Rezension

 

Reiner Andreas Neuschäfer: Das brennt mir auf der Seele, Anregungen für eine seelsorgliche Schulkultur, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-61596-6, 96 Seiten, 12,90 Euro

„Das brennt mir auf der Seele“ – dieses Büchlein ist so­wohl eine Seelsorge an Lehrerinnen und Lehrern in schriftlicher Form als auch tatsächlich eine Anregung für das Etablieren einer seelsorg(er)lichen Schulkultur – wie der Untertitel verspricht. Die beiden Teile des Büchleins heißen „Etappen“ und sind es auch, denn sie führen die Lehrerin, den Lehrer zunächst durch eine Wahrnehmungsschule. Die erste Etappe („Bestandsaufnahme“) widmet sich der Schulung der Wahrnehmung bei den Lehrenden. Man wird angeleitet, sich mit seinen beruflichen Visionen, seinen Motiven und dem, was einem in der Schule auf Seiten der Schülerinnen und Schüler begegnet, auseinanderzusetzen. Diese Anleitung ist freundlich, vorsichtig und fragend. Wem amerikanisch inspirierte Beratungsliteratur gefällt, der wird hier das Zehn-Punkte-Programm zum Erfolg vermissen. Gerade das Fehlen eines solchen Programms zeichnet das Büchlein aus.
Reiner Andreas Neuschäfer, der sieben Jahre lang Schulbeauftragter der Föderation evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland und Religionslehrer war, bevor er 2008 zurück nach NRW ging, entwirft dann in einem zweiten Teil Konturen seelsorgerlicher Handlungsmöglichkeiten. Die erste Station dieser zweiten „Etappe“ ist überschrieben mit „Bin ich etwa Jesus? Nein, aber…“. Der Autor orientiert sich darin an sieben seelsorgerlichen Qualitäten Jesu: Innehalten, Hinsehen, Hinhören, Fragen, Erzählen, Zusammensein, Vor Augen malen. Im Schreiben – auch des ersten Teils – folgt er selbst diesen seelsorgerlichen Qualitäten. Neuschäfer beobachtet, nimmt wahr, sammelt, erzählt, gebraucht eine bildhafte Sprache. Fast nie finden sich Thesen, dogmatische Setzungen, Sätze, an denen sich der Widerspruchsgeist des Lesers entzündet. Sein Profil ist dennoch klar: „Wo … Fassaden einstürzen, Masken fallen, Versteckspiele aufhören und ‚Aufrichtigkeit’ richtig anfängt, dort ist auch der Raum geöffnet für die Wahrheit jenseits der Schuld, des Elends und der Angst. Gerade hierin liegen die Chance, das Profil und das ‚Mehr’ einer christlich orientierten Seelsorge.“ (Seite 64). Schreibstil und Inhalt gehen Hand in Hand, und das macht die Qualität des Buches aus.

Eine Frage bleibt: Ist es beabsichtigt, dass man sich bei den Illustrationen von Katrin Wolff, die auch das Cover zieren, an die „Seelenvögel“ erinnert fühlt, die die israelische Illustratorin Na’ma Golomb (vgl. Michal Snunit/Na’ma Golomb: Der Seelenvogel, Carlsen Verlag Hamburg 1991) berühmt gemacht haben? Das hebräische Wort nefesch, das im Deutschen mit Seele wiedergegeben wird, hat ein etwas anderes Bedeutungsspektrum, vor allem aber konterkariert das eigendynamische lustig-traurige Vögelchen die christliche Vorstellung vom Menschen als unteilbarer Leib-Seele-Einheit und Neuschäfers Ansatz, eben diesen ganzen Menschen auch in der Schule in den Blick zu nehmen.

Bärbel Husmann