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Guido Hunze: Die Entdeckung der Welt als Schöpfung, Religiöses Lernen in naturwissenschaftlich geprägten Lebenswelten. Praktische Theologie heute, Band 48, Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-019793-0, 302 Seiten, 29,00 Euro

Mit der erneut aufgekommenen Diskussion um das Verhältnis von Naturwissenschaft und Schöpfung stellt sich auch die Frage nach einem angemessenen Zugangs zum Thema Schöpfung im Rahmen des Religionsunterrichts neu. Zur Beantwortung der Frage verzichtet Guido Hunze auf die allbekannte Rede vom „Dialog“, die einer Analyse der Wahrnehmung des dezidiert theologischen Begriffs „Schöpfung“ eher entgegensteht als dass sie sie befördert.

Gleichwohl ist es das Interesse des studierten Physikers und Theologen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von naturwissenschaftlicher und schöpfungstheologischer Weltsicht deutlich zu machen, um schließlich „religionspädagogische Leitlinien für eine schöpfungsorientierte Didaktik“ zu entwickeln.

Seine These ist, dass die unterschiedlichen Zugangsweisen zur Wirklichkeit von Naturwissenschaft und Theologie methodisch zunächst nicht zu vereinbaren sind. Allerdings müssen sie in der Lebenswelt des Menschen und eben auch der Schülerinnen und Schüler miteinander in Einklang gebracht werden. Es ist Aufgabe des Religionsunterrichtes, neben einer überwiegend naturwissenschaftlichen Sicht, wie sie die Lebenswelt des technologischen Zeitalters prägt, einen eigenen Erfahrungsraum bereit zu stellen, der durch eine schöpfungsorientierte Didaktik andere Zugänge zur Wahrnehmung von Wirklichkeit eröffnet.

In einem ersten Schritt sichtet Hunze drei Unterrichtswerke für die Sekundarstufe I in ihren Bänden für 5/6, 7/8 und 9/10 („Reli“, „Religion entdecken – verstehen – gestalten“, „Zeit der Freude/Wege des Glaubens/Zeichen der Hoffnung“) im Blick auf Menge und Art der Schöpfungsaussagen. Zu Recht wird kritisiert, dass biblische Schöpfungsaussagen häufig an den Anfang einer chronologisch-historischen Reihung von Welterklärungstheorien gestellt werden. Wenn gleichzeitig die naturwissenschaftlichen Theorien rein deskriptiv behandelt und nicht auf ihre „Sichtweise“ von Welt hin hinterfragt werden, „erscheinen die biblischen Schöpfungsberichte als unwiederbringlich überholt“ (69).

In einem zweiten Schritt wird der Schöpfungsbegriff theologisch entfaltet. Nach einer wissenschaftstheoretischen Einbettung expliziert Hunze seinen Schöpfungsbegriff und deutet ihn in Anlehnung an Jürgen Moltmanns Ökologische Schöpfungslehre als „Manifestation von Beziehung“ (99): Gott schafft Raum und ein Subjekt als Gegenüber; auf diese Weise begründet er alles Dasein in der Beziehung zu ihm.

Schöpfung ist eine Weise der (Glaubens-)erfahrung und die Rede von ihr setzt eine „existentielle Glaubensentscheidung“ voraus. Auf dieser Basis erst kann der Schöpfungsglaube auch „ein Ordnungsprinzip der uneinheitlichen Erfahrungen darstellen“ (133).

Um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür, Schöpfung im Unterricht zum Gegenstand des Lernens zu machen, geht es Hunze in einem vierten Kapitel. Dabei beleuchtet er eine gesellschaftliche Entwicklungen wie Individualisierung und Erlebnisorientierung, die das Leben von Schülerinnen und Schülern prägen. Im Blick auf die Schöpfungsthematik diagnostiziert er eine „Durchformung der Lebenswelten durch Naturwissenschaft und Technik“ (158), die „eine höchst problematische Rahmenbedingung religiösen Lernens dar(stellt)“ (173).

In einem fünften Kapitel werden nun Naturwissenschaft und Theologie als Wissenschaften in ein Verhältnis miteinander gesetzt. Trotz der methodischen Differenz von Naturwissenschaft und Theologie gibt es Gemeinsamkeiten: Auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse gehen über eine rein kausale Erklärung von Naturphänomen hinaus und seit der Quantenphysik ist auch hier ein mechanistisch-deterministisches Weltbild überholt.

Schließlich werden in einem sechsten Kapitel die religionspädagogischen Leitlinien einer schöpfungsorientierten Didaktik vorgestellt. Dabei sind es sechs „Interessen“, die den Zugriff auf schöpfungstheologische, aber auch andere religionspädagogische Themen leiten sollen: das Wahrnehmungsinteresse, das Reflexionsinteresse, das Beziehungsinteresse, das Aneignungsinteresse, das Bewährungsinteresse und das naturwissenschaftlich-technische Interesse.

Es ist ein Verdienst dieser Untersuchung, dass die Schöpfungsthematik in den unterschiedlichen Facetten eines unterrichtlichen Settings, angefangen bei den Lehrbüchern über den thematischen Zugriff hin zu der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, beleuchtet wird. Zwar wirken die einzelnen Kapitel eher geschlossen, aber der Bezug aufeinander wird immer wieder hergestellt. Ebenso zu würdigen ist, dass endlich die wissenschaftstheoretischen Grundlagen als ein zentraler Punkt in der Auseinandersetzung zwischen Theologie und Naturwissenschaft ausgemacht und Konsequenzen für den Religionsunterricht gezogen werden. Dass hier ein Defizit sowohl in der Theologie als auch in den Naturwissenschaften behoben werden muss, kann nur betont werden. Aufschlussreich ist darüber hinaus der Gedanke, dass die Vermittlung wissenschaftlich inkommsurabler Theoriemodelle auf der Ebene der Lebenswelt stattfindet und eine Religionsdidaktik zur gelingenden Integration beitragen kann und muss. Allerdings sind die Leitlinien, die einer schöpfungsorientierten Didaktik zugrunde liegen, nicht neu. Kategorien wie Wahrnehmung, Reflexion und Beziehung bilden seit langem Fixpunkte für die religionspädagogische Didaktik (und nicht nur für diese).

Letztlich bietet aber die sachliche Fundierung dieser Leitlinien im Kontext einer sorgfältig ausgeloteten theologischen Konzeption auch die Möglichkeit, diese Leitlinien nicht nur auf der Ebene der Methodik zu verorten, sondern sie in ihrer Bedeutung für die Religionspädagogik generell zu stärken.

Melanie Beiner

Text erschienen im Loccumer Pelikan 1/2009

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