Katharina von Bora und das Wagnis der evangelischen Freiheit
Ergänzende Überlegungen und Materialien für Sekundarstufe I

von Michael Wermke

 

Ergänzende Überlegungen und Materialien für Sekundarstufe

Wenn es so etwas gäbe wie die Wahl zur Frau des Jahres, hätte Katharina von Bora gute Aussichten. Sie ist Thema vieler Gemeindeveranstaltungen, einer Reihe neuerer belletristischer und wissenschaftlicher Publikationen sind über ihre Vita erschienen und ihr ist sogar eine Briefmarke anlässlich ihres 500 Geburtstages in diesem Jahr gewidmet worden.

Eigentlich sollte die scheinbar so plötzlich aufbrechende Renaissance der Katharina von Bora überraschen, zumal ihrer Person bislang keine so große öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt worden wie derzeit - vielleicht noch nicht einmal zu ihren Lebzeiten. Zudem sind die Erinnerungen, die wir mit Katharina von Bora verbinden, nicht unbedingt die besten. Als Ehefrau Martin Luthers, des großen Reformators, dient sie als Protagonistin eines bestimmten Frauentypus, der heute kaum noch auf Akzeptanz stößt, zugleich jedoch auf die Vorstellung des Lebensstils von Pfarrfrauen bis in unsere Generation hinein prägend gewirkt hat: kinderlieb und stattlich gebaut, treu und hingebungsvoll, dem geliebten Pastorengatten stets den Rücken stärkend und selbstgenügsam in der Gemeinde wirkend. Eine Rollenzuschreibung, die bis in unsere Generation das Bild von der Pfarrfrau - und in analoger Weise auch bei Pfarrmännern – geprägt hat, und daher in manchen Kirchengemeinden immer noch für einen gewissen Erwartungsdruck sorgt.

Mittlerweile wird jedoch eine ganz neue Seite an Katharina entdeckt: Wir erinnern uns an Katharina als eine Frau, die über den mittelalterlichen Rahmen hinaus, der den Frauen offenbar eine überraschend große ökonomische Selbständigkeit ermöglichte, einen hohen Grad an Emanzipation verwirklichte. Mit anderen Worten: Katharina wird uns als eine Frau vorgestellt, die die in ihrer Zeit zur Verfügung gestellten Möglichkeiten auszunutzen und zu entwickeln wusste, und bekommt damit eine Vorbildfunktion zugesprochen.

So findet sich in der vom Landeskirchenamt herausgegebenen Materialsammlung Katharina von Bora, die Lutherin, 1999, S. 38f. unter der Überschrift ‘Katharina Lutherin, die Unternehmerin’ folgendes zu lesen: 

Katharina von Bora, die Frau an der Seite Martin Luthers

Stadtluft macht frei – das galt im 16.Jahrhundert in einem gewissen Maß auch für Frauen. Wer über Jahr und Tag in der Stadt lebte, war frei. Hatte er es zu Haus- oder Grundbesitz in der Stadt gebracht, konnte er das Bürgerrecht erwerben. Das galt auch für Frauen. Der Handel blühte, und Frauen arbeiteten durchaus in den Handelshäusern ihrer Männer mit. Auch die Tätigkeit der Handwerkerfrauen war nicht auf den Haushalt im engen Sinn beschränkt. Gelegentlich übten sie selbst das Handwerk aus oder brachen Erzeugnisse auf den Markt. Vor allen Dingen im Textilgewerbe gab es auch selbständige Meisterinnen, die Gesellinnen ausbildeten.

