Rezension

 

Helge Burggrabe, Tilmann Evers, Stefanie Spessart-Evers, Heike Radeck und Ingrid Riedel: Chartres – Lauschen mit der Seele. Eine spirituelle Entdeckungsreise, Kösel-Verlag, München 2011, ISBN 978-3-466-36878-5, 239 Seiten, 209 farbige Abbildungen, 22,00 Euro

„Lauschen mit der Seele“ - treffender kann eine Einladung nach Chartres nicht ausgesprochen werden. Schon die Einführung lässt Leserinnen und Leser ein Gefühl des Lau­schens mit der Seele verspüren, das Chartres-Pilger eigentlich nur bei der direkten Begegnung mit der Kathedrale von Chartres erleben. Der Autor und Chartresexperte Helge Burggrabe, Musiker, Komponist und Seminarleiter, und seine vier Koautoren, allesamt namhafte Vertreter aus den Bereichen Theologie, Soziologie, Psychologie und Kunstgeschichte, führen Lesende differenziert und feinfühlig hin auf einen Pilgerweg zur intensiven Begegnung mit der Kathedrale von Chartres. Dabei wird dieser über Jahrhunderte hin durchbetete Kirchenraum auch als ein Ort der Weisheit vorgestellt.

Helge Burggrabe leitet die Leser über sieben Stationen auf den Weg von außen um die Kathedrale herum, vorbei am Königsportal hinein in die Unterkirche bis zu den Wurzeln des alten Gebetsortes. Dann folgt der Weg nach innen, über die Schwelle hinein in jenen weiten heiligen Raum, der noch heute Gläubige und Touristen aus ehr­furchtsvollem Staunen still werden lässt. Bei geschulten Beobachtern stellt sich das Erlebnis des Wiedererkennens der historischen und biblischen Gestalten ringsum bis hoch hinauf in die strahlenden Buntglasfenster wie von selbst ein. Beeindruckend sind die Gedanken des Musikers Helge Burggrabe über elementare Verbindungen zwischen Musiktheorie, Mathematik, Architektur und dem Bildprogramm des gesamten Kirchenraums. Zum bewussten Erlebnis wird der Gang durch das Labyrinth zum Erschließen des eigenen Lebensweges. Diese tiefgreifende Erfahrung der Abschiedsstation mit Körper, Geist und Seele kann dem Einzelnen einen Zugang zu neuen Weiten für sein eigenes Leben eröffnen, in Chartres direkt oder auch beim Lesen zu Hause. Zudem vertiefen alle vier Koautoren die einzelnen Stationsthemen aus ihrer Perspektive mit fundierten Sachbeiträgen oder auch bewegenden Erfahrungsberichten. Hinzu kommen mehr als zweihundert Farbfotografien aller Autoren, die mit ihrer eigenen künstlerischen Aus­druckskraft das Gesagte veranschaulichen.

In der vorgelegten Veröffentlichung zur Kathedrale von Chartres bekommen Leserinnen und Leser ein neuartiges Handwerkszeug an die Hand, kognitiv und spirituell ungewohnte Zugänge zu jahrhundertealten Zeugnissen der Bauschulen, ihrer Baumeister und Künstler und deren biblischen Vorlagen zu erlangen. Für kirchenpädagogische Fachkräfte hält diese Veröffentlichung eine sprudelnde Quelle zum Vertiefen ihres bisherigen Fachwissens bereit. Nach seinem musikalischen Gesamtkunstwerk „Stella Maris“- ein Marienoratorium ist Helge Burggrabe gemeinsam mit seinem Autorenteam ein stimmiges literarisches Kunstwerk gelungen, das als kunsthistorischer Reiseführer, spirituelles Pilgerbuch und persönliches Begleitbuch für den eigenen Lebensweg gelesen werden kann. Die Veröffentlichung füllt somit eine Lücke in der Fachliteratur zur Kathedrale von Chartres, nicht zuletzt auch dank der mündlichen Vorarbeit von Kathedralführer Wolfgang Larcher, dem diese spirituelle Entdeckungsreise gewidmet ist.
Portraits der Autorinnen und Autoren sowie ein umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis vervollständigen die Veröffentlichung.

Christiane Kürschner

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2012

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