PISA und der Religionsunterricht oder neue Chancen für einen protestantischen Bildungsbegriff

von Kerstin Gäfgen-Track

 

 Karl Friedrich Haag zum 60. Geburtstag

Die zunehmende Ökonomisierung auch alltäglichen Lebens hat selbstverständlich in den letzten Jahren auch nicht vor der Schule und schon gar nicht der Universität haltgemacht. Zum einen fand die lautstarke Forderung, den Bedürfnissen der Industrie müsste auch im schulischen und universitären Bereich Raum gegeben werden, zunehmend kultuspolitisches Gehör und immer mehr Eingang auch in die Lehrpläne, ohne dass eine ausgeprägte gesellschaftlichen Debatte diesen Prozess begleitet hätte. Zum anderen prägten gesellschaftliche Veränderungen vom familiären Umfeld angefangen bis hin zur globalen medialen Durchdringung der Lebenswirklichkeit auch den Unterricht mit. Seit Monaten wird nun wieder öffentlich über die Frage der Bildung, nicht nur von Seiten der Wirtschaft her diskutiert. Die PISA-Studie hat diese Diskussion angestoßen, nachdem deutsche Schülerinnen und Schüler in dieser Studie eher schlecht abgeschnitten haben. Ziel dieser Studie ist es, den Ländern "...vergleichende Daten über die Ressourcenausstattung, individuelle Nutzung sowie Funktions- und Leistungsfähigkeit ihrer Bildungssysteme zur Verfügung zu stellen."1 Jeder und jede meint, zur Bildung etwas zu wissen, äußert sich auf dem Hintergrund dieser Studie mehr oder weniger grundsätzlich zur Bildungsfrage, aber es ist die Frage, ob jeder und jede, die sich zur Debatte über die Bildung zu Wort meldet, wirklich etwas weiß oder ob er oder sie gar gebildet ist. Der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen Wissen und Bildung, er taucht ganz fern an den Rändern der Diskussion immer wieder auf – es ist wichtig, dass diese Unterscheidung Eine persönliche Geschichte zu Beginn zur Frage: Was ist eigentlich Bildung oder wer ist gebildet?

Letztes Jahr lag ich im Krankenhaus, im Zwei-Bett-Zimmer. Die Frage nach dem Beruf kommt immer: Kinderpflegerin die Zimmergenossin und ich, die Pastorin. Am Abend sagte die Zimmergenossin: "Sie schauen doch sicher auch immer Günther Jauch ’Wer wird Millionär’? Da geht es doch um Bildung." Zu ihrer Verblüffung hatte ich die Sendung noch nie gesehen, war aber damit einverstanden, dass das Fernsehen angeschaltet wurde. Die Frau hat bei allen Fragen mit geraten und immer dann, wenn sie sich unsicher war oder gar keine Antwort wusste, mich gefragt. Und ich wusste es auch nicht immer... Als ich wieder eine Frage gegen Ende der Sendung nicht beantworten konnte, sagte sie ganz enttäuscht zu mir: "Ich hab‘ immer gedacht, eine Pastorin wäre gebildet und nun wissen sie auch nicht alles."

Pastorin, Pastor sein – wird oftmals gleichgesetzt mit "gebildet sein". Jahrhunderte lang war und ist das evangelische Pfarrhaus ein Ort von Bildung, Kultur und Kunst. Christlicher Glauben und Bildung, sie sind in der Person des Pastors eine enge Bindung eingegangen. Theologie neben der Philosophie die klassische Wissenschaft schlechthin: der christliche Glauben als ein auch wissenschaftlich reflektierter, der sich den kritischen Anfragen und dem radikalen Nachdenken immer gestellt hat.

