Rezension

 

Annebelle Pithan, Silvia Arzt, Monika Jakobs, Thorsten Knauth (Hgg.) Gender Religion Bildung. Beiträge zu einer Religionspädagogik der Vielfalt Gütersloh 2009, ISBN – 978-3-579-08093-2, 464 Seiten, 39,95 Euro.

Gute Überblickswerke sind wie guter Wein: Sie stehen nicht täglich auf dem Tisch, aber wenn man sie zur Hand nimmt, dann schmeckt man die Reife und Fülle und kann beides genießen. In diesem Sinne ist das Buch „Gender – Religion – Bildung. Beiträge zu einer Religionspädagogik der Vielfalt“ Überblickswerk im besten Sinne. Soweit ich sehe ist es das erste Buch, das sich um eine Zusammenfassung und Darstellung der Genderdiskussion in der Religionspädagogik in den letzten Jahren bemüht. Dies ist umso wichtiger, als die Diskussion um Genderfragen im religionspädagogischen Kontext lebendig und angesichts der weitergehenden Genderforschung in anderen Fachwissenschaften in Veränderung begriffen ist. Zeichen dafür ist, dass es den drei Herausgeberinnen und dem Herausgeber konzeptionell um eine Religionspädagogik der Vielfalt geht: Die Wahrnehmung von Heterogenität generell und geschlechterübergreifend, sowie Gerechtigkeit im Umgang mit Unterschieden sind die Leitkategorien, vor deren Hintergrund ein differenzierter Überblick über die gegenwärtige Diskussion gegeben wird.

Dieser Überblick gliedert sich in sechs Kapitel. Das Kapitel „Grundlagen“ und das Kapitel „Rückblicke“ widmet sich vor allem einer Nachzeichnung wichtiger Themen in der Genderforschung und ihrer Aufnahme in der Religionspädagogik. Neben der feministischen Forschung wird auch die Männerforschung berücksichtigt. Die z.T. soziologisch sehr differenzierten Debatten mit oft auch gegensätzlichen Positionierungen werden darin sehr gut verständlich dargestellt (Gisela Matthiae, Monika Jakobs u.a). Das Kapitel „Glaubenswelten“ beschäftigt sich u.a. mit Gottesvorstellungen von Jungen und Mädchen (Christine Lehmann; Andreas Lehner-Hartmann, Erich Lehner) sowie z.B. mit der Religiosität sozial benachteiligter Jugendlicher (Dörthe Vieregge). Am letzten Beispiel spiegelt sich auch die konzeptionelle Grundlage des Werkes wider, nicht nur auf die geschlechtsspezifischen Unterschiede einzugehen, sondern die Unterschiedlichkeit von Lebenswelten und -möglichkeiten insgesamt in den Blick zu nehmen und daraus Fragen und Konsequenzen für die religionspädagogische Arbeit zu ziehen. Im Kapitel „Lebenstexte“ geht es um einen genderreflektierten Umgang mit biblischen Texten (Silvia Arzt, Mariele Wischer, u.a.), sowie um Untersuchungen zu geschlechtsspezifischen Lesegewohnheiten und um Kinderbibeln, die einen einseitigen Fokus auf patriarchale Strukturen zu vermeiden suchen. Das Kapitel „Bildungsorte“ benennt die Herausforderungen für die unterschiedlichen Felder religionspädagogischen Handelns, angefangen beim Kindergarten und der Sprachentwicklung von Kindern (Silvia Habringer-Hagleitner) über die Jugendarbeit und Schule (Heike Anke Berger, Ulrike Baumann, Edda Strutzenberger) bis zur Kirchlichen Erwachsenenbildung (Stefanie Rieger-Görtz). Schließlich werden im Kapitel „Werkstatt“ Beispiele aus der Praxis vorgestellt und reflektiert und damit konkrete Anregungen für die Umsetzung einer Religionspädagogik der Vielfalt in der Praxis gegeben.

Obwohl die einzelnen Beiträge je unterschiedliche Facetten beleuchten, die sich aus der Genderdiskussion und deren Bedeutung für die Religionspädagogik ergeben, gelingt es dem Werk, den zugrundeliegenden Ansatz einer Religionspädagogik der Vielfalt in den einzelnen Kapiteln zur Geltung zu bringen und „durchzubuchstabieren“. Auf diese Weise enthält das Buch nicht nur eine Darstellung der gegenwärtigen Diskussion, sondern bietet zugleich ein Konzept zur Grundlegung und Umsetzung von genderorientiertem Denken und Arbeiten in den religionspädagogischen Handlungsfeldern. Dem Buch ist zu wünschen, was die Autorinnen und der Autor sich selbst dafür erhoffen: „dass (der Beitrag) kritisch diskutiert, mutig umgesetzt und kreativ weiterentwickelt wird.“ (26)

Melanie Beiner

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2010

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