„Allein unter Schweinen ...“
Ein Gottesdienst für Grundschülerinnen und Grundschüler zum Reformationstag

Von Stephan Jacob und Beate Peters

 

Am Reformationstag mit ev. und kath. Grundschülerinnen und -schülern einen Gottesdienst feiern?!

Die Reformation mag sich durch ihren komplexen Hintergrund von Grundschülerinnen und -schülern eher mühevoll erschließen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem Reformationstag bietet aber die Möglichkeit, Grundideen der Reformation aufzugreifen und fokussiert zu thematisieren. Dabei muss nicht die Abgrenzung der beiden Kirchen voneinander im Vordergrund stehen, sondern ein theologisch-inhaltlicher Aspekt der Reformation kann genutzt werden, der für beide Konfessionen bedeutsam ist. Nicht allein die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 [1] macht deutlich: Ein wesentlicher Unterschied des jeweiligen konfessionellen Verständnisses ist weiterhin das Amtsverständnis, das sich z. B. in der Rolle der Priester und in der Abendmahlspraxis ausdrückt. Die theologische Frage nach der Rechtfertigung kann dagegen heute innerhalb beider Konfessionen mit Luthers Leitgedanken beantwortet werden.

Deshalb ist es wünschenswert, einen Reformations-Gottesdienst nicht nur konfessionsbezogen zu feiern, sondern alle Schülerinnen und Schüler einzuladen und ggf. den Gottesdienst mit ev. und kath. Kindern vorzubereiten. (Seit 2002 findet am Reformationstag regulärer Unterricht statt, doch Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer können freigestellt werden, wenn sie an einem Gottesdienst teilnehmen möchten.)



„… dass das ganze Leben der Gläubigen eine Umkehr sei“ – Das Motiv der Umkehr mit einer biblischen Geschichte aufgreifen

„Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Kehrt um!‘ (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen eine Umkehr sei“, so schreibt Martin Luther in der ersten seiner 95 Thesen [2].

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (oder den verlorenen Söhnen) greift das Motiv der Umkehr auf und stellt es in einer Szenenfolge dar. Darin werden Konflikte thematisiert, die vielen Kindern nicht unbekannt sind: Der Sohn fordert das ihm Zustehende, trennt sich vom Vater und geht seinen eigenen Weg, der ältere Bruder sieht sich benachteiligt, der Vater reagiert bei der Rückkehr des Bruders unerwartet.

Der Handlungsverlauf lädt dazu ein, sich in die Perspektiven der beiden Söhne hineinzudenken: Der jüngere Sohn nutzt seine Chance, den eigenen Weg zu finden und sich jenseits seines Zuhauses weiter zu entwickeln. Im Moment des Scheiterns wagt er es, zurückzukehren. Er erfährt die Annahme genau in diesem schwierigen Lebensmoment. Der ältere Bruder bleibt seiner eingeübten Rolle treu und in der Nähe des Vaters. Sein Selbstverständnis und seine Einschätzung der Beziehung zum Vater werden erschüttert, als er erlebt, wie vorbehaltlos und wertschätzend der Vater seinen zurückkommenden Bruder empfängt.

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn kann als Parabel mit narrativem Charakter und dramaturgischen Zügen verstanden werden [3]. Deshalb bietet es sich an, den dramaturgischen Handlungsverlauf mit der Dreiecks-Beziehung zwischen dem Vater und seinen beiden Söhnen durch ein szenisches Spiel darzustellen. Dabei kann die Entwicklung zur ausweglosen Lage des jüngeren Sohnes spielerisch besonders drastisch und konkret dargestellt werden, so dass die Entscheidung zur Umkehr nachvollziehbar wird. Ein szenisches Spiel bietet die Möglichkeit, viele Schüler in den Gottesdienst einzubeziehen und fordert diese indirekt dazu auf, sich mit dem Inhalt des Stückes auseinanderzusetzen.

Die Reaktion des älteren Sohnes am Ende provoziert aber auch die Frage nach einer Veränderung seiner Einstellung, d. h. nach seiner Umkehr. In der biblischen Überlieferung bleibt er am Rande des Geschehens stehen. Das Ende der Geschichte bleibt offen.

Die Umkehr des jüngeren Bruders wird durch das konkrete Zurückgehen zum Vater bebildert. Diese Umkehr wird nötig aufgrund der vom jüngeren Sohn getroffenen Entscheidungen für seinen äußerlich sichtbaren Lebensweg. Der ältere Bruder hingegen steht vor einem inneren Konflikt und ist gefordert, seine Einstellungen in Frage zu stellen und diese zu verändern. Das offene Ende kann gut genutzt werden, um im Religionsunterricht ins Gespräch zu kommen und über Verhaltensoptionen nachzudenken.