In dieser Tradition des verantworteten Nachdenkens über den Glauben steht auch der Religionsunterricht der Gegenwart. Religionsunterricht an Schulen, deren Bildungsbegriff wiederum in unserem Land durch die PISA-Studie infrage gestellt wurde. Der Religionsunterricht als Teil schulischen Unterrichts ist gegenwärtig aus dieser Diskussion um die PISA-Studie nicht heraus zu halten, ganz im Gegenteil: Ich möchte aufzeigen, welche Chancen der christliche Begriff von Bildung in dieser Diskussion besitzt und wie auf dem Hintergrund dieser Diskussion der Religionsunterricht ein Schlüsselfach für die Bildung von Schülerinnen und Schülerin sein kann.2 Im jetzt veröffentlichen Untersuchungsbereich geht es primär um reading literacy, Lesekompetenz. Der Religionsunterricht hat als ein zentrales Ziel die Einübung in verstehendes Lesen: Ein Lesen, das die Welt lesbar macht und ein Lesen, das zum Leben und Handeln in der so gelesenen Welt befähigt und dabei die Frage nach dem dreieinigen Gott und seinem Handeln in dieser Welt ins Spiel bringt.

Die PISA-Studie versteht unter reading literacy: die Fähigkeit, auch einen unbekannten Text zu verstehen, aus ihm Informationen zu gewinnen, um eine Aufgabe zu lösen, aber auch kritisch und bewertend mit diesem Text umzugehen. PISA ist bei allen Fragen in drei Schritten vorgegangen: Informationen aus einem Text ermitteln, textbezogen interpretieren und den Text reflektieren und bewerten.3

So verstehend und interpretierend lesen zu können, wird als eine Schlüsselkompetenz in der modernen Welt angesehen. Schülerinnen und Schüler, die in der globalen Zukunft ihre Frau und ihren Mann im Leben stehen sollen, müssen lesen können, und zwar nicht nur Buchstaben zu Wörtern verbinden, die Fakten lernen, sondern alles dies, was da gerade auch im Computer zu lesen ist, auch begreifen. Damit sieht es an deutschen Schulen schlecht aus, vielleicht weil wir vom in Deutschland Jahrhunderte lang gepflegten Bildungsideal aufgrund von ökonomisch bedingten Interessenslagen meinen immer mehr Abschied nehmen zu müssen. Bildungspolitisch sind zu einem gewissen Grade Überlegungen wirksam geworden, die von den Vermutungen ausgehen, dass Latein, Kunst und Musik nicht mehr gebraucht würden im Computer-Zeitalter. Naturwissenschaften, Betriebswirtschaft und Mathematik als harte Fakten seien primär notwendig für das globale Weltwirtschaftssystem. Sie seien es, die heute zählten und nicht zarte Gedichte oder farbenfrohe Bilder. Genau auf dieser argumentativen Linie hat die niedersächsische Kultusministerin in ihrer "Bildungsoffensive für Niedersachsen" für Klassen 7 und 8 des Gymnasiums eine Stunde mehr Physik und 3 Stunden mehr Chemie verfügt.4 Hier wie bei vielen anderen bildungspolitischen Überlegungen habe ich den Eindruck, fit for the global market – das ist das Prinzip, dem Bildung neuerdings zunehmend verpflichtet wird. Und PISA ist deswegen so erschütternd, weil deutlich werden könnte, die Deutschen sind dabei ihre Markt entscheidende Ressource zu verlieren: das Humankapital, den gebildeten Menschen. Das Paradoxe dabei ist, dass gerade das Bestreben, fit for the global market zu werden, eben die Konsequenz nach sich zieht, dass wir gerade so in der Breite immer weniger fit for the global market werden. Ich hoffe, dass diejenigen noch einmal neu nachdenklich werden, die von Fakten, Fakten, Fakten reden, von den Bedürfnissen der Wirtschaft, denen die Bildung gerecht werden müsse, und die Verwertbarkeit von Wissen fordern (Drittmittel-Forschung). Mit J. Habermas gesprochen, PISA macht auch deutlich, dass ein Bildungsbegriff der instrumentellen Vernunft allein ein zu enger und nicht zukunftsfähiger ist.

