Rezension

  

Matthias Günther:  Seelsorge mit jungen Menschen, Mit 6 Abbildungen und 12 Tabellen, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-67000-2, 146 Seiten, 16,90 Euro

Ausgehend von der durch Seelsorgerinnen und Seelsorger häufig selbstkritisch gestellten Frage nach der Effizienz ihrer Arbeit und ihrer Kompetenz in diesem Bereich entwirft Günther den Seelsorgeansatz der ermutigenden Seelsorge und fasst die Rolle der Seelsorgerinnen und Seelsorger als „Ermutiger im Vertrauen auf Gottes Fürsorge“ zusammen. Sein Fokus liegt dabei auf der seelsorgerlichen Dimension der religionspädagogischen Arbeit und auf der Zeit des Jugendalters. Im Wesentlichen basiert dieses Konzept auf drei Grundvoraussetzungen:

1. dem Menschenbild, das von einer positiv-konstruktiven Grundnatur des Menschen ausgeht

2. der Überzeugung, dass der Mensch immer bezogen ist auf den ihm Sinn Gebenden oder Sinn Nehmenden (coram Deo)

3. der entwicklungspsychologischen Erkenntnis, dass die Jugendzeit nicht Zeit der Krise, sondern der Wandlung im ganzheitlichen Sinne ist.

Zunächst (Kap II) stellt Günther vier Seelsorgekonzeptionen (die kerygmatische, die tiefenpsychologisch orientierte, die klientenzentrierte und die soziologische) vor, um den Zusammenhang von Konzeption und dahinter liegendem Menschenbild darzustellen. Er kommt zu dem Schluss, dass „keine der vorgestellten Konzeptionen den Anspruch auf Allgemeingültigkeit der ihr zugrunde gelegten anthropologischen Grundannahmen“(22), sondern nur die Einbeziehung aller Lebensbezüge einer am Subjekt orientierten Seelsorge gerecht wird. Dem Leser bietet sich hier eine gute Vorlage, gängige Seelsorgekonzeptionen kennenzulernen und kritisch zu bedenken ohne dass das Werk dadurch theorielastig wirkt. Es folgt (Kap III) eine Darstellung der anthropologischen Grundeinsichten der Individualpsychologie nach Adler, die einerseits für die beratende Praxis von Bedeutung ist und andererseits in den folgenden Konkretionen der Bibelarbeit Anwendung findet. Festgehalten sei hier vor allem die Lebensstilorientierung, oder die Lebensschablone. Damit ist ausgedrückt, dass Erleben und Verhalten eines Individuums einer Bewegung auf ein immanentes, unbewusstes Ziel gleicht. Für die Seelsorgearbeit gewinnt Günther aus diesem Ansatz u.a. einen konsequenten Bezug auf den Klienten. Seelsorge ist ein Kooperationsprozess gleichwertiger Partner und die gemeinsame Suche nach Problemlösungskompetenzen. Ermutigende Seelsorge ist die Förderung der schon vorhandenen Fähigkeiten des Partners (vergleiche Grundvoraussetzung 1.). Die Basis aller Seelsorge ist das Vertrauen auf Gottes Fürsorge. Nach Günther kommt diese u.a. in der Arbeit mit der Bibel zum Ausdruck. Er beschreibt die Methode der lebensstilorientierten Bibellese (Kap.IV) ausführlich und stellt konkrete Praxisbeispiele für den Unterricht anhand der Texte vom besessenen Gerasener, der Verleugnung des Petrus und Kain und Abel vor. Die Intention der lebensstilorientierten Bibellese ist die Ermutigung durch Stärkung der Deutungs- und Kooperationsfähigkeit im „Gespräch mit einem …Mitmenschen vergangener Zeit“ (49) und unter Wahrnehmung seiner Begegnung mit Gott (s. Grundvoraussetzung 2.).

Kap.V stellt die kritische Anfrage an die entwicklungspsychologische These der Jugendzeit als Krise und modifiziert diese anhand einer Jugendstudie (Grundvoraussetzung 3.). Das Jugendalter lasse sowohl Wandel als auch Kontinuität erkennen und die Entwicklung verlaufe eher in Richtung Stabilisierung und Reorganisierung. Diese Erkenntnis wiederum ist eine wichtige Voraussetzung für die Herangehensweise an seelsorgerliche Arbeit und wird nochmals mit der indiviualpsychologischen Sicht verknüpft. Günther führt dies in einer pädagogischen Konzeption zusammen, die den Aspekt der Ermutigung genauer bestimmt und die Rolle des Lehrers/Seelsorgers ausleuchtet. Abschließend (Kap VI) wird die Arbeit in sechs Thesen zusammengefasst. Im Anhang wird die vorangegangene Rezeption der Individualpsychologie in Seelsorge und Bibelarbeit skizziert.

Günther gelingt eine interessante Verknüpfung verschiedener theoretischer Disziplinen und Erkenntnisse und die praktikable Konzeption einer Seelsorge in religionspädagogischen Bezügen. Eventuell sollte diese noch mit Gedanken des systemischen Ansatzes verbunden werden.

Sowohl für Theologen als auch für Religionspädagogen, die in der (schul)seelsorgerlichen Arbeit tätig sind, bietet das Buch eine grundlegende Theorieeinsicht, Anregungen zur Praxis und nicht zuletzt die Erweiterung der Seelsorgekonzeptionen um den Ansatz der Ermutigung – für die Aus- und Weiterbildungsarbeit eine sehr gute Arbeitsgrundlage.

Evelyn Schneider

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2009

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