Überlegungen zur Gottesdienstgestaltung

Um die Gottesdienstbesucher in das Rollenspiel einzubeziehen, werden jeweils an den szenischen Höhepunkten gemeinsame Lieder gesungen, die inhaltliche Aspekte aufgreifen und zu gemeinsamen Bewegungen einladen. Diese Lieder sind durch einfache Texte und Melodien leicht erlernbar, so dass sie das Mitsingen erleichtern und fördern. Dabei wird eine Schulklasse als Chor einbezogen, der die Lieder zunächst mit den Bewegungen vortragen kann.

Der Gottesdienst bietet die Möglichkeit, dass Kinder in einem deutlich markierten Rahmen im Kirchenraum religiöse Praxis kennen lernen bzw. erleben. Dank- und Fürbitten-Gebete werden von einer Klasse vorbereitet und vorgelesen.

Neben dem szenischen Spiel wird auch eine kurze Ansprache angeboten. Das Motiv der Umkehr wird darin anschaulich aufgegriffen. In der biblischen Geschichte schenkt der Vater dem jüngeren Sohn am Ende einen goldenen Ring. Dieser dient auch als Zeichen der Liebe des Vaters zum Sohn und der wieder aufgenommenen Beziehung beider zueinander. Das Zeichen des Ringes kann symbolisch aufgegriffen werden: Aus einer Geraden wird durch zwei Kurven ein Ring. Die Kurve kann an Lebenssituationen eines Menschen erinnern: Jemand kommt von der Geraden ab. Jemand wird aus der Kurve geschleudert. Am Ende zeigt sich der Weg als Runde, in der das Ziel ein unendlich verlaufender Weg ist. Zur Veranschaulichung werden goldgelbe Pfeifenputzer, die kostengünstig in Bastelgeschäften zu erwerben sind, während der Ansprache verteilt und nach Anleitung geformt.


Öffentlichkeitsarbeit

Der Gottesdienst soll schon im Vorfeld Anlass zur Aufmerksamkeit geben und durch einen interessanten Titel Spannung erzeugen und Fragen hervorrufen. Die provokativste Situation, das Schweinehüten durch den jüngeren Sohn, wird aufgegriffen: „Allein unter Schweinen ...“. Folgende Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit werden getroffen:
a. Viele Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer der Schule werden in die Gottesdienstvorbereitung einbezogen (Rollenspiel, Lieder, Tanz, Gebet).
b. Die Grundschülerinnen und -schüler aller Schulen der Stadt erhalten etwa zwei Wochen vor dem Gottesdienst eine Einladung.
c. Die Presse wird zu einer Probe in die Kirche eingeladen, um im Vorfeld einen Bericht über die Vorbereitungen zu veröffentlichen.
d. Die Presse wird gebeten, im Nachhinein über den Gottesdienst zu berichten.
e. Während des Gottesdienstes werden Fotos aufgenommen, die in Schule und Kirche ausgestellt werden.



Der Gottesdienstablauf


1. Orgelvorspiel


2. Begrüßung
Wir feiern heute Reformationstag.
Nicht nur mit Schulfrei, sondern auch mit einem Gottesdienst.
Denn das ist ein wichtiger Feiertag für die evangelischen Christinnen und Christen.
Denn da hat damals ein unbedeutender Mönch,
Martin Luther,
mutig seinen Mund aufgemacht.
Der hatte den Mut zu sagen, dass damals etwas falsch lief.
Viele in der Kirche haben damals Unfug gemacht.
Die haben nur noch Geld gesehen
und den lieben Gott dabei aus den Augen verloren.

Zum Glück können heute die Evangelischen mit den Katho-lischen wieder ganz viel gemeinsam machen,
so wie heute: zusammen Gottesdienst feiern.

Martin Luther hat damals einen Zettel mit 95 Sätzen an die Schlosstür in Wittenberg geheftet.
Der erste Satz hieß: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: ‚Kehrt um!‘ (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen eine Umkehr sei.“

Darum soll es heute in diesem Gottesdienst gehen:
um die Geschichte einer wunderbaren Umkehr.
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes,
des Vaters, der uns mit liebevollen Armen immer wieder empfängt,
des Sohnes, der bei uns ist, auch wenn wir allein sind,
und des Heiligen Geistes, der uns den Mut zur Umkehr gibt.