Wenn fit – dann fit for life in a global world. Ein Bildungsbegriff, der zentral vom Menschen ausgeht, ist dafür unerlässlich. Angesichts von PISA ist zu fragen, welches Bildungsverständnis gesellschaftlich gewollt, und auch welche Bildung gesellschaftlich gebraucht wird, um in einer zunehmend globalisierten und ökonomisierten Welt gemeinsam mit anderen gestaltend5 und bewahrend leben zu können. Es geht um die Fähigkeit, die Welt verstehend und interpretierend "zu lesen". Die Welt lesen können, um in ihr leben zu können, selbst bestimmt, verantwortlich und Zukunft eröffnend. Dies sind Kompetenzen, die der Religionsunterricht vermittelt und dieser Unterricht wiederum basiert auf einem theologischen Bildungsbegriff, den ich bewusst in die gegenwärtige Bildungsdebatte einbringen möchte. Die Antwort auf PISA ist ein neuer, vielleicht in manchem gar alter Bildungsbegriff, und vor allen Dingen auch seine breite gesellschaftliche Akzeptanz. Es war gut an der PISA teilzunehmen, wenn die nun entfachte Diskussion die Lust an der Bildung und die Leidenschaft für die Bildung wecken würde.

Der Begriff "Bildung" ist theologischen Ursprungs. Meister Eckhart, ein mittelalterliche Mystiker (1260-1327), hat ihn vermutlich erstmals verwandt – Bildung kommt von "Bild", genauer von "Ebenbild". Der Mensch ist "Ebenbild Gottes": "Gott schuf den Menschen zu seinem Bild, zum Bild Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Weib." (Gen 1, 27) Von diesem Gedanken der "Gottesebenbildlichkeit" her ist "Bildung" für Meister Eckhart das mystische Bestreben, das wahre Bild Gottes, und das ist für ihn allein Jesus Christus, in sich, in der eigenen Seele immer weiter aufzunehmen, ja abzubilden.6 Die Seele "bilden", um Jesus Christus im-mer weiter Raum in der Seele, im Leben zu geben. Jesus Christus bildet sich in die Seele des Menschen "hinein" oder "ein". Eine zweite biblische Schlüsselstelle ist für Meister Eckhart dabei 2 Kor 3,18: "wir werden verklärt werden in sein Bild von einer Herrlichkeit zur anderen von dem Herrn, der der Geist ist." Das ist ein mystischer Grundgedanke und damit ist "Bildung" in ihrem Ursprung eine geistliche, spirituelle Übung: Bildung durch das Studium der Heiligen Schrift, durch Meditation und Gebet.

Erasmus von Rotterdam (1466-1536) hat unter dem Eindruck des in der Renaissance wieder entdeckten Bildungsideals der griechisch-römischen Antike dann den Bildungsbegriff in eine bis heute noch gültige Richtung weiterentwickelt: Bildung ist die Entwicklung und Ausprägung der Vernunft und des ethischen Handelns. So kann die im Menschen angelegte Gottesebenbildlichkeit weiter entfaltet werden. Auch bei Erasmus ist das Bild des wahren Menschseins in der Gestalt Jesu Christi vorgegeben. Deshalb ist alle Bildung auf Christus als personales Vorbild, gerade in ethischer Hinsicht konzentriert.

Die sich an Erasmus anschließende Reformation hat den Protestantismus auch als eine Bildungsbewegung stark gemacht.7 Das Lesen biblischer Schriften in der Muttersprache ist für die Reformatoren ein zentrales Anliegen. Vom Gedanken des allgemeinen Priestertums her soll jeder und jede in der Lage sein, die Grundlagen des Glaubens an den dreieinigen Gott selbst zu erforschen und auf das eigene Leben anzuwenden. Dazu war die Bildung, gerade im Lesen breiter Bevölkerungsschichten notwendig.8 "Allermeist aber geschieht’s um der Einfältigen und des jungen Volkes willen, welches soll und muss täglich in der Schrift und Gottes Wort geübt und erzogen werden, dass sie der Schrift gewöhnt, geschickt, geläufig und kundig drinnen werden, ihren Glauben zu vertreten und andere mit der Zeit zu lehren und das Reich Christi helfen zu mehren."9

