Modern und mutig – Argula von Grumbach kämpft für die Glaubensfreiheit
Unterrichtseinheit für die Sekundarstufe I

von Melanie Beiner

 

„Eine kleine, gekrümmte Frau“ – erste Beobachtungen

„Erst sieht man nur eine kleine, gekrümmte Frau. Sie sieht komisch aus mit ihren langen Kleidern und dem großen Buch in der Hand. Wenn man die andere Hälfte des Bildes dazu nimmt, dann sieht es anders aus: Jetzt steht da eine Frau, die den Männern etwas zu sagen hat und sie wirkt gar nicht mehr klein. Das finde ich gut.“

Die Äußerung der Schülerin nimmt im Prinzip vorweg, worum es gehen soll: Personen aus der Vergangenheit, die im ersten Moment fremd wirken, bekommen ein Gesicht und eine Geschichte; und dadurch treten sie in Berührung mit der eigenen Lebensgeschichte. Das wäre für mich zusammengefasst das Ziel eines Lernens an Biografien.

Wenn es um Lebensgeschichten geht, muss ja in einem weitgehenden Sinn offen bleiben, wie eine solche Lebensgeschichte wirkt. Wir suchen sie zwar aus, weil wir davon ausgehen, Schülerinnen und Schüler könnten an ihnen etwas lernen und weil sie meistens für uns für etwas stehen, das zu lernen uns sinnvoll erscheint; dennoch können Menschen, auch solche, die längst zu Personen der Geschichte geworden sind, nicht nur für einen Lernzweck „dienstbar“ gemacht werden; dafür sind Biografien zu komplex, historisch zufällig und Lebensläufe menschlich ambivalent. Die Deutung einer Lebensgeschichte kann nie nur eine Möglichkeit zulassen. Gleichwohl brauchen Lernprozesse „Vor-Bilder“ im wörtlichen Sinne; Bilder von der Meisterung des Lebens, die andere vor mir entworfen haben; an ihnen bilde ich mir meine Perspektive – in Übernahme, Abgrenzung, Variation des Gesehenen, Erlebten und Gedachten.

Die „kleine, gekrümmte Frau“ Argula von Grumbach geb. Stauff ist eine Person der Geschichte, in der die Komplexität einer Biografie und deren Ambivalenz aufscheinen. Sie gilt schon zu ihren Lebzeiten als eine Frau, die sich für die Reformation und die Glaubensfreiheit einsetzt. Ihre selbstbewusste und unkonventionelle Art, mit der sie wie selbstverständlich Flugschriften an Kurfürsten, Stadträte und Universitätsleitung adressiert, bekommt von Anfang an eine große Öffentlichkeit und auf Seiten der Anhänger der Reformation große Unterstützung. Gleichwohl bleibt ihr Engagement bei den entsprechenden Instanzen letztlich ohne Resonanz; dafür scheitert an ihrem Einsatz und den Glaubensfragen ihr Familienleben: Ihr Mann verliert ihretwegen seine Stellung. Weitere Familienmitglieder müssen vermutlich Sanktionen fürchten und grenzen sich von ihr ab.

Argula von Grumbach ist modern und mutig; als adelige Frau gebildet äußert sie sich in der Öffentlichkeit und bekennt sich zum evangelischen Glauben, der in Bayern ab 1522 schon verboten wird. Ihre faktische Wirkung bleibt jedoch begrenzt; heute gilt sie als eine der bedeutendsten Frauen der Reformation.

 

Von „Weiber-Curage“ zum „Zickenterror“ – weibliche Fremd-, Selbst- und Vorbilder

Wie kann mit Vorbildern im Unterricht angemessen umgegangen werden? Diese Frage stellt sich verstärkt im Blick auf weibliche Vorbilder. In der Regel ist der Focus ihrer Betrachtung nämlich immer auch von der Frage der Emanzipation oder Selbstbestimmtheit geprägt. Es geht häufig um „starke Frauengestalten“, die sich widersetzt haben, meistens männlich geprägte Strukturen durchbrochen oder Durchhaltevermögen und Standhaftigkeit gezeigt haben. Die Frage, was man an ihnen lernen kann, ist dadurch in gewisser Weise schon beantwortet und in eine Richtung vorgegeben, nämlich dies, andere als die typischen Rollenmuster einzunehmen.

