Rezension

   

Matthias Günther
Jugendseelsorge
Grundlagen und Impulse für die Praxis
Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen 2018
ISBN 978-3-647-71748-7, ca. 144 Seiten, ca. 20,00 €
Erscheint im Juni 2018



Das Jugendalter ist keine Zeit der Krise, sondern eine Zeit des Wandels. Jugendseelsorge ist daher keine dauerhafte Krisenbegleitung, sondern Hilfe bei der Gestaltung von Wandlungsprozessen.

Das ist die Grundhaltung, in der Matthias Günther einen Blick auf die Jugendseelsorge wirft. Kurzweilig zu lesen und mit überschaubarem Umfang bietet sein Buch Praxishilfe für alle, die in Schule und Gemeinde mit Jugendlichen zu tun haben.

Zunächst definiert Günther, empirisch untermauert, was er unter Jugendseelsorge versteht. Anschließend stellt er diese Erkenntnisse noch einmal mit Einsichten aus der Entwicklungspsychologie auf den Prüfstand. Das ist hilfreich, weil sich die These, Jugendliche seien insbesondere in der Pubertät ständig in einer Krise, immer noch hält, obwohl sie eigentlich längst empirisch widerlegt ist. Es wird hier noch einmal sehr deutlich, dass Jugendliche nicht in der Krise, sondern in Wandlungsprozessen begleitet werden müssen, die freilich krisenhaftes Erleben auslösen können.

Günther beschreibt dann eine ressourcenorientierte Jugendseelsorge, die mit dem Dreischritt „Validation, Komplexitätsreduktion, Progression“ ein Modell bietet, das sehr praxistauglich scheint. Wer bereits Bücher des Autors gelesen hat, kennt dieses Modell schon, findet es hier aber noch einmal eingeordnet in die Grundlagen der Jugendseelsorge.

Im vierten und letzten Teil geht es um die Praxis. Seelsorge wird als helfendes Handeln in den Blick genommen. Darüber hinaus geht es aber auch um die Frage, wie man seelsorglich unterrichten kann. Und es wird geklärt, welche liturgisch-spirituelle Dimension Seelsorge hat und wie z.B. seelsorglich Gottesdienste gefeiert werden könnten. So richtet sich das Buch nicht nur an Menschen, die in der Schule mit Jugendlichen zu tun haben, sondern genauso an diejenigen, die in der Gemeinde tätig sind.

In allen Teilen werden theoretische Überlegungen durch konkrete Hinweise für die Praxis verbunden. Fallbeispiele aus Schule und Konfirmandenarbeit sind dabei das verbindende Glied, an dem Theorie und Praxis anschaulich werden.

Eine Anfrage an das Buch ist diese: Matthias Günther macht deutlich, dass es in der Seelsorge immer darum gehen muss, die Ressourcen der Menschen zu nutzen, also Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Dies mag sich zwar von selbst verstehen. Der Hinweis ist in Bezug auf die Jugendseelsorge aber wichtig. Auch Jugendliche haben Ressourcen und können Zeiten des Wandels und auch krisenhafte Momente aus eigener Kraft bearbeiten. Seelsorge muss lediglich dabei helfen, die eigenen Ressourcen zu entdecken und Ziele zu stecken, die aus krisenhaften Situationen hinausführen.
In diesem Zusammenhang ist anzufragen, ob die Praxisbeispiele aus dem seelsorglichen Unterricht und besonders aus dem seelsorglichen Feiern von Gottesdiensten nicht zu sehr Lehrkräfte und Hauptamtliche aus den Gemeinden zu Handelnden machen. Gerade Gottesdienste könnten womöglich noch größere seelsorgliche Kräfte entfalten, wenn Jugendliche auch in Vorbereitung und Durchführung eingebunden wären. Hier kann der Autor gern in einem weiteren Buch nachlegen.

Andreas Behr

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2018

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