Rezension

 

Gudrun Guttenberger / Bärbel Husmann (Hg.): Begabt für Religion. Religiöse Bildung und Begabungsförderung, Vandenhoeck & Ruprecht 2007, ISBN 978-3-525-61032-9, 208 S., 16,90 Euro

„Ach, Ihr jetzt auch?“, fragt ein Kollege, als ich das Buch von Gudrun Guttenberger und Bärbel Husmann „Begabt für Religion“ auf meinem Tisch ins Lehrerzimmer lege. Eine ungewöhnliche aber auch berechtigte Frage. Liest man die einschlägige Literatur zum Thema „Hochbegabung“, entdeckt man zu der Frage nach Merkmalen der Hochbegabung immer wieder „außergewöhnliches Interesse an religiösen und philosophischen Themen“ als ein wichtiges Kriterium. Schaut man dann weiter in die Werke zur gezielten Förderung und Differenzierung im Unterricht, findet man lauter Matheknobeleien, Projekte im musisch-künstlerischen und sprachlichen Bereich oder naturwissenschaftliche Experimente. Religion taucht hier nicht mehr auf. Insofern ist „Begabt für Religion“ schon etwas Besonderes.

So verstehen B. Husmann und G. Guttenberger ihr Buch auch als einen ersten Impuls, der religiöse Bildung im Rahmen der Hochbegabungsförderung- und forschung zum Thema machen will. Das Buch dokumentiert ein im Juli 2005 gehaltenes Symposium zum Thema und besteht aus Beiträgen und Aufsätzen, die das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Es beginnt mit dem Aufsatz des Marburger Theologen Bernhard Dressler zum Bildungsbegriff, natürlich mit dem Schwerpunkt der religiösen Bildung. Im nächsten Beitrag setzt sich Rolf Werning, Sonderschulpädagoge an der Universität Hannover, mit dem Begriff „Diagnostik“ kritisch auseinander. Er zeigt Möglichkeiten der Förderung durch einen individuellen Entwicklungs- und Förderplan auf, erstellt unter Mitwirkung des Kindes, der Eltern, des Kollegiums und der Lerngruppe.

Im Folgenden kommt mit Götz Müller ein Psychologe zu Wort, der mit hochbegabten Kindern arbeitet. Verschiedene Intelligenzkonstrukte und die Möglichkeiten, Intelligenz zu differenzieren und zu messen, werden aufgezeigt.
Spannend ist die empirisch-qualitative Studie von Dorothee Beckermann. Ein erschreckendes Ergebnis ihrer Arbeit mit Schülerinnen und Schülern der Christophorusschule besteht für mich darin, dass die Auseinandersetzung mit Religion nicht direkt als intellektuelle Herausforderung angenommen, sondern Religion fast ausschließlich im Kontext emotionaler und sozialer Kategorien wahrgenommen wird.

Ernstpeter Maurer, Systematischer Theologe an der Universität Dortmund, befasst sich mit der Bedeutung des Intellektes in der christlichen Anthropologie. Gudrun Guttenberger, Professorin für Biblische Theologie und Religions-pädagogik an der Ev. Fachhochschule in Hannover, macht den Versuch, das kulturelle Konstrukt von Hochbegabung in seiner religionstheologischen Dimension zu beschreiben.

Bärbel Husmann, Dozentin am RPI Loccum, unterfüttert die von Bernhard Dressler vorgelegte Bildungskonzeption mit konkreten Vorschlägen zur praktischen Umsetzung. Sie spricht sich für individualisierte Lernformen, Einbeziehung außerschulischer Experten, einen flexiblen Um-gang mit Methoden der äußeren und inneren Differenzierung und eine Kultur, in der soziale und intellektuelle Kompetenzen gleichermaßen wertgeschätzt werden, aus. So schließt sie in ihre Vorstellung von Begabtenförderung die Begabung aller Kinder und Jugendlichen, nicht nur der intellektuell hochbegabten, ein und spricht deshalb nicht von „Begabtenförderung“, sondern von Begabungsförderung.
Einen Aufruf zum „Theologisieren mit Kindern und Jugendlichen im Religionsunterricht“ startet Gerhard Büttner, Religionspädagoge an der Universität Dortmund. Am Beispiel des Briefwechsels des Philosophen Vittorio Hösle mit der elfjährigen Nora K. macht er deutlich, wie so ein Dialog gelingen kann. Als Beispiel individueller Förderung legt Bärbel Husmann im Folgenden ihre Erfahrungen mit kirchlichen Wettbewerben dar. Besonders interessant für mich war hier die Erstellung von Portfolios als eine Möglichkeit individueller Förderung.

Am Ende des Buches wird das Thema „Begabungsförderung und Religion“ noch einmal aus drei konfessionell unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Frank Stuhlmann beschreibt das Profil seiner Arbeit in der Jugenddorf-Christophorusschule im CJD Braunschweig, die einen Hochbegabtenzweig hat, vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes. Mirjam Schambeck sf, Privatdozentin für katholische Religionspädagogik an der Universität Regensburg und Klaus Mertes SJ, Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin, stellen ihre Überlegungen zur Begabungsförderung in direkten Kontext zu ihren Ordensgründern Franziskus von Assisi und Ignatius von Loyola. So liefert gerade der Beitrag von Mirjam Schambeck auch viele praktische Ideen zur Unterrichtsgestaltung.
Eine kritische Bemerkung zum Schluss sei mir gestattet. Als nicht hochbegabte Religionslehrerin konnte ich einige der Beiträge nur mit Fremdwörterbuch und viel gutem Willen bewaffnet entschlüsseln. Trotzdem waren die Inhalte so gut, dass sich das Durchkämpfen gelohnt hat.

Um zum Anfang meiner Rezension zurückzukommen: „Ja, – wir jetzt auch“, antwortete ich meinem Kollegen, „und das ist hoffentlich erst der Anfang!“

Anke Janßen