Rezension

   

Marc Calmbach, Silke Borgstedt, Inga Borchard, Peter Martin Thomas, Berthold Bodo Flaig:
Wie ticken Jugendliche? Lebenswelten von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland
Springer-Verlag: Wiesbaden 2016, ISBN 9783-658-12532-5, 493 Seiten, 53,49 €

Digital verfügbar unter https://link.springer.com/book/10.1007%2F978-3-658-12533-2.


Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung, der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung u. a. hat die SINUS Markt- und Sozialforschung erneut eine Studie zur Lebenswelt von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren vorgelegt.

Das SINUS-Institut hat sich seit Jahrzehnten einen Namen in der Milieuforschung gemacht, die es nun bereits zum dritten Mal (nach 2008 und 2012) auf die Jugendforschung überträgt.

Die Untersuchung basiert auf einer repräsentativen Breitenerhebung und den sogenannten „Lebensweltindikatoren“, die Statements beinhalten, die die typischen Werthaltungen der einzelnen Lebenswelten repräsentieren. Konkret wurden 72 Jugendliche interviewt. Die nicht-direktiv geführten Gespräche boten den jungen Leuten viel Raum, um Wahrnehmungen, Einstellungen und Meinungen in ihrer Alltagssprache zu formulieren. Die Befragten verfügten zu einem Drittel über einen Hauptschulabschluss, zu einem Drittel über die Mittlere Reife und zu einem Drittel über das Abitur. Personen mit Migrationshintergrund wurden den Abschlüssen entsprechend anteilsmäßig berücksichtigt; die Befragungsorte waren über alle Bundesländer verteilt, allerdings eher in größeren Städten und Ballungsräumen als auf dem Land. Zusätzlich zu den Interviews haben die Befragten jeweils ein „Hausarbeitsheft“ geführt, in dem Fragen nach Geschmackspräferenzen beantwortet wurden, wie z. B. „Was hörst du gerne für Musik?“, „Was siehst du im Fernsehen?“, „Wer sind deine Vorbilder?“.

Das Buch nimmt in seiner Gliederung die sieben Milieus auf, die die Studie für Jugendliche ergeben hat: Konservativ-Bürgerliche, Adaptiv-Pragmatische, Prekäre, Materialistische Hedonisten, Experimentalistische Hedonisten, Sozialökologische und Expeditive. Was in dieser Auflistung abstrakt und theoretisch klingt, wird nicht nur dadurch sehr konkret, dass jedes Kapitel mit ein Fotocollage repräsentativer Jugendzimmer eingeleitet wird, sondern auch dadurch, dass zu jedem Abschnitt Zitate von Jugendlichen aus den Interviews wiedergegeben sind, die die Unterschiede zwischen den Milieus anschaulich werden lassen: „Ich denke sehr sozial. Ich finde Rastalocken schön, ich finde es gut, wie vegetarische Menschen leben und will das vielleicht selber mal ausprobieren. Ich achte auch auf meine Umwelt, wenn jemand einen Becher wegschmeißt, ich so: Heb den bitte auf oder gib ihn mir, ich schmeiß den in den Müll. Ich will auch Blutspenden gehen, und dieses Knochenmark will ich auch spenden. Ich will mir auch später einen Organspendeausweis holen und so etwas. Also, viel für andere leben und für unsere Welt, damit die erhalten bleibt.” (weiblich, 15 Jahre, Sozialökologisch, 137)

Darüber hinaus gibt es Abbildungen von handschriftlichen Originaltexten oder Bildern, die im Rahmen der „Hausarbeitenhefte“ von den Befragten erstellt wurden. So werden die jeweiligen lebensweltlichen Basisorientierungen, die Zukunftsvorstellungen der Jugendlichen, ihre kulturelle Orientierung und ihre Vergemeinschaftung (analog wie digital) für den Leser sehr lebendig. Zusätzlich zu der milieuspezifischen Beschreibung der jugendlichen Lebenswelten gibt es Kapitel, die sich einzelnen Themenbereichen (wie z. B. Digitale Medien, Umweltschutz, Liebe und Partnerschaft, Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft) quer durch alle Milieus widmen. Aufgrund aktueller bundesdeutscher Entwicklungen und Problemlagen sind außerdem zwei Kapitel den Themenfeldern Nation / Nationalität und Flucht  / Asyl gewidmet. „So entsteht ein alltagsnahes, breites und buntes Bild von der ungeheuren Vielfalt der Lebenslagen der jungen Generation in Deutschland, das deutlich macht, wie unterschiedlich die Einschätzung der persönlichen und gesellschaftlichen Situation ausfällt“, fasst Klaus Hurrelmann in seinem Vorwort zusammen.

„Wie ticken Jugendliche?“ ist ein Buch, das auch für den sozialwissenschaftlichen Laien gut lesbar ist. Es bietet viele Einsichten in das, was das Leben von Jugendlichen bestimmt, woran sie ihr Herz hängen, worüber sie nachdenken. Wer sich intensiver mit den Milieus beschäftigt, wird recht bald Personen vor Augen haben, die er oder sie aus der Konfirmandenarbeit oder der Schule kennt.

Oliver Friedrich

 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 4/2017

PDF