Die Gefahr einer Idealisierung einer Biografie aber scheint mir je größer zu sein, desto eher vorgegeben ist, was ich an diesen Biografien lernen kann. Darin zeigt sich eine gewisse Herausforderung im Umgang mit weiblichen Vorbildern. Sie sind immer auch relevant im Blick auf die Genderfrage und sollen es auch sein. Mit der Thematisierung weiblicher Personen wird deutlich, dass Frauen zur Glaubens- und Religionsgeschichte selbstverständlich dazu gehören.Gleichzeitig werden Frauengestalten verkürzt wahrgenommen, wenn sie auf den Aspekt von Emanzipation festgelegt werden. Im Blick auf den angemessenen Umgang mit weiblichen Biografien bedeutet dies eine gewisse Aufmerksamkeit darauf, wann sich das emanzipatorische Interesse verselbständigt und der Person, aber auch der Intention nicht mehr gerecht wird. (Die beiden Frontmänner des Ev. Religionsunterrichtes etwa, Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer, verschwinden als Menschen fast ganz hinter der absichtsgeleiteten Verwendung ihrer Biografien.)

Für die Genderthematik im Religionsunterricht bedeutet es, nicht nur neben anderen Themen „auch mal“ eine Unterrichtseinheit zu einer starken Frau durchzuführen. Empirische Untersuchungen haben herausgefunden, dass für die Identifikation mit Personen, mit Haltungen und Perspektiven die Geschlechtszugehörigkeit eine große Rolle spielt. Darum gehört ein genderbewusster Blick auf die Wahrnehmung von Religion, von biblischen Geschichten und theologischen Themen immer dazu. (In den Kompetenzformulierungen der Kerncurricula ist dieser Aspekt, soweit ich sehe, nicht ansatzweise bedacht).

Die Thematisierung weiblicher Vorbilder kann hinsichtlich der Frage nach dem Umgang mit Vorbildern und ihrem Lernpotential etwas Weiteres eintragen. Macht doch die Thematisierung von Frauengestalten besonders bewusst, dass Bilder, Selbst- und Fremdbilder durch Konstruktionen entstehen, die immer sozial geprägt und von außen quasi mitbestimmt sind.

Denn wenn es um die Beschreibung von ausdrücklich weiblichen (und auch männlichen) Verhaltensweisen geht, dann kommen schnell verallgemeinernde Stereotype in den Blick, die zwar nicht ohne Wirkung auf das Selbstverständnis bleiben, gleichzeitig aber auch adaptierbar und veränderbar sind. Unter dem Titel „Weiber-Curage“ (im 17. Jh. noch so geschrieben) wurde eine Flugschrift veröffentlicht, in der eine Unterschriftenaktion von Frauen zu dieser Zeit beschrieben wurde. Heute bezeichnet eine latente und laute Kritik von Frauen der Ausdruck „Zickenterror“. Der Begriff, der als eine Art Schimpfwort gemeint war, wird mittlerweile von Mädchen und Frauen ironisch-selbstbewusst adaptiert, auf T-Shirts gedruckt und zu Musicals verarbeitet.

Anhand der Art und Weise, wie Frauen und Männern mit solchen Zuschreibungen umgehen, kann deren Bedingtheit und Veränderbarkeit in den Blick genommen werden. Auf diese Weise bietet die Genderperspektive von Biografien auch ein Lernpotential hinsichtlich fremder und eigener Konstruktionen von Vorbildern und Selbstbildern.