Prägend für den reformatorischen Bildungsbegriff ist die Erfahrung. "Das sind die falschen Christen, die da viel hören und lernen, aber nimmermehr kommen sie zur Erkenntnis der Wahrheit, sie verstehen’s nicht, sie lernen wohl die Wort reden, aber ihr Herz erfähret’s nicht, sie bleiben wie sie sind, sie schmecken und fühlen nicht..."10 Das Gelesene, Gehörte soll in Beziehung zur eigenen Erfahrung gesetzt neue Erfahrungen eröffnen. Bildung ist aus reformatorischer Sicht Grundlage der Ausbildung von eigenständigem Glauben und Leben: "Glauben lernen" und von daher das eigene Leben neu bestimmt sein lassen, ist die pädagogische Grundprämisse Martin Luthers, die alle Religionspädagogik bis heute prägt. Auch für Luther ist Bildung eine theologische Größe: Ziel aller Bildung ist letztlich die Erkenntnis Gottes und das Eindringen in die Wahrheit Gottes, die durch die Torheit des Kreuzes in der Welt zur Erfahrung kommen will (1. Kor 1,18ff). Bildung ist für Luther deshalb immer Werk des Heiligen Geistes: "Spiritus sanctus ... dat intelligentiam per quam Wenn das Menschsein vom Gedanken der "Gottesebenbildlichkeit" her gedacht wird, bedeutet dies, von der Gottesebenbildlichkeit her gewinnt der Mensch seine Identität, seine Würde und seine Unantastbarkeit. Dies soll nicht zuletzt vor überzogenen Bildungsansprüchen warnen und zu einem pädagogisch sensiblen Umgang mit den Schülerinnen und Schülern einladen. Es heißt auch, Bildung ist vom Menschen her zu denken und nicht vom Markt. Um des Menschen selbst willen ist der Mensch zu bilden, so entfaltet er sein wahres Menschsein. Es gibt ein elementares Menschenrecht auf Bildung12, dessen Verwirklichung weltweit leider viel zu wenig politische Beachtung findet.

Wenn der Bildungsbegriff entscheidend mit dem Gedanken der Gottesebenbildlichkeit verknüpft ist, ergeben sich daraus für mich folgende Überlegungen:

* Gott schuf den Menschen als Mann und als Frau zu seinem Bild: Der Mensch ist von Anfang an ein Beziehungswesen. Er ist nur denkbar in seiner Beziehung zu Gott. Gott will zu jedem Menschen eine Beziehung haben, deshalb hat Gott die Menschen geschaffen. Gott ist ein Gott in Beziehung zu den Menschen (und zu sich selbst – Trinität). Der Mensch ist ein Mensch in Beziehung: zu Gott, zu sich selbst und zu anderen Menschen. Bildung hat deshalb primär die Aufgabe, die Fähigkeit zur Beziehung zu fördern und zu stärken. Und dies bedeutet die Fähigkeit zur Kommunikation: zu hören oder auch zu lesen, um zu verstehen und zu sprechen oder zu schreiben, um verstanden zu werden. Kommunikation ist der Schlüssel für gelingende Beziehungen.

* Der Mensch ist ein Beziehungswesen, deshalb gehört zur Förderung der Beziehungsfähigkeit des Menschen auch das Einüben von sozialem Leben, von Leben in der Gemeinschaft, Familie, Gruppe, Gesellschaft, globalen Welt. Soziales Lernen ist wesentlich für das Gelingen von Bildung: den anderen wahrnehmen, sich selbst wahrnehmen, etwas gemeinsam tun, gemeinsam handeln. Die Erfahrung in Deutschland ist, dass jeder und jede zu oft allein vor sich hinlernt. Die PISA – Studie hat auch die Debatte um die Frage des Sitzenbleibens neu belebt. In den skandinavischen Schulen, die bekanntlich viel besser abgeschnitten haben, bleibt kein Kind bis zur Klasse 9 sitzen. Es wird vielmehr darauf geachtet, dass die stärkeren Schülerinnen und Schüler mit den schwächeren lernen, ihr Wissen weitergeben. Oder die Entwicklung von Projekten: gemeinsam entdecken, wo Not ist, egal ob vor der eigenen Schultür oder weit entfernt auf einem anderen Kontinent. Überlegen, wie kommt es zur Not, wie kann dem abgeholfen werden. Beziehungen leben von der Solidarität.13 Wir erleben es zur Zeit in unserem Land deutlich, wie viel soziale Kälte immer weiter um sich greift durch eine zunehmende Entsolidarisierung – das ist nicht zuletzt ein Bildungsproblem.

