Rezension

 

Sarah-Lena Eikermann: Weltbilder von Grundschulkindern heute. Eine empirische Studie im Religionsunterricht, Lit Verlag Berlin 2012, ISBN 978-3-643-11735-9, 176 Seiten, 19,90 Euro

Welche Vorstellungen haben Grundschüler über die Entstehung der Welt? Diese Fragestellung steht im Zentrum der übersichtlichen und gründlich gearbeiteten Studien von Sarah-Lena Eikermann. Der Zugang zu kindlichen Weltbildern erfolgt in der Verknüpfung der methodischen Schrittfolgen theologisches Gespräch im Rahmen einer Gruppe von sechs Schülerinnen und Schülern, Erarbeitung eines schriftlichen Textes und einer bildlichen Darstellung. Die Auswertung der Daten erfolgt anhand von exemplarischen Beispielen, die jeweils unterschiedliche Typen von kindlichen Weltbildern repräsentieren. Die Darstellung folgt dabei dem methodischen Dreischritt des Erhebungsansatzes („zentrale Aussagen“, „Kindertexte“, „Kinderzeichnungen“). Auch wenn die Auswahl der Probanten überschaubar bleibt – zwölf Zweitklässler und zwölf Viertklässler werden in das Setting einbezogen – kommt die Studie zu Ergebnissen, die sich durchaus verallgemeinern lassen. Zweitklässler besitzen entweder ein „theistisches“ oder „hybrides“ Weltbild, während Viertklässler dagegen Vorstellungen artikulieren, die dem „hybriden“ und dem „naturalistischen“ Weltbild zuzuordnen sind. Daraus folgt, auch dies ist wenig überraschend, dass im Laufe der Grundschulzeit kindliche Weltbilder durch einen abnehmenden Gottesbezug sowie einer Zunahme naturwissenschaftlicher Erklärungsmuster gekennzeichnet sind. Damit bestätigt diese spannende Felderhebung die Gültigkeit und Anwendbarkeit der Grundkategorien der Studien von Piaget und Reich/Fetz/Valentin für die Analyse kindlicher Weltbilder. Dennoch bleibt trotz der Typisierung die Wahrnehmung einer Vielzahl der verschiedenen Vorstellungen im Blick auf Welterklärung und Entstehung der Erde bestimmend. Die Schülerinnen und Schüler formulieren individuell verschiedene Theorien zur Weltentstehung, die sich nicht gänzlich einem Typus zuordnen lassen. Folglich kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass „die Zuteilung zu einem Weltbildtypen lediglich eine Tendenz darstellen kann und nie alle persönlichen Vorstellungen der Kinder berücksichtigen kann“ (116).
In der sorgfältigen Auffächerung der Vielfalt kindlicher Vorstellungsmuster liegt der große Gewinn dieser Studie. Kinder haben ihren eigenen Zugang zu den „großen“ Fragen des Lebens und diese Zugänge gilt es erst einmal wahrzunehmen. Weiterhin zeigt die Studie, dass Schülerinnen und Schüler naturwissenschaftliche Erklärungsansätze bereits im frühen Grundschulalter berücksichtigen. Für den Religionsunterricht der Grundschule stellt sich damit die Frage, wie sich religiöse und naturwissenschaftliche Argumentationen aufeinander beziehen lassen, so dass nicht das „Konfliktmodell“ im „naturalistischen“ Weltbild, sondern zumindest das „Unabhängigkeitsmodell“ in der klaren Unterscheidung von religiösen und naturwissenschaftlichen Perspektiven der Weltwahrnehmung als Denkansatz bestimmend wird. Wer an dieser Stelle didaktisch weiterarbeiten möchte, sollte zuvor die Studie von Sarah-Lena Eikermann zu Rate ziehen. Hier werden Voraussetzungen beschrieben, die für eine unterrichtliche Bearbeitung kindlicher Weltentstehungstheorien unverzichtbar sind.

Friedhelm Kraft

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2012

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