Im Jahr 1542 – also nach 17 Jahren Ehe – besaß Katharina mehrere Pferde, acht Schweine, fünf Kühe, neun Kälber, Hühner, Tauben und Gänse. Bis dahin war es ein weiter Weg gewesen. Als Katharina in das Schwarze Kloster einzog, war es ein heruntergekommenes Gebäude. Im ersten Stock waren 40 Räume, und darüber im zweiten Stock lagen die Mönchszellen. Katharina wurde als Baumeisterin tätig. Sie ließ Wände herausreißen, Treppen einbauen. Eine riesige Küche wurde eingerichtet mit Brot-, Mehl- und Speisekammer. Ein neuer Herd wurde gemauert, Öfen gesetzt, Rohrwasseranschlüsse gelegt und ein Badezimmer eingerichtet. Drei große Keller sollten die Gartenfrüchte aufnehmen. Katharina hatte gleich im ersten Jahr den Garten um das Kloster herum bestellt, angeblich auf dem aufgelassenen Klosterfriedhof. Später kaufte sie einen zweiten Garten, durch den ein Bach floss. Ein Fischteich wurde angelegt, Hecht, Forellen und Karpfen kamen auf den Tisch. Sie züchtete Bienen und legte einen Weingarten an. Aprikosen, Pfirsiche, Äpfel, Pflaumen, Birnen wuchsen im Obstgarten. Natürlich hat sie das nicht allein gemacht, hatte Mägde, wohl auch Kostgänger, die ihr zur Hand gehen mussten – aber eine muss schließlich den Durchblick behalten, die Anweisungen geben, die Buchhaltung machen. Manchmal wurde sie ihrem Mann fast unheimlich: 'Sie fuhrwerkt, bestellt das Feld, kauft Vieh, weidet, backt und braut', schreibt er und nannte sie Herr Käthe.

Im Haus lebten unendlich viele Menschen. Sechs eigene Kinder, sieben Nichten und Neffen, vier Kinder von einem Freund, die Lehrer der Kinder, Studenten, entflohene Nonnen, Flüchtlinge und Gäste aus der ganzen Welt.

Was erfahrt ihr über das Leben der Frauen zur Zeit Martin Luthers?

Welchen Tätigkeiten ging Katharina nach? Erstellt an der Tafel eine Liste und sucht eine passende Überschrift.

Beschreibt das Verhältnis zwischen Katharina und Martin.

Wie stellt ihr euch das Leben im 'Schwarzen Kloster', dem Wohnhaus der Familie Luther vor? Zeichnet einen Grundriss. 


Aber es lohnt sich mit Katharina nicht nur zu beschäftigen, weil sie an der Seite Martin Luthers zu einer selbstbewussten Persönlichkeit heranreifte und ihm möglicherweise ein ebenbürtiger Counterpart gewesen ist. Ihre Lebensgeschichte weist einen weiteren, mindestens genau so interessanten Aspekt auf wie ihre Entwicklung als Frau an der Seite Luthers.

Die finanziellen Verhältnisse der Familie von Bora waren sehr bescheiden, so dass Katharina schon als fünf- oder sechsjähriges Kind in dem Kloster Brehna untergebracht wurde. Ob dies zum Wohl oder zum Schaden des Kindes gereichte, ist heute schwer zu entscheiden. Einerseits durfte es für sie sehr schwer gewesen sein, ohne Eltern und Geschwister aufzuwachsen. Andererseits haben im Kloster wahrscheinlich Verwandte Katharinas und auch andere Kinder gelebt. Hinzukommt, dass Mädchen im Kloster ein höheres Maß an Bildung erhielten, als es selbst bei begüterteren adligen Familien der Fall gewesen ist: Sie lernten Lesen und Schreiben sowie Latein zum Verständnis der Liturgie, sie erwarben medizinisches und pharmazeutisches Wissen, betätigten sich in der Kunststickerei usw. Katharinas Eltern hatten auch nicht die Aussteuer aufbringen können, um sie standesgemäß zu verheiraten. So ließ um 1508 Hans von Bora seine Tochter im Zisterzienserkloster Marienthron in Nimbschen bei Leipzig eintreten, wo sie bis zu ihrer Flucht im Jahre 1523 blieb. Die genaueren historischen Hintergründe und auch ihre persönlichen Motive der Flucht sind nicht gesichert. Nachvollziehbar ist jedoch, dass ihr Schritt in die Freiheit außerordentlich wagemutig gewesen ist: Sie hat ihr Leben seit ihrer frühen Kindheit lediglich an zwei Orten verbracht, etwa drei Jahre im Kloster Brehna und fünfzehn Jahre im Kloster Marienthron – ihr 'Horizont', ihre Welterfahrung musste von daher sehr beschränkt gewesen sein. Wie sich nun ihre Zukunft in einer ihr unbekannten Welt gestalten würde, war ihr völlig offen. Sie wird Kunde darüber gehabt haben, dass entflohene Nonnen gesellschaftlich geächtet und in manchen Landesteilen sogar mit dem Tode bestraft wurden und dass zum Zeitpunkt ihrer Flucht das Leben außerhalb der Klostermauern politisch bedrohlicher geworden ist. Aber all diese sozialen und existentiellen Gefährdungen und Unabwegbarkeiten hatten sie nicht davon abhalten können, das gesicherte und gewohnte Leben im Kloster zu verlassen. Welche Gründe mögen sie angetrieben haben, ihre kleine, aber gesicherte Welt zu verlassen und sich in das Wagnis der Freiheit zu stürzen.?

