Rezension

  

Stefanie Pfister und Matthias Roser
Religiöse Sonderwege
Weltanschauliche Orientierungskompetenz für Religionskräfte
Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2018
ISBN 978-3-647-70235-3, 176 Seiten, 17,99 €



Sprach- und Orientierungslosigkeit von Lehramtsstudierenden im Kontakt mit weltanschaulichen Gruppierungen waren für die Autorin und den Autor Anlass, das Buch „Religiöse Sonderwege“ zu verfassen. Stefanie Pfister, Privatdozentin für Religionspädagogik in Münster, und Matthias Roser, promovierter Lehrer in Berlin, haben diese Sprach- und Orientierungslosigkeit im Rahmen ihrer religionspädagogischen Exkursionen mit Studierenden des Faches Ev. Religion beobachten können. Ziel der Exkursionen zu Gruppierungen, die religiös-weltanschauliche Sonderwege gehen, war es, in einen theologischen Diskurs zu treten. Doch dazu kam es nicht. Vielmehr zeigten sich die Studierenden von ihrer eigenen Sprachlosigkeit irritiert, wenn sie auf Menschen trafen, die sich als geistlich wiedergeboren beschrieben, die Trennung von Frauen und Männern in der Gemeinde vertraten, oder wenn sie bei ihren Gesprächspartnern auf in sich geschlossene Weltbilder trafen. Die Studierenden fanden sich in ihrer eigenen persönlichen Daseinsgewissheit angefragt, konnten diese aber nicht theologisch begründen und darlegen.

Genau daran knüpft das Buch an. Pfister und Roser gehen davon aus, dass zukünftige Religionslehrkräfte Experten in Sachen Theologie, Religionen und Weltanschauungen sein sollen. Sie sollen ihren Schülerinnen und Schülern außerdem Hilfe und Orientierung vermitteln, damit diese sich auf dem religiös-weltanschaulichen Markt der Möglichkeiten zurechtfinden können und sie werden im Schulalltag diesbezüglich auch seelsorgerlich angefragt. Diesen Aufgaben können Lehrkräfte nur entsprechen, wenn sie selbst gut informiert und theologisch versiert auf Anfragen reagieren können, die von anderen weltanschaulichen Gruppierungen an den christlichen Glauben in seiner evangelischen Konfession herangetragen werden.

Das Buch bietet deshalb zunächst eine systematisch-theologische Einordnung von religiösen Sonderwegen. Sehr bewusst wird dabei der Begriff „Sekte“ vermieden, weil dieser zwar in einer Zeit homogener religiöser Verhältnisse zu passen schien, in Zeiten religiöser Vielfalt dagegen nicht mehr sinnvoll erscheint. „Religiöse Sonderwege“ ist dagegen der Begriff, den das Autorenteam favorisiert. Er beschreibt einerseits den Prozesscharakter einer neuen religiösen Bewegung und nimmt andererseits zugleich die Suchbewegung der Menschen nach einem (neuen) Weg der Lebensdeutung auf. Darüber hinaus bietet der Begriff die Möglichkeit, religiöse Sonderwege als soziale Bewegungen zu beschreiben, die auf der individuellen Erfahrungsebene beginnen und letztlich auf ein Gegen- bzw. Alternativmodell zur pluralen, religiösen und weltanschaulichen Gegenwartskultur der Bundesrepublik Deutschland zielen. Damit ist der Begriff auch soziologisch anschlussfähig. Sehr deutlich benennen Pfister und Roser die sich daraus ergebende Aufgabe für evangelische Christen: Apologie. Verteidigung also der eigenen Daseinsorientierung aus der Perspektive evangelischen Christseins. Damit dies gelingen kann, gilt es zu beachten, dass andere religiös-weltanschauliche Gemeinschaften immer nur mit einer Außenperspektive betrachtet und wahrgenommen werden können, zugleich aber Kenntnisse über die eigene Position, die Innenperspektive unerlässlich sind, um in eine apologetische Auseinandersetzung eintreten zu können: „Lehrkräfte des konfessionellen Religionsunterrichts sollen in die Lage versetzt werden, die notwendige Innenperspektive mit der Außenperspektive in Bezug zu bringen, z. B. beim Wahrnehmen, Deuten und Beurteilen im Hinblick auf religiöse Sonderwege.“ Wichtig ist dabei, dass die eigene Position deutlich aufgezeigt und dass der religiöse Sonderweg transparent beschrieben werden kann. Als Hilfe zur Beobachtung religiöser Sonderwege führen die Autorin und der Autor staatskirchenrechtliche, anthropologische, theologische und religionspädagogische Kriterien ein, die den Lehrkräften helfen können, eigene apologetische Kompetenzen zu entwickeln, denn schließlich will der Band auf der Basis lutherischer Theologie Argumentationshilfen gegenüber der Welt- und Existenzdeutung religiöser Sonderwege an die Hand geben.