 

Rechtlos und untergeordnet oder selbstbewusst und mächtig?
Die Perspektive auf Frauenbiografien der frühen Neuzeit

In der Auseinandersetzung mit Lebensgeschichten von Frauen tritt immer wieder der Aspekt der Ungleichheit von Frauen und Männern in den Blick, der häufig unmittelbar als Ungerechtigkeit gegenüber Frauen interpretiert wird. Heide Wunder hat in ihrer sozialgeschichtlichen Untersuchung über die Frauen der frühen Neuzeit das Bild der Frau als rechtlose Person und überwiegend Opfer patriarchaler Ordnungen infrage gestellt. „Frauen mögen ´untergeordnet´ gewesen sein, ihr tatsächlicher Einfluss wird damit jedoch verkannt. In Wirklichkeit waren sie in der Lage, gegenüber der Außenwelt wie auch innerhalb der Familie männliche Rollen und Macht auszuüben – nicht anders als die Männer selbst.“ (Wunder 1992) In der frühen Neuzeit gilt jedenfalls die Arbeit von Frauen in der Hauswirtschaft als eigenständiger Arbeitsbereich; erst ab dem 19. Jh. gerät im Zuge einer Privatisierung des Familiären auch der klassische Arbeitsbereich von Frauen aus dem Blick des für gesellschaftliches und politisches Handeln Relevanten.

Dass das wirtschaftliche und politische Engagement von Frauen dieser Zeit bislang nur unzureichend in den Blick genommen wurde, hat vor allem seine Ursache im Verständnis der Geschichtsschreibung. Die Geschlechterperspektive galt als eine unpolitische, und Geschichtsschreibung war entweder eine Darstellung und Analyse vor allem der Staatspolitik oder aber Sozialgeschichte, die orientiert war an industriellen Arbeitsprozessen und wirtschaftlicher Güterverteilung und den sich von daher definierenden gesellschaftlichen Schichten. Zu einer Thematisierung von Frauengestalten und Frauenbiografien gehört das Bemühen um eine differenzierte Perspektive auf die jeweilige gesellschaftliche Situation und das Verständnis der Geschlechterbeziehung. Erst mit dieser Einbettung kann ein Eindruck davon gewonnen werden, welche Möglichkeiten Menschen hatten und welche nicht, kann durch den Vergleich ein Gefühl von der Bedeutung bestimmter Handlungen und Ereignisse gewonnen werden.

 

Argula von Grumbach – erste evangelische Schriftstellerin

Argula von Grumbach hat seit den 90er Jahren vor allem das Interesse von Historikern und Historikerinnen geweckt. Mittlerweile wächst das Bewusstsein für die Bedeutung von Frauen der Reformationszeit.

Argula von Grumbach, geborene von Stauff gilt als erste evangelische Schriftstellerin. Von ihr wurden acht Flugschriften (mehrseitige Dokumente im Unterschied zu dem einseitigen Flugblatt) veröffentlicht, die alle im Zeitraum eines guten Jahres, nämlich von September 1523 bis Herbst 1524 geschrieben wurden.

Wer war Argula von Grumbach? Als Tochter von Bernhardin von Stauff und Katharina Thering zu Seefeld, beide Mitglieder bayrischer Adelsfamilien, wird Argula von Stauff im Jahr 1492 in Beratzhausen (bei Regensburg) geboren. Ihr genauer Geburtstag ist nicht bekannt. Sie wächst zusammen mit zwei Schwestern und vier Brüdern auf der Burg Ehrenfels auf, von der heute nur noch eine Ruine zu sehen ist. Als junges Mädchen wird sie an den Hof des bayrischen Herzogs Albrecht IV. geschickt; dort genießt sie zusammen mit dessen drei Töchtern vermutlich eine sehr gute Erziehung und Ausbildung, wie dies für Adelige der damaligen Zeit üblich war.

Wie modern sie bzw. ihre Familie ist, lässt sich aus einer Bemerkung in einer ihrer Flugschriften erkennen: Von ihrem Vater bekommt sie im Alter von zehn Jahren eine deutsche Bibel geschenkt. Über zwanzig Jahre bevor Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt, gibt es einige heute so genannte „vorlutherische deutsche Bibeln“. Bekannt sind die Mentelin-Bibel von 1466 aus Straßburg und die Koberger-Bibel von 1483 aus Nürnberg; vermutlich hat Argula von Grumbach ein Exemplar der Koberger Bibel besessen. Sie ist also einer der ersten Menschen, die die Bibel in deutscher Sprache gelesen haben.