Wenn die Motivation der Flucht Katharinas in einen Deutungszusammenhang mit der lutherischen Klosterkritik und damit verbunden mit der Rechtfertigungslehre zu stellten ist– und vieles spricht dafür -, dann ermöglicht die Gestalt Katharina von Bora einen Zugang zur Reformationszeit und zur Rechtfertigungslehre, der die radikal lebensverändernde, 'befreiende' Bedeutung der reformatorischen Entdeckung Luthers nachvollziehbar und plausibel werden lässt. In dieser Deutungsperspektive erscheint Katharina von Bora als Protagonistin eines neuen, protestantischen Lebensstils, der von Selbstverantwortung und Gottesvertrauen gekennzeichnet ist.

Herkömmlicherweise wird im Religionsunterricht der Ablassstreit als der 'Initialfunke' der Reformation Martin Luthers behandelt. Hier ist jedoch zweierlei zu bedenken: 1. Der im ausgehende Mittelalter praktizierte Ablasshandel vollzog sich keineswegs in Übereinstimmung mit der katholischen Bußlehre. Ein Ablass konnte ursprünglich nur für zeitliche Sündenstrafen erhoben werden und dehnte sich erst allmählich auf sog. Fegefeuerstrafen aus. "Eine amtliche Kirchenlehre über den Ablass gab es (...) noch nicht, so dass im frühen 16.Jahrhundert über diesen, in der kirchlichen Praxis sehr wichtigen Komplex keine hinreichende Klarheit bestand." Somit wehrte sich Luther in seiner Ablasskritik gegen Fehlentwicklungen in der kirchlichen Praxis und bewegte sich damit noch im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten. "Wegen der Verbreitung der Ablässe und wegen des finanziellen Interesses, das die Kurie an ihnen hatte, war es freilich ein gefährliches Unternehmen, die Ablasspraxis anzugreifen." 2. An Luthers Kritik am Ablasshandel können zwar Kerngedanken der Rechtfertigungslehre (sola gratia, sola fide) demonstriert werden, aber nur bedingt lässt sich von hier aus der lutherische Freiheitsgedanke ableiten und konkret fassbar machen.

Geprägt ist Luthers Klosterkritik von dem Gegensatz von Werkgerechtigkeit einerseits und Glaubensgerechtigkeit andererseits, dem Gegensatz von Gesetz und Gnade, der vor dem Hintergrund der reformatorischen Erkenntnis über die Gerechtigkeit Gottes zu sehen ist. Danach ist nicht die Gerechtigkeit eines - im juristischen Sinne - gesetzmäßigen Reagieren auf die Lebensweise des Menschen, sondern die dem Sünder voraussetzungslos und unverdient sich schenkende Gerechtigkeit Gottes gemeint. Somit erlangt der Mensch nicht durch gute Werke, sondern allein durch die Gnade Gottes, die nur im Glauben empfangen werden kann, seine Rechtfertigung.

