisvolle Gottes bleibt bei diesem Buch bestehen, das Suchen wird nicht beschönigt, sondern bevorzugt zur Sprache gebracht: „wir können Gott suchen und uns in Bildern von ihm erzählen. Gott ist größer als alles, was der Mensch denken kann. Aber wir können auf Jesus sehen und dabei Gott schauen“ (S. 12). Solche genialen Formulierungen finden sich in dem schön gestalteten Buch immer wieder.

Das schon aus seiner Kinderbibel bekannte, „typisch Oberthür‘sche“ ICH BIN DA taucht urplötzlich auf: „Es reicht schon, wenn du zu ihm sagst: Ich bin da! Denn Gott ist auch immer schon da.“ (S. 14). Und auch der große Theologe Helmut Thielicke kommt als Ausleger des Vaterunser zum Tragen, wenn es unmittelbar vor dem Vaterunser heißt: „Es ist ein kleines Gebet, das die große Welt umspannt, ein Ruf in den Himmel, eine Brücke von der Erde zum Himmel. Darin sind all deine Gefühle und Gedanken enthalten. Gott hört sie, wenn du nur dieses Gebet sprichst. Denn er hat sein Ohr nah an deinem Herzen!“ (S. 16).

Dann wird der Text des Vaterunser selbst abgedruckt (S. 18f.). Dem folgt eine vielseitige Annäherung, die Angebote zum Verstehen und Verständnis macht. Entgegen vieler Vaterunser-Verniedlichungen schafft es Rainer Oberthür, neben den schönen auch die Schattenseiten des Lebens mit seinen Verwundungen, Verzweiflungen und Versuchungen ansprechend zur Sprache zu bringen. Die Übertreibungen, Übertretungen und Überforderungen der Kinder werden bewusst nicht übergangen. Doch „Deine Größe zeigt sich im Winzigen (…) Deine Macht ist die Liebe, denn du, Gott, bist Liebe.“ (S. 42). Leider bleibt das „Amen“ selbst unerklärt ...

Doch weder mit der kleinen „Gebetsschule“ (S. 8-17) am Anfang, noch mit den Annäherungen an das Vaterunser (S. 18-51) ist dieses großartige Gebet „erledigt“. Der Autor wagt sich auf den S. 52-59 weiter vor und stellt das Gebet als Geschenk vor, das „Christen und Juden zusammenführen kann“, zumal Jesus selbst ein Jude war und die Sprache des Vaterunser Juden vertraut war. Allerdings: auch schon Christen evangelischer und katholischer Couleur werden ja durch das vertraute Vaterunser miteinander verbunden … Selbst das letzte Wagnis des Buches, ein Vaterunser in bewusst einfachen Worten, ist rundum gelungen, wenn es elementar doxologisch lautet: „was du bist, das soll auch so sein“ (S. 58).

Ein besonderes Merkmal des Buches ist, dass die Zeichnungen von Barbara Nascimbeni den Text zwar ergänzen, aber nicht ersetzen. Sie illustrieren auch nicht nur, sondern ermöglichen tatsächlich eigene visuelle Vaterunser-Zugänge: unkonventionelle, ungewöhnliche und überraschende Motive wechseln ab mit herkömmlichen und doch gut bekömmlichen Bildern. Diese sind mal mehr naiv, dann wieder naturalistisch, als Collage, symbolbetont oder vignettenhaft gestaltet. Entgegen dem Mainstream wird die biblische Eigenvorstellung Jahwes auch in den Zeichnungen vollkommen ernstgenommen: Als alternative Bezeichnungen für Gott tauchen „Gud, Deus, Dios, Dieu“ usw. auf, aber eben bezeichnenderweise nicht noch Allah, Kraft, Energie o.ä. (S. 27). Auf sechzig Seiten bietet das Buch sorgsame und vielseitige Vaterunser-Annäherungen, die ein Geschenk für die Seele sind und sich als Geschenk für Kinder bestens eignen. Überraschend schön und überaus empfehlenswert!

Rainer Neuschäfer

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2013

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