Rezension

 

Elisabeth Naurath: Mit Gefühl gegen Gewalt Mitgefühl als Schlüssel ethischer Bildung in der Religionspädagogik, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 22008 ISBN: 978-3788722180, 316 Seiten, 29,90 Euro

Um es gleich zu sagen: Die preisgekrönte Habilitationsarbeit von Elisabeth Naurath – die Arbeit ist im Juni 2008 mit dem Hanna-Jursch-Preis ausgezeich­net worden – ist ein Grundlagenwerk im Blick auf Stellenwert und Bedeutung emotionaler Bildung für das religionspädagogische Handlungsfeld in Schule und Gemeinde. Mit der Entfaltung der Bedeutung von Mitgefühl „als emotional-ethische Kompetenz“ wird ein Programm entworfen, in dem ethische Bildung wesentlich als emotionale Bildung verstanden wird. Genauer: die emotionale Dimension ethischen Lernens und damit die Frage der Bedeutung von Gefühlen in religiösen Lernprozessen bilden den Fragehorizont der Arbeit.

Elisabeth Naurath erweist sich dabei nicht nur als „Brückenbauerin“ zwischen ethischer und emotionaler Bildung, sondern ebenso zwischen den unterschiedlichen Disziplinen der Theologie und vor allem zwischen theologischen und pädagogischen sowie emotionspsychologischen Perspektiven. Beeindruckend sind die Weite und die präzisen Darstellungen humanwissenschaftlicher Einblicke, angefangen von der interdisziplinären Gewaltforschung, der neueren Entwicklungspsychologie bis hin zur Aufnahme von Ergebnissen der Neurodidaktik.

Der dichte Argumentationsgang der Arbeit ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird die „dunkle Seite“ des Themas entfaltet. Hier geht es um eine Sichtung unterschiedlicher Perspektiven für eine pädagogisch reflektierende Betrachtung der Genese von Gewalt unter Einschluss der „dunklen Seiten Gottes“. Insgesamt werden Theologie und Religionspädagogik eine „fehlende Aufmerksamkeit“ gegenüber dem Thema Gewalt bescheinigt. Unter Bezugnahme auf Deutungen des Exodusgeschehens aus der Sicht von Vorschul- und Grundschulkindern werden Chancen und Grenzen einer die Gewaltthematik einbeziehenden Didaktik aufgezeigt und insbesondere die Eigenständigkeit der Zugänge der Kinder hervorgehoben.

Deutlich wird: Erst eine differenzierte Auseinandersetzung mit Gewalt kann die emotionale Dimension des Mitgefühls einbeziehen. Überzeugend wird dokumentiert, dass Kinder in der Lage sind, Deutungen und Lösungen für Fragen zu finden, in denen sich ihr Gerechtigkeitsempfinden und Mitgefühl widerspiegelt.

Der zweite Teil der Arbeit beschreibt die „helle Seite“ des Themas. Die Grundkategorie Mitgefühl wird entfaltet in Abgrenzung zu Empathie und Mitleid. Neben interdisziplinären Bezügen steht die biblisch-theologische Fundierung von Mitgefühl im Vordergrund. Mitgefühl wird in der Perspektive eines theologisch begründeten Subjektbegriffs als „Identität in bleibender Differenz“ bestimmt. Aber auch an dieser Stelle der Arbeit erfolgt kein „Sprung“ von einer „Theologie des Mitgefühls“ in das religionspädagogische Handlungsfeld, sondern der Gedankengang führt über die „Brücke“ emotionspsychologischer Voraussetzungen. Im Anschluss an die neuere Entwicklungspsychologie wird die Bedeutung der emotionalen Dimension für die Moralentwicklung herausgestellt. Insbesondere die Forschungen zur mitfühlenden Empathie zeigen, dass Mitgefühl als Möglichkeit emotionaler Kompetenzentwicklung stärker auch von der Religionspädagogik in den Blick genommen werden muss.

Eine einseitige Orientierung an kognitiv-strukturellen Theorien lässt der neuere emotionspsychologische Erkenntnisstand nicht mehr zu. Gefragt sind integrative Perspektiven, die einfache Gegenüberstellungen – „Emotion gegen Kognition“ – überwinden.

Im dritten Teil entfaltet Elisabeth Naurath Mitgefühl als Schlüssel zur Gewaltüberwindung in religionspädagogischer Perspektive bezogen auf konkrete Lern- und Handlungssituationen. In kritischer Auseinandersetzung mit religionspädagogischen Konzeptionen ethischer Bildung wird die emotionale Dimension ethischer Bildung in Überwindung von Einseitigkeiten zugunsten einer „Synthese von Gefühl und Ethik“ sowohl für den Vorschulbereich – „gefühlsorientierte Didaktik der Ethik“ – als auch für die Schule – „ethische Didaktik des Gefühls“ – herausgestellt.

Auch an dieser Stelle plädiert die Autorin für eine „integrative Religionsdidaktik“, in der die Einheit von Fühlen, Denken und Wollen das Denken und Handeln bestimmt. In welcher Weise mitfühlende Kompetenzen gefördert werden können, zeigt der letzte Abschnitt der Studie im Blick auf unterschiedliche Praxisfelder, angefangen von der frühkindlichen Bildung, der Familienbildung bis hin zum Religionsunterricht der Grundschule. Die konkreten Beispiele ermutigen dazu, dem Mitgefühl religionspädagogisch Raum zu geben. Religiöse Bildung unter Einschluss emotionalen Lernens bietet Perspektiven der Gewaltüberwindung und Gewaltvorbeugung. Dies als Aufgabe der Religionspädagogik in neuer Weise aufgezeigt und begründet zu haben, ist das kaum zu überschätzende Verdienst dieser eindruckvollen Studie.

Friedhelm Kraft

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2009

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