Schulen sind deshalb auch als soziale Orte zu gestalten, die vielfältigen Aktivitäten und Begegnungen Zeit und Raum geben. Es gilt in der Schule, soziale Tugenden zu fördern. Das Konzept der Ganztagsschule bietet hier besondere Chancen: Schule kann sich öffnen für Angebote außerschulischer Träger. Der bisher eher geschlossene Lernort Schule kann neuen Aktivitäten Raum und Zeit geben: das soziale Umfeld von Schule kann entdeckt, bedacht werden.14 Ja mehr noch: es kann in ihm soziales Handeln eingeübt werden. Schule als elementarer Bestandteil lokaler Gemeinschaften. Dass hier eine besondere Möglichkeit auch für Kirche und Gemeinde gegeben ist, ist evident.

K.F. Haag hat in diesem Zusammenhang immer wieder auf die Bedeutung eines Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen hingewiesen: "Der staatlich organisierte und geförderte Religionsunterricht ... konnte dem Staatswesen einen unschätzbaren Dienst erweisen, sofern er den Staat davor bewahrt, in seinem Bildungssystem totalitäre Züge anzunehmen. Dort, wo man ’Gott über alle Dinge fürchtet und liebt’, selbst dort, wo man den Gedanken Gottes auch nur ernsthaft denkt, ist der Staat nicht mehr das letzte, nicht als absolute Macht akzeptierbar. Insofern trägt gerade auch der Religionsunterricht ganz wesentlich zur Bildung des politikbewussten, ’politisch mündigen’ und demokratiefähigen Bürgers bei."15

* Zur biblischen Rede von der Gottesebenbildlichkeit gehört sowohl das Wissen um die menschliche Möglichkeit, schuldig zu werden, als auch um die Begrenzungen und Begrenztheiten menschlichen Lebens. Wir werden immer wieder schuldig an uns selbst durch Missachtung unserer eigenen Bedürfnisse genauso wie durch Selbstprojektionen oder Allmachtsphantasien. Wir werden schuldig an anderen Menschen: wir verletzen sie mit Nichtbeachtung genauso wie mit harten, schlagenden Worten. Wir werden schuldig aber auch an der Natur, indem wir sie gnadenlos ausbeuten. Das ist das eine. Das andere: wir wollen die Begrenztheit und die Begrenzungen menschlichen Lebens nicht anerkennen, wie Älterwerden, Kranksein, notwendige Zeiten der Regeneration. Die Faszination all der gentechnischen Möglichkeiten liegt auch in der Faszination des Gedankens, so "unsterblich" zu werden: alle Krankheiten werden besiegt, neue Zellen ersetzen verbrauchte. Bildung ist deshalb bewusstes "Bewahren von Begrenztheiten" (R. Wunderlich). Bildung fördert die Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen, seine Freiheit, seine Fähigkeiten zum Tun des Guten, zum Aufbruch in Neues. Bildung im christlichen Sinne verstanden ist potentialorientiert. Der Gedanke der Gottesebenbildlichkeit als Grundlage des Bildungsbegriffs ist die Chance, ihn als Fähigkeiten und Möglichkeiten fördernden, Freiheit zum Sein und zum Handeln eröffnenden Begriff einerseits zu verstehen und andererseits als kritisches Korrektiv zu begreifen: Bildung als Hybris bannendes Korrektiv. Kritisches Urteilen, um unterscheiden zu können, wählen zu können und eigene Standpunkte zu gewinnen. Erziehung zur Kritik- und Urteilsfähigkeit, auch dies macht die PISA – Studie deutlich, ist wesentlich für einen angemessenen Bildungsbegriff.

