Rezension

 

John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter. Carl Hanser Verlag München 142012, ISBN 978-3-446-24009-4, 288 Seiten, 16,90 Euro

„Kann ich dich wiedersehen?“, fragte er. In seiner Stimme lag ein sympathischer Hauch von Nervosität. Ich lächelte. „Klar.“ „Morgen?“, fragte er. „Nur Geduld, Grashüpfer“, riet ich ihm. „Du willst nicht übereifrig wirken.“ „Deswegen habe ich morgen gesagt“, gab er zurück. Die 16-jährige Hazel Grace und Augustus lernen sich in einer Selbsthilfegruppe kennen. Hazel Grace hat Krebs und nicht mehr viel Zeit zu leben. Die Krankheit ist allgegenwärtig und die Gefühle und Sehnsüchte der 16-Jährigen sind es auch. Als Augustus ihr begegnet, verlieben sich die beiden ineinander. Augustus setzt alles daran, Hazel Grace einen Wunsch zu erfüllen: nach Amsterdam zu fliegen und den Schriftsteller kennen zu lernen, der ihr Lieblingsbuch geschrieben hat. Sie wünscht sich eine Fortsetzung und erhofft sich eine Antwort des Autors. Die beiden treffen auf den Autor, doch er weigert sich, die Geschichte zu Ende zu erzählen. Auf ihrer Reise erfährt Hazel Grace noch eine schreckliche Nachricht. Mit Liebe und Trauer, Witz und Verzweiflung verbringen sie und Augustus ihre letzten gemeinsamen Wochen. „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ist ein Buch über eine Liebesgeschichte zweier Jugendlicher, die das Abenteuer des Verliebtseins im Wissen um das baldige Sterben erleben. Was die Geschichte so faszinierend macht: Die beiden Hauptfiguren bleiben als aller erstes Jugendliche mit all dem, was Jugendliche ausmacht. Der Roman beschreibt die alltagsbestimmende Macht der Krankheit und lässt gleichzeitig die Realität von Jugendlichen in ihrem Wunsch nach Normalität zu. In dieser Mischung entsteht eine tiefgehende Erzählung über den Umgang mit der Unausweichlichkeit des nahen Todes und der anrührenden Nähe von zwei Verliebten. Verletzt man sich mehr oder schenkt man sich mehr, wenn man die Liebe zulässt, obwohl man weiß, dass man bald sterben wird? Hazel Grace bewegt diese Frage und Augustus gibt ganz am Ende darauf eine Antwort: „Man kann sich nicht aussuchen, ob man verletzt wird auf dieser Welt, (…) aber man kann ein bisschen mitbestimmen, von wem.“ (S. 284) Die Jugendlichen werden, das ist das Beachtenswerte, in keiner Situation zu Opfern gemacht. Sie behalten ihr Selbst und ihre Entscheidungsmacht. Sie sind, wie Jugendliche sind: empfindsam und klug, schlagfertig und unvorsichtig, schön und eigentlich sportlich, mal unsicher und mal selbstbewusst. Als Leserin nimmt man Teil an ihrem Schicksal, weint man mit und schmunzelt man mit und findet es in keinem Moment unangemessen – die Figuren helfen sich und den anderen, man selbst zu bleiben. Die Geschichte von Hazel Grace und Augustus ist tief traurig und gleichzeitig liebvoll und berührend. Und sie erschließt eine Dimension von Ewigkeit, die nicht nur für das Sterben, sondern auch für das Leben von großer Bedeutung ist: „Es gibt unendlich viele Zahlen zwischen null und eins (…) Es gibt Tage, an denen ich bedaure, dass die Unendlichkeit meiner Zahlen so klein ist. Aber, Gus, meine große Liebe, ich kann dir nicht sagen, wie unendlich dankbar ich für unsere kleine Unendlichkeit bin. Ich würde sie um nichts in der Welt hergeben. Du hast mir mit deinen gezählten Tagen eine Ewigkeit geschenkt, und dafür bin ich dankbar.“ (S. 238)

Melanie Beiner

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2013

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