Luthers Kritik am Mönchgelübdes als einem vermeintlich guten Werk ist im Kern vergleichbar mit seiner Argumentation im Ablassstreit, sie ist jedoch nicht nur im Kontext seiner Kritik an einem theologischen Verständnis, das die Gnade Gottes zu einer berechenbare Größe definiert, zu verstehen. Mit der Klosterkritik geht eine neue Wertung der weltlichen Arbeit, des profanen Lebens einher: "Nicht mehr das besondere Werk des Mönchs (respektive der Nonnen, m. W.) sondern das ‘normale’, alltägliche im irdischen Beruf ist die Erfüllung des göttlichen Auftrags." Also: Nicht (nur) als Mönch bzw. Nonne, der sein Leben Gott geschenkt und Jesus Christus als Bräutigam angenommen hat, führt ein vor Gott gerechtfertigtes Leben, sondern der gläubige Mensch im Beruf seines Alltags. Indem Luther die Auffassung vom Beruf im Sinne weltlicher Arbeit - und nicht im Sinne ‘göttlicher Berufung’ - theologisch begründet hat, überwindet er die Ansicht, "als sei der Mönchstand oder der geistliche Stand etwas höheres als die weltlichen Berufe." Die theologische Begründung des Priestertums aller Gläubigen entwickelt Luther bezeichnenderweise in der Auseinandersetzung mit der Priesterweihe in der Schrift ‘Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, 1520’. Luther schreibt: "Wenn sie (d.i. die römische Kirche; M.W.) gezwungen wären zuzugestehen, dass wir alle, soweit wir getauft sind, auf gleiche Weise Priester sind - wie wir es auch in Wahrheit sind - und ihnen allein das geistliche Amt - jedoch mit unserer Bewilligung - aufgetragen wäre, dann wüssten sie auch zugleich, dass sie kein Herrschaftsrecht über uns besäßen, außer soweit wir es ihnen freiwillig zugestünden. Denn so sagt 1. Petr. 2,9: ‘Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum und priesterliche Reich.’ Darum sind wir alle Priester, so viele wir Christen sind. Die wir aber Priester nennen, sind aus uns erwählte Diener, die alles in unserem Namen tun sollen."

Der Jugendbuchautorin Ursula Sachau gelingt es, im beigefügten Text Katharinas Flucht als 'Wirkungsgeschichte' der Klosterkritik Luthers zu deuten ist, an der sich die 'Folgen christlicher Freiheit' nachweisen und entwickeln lassen. Unter Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Voraussetzungen ist es für den Kirchengeschichtsunterricht der unteren Sek I-Klassen angezeigt, die Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten von Personen in ihren jeweiligen Kontexten in den Vordergrund zu stellen. Ein an den Kognitionsfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler der unteren Sek I-Klassen orientierter Kirchengeschichtsunterricht hat Geschichte nicht nur in seiner Differenz zur Gegenwart didaktisch fruchtbar zu machen, sondern ihnen auch einen empathischen und identifikatorischen Zugang zu geschichtlichen Personen zu eröffnen. Der narrative Ansatz eröffnet diesen Zugang über historische Gestalten ermöglicht nicht nur über Einfühlung und Betroffenheit ein Verständnis für historische Situationen, bzw. für Menschen, die in die Handlungszusammenhänge ihrer jeweiligen Zeit eingeflochten waren, sondern öffnet auch für die Reflexion über historische Zusammenhänge. Letztlich wird so ein altersangemessener Dialog mit kirchengeschichtlichen Themen ermöglicht, der auch zum Nachdenken über das eigene Glauben, Denken und Wollen anleitet. 