Damit wird ein weiteres, klassisch protestantisches Prinzip in den Bildungsbegriff eingetragen: Es geht nicht darum, einen vorgegebenen, normativen Standpunkt als den wahren zu vermitteln, sondern den Menschen dahingehend zu bilden, einen eigenen Standpunkt auszubilden.

* Dies hängt eng mit dem ebenfalls protestantisch verstandenen Freiheitsbegriff zusammen: Bildung soll Freiheit im Denken und Handeln eröffnen. Der Mensch soll lernen, mit der von Gott geschenkten Freiheit umzugehen, sie zu gebrauchen und nicht zu missbrauchen bzw. auch die Freiheit haben, den eigenen Missbrauch zu erkennen und damit neu verantwortlich umzugehen. Kindheit und Jugendzeit existieren heute immer weniger in einem geschützten Raum, den Familie und Schule jahrhundertelang eröffnen konnten. Globalisierung, Individualisierung und Medien lassen den geschützten Raum immer brüchiger werden. Die dadurch auch gewonnene Freiheit führt unabdingbar zu einem Verlust von Sicherheit. Reines Faktenwissen und das Anhäufen von beruflichen Qualifikationen befähigen nicht zu einem verantwortlichen Umgang mit Freiheit oder umgekehrt: sie können Deformationen von Freiheit nicht verhindern. Freiheit ist qualitativ mehr als das Auswählen aus einem schier unendlichen Angebot von Konsumartikeln, Fernsehsendern oder events. Kreativität ist eine Grundlage von Freiheit und eine Grundlage von gelingendem Denken. Sie basiert auf Selbstbewusstsein, Ich-Stärke und Identität. Bildung und Lernen werden so zur "Sprachschule für die Freiheit".16

Hier im Umgang mit der Freiheit geht es auch um den Umgang mit der Macht – gerade auch dieser Umgang will in der Schule gelernt werden: Die Ermächtigung, die eigene Macht zu entwickeln und die Ermächtigung anderer, Macht zu entwickeln ebenso wie der verantwortliche Umgang mit Macht. Es ist gegenwärtig entscheidend für die Entwicklung einer Persönlichkeit, ob es gelingt, inmitten der allgegenwärtigen Ohnmachtserfahrungen17 dem einzelnen Erfahrungen von Ermächtigung und Macht zur Gestaltung zu eröffnen. Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit, Solidarität einzuüben, ist eine Aufgabe von Bildung, gerade in einem sich deutlicher ausformenden globalen Ellbogenkapitalismus.

Wahrnehmen von Freiheit, Einüben in den Umgang mit Macht, dies bedeutet auch Bildung mit dem Ziel, Menschen zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen. Auch hier kann die Rede von Gott klare ethische Konsequenzen aufzeigen: ich bin verantwortlich für mein Tun und auch mein Lassen, für mein Denken, für mein ganzes Leben. Diese Verantwortung will wahrgenommen und, ganz wichtig, will ständig reflektiert werden. Von Erich Weniger, einem großen Bildungstheoretiker des 20. Jahrhunderts, stammt die These: Bildung ist "der Zustand, in dem man Verantwortung übernehmen kann."18 Verantwortung ist gefragt bei den großen Themen, wie Krieg und Frieden, Arbeit und Lohn, Bio- und Genforschung, politische Gestaltung von Gemeinwohl.

