Rezension

 

Lamya Kaddor und Rabeya Müller (Hrsg.) Der Koran für Kinder und Erwachsene, übersetzt und erläutert von Lamya Kaddor und Rabeya Müller, mit Ornamenten von Karl Schlamminger, C.H. Beck-Verlag, München 2008, ISBN 978-3-406-57222-7,
235 Seiten, 19,90 Euro

(Eine Rezension aus islamischer Sicht)

Seit Kurzem ist ein „Koran für Kinder und Erwachsene“ von Kaddor und Müller auf dem Markt. Positiv fällt auf, dass die Verfasserinnen gewisse Verse neu übersetzt1 und neu sortiert haben. Auf diese Weise erhält die zusammengesetzte Lektüre einen systematischen Aufbau, den der Koran selbst nicht hat. Die getroffene Auswahl enthält nur Verse, bei denen wenig Widerspruch aus der nicht islamischen Gesellschaft zu erwarten ist. Gesellschaftspolitisch ist dieses Verhalten wenig hilfreich. Erwähnt werden vor allem Verse aus der ersten Phase des Propheten. Dagegen werden die Teile des Korans mit detaillierten Anweisungen und Vorschriften aus der Zeit des Propheten in Medina ausgeklammert.

Ziel der Autorinnen ist es, den Zugang zum Koran zu erleichtern und aufklärerisch2 zu wirken. „Aufklärerisch wirken“ kann man jedoch nur, wenn man schwer verständliche Verse historisch auslegt. Stattdessen haben die Autorinnen nur die unkritischen Verse des Korans zusammengefasst. Bei dieser Zusammenfassung ist es ihnen leider nicht gelungen, eine pädagogisch vermittelbare oder theologisch reflektierte Lektüre daraus zu machen. Diese Feststellung wird durch das Zitat aus Sure 2, 213 (S. 55) bestätigt, wonach „Gott leitet, wen er will, auf einen geraden Weg.“ Demnach wird Gott ein gewisses willkürliches Handeln unterstellt, was Kindern kaum vermittelt werden kann.

Statt Geschichten und Erzählungen, die man hätte auch woanders nachlesen können, breiten Raum zu geben, wäre es sinnvoll gewesen, gewisse Verse des Korans vorzustellen und zeitgemäß auszulegen. So ist es unerlässlich, Verse und Vorschriften, die z.B. die Frauen und ihren Status betreffen, historisch-kritisch auszulegen. Darauf eingehend erklärt Kaddor in einem Interview,3 Sharia, Jihad und Schleier seien nebensächlich, weil nur Gott und sein Wirken im Zentrum des Islam stünden. Richtig. Es ist jedoch unredlich zu behaupten, dass Schulkinder keine Fragen stellten. Gerade Schulkinder, stellen ständig bestimmte Fragen, weil sie von ihren andersgläubigen Mitschülern dazu veranlasst werden. So wollen die Grundschulkinder, die ich unterrichte, wissen, wer z.B. Khadija oder Aisha waren. Wie sich der Prophet Muhammad zu seinen Frauen verhalten habe? Ob der Prophet seine Frauen gut behandelte? Warum wir Muslima Schleier tragen? Warum wir kein Schweinefleisch essen dürfen? Diese wenigen Fragen verdeutlichen beispielhaft, dass dringender pädagogischer Bedarf besteht, bestimmte Verse des Korans vorzustellen. Wenn also die Autorinnen Frauen als Vorbilder preisen, dabei aber auf Frauen aus der vorislamischen Zeit verweisen, erhebt sich die Frage, warum sie dann die Frauen des Propheten ausgeklammert haben.

Wenn also Kaddor im ZDF-Forum erklärt (2.5.08), „der Koran ist zeitbedingt“, weshalb lehnt sie es ab, ihn historisch auszulegen. Dies, so sagt sie, sei Aufgabe von Theologen, also der männlichen Ulemas. Es entsteht der Eindruck, dass die Autorinnen sich gerade um die Fragen drücken, bei denen die notwendige Aufklärungsarbeit zu leisten wäre. Auch die Erklärungen zum Bilderverbot (S. 227) sind fachlich unzutreffend, weil nicht der ganze Islam ein Bilderverbot kennt. So kennen die Schiiten und Aleviten kein Bilderverbot; wohl aber der sunnitische Islam. Insofern liegt den Autorinnen eine gewisse Unkenntnis vor, wenn sie behaupten, in früheren Zeiten sei das Bilderverbot im Islam anders gehandhabt worden als in der Gegenwart. Ohnehin ist die Lektüre ohne gewisse historische Vorkenntnisse oder ein entsprechendes Glossar für Kinder nur bedingt verständlich.

Das Buch soll der verbreiteten Unkenntnis von Kindern und Jugendlichen entgegenwirken (S. 225). Diese Unkenntnis wird geradezu verstärkt, wenn man die Teile des Korans nicht berücksichtigt, die aktuelle politische Konsequenzen haben. Wer auch immer durch die Lektüre dieses Buches angespornt werden mag, im Koran zu lesen, wird bei weitergehendem Studium seine Erkenntnisse zum Teil korrigieren müssen, oder gar den Koran zur Seite legen. Hilfreich wäre es also gewesen, gewisse kontroverse Teile des Korans kindgerecht und systematisch vorzustellen. Schulkinder wie Erwachsene werden auch in Zukunft ohne eine vollständige Ausgabe des Korans nicht auskommen.

Sebiha Ablak

  1. Es handelt sich nicht wirklich um eine eigenständige Neuübersetzung, sondern nur um Begrifflichkeiten, die den Autorinnen für ihre pädagogischen Intentionen geeignet erscheinen.
  2. Siehe http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/759660/
  3. Siehe Anm. 2.