Rezension

 

Konrad Görg: Wir sind, was wir erinnern. Zwei Generationen nach Auschwitz. Stimmen gegen das Vergessen. In Erinnerung an Erwin Katz, Hartung-Gorre Verlag, Konstanz, 2. Aufl. 2009, ISBN 978-3-86628-208-7, 110 Seiten, 9,95 Euro

Konrad Görg veröffentlicht dieses Buch in Erinnerung an Erwin Katz, den Onkel eines Freundes, der im Alter von zehn Jahren in Auschwitz ermordet wurde. Das ergreifende Schicksal dieses Jungen bildet im Zusammenhang mit dem Schicksal seiner Familie den Anfangs- abschnitt des Buches. Der Autor schildert das Geschehen anhand eines mehrere Seiten umfassenden Zitats der inzwischen alten Tante seines Freundes, Jolana, die Auschwitz überlebte. In diesem Zitat schildert sie die Familienverhältnisse vor dem Krieg und das allmähliche Wachsen der Judenfeindschaft bis zum Abtransport nach Auschwitz. Mit der Eröffnung durch ein Zitat ist bereits der besondere Charakter des Buches gekennzeichnet.

Konrad Görg, ein praktizierender Arzt an der Marburger Universitätsklinik, legt mit seinem Buch eine Sammlung von Zitaten vor, die er im Laufe vieler Jahre der Beschäftigung mit Holocaust, Antisemitismus und Judenverfolgung zusammengetragen hat und zu deren Veröffentlichung ihn Freunde gedrängt hatten.

Diese Veröffentlichung bietet heutigen Lesern bedrückende Einblicke in das Geschehen, das zum Holocaust führte, denn nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter selbst werden zitiert. Jedes dieser Zitate macht nachdenklich. Es ist kein Buch zum Nebenbeilesen. Es ist auch nicht einmal gelesen und dann abgetan. Es zwingt dazu in sich zu gehen und sich selbst zu befragen. Denn alle Nachgeborenen stehen in einer Beziehung zu diesem immer wieder unfassbaren Geschehen. Jedes Zitat dieses Buches verlangt nach einer Pause des Nachdenkens, ja der Andacht. Es verlangt danach immer wieder zur Hand genommen zu werden, denn jedes Zitat enthält entweder tiefgreifende Einsichten in kompakter Form oder nötigt dem Leser im Fall erschreckender Zitate derartige Einsichten ab.

Denn nicht alle Zitate bewirken Zustimmung, manche enthalten ambivalente Sichtweisen, manche sind abschreckend und verstörend. Insbesondere gilt dies für Äußerungen, die Alltäglichkeit und Normalität angesichts der Abwesenheit elementarster Forderungen der Menschlichkeit widerspiegeln.
Um einen Überblick über die gedrängte Folge der Zitate zu gewinnen, hat der Autor des Buches eine Ordnung nach leitenden Aspekten vorgenommen. Diese Gliederung erleichtert die Benutzung des Buches sehr. Nicht im Text, dafür aber im Inhaltsverzeichnis ist die Abfolge der Gliederungstitel zusätzlich unter familiengeschichtliche Hauptüberschriften gesetzt, z.B. „Die Zeit der Großeltern“ oder „Die Zeit der Eltern“. So werden dem Leser die Inhalte zusätzlich näher gerückt. Denn was sich unter den Haupttiteln sammelt, lädt eher zur Distanz ein: „Ausgrenzung, Deportation, Ermordung“, „Wegsehen und Schweigen“. „Sich wahrheitsgemäß erinnern“ u.a.

Damit ist dieses Buch zugleich ein nutzbringendes Handwerkszeug für den Geschichts- und Religionsunterricht. Diese Zitatesammlung ist eine Fundgrube für verdichtete Aussagen, die mehr als die Worte des Lehrenden geeignet sind, ein Schlaglicht auf die belastenden Vorgänge der Vergangenheit zu werfen. Insbesondere finden sich zahlreiche Aussagen von namhaften Zeitgenossen, die bereits aus anderen Kontexten bekannt sind. Aber auch die weniger bekannten Sprecher dieser Sammlung liefern wertvolle Basistexte. Die Religionspädagogik kann sich ebenso wie die Geschichtsdidaktik und die allgemein ethischen Fächer von diesem Buch inspirieren lassen, wenn es um die Förderung des kollektiven Erinnerns in den Schulen geht.

Eingeleitet wird das Buch neben den Vorworten von Horst-Eberhard Richter und Erhard Roy Wiehn durch ein Vorwort des Herausgebers selbst, das allerdings bei der Bestimmung der historischen Ursachen des unfassbaren Geschehens über das Ziel hinausschießt, wenn die gesamte deutsche Geschichte der letzen dreihundert Jahre dafür in Haftung genommen wird. Die These von der deutschen Geschichte dieser Epochen als Einbahnstraße auf Auschwitz hin ist fragwürdig.
Dennoch ist dieses Buch unbedingt zu empfehlen. Es ist ihm eine weite Verbreitung, insbesondere im schulischen und kirchlichen Bereich, zu wünschen.

Martin Stupperich

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2010

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