* Bildung muss heute mehr denn je befähigen, mit Differenzen leben zu können, nicht zuletzt um des Überlebens in der globalen Welt willen. Mindestens genauso problematisch für unser Land sind die Ergebnisse einer anderen internationalen Schüleruntersuchung, der CIVIC – Studie zur politischen Bildung von Schülern.19 In dieser Studie wird deutlich, dass unter deutschen Schülerinnen und Schülern verglichen mit anderen Industrienationen die größte Angst im Umgang mit allem Fremden herrscht und damit auch eine hohe Ablehnung von Fremdem. Den anderen, den Fremden wahrnehmen, seine Fremdheit verstehen und vor allem tolerieren können: interkulturelle Verständigung als zentrales Ziel von Bildung. Das Problem des Umgangs mit dem Fremden, mit der Pluralität von Lebensformen, Kulturen, Religionen, ist zentral in der globalisierten Welt: wo diese Pluralität nicht ausgehalten, weil verstanden und bejaht wird, ist der Rechtsextremismus in Deutschland ebenso eine Folge wie der religiöse Fundamentalismus, der sich bis hin zum 11. September steigern kann. Interkulturelles Lernen in einer multikulturellen Welt ist primäre Aufgabe von Bildung, nicht nur von Kindern. Das Leben in der modernen Welt ist komplex und darin anstrengend: es gibt eine schier unendliche Fülle von Möglichkeiten, auch für die Beantwortung der Frage nach der Wahrheit. Dies müssen Menschen miteinander aushalten lernen. Den Streit um die Wahrheit führen lernen, alltäglich und wo immer es möglich ist, die Toleranz zeigen, den anderen sein Leben leben zu lassen.

* Ganzheitlichkeit ist der letzte Mosaikstein in meinem Bildungsbegriff: Lernen mit Kopf, Herz und Händen. Der ganze Mensch hat das Recht, sich als Persönlichkeit auszubilden. Überlegungen Wolfgang Klafkis aufnehmend, verstehe ich Bildung als persönlichen, lebensbegleitenden Prozess von Wahrnehmung, Reflexion und Handeln. Bildung als elementare Erfahrung, ohne die Leben nicht gelingen kann, Individualität nicht verwirklicht wird. Bildung ist Lebenswissen, Wissen fürs Leben und Wissen vom Leben. Bildung ist ein Recht jedes Menschen, um Leben zu können.

Theologie und Kirche können einen theologisch verantworteten Bildungsbegriff in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs über die Bildung einbringen. Für den öffentlichen Religionsunterricht an Schulen ist ein solcher Bildungsbegriff konstitutiv und dort wird er exemplarisch in die Praxis umgesetzt. Ein Religionsunterricht, in dem ein solcher Bildungsbegriff lebendig ist, leistet einen unverzichtbaren Beitrag für die Entwicklung und Bildung der Schülerinnen und Schüler.

Dabei macht gerade der Religionsunterricht ganz bewusst, dass Religion ein eigenständiger Bereich menschlichen Lebens, menschlicher Kultur ist, der verantwortlich zu reflektieren ist und im Religionsunterricht reflektiert wird. Der Religionsunterricht leistet damit einen Beitrag zur persönlichen religiösen Orientierung und Bildung. Er vermittelt Kenntnisse über die Grundlagen des christlichen Glaubens, macht damit dialogfähig zu Fragen von Glauben und Leben und befähigt zu einem eigenständigen Urteil. Damit werden Schülerinnen und Schüler befähigt zur eigenständigen Fähigkeit, bei religiösen Phänomen zu unterscheiden in Zeiten der multireligiösen und multikulturellen Gesellschaft. Religionsunterricht übt in Kommunikation ein, aber auch in eine Kultur des Streites. Dabei ist für mich Religionsunterricht mehr als die Vermittlung von Werten, sondern es geht im Religionsunterricht um eine begründete Lebens- und Handlungsorientierung. Mit W. Huber "geht es ... um die Wahrnehmung und Gestaltung des Verhältnisses zu Gott, zu der von Gott geschaffenen Welt, zum Mitmenschen und zu sich selbst"20. Religionsunterricht stellt und beantwortet Fragen nach Gott, und zwar nach einem bestimmten Gott. Der RU übt in die Rede von Gott ein und eröffnet Begegnung mit dem christlichen Glauben seiner Gestalt in Alltag und religiöser Praxis. Der Religionsunterricht mit seinem über die Bildung hinausschießendem Element des Verweises auf die Transzendenz des trinitarischen Gottes inmitten der Immanenz der Schöpfung schließt den Kreis von der Bildung zur Gottesebenbildlichkeit und umgekehrt.

