Rezension

 

Andreas Feindt u. a. (Hg.): Kompetenzorientierung im Religionsunterricht, Befunde und Perspektiven, Waxmann, Münster (u.a.) 2009, ISBN 978-3-8309-2215-5, 316 Seiten, 27,90 Euro.

Eine ‚aktuelle Bestandsaufnahme’ zur Kompetenzorientierung im Religionsunterricht – (wie) ist das auf 316 Seiten möglich? Nichts Geringeres jedenfalls setzt sich der 2009 erschienene Sammelband des Comenius-Instituts zum Ziel. Er bemüht sich somit um das, was Dietlind Fischer, der die Publikation anlässlich ihres 65. Geburtstag gewidmet ist, jahrelang geleistet hat: um eine reflexive, dialogoffene und doch akzentuierte Begleitung und Bündelung eines komplexen Diskurses. Die Aufsätze stehen im Zusammenhang mit einer Fachtagung des CI Münster vom Frühjahr 2009 und rekurrieren mit Recht immer wieder auf Fischers Beiträge zur Kompe­tenzdebatte, allen voran das unter ihrer Federführung von einer Expertengruppe 2006 eingebrachte und zum Meilenstein gewordene Kompetenzmodell für die Sekundarstufe I.

Doch damit nicht genug. Im Untertitel ‚Befunde und Perspektiven’ ankündigend, verfolgt die Publikation weitere ehrgeizige Ziele. Mit den Rubriken ‚Grundlagen’, ‚Unterricht’ und ‚Lehrkräfte’ legt sie eine dreiteilige Struktur zu Grunde und will die verschiedenen Perspektiven institutionsübergreifend zusammenbringen. Die Herausgeber for­mulieren in einer ausführlichen Einleitung den lobenswerten Anspruch, die Diskussion theoretischer Grundlagen in Ansätze zur Unterrichtsgestaltung münden zu lassen.

In der Tat fällt ins Auge, dass die Unterrichtsgestaltung sowie die Aus- und Fortbildungspraxis gegenüber grundsätzlichen Beiträgen gut vertreten sind. Im Eingangskapitel finden sich die unterschiedlichsten Perspektiven: bildungstheoretische und empirische Schwerpunkte, der Elementarisierungsansatz und Gütekriterien für Unterricht, Standards und Aufgaben. Als ‚Befund’ können wohl am ehesten die Passagen des Beitrags von Schreiner/Elsenbast gelten, in denen die nicht immer differenzierte deutsche Rezeption der britischen Erfahrungen korrigiert wird. Die Heterogenität setzt sich im zweiten Kapitel fort. Die starke Präsenz außerfachlicher Zugänge kann man als gewollte Anregung aus Nachbardisziplinen verstehen; zugleich ist sie aber auch ein Symptom dafür, dass der bildungspolitische Impuls zur Jahrtausendwende noch keine ausgereifte religionsdidaktische Unterrichtspraxis gezeitigt hat. Umgekehrt macht nicht jeder Aufsatz deutlich, inwiefern er in Zusammenhang mit der Kompetenzorientierung steht (etwa der Aufsatz zum ‚Theologisieren’). Die sachkundige und aufmerksame Leserin kann sich gleichwohl aus den Berührungspunkten sowie der umsichtigen Zusammenstellung der einzelnen Ansätze, gleichsam zwischen den Zeilen, allgemeine Tendenzen erschließen. Der württembergische Bildungsplan etwa, das einstige Vorreitermodell von 2004, wird mittlerweile kritisch rezipiert. Und wenn immer wieder auf individuelle Diagnose und auf die Konstruktion von Anforderungssituationen (allen voran durch Gabriele Obst) abgehoben wird, kann man darin unschwer zentrale Zukunfts­aufgaben der Kompetenzorientierung sehen. Als besonders ergiebig erweist sich der Sammelband dort, wo Autoren die subjektiven Erfahrungen ihres (institutionellen) Arbeitsfeldes reflexiv einbringen, Folkert Doedens für die Lehrerfortbildung, Peter Kliemann in der Ausbildung oder Andreas Feindt mit seinen Auswertungen des kompRU-Projektes.

Die insgesamt 24 Autorinnen und Autoren kommen nicht nur aus dem Zirkel ehemaliger Weggefährten Dietlind Fischers, sondern sind zugleich ein äußerst prominenter Kreis an ‚Kompetenzfachleuten’. Der Sammelband präsentiert mit diesen Stimmen nur stellenweise ‚Befunde’ und ganz überwiegend ‚Perspektiven’. Das ist jedoch kein Mangel, sondern dem Stand des Diskurses geschuldet. Und so kann der Band tatsächlich für sich reklamieren, auf 316 Seiten eine aktuelle Bestandsaufnahme zu bieten. Eine, an der niemand vorbeikommt, der die Kompetenzdebatte in der Religionspädagogik mit Interesse verfolgen möchte.

Rainer Merkel

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2010

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