Katharina flieht aus dem Kloster

Zwölf Nonnen hatten sich dazu entschlossen, aus dem Kloster Marienthron zu flüchten. Ihre Familien konnten ihnen nicht helfen, so dass sie sich Hilfe suchend an Luther wandten. Genauere Einzelheiten der Vorbereitung wie der Durchführung der Flucht sind nicht bekannt. Sicher ist, dass die Flucht von Leonard Koppe, einem Bekannten und Anhänger Luthers, organisiert wurde. Koppe war ein wohlhabender Händler und Ratsherr in Torgau. Als Fischhändler lieferte Koppe regelmäßig Waren ins Kloster, vor allem Heringe und Stockfische als Fastenspeise und hätte auch Schriften Luthers in Kloster schmuggeln können. Ob durch ihn Katharina von Martin Luther gehört hat?

Jedenfalls fuhr Koppe mit zwei jüngeren Gehilfen in der kalten Nacht vom Ostersamstag auf Sonntag, den 6. Zum 7. April 1523, in Marienthron vor und brachte die zwölf Nonnen mit seinem Planwagen aus Nimbschen. Drei von ihnen, Gertraud von Schellenberg, Else von Gauditz und eine namentlich Unbekannte gingen gleich zu ihren Angehörigen zurück, so dass lange Zeit nur von neun Nonnen berichtet wurde. Katharina blieb mit ihrer Freundin Ave bei den anderen. Nach einem Aufenthalt in Torgau zogen die Flüchtlinge am 8. April 1523 unter großer öffentlicher Anteilnahme in Wittenberg ein. Die Jugendbuchautorin Ursula Sachau erzählt:

Wieder einmal hocken Ave von Schönfeld und Käthe nebeneinander auf Aves Pritsche, die Arme so eng wie möglich um den Leib geschlungen, weil sie jämmerlich frieren. Es ist kalt in den Zellen (...), und überdies lässt die seelische Anspannung sie erzittern.

"Ist es recht, was wir vorhaben?" fragt Käthe.

"Ich bin dessen ganz gewiss", versichert Ave. "Aber lass uns nachdenken. Was war der Inhalt unseres klösterliches Lebens?"

"Wir glaubten, mit unserem Gelübde der Keuschheit ein Gott wohlgefälliges Werk getan zu haben."

"Luther belehrte uns anhand der Heiligen Schrift eines Besseren."

"Wir hofften, uns durch Bußübungen und Kasteiungen ein Anrecht auf einen Platz im Himmel zu erwerben."

"Aber Luther beweist, dass kein Mensch je gute Werke genug ansammeln könnte, um Seine Gnade zu verdienen - wobei er auch noch betont, dass Kasteiung und Bußübungen gar keine guten Werke sind."

"Und die letzte schöne Sicherheit wurde uns ebenfalls zerschlagen: das Vertrauen auf die Fürbitte der Heiligen und die ablassspendende Kraft ihrer Reliquien. Ganz auf uns selbst gestellt, haben wir feste Zuversicht auf Gottes Gnade und den inneren Frieden, erworben in einem frommen und pflichttreuen Leben außerhalb der Klostermauern."

"Ach ja, so lehrt es Doktor Martinus. Kannst du es dir vorstellen?"

"Nein", antwortet Käthe ehrlich, "dazu kennen wir viel zu wenig von der Welt. Und trotzdem freue ich mich richtig darauf! So unwissend ich auch bin, ich sehne mich danach, die Ärmel aufzukrempeln und zu wirtschaften! Lass alle Zweifel fahren, Ave. Mit Gottes Hilfe wollen wir es anpacken, und es wird uns wohl gelingen."

Ave lächelt und denkt im Stillen: Wer hatte hier die Zweifel?

Und endlich ist der Karsamstag da. Ave von Schönfeld öffnet die nur angelehnte Türe und haucht: "Komm!"