Schon ihre Eltern sind an Zeitgeschehen und Politik interessiert, insbesondere ihr Vater ist politisch aktiv und versucht die Selbständigkeit des Adels gegenüber dem Herzog zu verteidigen.

Argula von Grumbach wird nach der Erziehung Hofdame der Herzogin Kundigunde, der Ehefrau Albrechts IV. Im Jahr 1509 sterben beide Eltern kurz hintereinander an der Pest. Am Hof lernt Argula ihren späteren Mann, Friedrich von Grumbach kennen. Er stammt aus fränkischem Adel und wird so genannter Pfleger (Statthalter im Dienst des Herzogs) von Dietfurt, einem Amt, das in der Regel der mittlere Adel ausfüllte. Von ihm bekommt Argula vier Kinder, Georg, Hans-Jörg, Apollonia und Gottfried. Nur Gottfried wird sie überleben.

Aus ihren eigenen Äußerungen und Briefen der Reformatoren wissen wir, dass sie an den Entwicklungen der Reformation sehr interessiert war. Sie kennt viele Schriften Martin Luthers; sie steht im Briefwechsel mit ihm; er bewundert ihren Einsatz für den evangelischen Glauben. Sie trifft sich mit Andreas Osiander, einem Reformator, der in Süddeutschland studiert und das Vorwort zu einer ihrer Flugschriften geschrieben hat.

In Bayern wird es 1522 verboten, die Lehren Martin Luthers anzunehmen oder nur gar darüber zu diskutieren. An der Universität Ingolstadt wird ein junger Magister namens Arsacius Seehofer öffentlich zum Widerruf seiner lutherischen Gesinnung gezwungen und in Haft genommen.

Dagegen greift Argula zur Feder. Sie schreibt am 7. September 1523 einen Brief an die Universität Ingolstadt. Ein zweiter Brief an Herzog Wilhelm von Bayern geht am gleichen Tag ab. Darin greift sie auf Luthers Aussagen über die weltliche Obrigkeit zurück.

Die Gelehrten der Universität Ingolstadt fordert sie in ihrer Flugschrift zur Diskussion heraus. Wie es sich gehört und wie es üblich ist, belegt sie ihre Aussagen und Argumente mit biblischen Zitaten, die ihre sehr gute Bibelkenntnis erkennen lassen. Argula kann sich auf dem schriftlichen und rhetorischen Parkett der damaligen Zeit bewegen und ist selbstbewusst und glaubensfest genug, es auch zu tun.

Ihre Flugschriften erregen jedoch mehr Aufsehen, als sie sich selbst vorgestellt hat. Binnen zwei Monaten erscheinen sie in 13 Auflagen. Von der Universität bekommt sie keine Antwort. Es erscheinen noch weitere Flugschriften, unter anderem an den Kurfürst Friedrich von Sachsen, dem Landesherrn Luthers, der für dessen Aufenthalt in der Wartburg gesorgt hatte. Im Herbst 1523 reist sie außerdem zum Reichstag nach Nürnberg, von dem sie allerdings enttäuscht über den fehlenden Ernst der Fürsten zur reformatorischen Sache zurückkommt.

Ihre Flugschriften bleiben allesamt unbeantwortet. Trotzdem reagieren die politisch Verantwortlichen. Ihr Mann Friedrich von Grumbach wird aus dem Dienst als Pfleger entlassen. Er habe nicht dafür gesorgt, dass seine Frau das Schreiben unterlässt, heißt es in der Begründung. Vermutlich war der Glaubensstreit auch schon vorher nicht an der Ehe der beiden vorbeigegangen. Argulas Mann ist Katholik und sie äußert einmal, dass er immer noch „Christus in ihr verfolgt“.

Auch von ihrer Verwandtschaft drohen ihr Sanktionen für ihren öffentlichen Einsatz für den evangelischen Glauben. An ihren Onkel, einen Bruder ihrer Mutter, schreibt sie eine weitere Flugschrift. Der hatte ihr angedroht sie einzusperren.