3. Lied I: „Kindermutmachlied“


4. Gebet:
Lieber Gott,
wir danken dir dafür,
dass du uns Mut machst, umzukehren.
Wir danken dir, dass wir uns darauf verlassen dürfen,
dass du uns wie eine liebende Mutter,
wie ein guter Vater mit offenen Armen empfängst,
auch wenn wir Mist gebaut haben.
Sei du nun in diesem Gottesdienst mit deinem heiligen Geist mitten unter uns.


5. Lied II: „Vorwärts schau“
Szenisches Spiel mit Liedern:
„Allein unter Schweinen“ – Der verlorene Sohn.
Kurze Anmoderation:
„Ob auf hell‘n, auf dunklen Straßen wird gewiss dich nicht verlassen“ – Das haben wir gerade gesungen.
Zu diesem Lied wollen wir nun ein Anspiel sehen, das die Klasse … für uns vorbereitet hat.
Ich stelle Euch kurz drei Leute vor:
a. Das ist Sarah: Die hat heute eine gar nicht leichte Rolle, die spielt nämlich den verlorenen Sohn;
b. und das ist Ann-Kathrin: Die hat auch eine schwierige Rolle; sie spielt den älteren Bruder, der neidisch ist; auch nicht ganz leicht;
c. und das hier ist Christian: der spielt den Vater, der zwischen den beiden steht.
Szenisches Spiel

Kurze Auslegung
Habt ihr schon einmal jemanden sagen hören:
„Der ist fast aus der Kurve geflogen“?
Oder:
„Der ist aus der Kurve geflogen“?

Den Vettel,
den Sebastian Vettel, den Rennfahrer,
den kennt ihr wahrscheinlich, oder?
Der fährt immer ganz schön schnell.
Der rast mit seinem Formel-Eins-Auto
volle Pulle in die Kurve.
Und wenn der nicht aufpasst, dann fliegt der da raus.
Das passiert den Rennfahrern manchmal:
Wenn die zu schnell in die Kurve fahren,
dann fliegen die da raus,
fliegen aus der Kurve.

So ähnlich geht es auch dem Sohn,
den ihr gerade gesehen habt;
den Sarah so toll gespielt hat.
Der ist nämlich ganz schön schnell.
Der hat es eilig.
Der kann einfach nicht warten.
Hey, Vater, gib mir das Geld, das ich später einmal erben soll.
Ich will etwas erleben.
Und dann geht es auch ganz schön schnell, wie er das Geld ausgibt.
Erst die schönen Kleider.
Dann beim Würfelspiel.
Dann gibt er seinen sogenannten Freunden viel zu trinken aus.
Alles schnell.
Aber genauso schnell fliegt der Sohn auch aus der Kurve.
Zack,
ein Fußtritt und er fliegt aus dem Wirtshaus,
alle machen sich über ihn lustig.
Niemand ist mehr sein Freund.
Das ging ganz schön schnell.

Tja, man kann sagen:
Er ist aus der Kurve geflogen.
Er ist nicht mehr im Rennen.
Nicht mehr da, wo es Spaß macht.
Ganz im Gegenteil.
Bei den Schweinen ist er,
und da muss er auch essen:
die Reste.
Schnief-schnief – Riecht er das, wie das da stinkt?
Allein unter Scheinen,
aus der Kurve geflogen.

Aber dann kriegt er zum Glück doch noch die Kurve:
Er erinnert sich an seinen lieben Vater.

Er kehrt also noch einmal um,
geht den Weg zurück, den er schon einmal gegangen ist.
Das muss nicht leicht gewesen sein.
Denn das war ganz schön peinlich.
Wie peinlich zuzugeben,
dass man einen großen Fehler gemacht hat.
Aber zum Glück hat er die Kurve noch bekommen,
kehrt zum Vater zurück und ...
… und bekommt zu allem Erstaunen auch noch einen Ring geschenkt.

Schaut mal:
so einen Ring!
Da sind zwei Kurven drin.
Einmal wie man vom gerade Weg abkommt,
aus der Kurve fällt (Pfeifenputzer biegen)
und wie man wieder umkehrt:
noch einmal die Kurve bekommt, umkehrt (Pfeifenputzer biegen).