Wie im Traum folgt Käthe, huscht durch die dunklen Gänge in den Klostergarten hinaus. Knarrt hier eine Stiege, dreht sich dort eine Tor in den Angeln? Bedeutet das Entdeckung oder Gefolgschaft? Flackert dort nicht ein Licht?

Gegen den Himmel in seinem nachtdunklen Blau sieht sie die Dächer des Dormitoriums, die Türme der Kirche. Sie riecht die frische Erde, den reinen, herben Duft der Kräuter. (...) Schon ist sie am Törchen. Es tut sich auf, eine Hand streckt sich den Nonnen freundlich entgegen, um ihnen über die Stufen zu helfen. (...)

Meister Koppe empfängt sie freundlich: ein großer, starker Mann mit einer sympathischen Stimme, beide Hände streckt er ihnen entgegen.

"Willkommen, willkommen in der Freiheit!" sagt er. "Ich bin Leonhardt Koppe, hier mein Neffe, auch Leonhardt Koppe geheißen, und Wolf Dommitzsch, ein torgischer Bürger . (...)

Wenn Ihr bitte einsteigen wollt und Euch zwischen den leeren Tonnen verbergen! Ich werde den Wagen lenken. (...) Die beiden anderen Herren eskortieren uns zu Pferde. Mehr lasst uns hier nicht sprechen. Je schneller wir weit fort sind, umso besser!"

Die Männer helfen den Mädchen in den Wagen. Käthe spürt starke Hände, die ihre Taille umfassen und sie hochheben, sie tastet sich vor zwischen den leeren Heringsfächern und hockt sich hinter Koppes breiten Rücken. Er fährt an. Käthe sieht nicht zurück.

Da sind die Geräusche der Nacht: ein leichter Wind, knackende Äste, das verschlafene Piepsen eines Vogels, der Schrei eines Käuzchens, dazu das Knirschen des Lederzeugs, das Rattern der Räder, das Klicken von Ketten, Pferdehufe auf dem Weg. Käthes Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Sie nimmt den breiten Rücken und den Hut Koppes wahr, das glänzende Fell der Pferde. Sie erinnert sich: so ist sie mit dem Vater gefahren als kleines Mädchen und wusste nicht, wohin. Weiß sie jetzt mehr? Ja, denkt sie bei sich und drückt entschlossen das Kinn auf die Brust, jetzt weiß ich, was ich will, und das werde ich tun. Nach meinem eigenen freien Ermessen, niemandem untertan denn Gott und Jesus Christus und seiner Liebe werde ich handeln. ... Das ist mein fester , unumstößlicher Wille, so wahr mit Gott helfe. 

 
  • Zeichnet eine Szenenfolge über die Flucht der Nonnen aus dem Kloster.

  • Katharina schreibt ihrer Äbtissin einen Brief, in dem sie ihre Entscheidung für die Flucht erklärt. Was könnte in diesem Brief gestanden haben?
    Wie stellt sich Katharina ihre neue Freiheit vor? Welche Meinung hast ihr dazu?

Anmerkungen

  1. Asta Scheib, Kinder des Ungehorsams, München 1996 (1985).
  2. Ursula Sachau, Das letzte Geheimnis. Das Leben und die Zeit der Katharina von Bora, München 1991.
  3. Eva Zeller, Die Lutherin. Spurensuche nach Katharina von Bora, Stuttgart 1996.
  4. Lisbeth Haase, Katharina und andere. Frauen in 2000 Jahren Kirchengeschichte, Hannover 1999 (S.71-82) Martin Treu, Katharina von Bora, Wittenberg 1996.
  5. Bernhard Lohse, Martin Luther. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk, München 1997 3.Aufl., S.59.
  6. Lohse, S.60. 4. Lohse, S.61. 5. Lohse, S.130. 6. Luther Deutsch Bd.II. Der Reformator, hrsg.v. Kurt Aland, Göttingen 1981 2.Aufl., S.228f.
 

Text aus Loccumer Pelikan

3/1999