Nach acht Flugschriften endet ihre schriftstellerische Tätigkeit. Sie zieht nach Nürnberg (Franken), weil in Bayern die Strafen gegen evangelische Christen schärfer werden. 1530 stirbt ihr Mann. Im gleichen Jahr trifft sie Martin Luther auf der Veste Coburg und organisiert ein Gespräch zwischen Philipp Melanchthon und Martin Bucer über das richtige Verständnis des Abendmahls.

Argula von Grumbach heiratet noch ein zweites Mal: Graf Schlick von Passau, der aber 1535, zwei Jahre nach der Heirat stirbt. 1539 sterben ihre Tochter Apollonia und ihr Sohn Georg, 1544 wird Hans-Jörg ermordet. 1554 oder 1556 stirbt sie im Schloss Zeilitzheim bei Schweinfurt.

 

Didaktische Überlegungen

Welchen Zugang haben Schülerinnen und Schüler zu historischen Personen? Ich gehe davon aus, dass solche Personen – besonders was Sprache und Aussehen angehen – zunächst fremd wirken und schnell als veraltet angesehen werden. Durch die zeitliche Distanz entstehen also erst einmal auch die Distanz zur Sache und damit die Frage der Bedeutsamkeit des Themas.

Dieselbe Distanz wird sich einstellen, wenn es um die Thematisierung historischer Errungenschaften wie die Legalität verschiedener Konfessionen in Deutschland oder die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen geht; sie mögen weltgeschichtliche Bedeutung haben, Schülerinnen und Schülern sind sie längst selbstverständlich.

Ein Zugang ergibt sich über die Aspekte, die heute noch vergleichbar sind, bzw. die sich auch in der Lebenswelt von Schülerinnen und Schülern wiederfinden. Dazu gehört für mich zum einen das (weite) Thema der Freiheit und Selbstbestimmtheit eigenen Handelns. Dazu gehört als Kehrseite auch die Frage nach der Verantwortung. Für die Frage nach dem Umgang mit Glauben und Religion lassen sich beide Aspekte zuspitzen als Frage nach dem Bekenntnis im Sinne einer Lebenshaltung und der Frage nach dem Einsatz dafür, diese Lebenshaltung praktizieren zu können.

Am Beispiel von Argula von Grumbach lässt sich dies thematisieren. Insbesondere die Tatsache, dass ihr Einsatz für die Glaubensfreiheit und für die Freilassung eines dafür Verurteilten negative Konsequenzen für andere hatte, lädt zu der (je individuell zu klärenden) Auseinandersetzung dazu ein, wie weit das Einstehen für eigene Überzeugungen gehen soll.

Ein zweiter Zugang ergibt sich für mich aus der für die damalige Zeit fortschrittlichen Art und Weise, wie Argula ihre Rolle als Frau im Kontext von Religion und Öffentlichkeit wahrnimmt. Für ihre Zeit war sie eine gebildete, sozusagen „am Puls der Zeit“ lebende Frau. Vergegenwärtigt man sich, dass die Reformation die gesellschaftliche Bewegung der 1520er und 30er Jahre in Deutschland war, dann kann man sagen, dass Argula von Grumbach von Anfang an als Frau in diese Bewegung involviert und in ihr agiert hat.

Gleichzeitig bietet eine Frauengestalt der Reformation ein Pendant zu Martin Luther, an dessen Person ja in der Regel die Reformation im Religionsunterricht thematisiert wird.
Aufgrund der beiden Zugänge entscheide ich mich dazu, die Auseinandersetzung mit der Person Argula von Grumbach in den Kontext zweier thematischer Aspekte zu stellen: a. Die Bedeutung des Einsatzes für die Freiheit des christlichen Glaubens und die sich daraus ergebende individuelle Verantwortung und b. Argula von Grumbach als moderne Frau der Reformation.