Was bis hierher eher theoretisch und wissenschaftlich klingt, wird im Herzstück des Buches ganz praktisch angewandt: Verschiedene religiöse Sonderwege (z.B. Zeugen Jehovas, Mormonen, Evangelikale, Kreationisten aber auch messianische Juden und Salafisten) werden mit einem jeweils originalen kurzen Textdokument vorgestellt, das um allgemeine Informationen zur jeweiligen Gruppierung ergänzt wird. Der Clou aber sind die sich daran anschließenden Arbeitsaufgaben für den Lesenden. Sie sollen jeweils die Wahrnehmungs-, die Deutungs-, die Urteils- und die Dialogkompetenz sowie die deiktische Kompetenz im Umgang mit den vorgestellten religiösen Sonderwegen fördern. Wohl gemerkt: Es geht hier nicht um die Kompetenzen auf Schüler- und Schülerinnenseite, sondern es geht um die Förderung der Kompetenzen auf Seiten der Lehrkraft. Die Arbeitsaufgaben sind dabei so gestellt, dass sie nicht nur mit Hilfe der im Buch zur Verfügung gestellten Informationen bearbeitet werden können. Stattdessen wird zum Selbststudium motiviert. Dazu wird auf Internetseiten des jeweiligen religiösen Sonderweges und auf gezielt ausgewählte Sekundärliteratur verwiesen. Die Kriterien, die bei der Beschäftigung mit einem religiösen Sonderweg im Vordergrund stehen, sind dabei verschieden: Stehen etwa bei den Zeugen Jehovas missionarische Fragen und die Bedeutung der altkirchlichen Dogmen im Vordergrund, geht es bei den Kreationisten eher um Argumentationsstrategien und die Frage einer historisch-kritischen Deutung der biblischen Texte. Mit Hinweisen zu religionspädagogischen und praktisch-theologischen Perspektiven schließt jede Bearbeitung eines religiösen Sonderweges und weitet damit den Blick auf die Situation im Klassenzimmer.

Das letzte Kapitel des Buches bietet die Anleitung für ein Planspiel, in dem eine Lerngruppe das zum Themenfeld Erarbeitete praktisch umsetzen und so ihre weltanschauliche Orientierungskompetenz erproben kann. Alle Schritte zur Durchführung des Planspiels sind nachvollziehbar beschrieben und motivieren sehr dazu, das Planspiel auszuprobieren. Allerdings ist dafür ein ganzer Projekt- bzw. Seminartag nötig, was in schulischen Zusammenhängen nicht ganz einfach umzusetzen sein wird.

Das Buch wird abgerundet durch ein Glossar und eine ausführliche Literaturliste. Außerdem gibt das Autorenteam seinen Leserinnen und Lesern einen Kriterienkatalog an die Hand, der dabei behilflich sein kann, um weitere, im Buch nicht beschriebene, religiöse Sonderwege zu analysieren und eine eigene Position zu ihnen zu entwickeln. Der knapp 180 Seiten starke Band sollte in keiner Lehrerbibliothek fehlen.

Oliver Friedrich

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2018

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