Rezension

 

Matthias Günther, Soll ich meines Bruders Hüter sein? Biblische Geschwistergeschichten für Gemeinde und Schule, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-59519-0, 168 Seiten, 16,90 Euro

In ihren Geschwistergeschichten kommen biblische Erzählungen der Wirklichkeit und den Erfahrungen menschlichen Lebens besonders nahe. Hier steht die Lösung von problembehafteten Beziehungen und Konflikten auf der Tagesordnung. Diese Tatsache veranlasste den Autor, Geschwistergeschichten der Bibel theologisch und psychologisch zu untersuchen und sie für den religions- und gemeindepädagogischen Alltag nutzbar zu machen.

Den praktischen Darstellungen stellt Günther grundlegende Überlegungen zur Geschwisterthematik aus psychologischer und aus pädagogischer Perspektive voran. Die psychologische Perspektive gründet sich auf die Arbeiten des Individualpsychologen Alfred Adler zu Geschwisterkonstellationen in der Familie und stellt den psychodynamischen Aspekt der individuellen Entwicklung in Abgrenzung zur tiefenpsychologischen Auffassung der Einwirkungen durch die Umwelt als die Persönlichkeit formende Elemente heraus. Für die Untersuchungen von Geschwistergeschichten bietet die Annahme eines schöpferischen Umgangs mit Fremdeinwirkungen und die einer Bewegungslinie, des Lebensstils eines Individuums eine ertragreichere Arbeitsgrundlage. In den Ausführungen werden die psychologischen Grundlagen verständlich dargestellt und mit Beispielen belegt.

Die Arbeit mit biblischen Geschwistergeschichten im Unterricht begründet Günther allgemein mit der Vorgabe Baldermanns, dass biblische Geschichten eine glaubwürdige Perspektive der Hoffnung bieten und konkreter in folgenden sechs Thesen: Biblische Geschwistergeschichten


1. entsprechen der Wirklichkeit der Kinder und Jugendlichen,
2. können – im Sinne Baldermanns – einen Raum der Begegnung eröffnen,
3. erzählen von interpersonalem Geschehen,
4. ermöglichen eine wechselseitige Begegnung zwischen Menschen der Bibel und Kindern und Jugendlichen von heute,
5. können ermutigen,
6. können zur Übung in Kooperation werden.

In den Darstellungen werden die bibeldidaktischen Ansätze von Baldermann, Berg und anderen verarbeitet und kontrovers diskutiert.

Den weitaus größeren Teil des Werkes bilden die drei praktischen Beispiele Kain und Abel, Jakob und Esau, Joseph und seine Brüder. Der Aufbau umfasst jeweils eine theologische Erschließung, die alle für die Arbeit wichtigen exegetischen Befunde auch für Nichttheologen verständlich darstellt und psychologische Deutungsangebote, die einen Überblick verschiedener psychologischer Richtungen in Anwendung auf die Geschichte leistet. Interessant wird dann bei zwei Beispielen der Vergleich mit einer passenden neutestamentlichen Geschwistergeschichte gleicher Konstellation. Im Buch werden Gen 4 die Geschichte vom Verlorenen Sohn, und Gen 25 die von Maria und Martha zugeordnet. Eine schematische Darstellung der Vergleichspunkte fasst den Ertrag übersichtlich zusammen.

Aus dem Erarbeiteten entwickelt Günther praktische Impulse für die drei Bereiche: Gottesdienst, Bibelgespräch und Unterricht, die geeignet sind für eine direkte Anwendung. Bekannte (z.B. die Västeras-Methode) und weniger bekannte (z.B. die Familienkonferenz) methodische Anregungen und Bildmedien werden dem Nutzer zur Verfügung gestellt.

Abschließend werden in Kapitel V Informationen und Deutungen zu den im Buch dargestellten Geschwisterbildern bzw. -skulpturen angeboten, die dem Nutzer eine vorbereitende Arbeit mit den Medien erleichtern.

Durch den vorliegenden Aufbau liegt ein Prinzip der freien Kombinierbarkeit und Vernetzbarkeit von schulischen und gemeindepädagogischen Arbeitsfeldern vor: Im Gottesdienst können neue Erkenntnisse gewonnen, im Bibelgespräch ein Perspektivwechsel vorgenommen werden und der Unterricht kann sich zu einer Übung in Kooperation entwickeln.

Dr. Matthias Günther ist Schulpastor an der Berufsbildenden Schule in Alfeld und außerplanmäßiger Professor für Ev. Theologie und Religionspädagogik an der Leibniz-Universität Hannover. Seine Beispiele und die lebensstilorientierte Didaktik wurden im Schulalltag und in der Gemeindearbeit mehrfach praktisch erprobt. Mit der Arbeit an Geschwistergeschichten liefert das Buch ein für Gemeinde- und Schulpädagogen interessantes thematisches Angebot, das sich aus Standardthemen unterrichtlicher Tätigkeit durchaus als Abwechslung hervorhebt.

Evelyn Schneider