 

Ablauf der Einheit

Erste Sequenz:
Eine kleine gekrümmte Frau – Argulas Streit mit der Universität

a.         Schrittweise Bildbetrachtung 
Das Bild mit Argula und den Professoren (M 1) wird gezeigt. Zunächst wird nur die linke Hälfte sichtbar.
Die Schülerinnen und Schüler beschreiben, was sie sehen. Sie verfassen eine Personenbeschreibung.
In einem zweiten Schritt wird das ganze Bild aufgedeckt und betrachtet. Mit der Bildbetrachtung können fol­gende Aspekte entwickelt werden:

  • Eine Frau steht vielen Männern gegenüber,
  • Zughörigkeit der Männer zu einer Universität (Kopfbedeckung),
  • Streit von Gelehrten um Sätze und Schriften (Buch am Boden, Argula zeigt auf Bibelstelle),
  • bedrohliche Situation (Fehdehandschuh),
  • (vertiefend: Bildvergleich mit einer ganz ähnlichen Darstellung, die es von Luther gibt (M 1a); Argula wird von denen, die die Flugschrift veröffentlichen, also in eine Linie mit Luther gestellt).

Flugblatt

Das Bild ist auf einer Flugschrift aus dem Jahr 1523 abgedruckt. Die Flugschrift wurde von einer Frau verfasst. Ihr Name ist Argula von Grumbach. Sie ist die Frau auf dem Bild.

 

b.         Die Flugschrift wird als Flugschrift (M 2) verteilt.
Sie sollte möglichst doppelseitig kopiert sein, so dass nur ein Blatt wie eine Flugschrift verteilt werden kann. Evtl. kann die Verteilung von Schülerinnen und Schülern inszeniert werden.
 

c.         Erarbeitung der wichtigen Aussagen der Flugschrift (M 3)
Flugschriften waren das schnellste Medium damals. Heute ist es das Internet. Verfasst einen Internet-Eintrag, der den Vorfall zusammenfasst. Denkt euch einen Namen für eine Internet-Gruppe aus.

 

Zweite Sequenz:
Adelig – mutig – gebildet: das Leben der Argula von Grumbach

a.         Lebensstationen
In der frühen Neuzeit gab es für Frauen und Männer sog. Lebensaltersdarstellungen. In Form von Zehn-Jahres-Schritten wurde die jeweilige Besonderheit oder Aufgabe dieses Alters beschrieben. Von Johann Fischart, einem Dichter der damaligen Zeit, ist folgende Einteilung überliefert:

10 Jahr kindischer Art
20 Jahr ein Jungfrau zart
30 Jahr im Haus die Frau
40 Jahr ein Matron genau
50 Jahr eine Großmutter
60 Jahr des Alters Schuder
70 Jahr alt ungestalt
80 Jahr wüst und erkalt.

„Lest den Lebenslauf von Argula von Grumbach (M 4). Überlegt, inwieweit die Abfolge heute noch stimmt. Was ist gleich, was hat sich verändert? Zeichnet einen Lebensweg der Argula von Grumbach mit Höhen und Tiefen. Tragt die wichtigsten Ereignisse im Leben von Argula ein. Orientiert euch dabei ungefähr an den Zehn-Jahres-Schritten.“
 

b.         Schriftstellerin und Bibelkennerin – Die Spottrede eines Unbekannten und Argulas Antwort

Argula wurde für ihr öffentliches Eintreten für Arsacius Seehofer und seinen evangelischen Glauben verspottet. Es kam ein Gedicht eines Ingolstädter Studenten in Umlauf, in dem ihr u.a. nachgesagt wird, sie hätte mehr Interesse an dem jungen Mann und seinem Lockenkopf  als an dem Wort Gottes. Der Schreiber traut sich nicht, seinen richtigen Namen zu nennen. Argula ist schlagfertig und reagiert sofort. Auf das ca. vier Seiten lange Spottgedicht antwortet sie ebenfalls in Reimform auf 15 Seiten. Ihr Spottgedicht ist das einzige, das auf ihre Veranlassung veröffentlicht wurde.

Lest zunächst das Spottgedicht des Studenten (M 5).
Was wirft er Argula von Grumbach vor? Mit welchen Mittel verspottet er sie? Welche Aufgaben werden der Frau zugestanden und welche nicht?
Wie reagiert Argula? An welchen Stellen ist sie besonders spöttisch?

