Rezension

 

Klaus Petzold (Hrsg.): Das hat mich verändert, Gruppenfahrten in die Gedenkstätte Auschwitz – Birkenau und nach Kraków in den Jahren 1979 -2010. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2012, ISBN 978-3-374-03015-6, 445 Seiten, 34,00 Euro

Über Auschwitz kann man nicht distanziert reden oder schreiben. Das wird auf besondere Weise in dem von Klaus Petzold herausgegebenen Sammelband deutlich, der Gruppenfahrten in die Gedenkstätte aus drei Jahrzehnten dokumentiert. Beiträge von 44 Teilnehmerinnen und Teilnehmern sind hier vereinigt, die ihre heute noch lebendigen tieferen Eindrücke beschreiben und die Nachwirkungen der Fahrt im persönlichen bzw. gesellschaftlichen Leben aufzeigen. In der vorangehenden Einleitung stellt der Herausgeber die Konzeptionen der Gedenkstättenfahrten dar und reflektiert unter vielfältigen Perspektiven die damit verbundenen Fragen.

Ernstzunehmen sind in jedem Fall Ergebnisse von empirischen Untersuchungen, nach denen Schülerinnen und Schüler das Thema „Holocaust“ satt haben (G. Wagensommer 2009, vgl. S. 12), aber auch die These, dass sich Auschwitz gegen jede Didaktisierung sperrt (M. Wittmeier 1997, vgl. S. 12). Deswegen gilt es zu prüfen, ob die Eindrücke und Erkenntnisse der Gedenkstättenfahrten eventuell doch ein Gegengewicht zu den sich ausbreitenden Überdruss sei und Lehrende und Lernende neu für das Problem interessieren können (S. 13). Dabei greift Klaus Petzold das von Heinrich Roth vertretene pädagogische Prinzip der „originalen Begegnung“ auf, das er als einen äußerst fruchtbaren Ansatz versteht, der weit über den Unterricht hinausreicht und daher für das religionspädagogische Konzept der Gedenkstättenfahrten sehr wichtig geworden ist (vgl. S. 25-28).

Auf diesem Hintergrund werden die Konzeptionen der Fahrten beschrieben (S. 28-38), wobei sich im Rückblick drei Phasen abzeichnen, die jeweils ein Jahrzehnt umfassen und durch bestimmte Profile charakterisiert sind. So ist etwa in den letzten zehn Jahren die zunehmende Öffnung für das eigene Weitergeben der Informationen und Eindrücke in das öffentliche Leben der eigenen Region wichtig geworden (S. 33). Wesentlich ist die Einsicht: Die „Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau“ – ist alles andere als ein gedruckter Text! (I, 5) vielmehr ein „hochgradig authentischer Ort“. Besonders im Blick auf Pater Maksymilian Kolbe wird das Geschehen von „Stellvertretung“ intensiv bedacht (I, 6). Es werden „Neue Zugänge in Kraków und in der Gedenkstätte zum Themenfeld Tod, Kreuz, Auferstehung“ beschrieben (I, 7) und weitere Wirkungen der Fahrten aufgezeigt: „Eigene Ausstellungen in Schulen und Gemeinden – ein erster Schritt in die Öffentlichkeit“ (I, 8).

Einen theologischen Schwerpunkt bildet das Kapitel I, 9: „Zwischen Anklage, Protest und Mitleiden“, das die Frage nach Gott angesichts der Erfahrungen von Auschwitz in eindringlicher Weise thematisiert. Das abschließende Resümee fasst die Intentionen der Gedenkstättenfahrten zusammen, setzt sie zur Diskussion der letzten Jahrzehnte in Beziehung und zeigt Perspektiven für die künftige Arbeit auf (Teil II, S. 413-417).

Den Schwerpunkt des Buches bilden die Beiträge von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fahrten (Teil II), die verschiedenen Altersgruppen angehören, und deren Eindrücke aus allen drei Jahrzehnten stammen. Sie sind sehr individuell, authentisch gestaltet und stellen unterschiedliche Perspektiven in den Mittelpunkt. Manche der Teilnehmenden gestehen ehrlich ein, dass sie sich mit gewissen Vorbehalten oder Befürchtungen zu einer Fahrt angemeldet haben. Der Aufenthalt in Auschwitz-Birkenau wird jeweils aus der persönlichen Sicht in bewegender Weise beschrieben, wie die Einzelnen fassungslos und erschüttert sind, von tiefer Traurigkeit erfasst werden und dann zugleich beeindruckt sind von der Begegnung mit Zeitzeugen. Beachtenswert empfinde ich dabei gerade die Aussagen jüngerer Teilnehmer, meist Studierenden, die den geschichtlichen Abstand zu den Ereignissen deutlich wahrnehmen, sich aber zugleich den aufbrechenden Fragen in großer Ernsthaftigkeit stellen und von dem Geschehen existentiell berührt werden. Immer wieder kommt im Blick auf die Erfahrungen in Auschwitz zum Ausdruck: Das hat mich geprägt. „Das hat mich verändert“ – diese Aussage, die sich wie ein roter Faden durch alle Berichte zieht, ist daher zum Titel des Buches geworden (S. 415). Damit verbindet sich die Konsequenz: Dies alles darf nicht in Vergessenheit geraten. Die Erinnerung muss wachgehalten werden.

In diesen Zusammenhang gehören dann auch die Fragen, die angesichts von Unmenschlichkeit und unermesslichem Leid aufbrechen: Die Frage nach dem Leben, nach dem, was wesentlich ist und was bleibt; die Frage nach dem Bösen und seinen erschreckenden Wirkungen – auch nach dem Bösen in mir; die Frage nach Gott und seinem oft so verborgenen Wirken.

Martin Leiner stellt im Bedenken seiner Erfahrungen die Frage, ob wir „zu Stellvertretern der nicht mehr lebenden Zeugen werden“ können (S. 250); er fürchte, dass von den Opfern oder Überlebenden „viele einen Christen und Deutschen nicht als Zeugen an ihrer Statt wünschen würden“(S. 256). Diese Fragen sind m. E. im Zusammenhang der Aussagen von Zeitzeugen zu bedenken, die in anderen Beiträgen zitiert werden, so die Worte von Tadeusz Szymánski, der den Teilnehmenden zum Abschied sagt: „Ich selber werde hier eines Tages sterben. Aber ihr könnt alles weitergeben mit euren Gruppen. Tut das bitte. Vergesset uns nicht!“ (S. 322; ähnlich Kazimierz Smolen, S. 301). Diese Aussagen von Zeitzeugen sind dann auch eine Ermutigung für die Herausgabe des vorliegenden Buches. Die vielfältigen und individuell gestalteten Beiträge enthalten die Chance, dass unterschiedliche Leserinnen und Leser sich persönlich ansprechen lassen.

Gerald Kruhöffer

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2013

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