Alle Kinder bekommen nun so ein Stück
(Pfeifenputzer zeigen)
und können zwei Kurven hineinbiegen:
vom Weg abkommen
und wieder umkehren:
Das ergibt dann einen Ring,
der einen an diese Umkehr erinnern soll.
Den könnt ihr euch dann an den Finger stecken.

Material wird verteilt;
(8 Kinder verteilen für ca. 200 Kinder)

Zeigt mal eure Ringe hoch!
Ihr erinnert euch:
Der verlorene Sohn hat so einen Ring von seinem lieben Vater bekommen,
zum Zeichen, wie lieb er ihn hat.
Zum Zeichen, dass man zu seinem Vater oder seiner Mutter immer zurückkommen darf.

So ist es auch mit Gott.
Auch wenn wir manchmal Unfug und Schabernack machen,
zu schnell sind,
aus der Kurve fliegen,
oder andere aus der Kurve schubsen,
Gott steht wie ein liebender Vater da,
mit offenen Armen empfängt er uns,
küsst uns und schenkt uns einen wertvollen Ring.
AMEN


6. Liedbeitrag: „Vergiss es nie“


7. Fürbitten
Guter Gott, in der Geschichte ist der jüngere Sohn einen weiten Weg gegangen. Auch wir gehen an jedem Tag viele Wege.

Guter Gott, wir bitten dich, behüte uns auf unseren Wegen.
Guter Gott, auf seinem Weg hat der Sohn vieles ausprobiert. Er hat viel Schönes erlebt, aber am Ende war er allein bei den Schweinen. Da wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. Es ging ihm schlecht. – Manchmal geht es uns auch nicht gut.

Guter Gott, wir bitten dich, sei bei uns, wenn es uns nicht so gut geht.

Guter Gott, auf die Freunde konnte sich der Sohn nicht verlassen. Als es ihm schlecht ging, war niemand für ihn da.

Guter Gott, wir bitten dich, schenke uns Freunde, die für uns da sind, wenn wir sie brauchen.

Guter Gott, der Sohn hat das ganze Geld viel zu schnell ausgegeben. Er hat am Ende gemerkt, dass er nicht alles richtig gemacht hat.

Guter Gott, manchmal tun wir auch etwas, das nicht gut für uns oder andere ist. Wir bitten dich, lass uns merken, wenn wir einen Fehler machen.

Guter Gott, der Sohn dreht sich am Ende um und geht zu seinem Vater zurück. Der Vater läuft ihm schon von Weitem entgegen und nimmt ihn in die Arme. Es ist schön, wenn jemand mit offenen Armen da ist.

Guter Gott, wir bitten dich, schenke uns Menschen, die uns mit offenen Armen aufnehmen.


8. Vater unser


9. Lied: „Behüte uns, Gott“


10. Segen


11. Kleine Ansage:
Kollekte am Ausgang: für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Kirche


12. Orgelnachspiel


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Lieder

„Wenn einer sagt“ und „Das wünsch ich sehr“
Zu finden in: Das Liederheft Kirche mit Kindern; Michaeliskloster Hildesheim (Hg), 2009


„Behüte uns Gott“
Unter „Bewahre uns, Gott“; Melodie zu finden in: Evangelisches Gesangbuch, Hannover 1994. Text-Veränderung und Bewegungen (s. Klammern): Beate Peters

Behüte uns, Gott,
(mit beiden Händen ein Dach über dem Kopf formen)
bewahre uns, Gott,
(die Hände über der Brust überkreuzen)
sei mit uns auf unseren Wegen.
(die Hände nach vorn hin parallel ausstrecken)
Wenn Schritte wir gehn,
(Schritte machen)
lass uns auch verstehn,
(mit Finger an die Stirn tippen)
dass du bist da mit deinem Segen
(mit beiden Händen einen großen Kreis, beginnend über dem Kopf, zeigen)


Vorwärts schau
Von Wolfgang Longardt

Vorwärts schau und vertrau,
vorwärts seh, weiter geh!
Ob auf hell’n, auf dunklen Straßen
wird gewiss dich nicht verlassen,
dass Gott Mut und Kraft dir gibt,
weil er seine Menschen liebt,
dass Gott Mut und Kraft dir gibt,
weil er seine Menschen liebt.



Anmerkungen

  1. Lutherischer Weltbund/Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen: Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, Frankfurt am Main/Paderborn 1999.
  2. Luther, Martin: Die 95 Thesen, 1517, in: Werke. Kritische Gesamtausgabe, Weimar 1883 ff., S. 233.
  3. Vgl. Zimmermann, Ruben: Kompendium der Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2007, S. 618ff.