Argula verweist auch in dem Spottgedicht auf die Bibel. Sie bezieht sich auf insgesamt 50 Bibelstellen. Einige Bibelstellen kommen öfter vor, so z. B. Das Buch Judit, Richter 4 (über die Richterin Debora) und Matthäus 10.

Bildet drei Gruppen. Teilt die Bibeltexte nach Gruppen auf. Lest die Textstellen und fasst zusammen, worum es geht. Stellt einen Bezug her zwischen dem Bibeltext und der Situation Argulas von Grumbach. Präsentiert eure Ergebnisse in der Gruppe.

 

Dritte Sequenz:
Einsatz für die Glaubensfreiheit

a.         Argulas Streit für die Glaubensfreiheit – und die Folgen ihres Handelns
Lest noch einmal das Flugblatt. Was ist Argula an ihrem Glauben wichtig? Fügt dazu, was ihr aus den Bibelstellen sonst noch über ihren Glauben vermutet.

Denkt über die Gründe nach, warum Argula den Glauben so verstanden und verteidigt hat: Was würde im Leben von Menschen fehlen, wenn es das nicht gibt, was Argula wichtig war?

Stellt zusammen, welche Folgen ihr öffentliches Auftreten hatte; sammelt sowohl das, was Argula möglicherweise als positiv empfunden hat, als auch das, was ihr und ihrer Familie Nachteile gebracht hat. Zieht dabei auch den Text des Historikers Matheson hinzu (M 6).

Stellt euch vor, Argula könnte euch als Journalistinnen und Journalisten heute ein Interview geben. Erarbeitet Fragen und überlegt euch, welche Antworten Argula geben würde. Schreibt es auf und zeichnet es anschließend auf.

Münze

Es gibt eine Münze, auf der mög­licherweise Argula von Grum­bach zu sehen ist. Auf der Rückseite steht ein Satz, fast wie ein trauriges Resümee: „Verlogen und nei­disch Zungen haben mich zu Leid und Schmerz ge­drungen.“

Wie wirkt das Leben und ihr Ein­satz auf euch? Formuliert in einem Satz, welche Bedeutung Argula von Grumbach eurer Meinung nach zukommt.

Kopfschmuck, Haltung und Ausdruck von Argula sind auf der Münze ganz anders als auf der Flugschrift. Be­schreibt ihr Aussehen und ihre Haltung. Was hat sich verändert? Setzt es in Beziehung zu ihrer Lebensgeschichte.
 

b.         Evangelischer Glaube heute – wofür setzen sich evangelische Frauen heute ein?
Informiert euch über die Verbände evangelischer Frauen heute unter www.evangelischefrauen-deutschland.de. Um welche Themen geht es? Welche Positionen werden vertreten?

In Bayern gibt es eine Argula-von-Grumbach-Stiftung. Informiert euch darüber. Findet heraus, zu welchem Zweck sie gegründet wurde und an wen sie jährlich Preise vergibt. www.bayern-evangelisch.de/www/engagiert/argula-von-grumbach-stiftung.php

 

Literatur

  • Domröse, Sonja: Frauen der Reformationszeit. Gelehrt, mutig, glaubensfest, Göttingen 2010
  • Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Martin Schwabach (Hrsg.): Argula von Grumbach – selbst ist die Frau. Christin – Draufgängerin – Publizistin. Ausstellung in der Schwabacher Stadtkirche 3. – 31. Oktober 1992
  • Halbach, Silke: Argula von Grumbach als Verfasserin reformatorischer Flugschriften. Europäische Hochschulschriften XXIII/468, Frankfurt /Main 1992
  • Matheson, Peter (Hg.): Argula von Grumbach. Schriften. Bearbeitet und herausgegeben von Peter Matheson. Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte Bd. 83, Heidelberg 2010
  • Ders.: Ich Lyecht kum inn die welt.“ Argula von Grumbach – die Frau als Grenzgängerin in der Reformation, in: Frauen fo(e)rdern Reformation. Wittenberg 2004, S. 113-127
  • Wunder, Heide: „Er ist die Sonn, sie ist der Mond“. Frauen in der Frühen Neuzeit, München 1992
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 2/2011

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