 

 Anmerkungen

 

  1. 1. PISA 2000. Programme For International Student Assessment. Schülerleistungen im internationalen Vergleich, hg. im Auftrag der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland und in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, S.3 (über den Server des MPI in Berlin)
  2. 2. Vor einem anderen Hintergrund argumentiert in diesem Sinn auch die Denkschrift der EKD zum Religionsunterricht. Vgl. Identität und Verständigung. Standort und Perspektiven des Religionsunterrichts in der Pluralität. Eine Denkschrift des Rates der EKD, Gütersloh 1994, S.31-36
  3. 3. Vgl PISA 2000, S.11
  4. 4. Bildungsoffensive für Niedersachsen. In: SVBl 7/2001, S.250
  5. 5. Die Fähigkeit zu gestalten, ist für K. Barth zentral für die Bildungsaufgabe, vgl Ders., Evangelium und Bildung, ThS 2, Zollikon-Zürich 1947, S. 3f
  6. 6. K. Barth’s Bildungsbegriff schließt sich dieser Argumentation an und entwickelt streng christologisch viele noch heute aktuelle Überlegungen zu einem theologischen Bildungsbegriff: "Das Evangelium als die Botschaft von Jesus Christus, dem ’gebildeten’ Menschen, offenbart die Möglichkeit, die Notwendigkeit, den Sinn, den Umfang und die Lösung der Bildungsaufgabe." Ders., aaO, S.10
  7. 7. Vgl hierzu M. Sander-Gaiser, Theologisch verstandenes Lernen als Zugang zum Religionsunterricht unter http://www.uni-leipzig.de/~sander/
  8. 8. "Die Offenbarung durch das Wort und die Unmittelbarkeit zu Gott verlangten, dass man nicht nur in der Messe die Botschaft vernahm, sondern den Zugang zur Verkündigung durch eigene Lektüre der Heiligen Schrift selbst eröffnen konnte." J. Baumert, Deutschland im internationalen Bildungsvergleich. In: Universitas, 57, 2002, S.115
  9. 9. WA 19, 73, 18ff
  10. 10. WA 33, 651, 23 – 652,2
  11. 11. WA 29, 580, 16
  12. 12. Art. 26.1, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
  13. 13. Zur Notwendigkeit "sozialer Bindekräfte" s. Report on Wealth Creation and Social Cohesion in a free Society, London 1995
  14. 14. Vgl Empfehlungen des Forum Bildung vom 19. November 2001 (im Internet unter www.forum-bildung.de)
  15. 15. K.F. Haag, Anmerkungen zu einem öffentlich verantworteten Religionsunterricht. In: Religiöse Bildung? Konturen eines öffentlich verantworteten Religionsunterrichts. Arbeitshilfe für den evangelischen Religionsunterricht am Gymnasium/Aktuelle Information 35, S. 27
  16. 16. Vgl E. Lange, Sprachschule für die Freiheit. Bildung als Funktion und Problem der Kirche, München/ Gelnhausen, 1980
  17. 17. Der Amoklauf des Schülers von Erfurt im April 2002 zeigt in erschütternder Weise auch, welche entsetzliche Folgen offenbar übermächtige Ohnmachtserfahrungen hervorbringen können.
  18. 18. s. E. Weniger, Die Eigenständigkeit der Erziehung in Theorie und Praxis, Weinheim 31964, S.138
  19. 19. Die Civic Education Study wurde von IEA – International Association for the Evaluation of Educational Achievement, Amsterdam erarbeitet und spielt in der gegenwärtigen Diskussion leider eine viel zu geringe Rolle.
  20. 20. W. Huber, So wichtig wie Mathematik. Warum wir an öffentlichen Schulen einen konfessionellen Religionsunterricht brauchen. In: Zeitzeichen 2, 2001, S.144
 

Text erschienen im Loccumer Pelikan 3/2002

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