Rezension

 

Dirk Kutting: Lehrer und Fallberatung. Kollegiale Selbsthilfe, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-525-70105-8, 128 Seiten 14,90 Euro

Unverkrampft, unterhaltsam, unterstützend! Dieses Buch des Mainzer Schulpfarrers ist eine fantastische Fundgrube für ein gelingendes Miteinander im Kollegium einer Schule. Das Besondere dabei ist: guter Rat muss nicht immer teuer sein und von außen kommen – auch innerhalb eines Kollegiums kann es durchaus Potential und Ressourcen für eine hilfreiche Beratung geben. Allerdings – und darauf kommt es Dirk Kutting an! – ist die Basis dafür ein gewisses Know-how, eine kleine Gruppe und bestimmte Verbindlichkeiten bzw. Vereinbarungen. Soll eine Kollegiale Beratung langfristig funktionieren und hilfreich sein, hat man bestimmte Einsichten und Erkenntnisse einfach zu beherzigen, um nicht in eine „kollegiale Quasselteria“ abzugleiten. Lesefreundlich bietet das Buch eine Fülle an Anregungen, die in vier Abschnitten präsentiert werden: 1. Kollegiale Fallberatung, 2. Beratungstabu „Unterricht“, 3. Unterrichtsentstörungen und 4. Beratungsmodelle für die Schulentwicklung.

Im ersten Teil zeigt der Autor auf, welche Chancen und Grenzen kollegiale Fallberatung hat: In erster Linie löst sie Alltagsprobleme und fördert Qualifikationen, indem sie die persönlichen und fachlichen Ressourcen von Kolleginnen und Kollegen für die Verbesserung der eigenen Professionalität einsetzt. Das ganze Procedere muss nicht einmal kompliziert sein – vielmehr gilt es einfach anzufangen! Neben Anmerkungen und Anregungen aus der pädagogischen und psychologischen Literatur bietet das Buch einige Übungen und Überraschungen, die das Lesen entschleunigen und vertiefen. Dabei sind die Impulse und Ideen nicht nur für die Schule relevant, sondern können auch problemlos von Pastor/innen, Diakonen, Erzieherinnen und Institutionen wie Kirchenämtern, Akademien, Schulämtern usw. aufgegriffen werden. Dem Autor geht es in erster Linie um eine Haltung und die Eröffnung von Spielräumen nach dem Motto: „Sagen lassen sich die Leute nichts, aber erzählen eine ganze Menge …“. Dazu gehört die Bereitschaft, eigene Einblicke, Erfahrungen und Einschätzungen so zur Sprache zu bringen, dass ein Gegenüber sich nicht gedemütigt oder gehandicapt fühlt. Dirk Kuttings Ansatz ist konsequent systemisch-lösungsorientiert und will wegkommen von mechanischen Erklärungen. Daher werden ausführlich die eigene Rolle (Lernbiografie) und das Selbstverständnis als Lehrkraft thematisiert. Unterrichtende Personen sollten eine „Autorität ohne Machtkampf“ (S. 26) besitzen und pädagogisch präsent sein. Hier macht Dirk Kutting die Einsichten von Michael Winterhoff („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, Gütersloh 2008) praxisrelevant und wendet sich gegen eine symbiotische Partnerschaftlichkeit im pädagogischen Alltag, wobei er sich ausführlich Einsichten aus der Hirnforschung zunutze macht.

Im zweiten Kapitel wird der Unterricht bzw. die eigene Einstellung zu ihm genauer unter die Lupe genommen, ein Unterrichtscheck nach Hilbert Meyer (Zehn Merkmale eines guten Unterrichts) ironisch vorgeführt und mit neueren Einsichten wie etwa der des Konstruktivismus in Beziehung gesetzt, nach der das „Lernen nicht machbar, sondern nur anregbar ist.“ (S. 49). Auch hier zeigen die Übungen, wie nah der Autor am Schulalltag dran ist und sämtliche Einwände und Vorbehalte von Seiten der Kollegen/innen kennt. Es ist beeindruckend, wie sensibel und sorgfältig hier ein behutsamer Perspektivenwechsel nicht „von oben“ verordnet, sondern argumentativ und anregend erschlossen wird.

Ebenso konkret wie kreativ stellt sich das dritte Kapitel „Unterrichtsent(!)störungen“ dar, das salopp formuliert ist und alltagstaugliche Impulse zu den Stichworten Klassenmanagement, Kommunikation, Provokation und Gewalt, Störungen sowie Kooperation gibt. Hier wird nicht um den heißen Brei geredet, sondern es werden Hilfen und Hinweise gegeben, wie mit Herausforderungen umgegangen werden kann. Alle Konkretionen münden sachadäquat in ein Ringen um Impulse für die Schulentwicklung (Teil 4: Beratungsmodelle für die Schulentwicklung), für die der Autor knappe Impulse rund um Beratung bereit hält (Kollegiale Hospitation; Szene-Stopp-Reaktion; Videoanalyse; Microteaching).

Wer dieses Buch durchgelesen oder sogar durchgearbeitet hat, wird den eigenen Unterricht und (!) die Schülerinnen und Schüler anders wahrnehmen, aber auch die Kollegen/innen behutsamer einschätzen. Und die Schwelle, sich mit anderen in der Schule in einem Boot zu sehen und sich mit ihnen zu beraten, wird in jedem Fall niedriger sein. Auch von daher ein unschätzbarer Impuls für die Reflexion der Praxis!

Reiner Andreas Neuschäfer

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2010

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